Ausgabe 
30.12.1933 Erstes Blatt
 
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Samstag, 5 0. Dezember 1935

183. Jahrgang

Nr. 305 Erstes Blatt

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General-Anzeiger für Oberhessen

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DasIahr deutscher (Schicksalswende.

1933.

Don Ernst Graf zu Reventlow, Mdl^.

Eine auch nur einigermaßen gründliche Erörte­rung der Geschehnisse des Jahres 1933 würde ein Buch beanspruchen, denn der Inhalt dieses Jahres für die Deutschen ist von einer kaum je dagcwesenen Größe. Außerdem sind die Ereignisse, die großen wie die kleineren, einander so schnell gefolgt und wirken sich so unaufhörlich aus, daß nur sehr wenige von allen denen, die in ihrem Beruf oder sonstiger Tätigkeit aufgehen, vermögen, sich Rechenschaft über alle die grundstürzenden und grundlegenden Er­eignisse des Jahres 1933 zu geben. Wäre jeder Abschnitt der deutschen Revolution mit Blutver­gießen eingeleitet worden, wie es sich der richtige Revoluzzer nicht anders vorstellen kann, aber in diesem herkömmlichen Sinne ist ja die Deutsche Re­volution nicht eingeleitet worden, also auch keine ordentliche" Revolution. Um so tiefer greifend ist die tatsächliche Umwälzung.

Adolf Hitler gelangte am 30. Januar auf ver­fassungsmäßigem Wege zum Kanzlerposten, verfas­sungsmäßig auf dem Wege neuer Wahlen erwei­terte er am 12. März derart seine Grundlage, daß er, ebenfalls verfassungsmäßig, die nötige Ellen­bogenfreiheit besaß, um an die Grundlegung und den Aufbau des nationalsozialistischen Staates zu gehen.

Ein politisch, wirtschaftlich und sozial jammervolleres Erbe ist von einem Staatsleiter wohl selten über­nommen und angetreten worden. Riesige, immer weiter wachsende Erwerbslosigkeit, schlechteste wirt­schaftliche Lage, auch nach außen, alles mit ent­sprechender Auswirkung auf die finanzielle Lage, deklarierter Bankerott des parlamenta­risch e n S y st e m s , in das politische Leben über­setzt durch die sogenanntenautoritären" Kabinette, dadurch autoritär, daß sie im Volke nichts oder so gut wie nichts hinter sich hatten. In einem gewis­sen Lähmungszustande sahen die Regierungen und ein Teil der anderen Parteien her unvermeidlich erscheinenden großen Wirtschaftskatastrophe ent­gegen, hinter der noch drohender die Kata­strophe allgemeiner Zersetzung, blutt- gen Bürgerkrieges stand und auch derMam- ttnie", wie die ultramontanen . Parteien in immer lauterer Wiederholung ankündigten. Und über allen diesen Zuständen und schlimmen Aussichten lag die Stimmung der Hoffnungslosig­keit: es hilft ja doch alles nichts!

Sofort nach seinem Regierungsantritt faßte Adolf Hitler die unmittelbar drohende große Gefahr an, die Gefahr des Marxismus und ver­kündete als sein Ziel dessen Ausrottung; eine ge­waltige Aufgabe, über die der Führer sich, wie seine Ausführungen zeigten, von Anfang an keiner­lei Täuschung hingegeben hat, zehn Jahre setzte er als Termin an, auf weite Sicht arbeitend wie immer.

Mit der Beseitigung der Kommunistischen Parte, begann es, die Sozialdemokratische folgte, die demokratische Asphaltpresse verschwand, und heute, schon seit Monaten, können wir sagen: es gibt in Deutschland kein Blatt, welches in der Lage wäre, auf Umsturz und Zersetzung zu arbeiten. Diese Tat­sache allein ist von geradezu unermeßlicher Be­deutung für die deutsche Gegenwart und Zukunft, fein Land der Welt kann sich der gleichen Säube­rung und Sauberkeit rühmen.

Wir möchten wohl wissen, ob dies in irgend einem Lande der Welt ohne blutige Auseinander­setzungen möglich gewesen wäre. Es ist ja über­haupt das Wesen dieser Deutschen Revolution, daß sie die tiefftgreifenben Umwälzungen vollzieht, ruhig und zielbewußt und ohne daß das alte Gebäude krachend gesprengt worden wäre.

Eine einfache großzügige Maßnahme machte der ebenfalls großen Gefahr des von denInternatio­nalen" geförderten deutschen Partikularismus ein' ür alle Male ein Ende: das Statthalter- Gesetz. Ohne weiteres Aufsehen veröffentlicht und lurchgeführt, verdient seine Tragweite ganz be- onders hervorgehoben zu werden. Gewiß, das Statthaltergesetz wird kaum das letzte Wort der inneren Neuordnung des Deutschen Reiches fein, aber es gewährleistete mit einem Schlage d i e Unzerstörbarkeit ber Reichseinheit und ihre lebenbige Verkörperung in ber Person des Reichskanzlersnb Führers, bei reibungsloser Durchführung auf einem nur organisch zu nennen­den Wege.

Mit aller Kraft und allen denkbaren Mitteln, einer nie bagewesenen Initiative unb größtem Er­folge ging Adolf Hitler ber Erwerbslosigkeit zu Leibe unb zugleich nahm er bie Ausgabe in bie Hanb, ben deutschen Arbeiter nicht allein in ben Staat sonbern auch in bas innere Volksleben ein5 zugliebern. Der 1. Mai würbe in granbiofem Auf­takt als ber Tag ber nationalen Arbeit zum Jah­resfest des gesamten deutschen Arbeitertums mit ber Parole:Ehret bie Arbeit unb achtet den Abeiter." Ein früher immer vergebens erwartetes Wort sprach Adolf Hitler aus, als er sagte: Endlich müsse her Dünkel ber Gebilbeten gegenüber bem Arbeiter auf­hören unb bie Ueberhebung, bie körperliche Arbeit als etwas Minderwertiges anzusehen: es komme nicht darauf an, was man arbeite, sondern wie man arbeite.

Dem 1. Mai folgte die Uebernahme der Gewerk­schaft und ähnlicher Organisationen durch Partei und Staat, die Organisation derDeutschen Ar­tz e t t s s r v n t" begann, ein kühner Schritt auf un-

Aeujahrswünsche für das deutsche Volk.

Reichsnährstand an der Jahreswende.

Reichsbauernführer Darrs an die deutsche Landwirtschaft.

Berlin, 30. Dez. (VDZ.) Der Reichsbauern, führer unb Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft D a r r ö weist in derRS.-Land- post" darauf hin, daß es fast traumhaft anmutc, was das verflossene Jahr dem deutschen Bauern­tum gebracht habe. Wenn ber Anfang des Jahres noch voller Verbitterung und Verzweiflung für ein deutsches Bauernherz war, so bedeute sein Ende hoffnungsreichen Aufblick in eine bef­ere deutsche Zukunft, in der das deutsche Bauerntum wieder ben ihm gebührenbeu Ehren- platz einnehmen wird. Wir wollen, so schreibt Mini- ter Darrs, am Ende dieses Jahres nicht vergessen, was wir alles Adolf Hitler verdanken, wie wir auch in Zukunft niemals vergessen werden, baß er es gewesen ist, ber das beutsche Bauern­tum vor ber brohenben Verelenbung gerettet hat. Wir wollen uns heute nicht Rechenschaft über bie bisherigen grunblegenben Gesetze nationalsoziali­stischer Bauempolittk ablegen. In bas neue Jahr gehen wir in bem zuversichtlichen Glau­ben an unsere gerechte Sache unb an unseren Sieg, ber uns so gewiß ist, wie bas Licht über bie Finsternis siegen muß unb bas Leben über ben Tob.

An die deutschen Arbeiter.

Berlin, 30. Dez. (TU.) Staatsrat Walter Schuhmann, ber Leiter ber NSBO. unb bes Gefamtverbanbes ber beutschen Arbeiter, erläßt laut NSK." folgenben Aufruf zum Jahreswechsel:

Deutschland, das Land des Nationalsozialismus, ist das Land des Friedens geworden. Bol­schewismus, Marxismus und Liberalismus, bie bas beutsche Volk in unzählige Parteien unb Interessen­gruppen zerklüfteten, sinb überrounben. Das, was Stänbe unb Schichten früher ooneinanber trennte, ist ausgefchaltet. Das Gemeinsame, bas alle aneinander bindet, der Gemeinnutz, ber Wille, für das Gesamtwohl au wirken, bas Prinzip des sozialen Rechts und sozialen Ausgleichs sind die Grundsätze des nationalsozialistischen Zusammen­schlusses und der friedlichen, zähen Aufbauarbeit, die das neue Deutschland kennnzeichnet. Mit bem Rechte dessen, der im eigenen Hause Frieden schuf, fordert das deutsche Volk Frieden auch in der Welt. Wie das nationalsozialistische Deutsch­land die Existenz- und Gleichberechtigung der an­deren Nationen anerkennt, fordert es Gleich­berechtigung auch für s i ch. Die Staats­männer der anderen Länder, die für den Frieden wirken wollen, mögen diese Grundsätze 3um Leit­motiv ihres Handelns machen, wenn sie Erfolge erzielen wollen. Das ist mein Neujahrs- wunfch, der Wunsch aller deutschen National­sozialisten, der Wille der deutschen Ar­beiter unb bes gesamten beutschen Volkes unter seinem Führer Adolf Hitler."

RöhmsAeujahrsbesehlandieSA.

Die SA auch im Jahre 1934 der Sendbote unseres Glaubens an Deutschland.

7N ü n d) e n, 30. Dez. (TU.) Die Oberste SA.-Füh- rung gibt folgenden Reujahrsbefehl bekannt:

Die SA. hat ein stolzes, schickfalsrei- ch e s Jahr hinter f i ch. An ber wenbe der Jahre 1932 unb 1933 noch verfemt unb verfolgt, find am 30. Januar die Berliner Stürme durchs Bran­denburger Tor in bie Reichshauptstadt eingezogen. In den ersten sechs Blonaten des Jahres haben in allen Marken des Reiches die Stürme der SA. das siegreiche Banner der deutschen Revolution gehißt.

viele neue Kampfgenossen find in die­sem Jahre zu uns gestoßen, teilweise aus Lagern, in denen früher nicht unsere Freunde standen. Wir haben sie mit Offenheit unb Aufrichtigkeit in unsere Reihen ausgenommen. Wir sehen nicht zu­rück, sondern nur vorwärts, wir fordern von unseren jungen Kampfgenossen nur, daß sie m i t gleichem Glauben, mit gleicher Hin­gabe und mit gleicher Treue für Führer und Bewegung, und damit für Volk und Vaterland sich bis zum Letzten einsehen.

In einer überwältigenden Heerschau hat am 3. Sep­tember 1933 in Nürnberg die SA. ihre Geschlossen­heit und Disziplin unter Beweis gestellt. Das Jahr 1933 wird für alle Zeiten das Jahr des Sieges bleiben. Die Parole für das Jahr 1934 heißt wieder Kampf. Es gilt den Sieg zu erhalten, das Er­reichte zu festigen und zu verankern. Die SA. wird fein der Garant des Sieges der Revolu­tion und der Sendbote unseres Glau­bens an Deutschland, bis auch der letzte Volksgenosse mit uns freudig einstimmt in den Ruf der SA., den die gesamte SA. dem Führer ent­gegenjubelt: Es lebe der Führer! Es lebe Deutschland!

Der Ches des Stabes: Gez.: Röhm.

An die hessische GA.

Ncujahrsbefehl des Gruppenführers.

Wit Stoll blicken wir auf den Kampfabschnitt des Jahres 1933 zurück, wir haben alle restlos unsere Pflicht getan. Hand in Hand marschieren wir den neuen Ausgaben des kommenden Jahres entgegen. Das unauslöschliche, grenzenlose vertrauen zum Führer, unsere Kameradschaft und unser national­sozialistischer SA.-Geist, die uns von Sieg zu Sieg geführt haben, werden auch in Zukunft unsere Richt­linien fein. Wöge das Jahr 1934 unserem deutschen Volke und seinem Führer Adolf Hitler Glück und eine gesunde Weiterentwicklung bringen.

Der Führer der Gruppe Hessen. Gez.: Becker le, Gruppenführer.

betretenes Gebiet, mit dem Ziel ber vollstanbigen Ausschaltung bes Klassentums, bem Ziel auch ber organischen Auffassung unb Glieberung ber arbei- tenben Volksgenossen jeglicher Art. Ziel: sozialer Friebe, volkgenössisches Gefühl ber Zusarnrnenge- Hörigkeit, persönliche unb soziale Hebung ber bisher Unterbrückten; Gesichtspunkt für alle: engste Ver­bundenheit bes Einzelnen mit bem Wohl bes Ganzen.

Mögen auch hier noch Formen wechseln, so bleibt das Ziel: Befreiung ber Arbeit unb bes Arbeiters aus bem Jnteresientum unb aus ber Herrschaft bes Gelbes. An biefes ungeheure Werk schließen sich an bie geplanten unb schon in Angriff genommenen Maßnahmen für bie Ausfüllung ber Freizeit bes Arbeitertums unb in ber Folge ber gewaltige Plan einer Altersfürsorgeversicherung für alle arbeitenben Volksgenossen; bas Gesetz hierzu würbe vor weni­gen Wochen erlassen.

In feiner März-Rebe erklärte Adolf Hitler bie unbedingte Notwendigkeit, den deutschen Bauern zu retten und ein für alle Mal wieder fest mit seiner Scholle zu verwurzeln. Durch tief einschneidende aber immer organische wirtschafts- politische ÜNaßnahmen unb burch das Erbhofgesetz ist die Regierung Hitler diesen Weg gegangen, in ber ausgesprochenen Erkenntnis, baß in einer Wirt­schaft beinah alles ersetzt werben kann, nicht ober ber Sauer, währenb Liberalismus und Marxismus den Bauern als ein reaktionäres Ueberbleibfcl be­trachteten, das sobald wie möglich verschwinden müsse.

Dem Parlamentarismus und damit auch ben Parlamenten haben die vergangenen Monate ein Ende gemacht. Die Landtage werden nicht mehr zusammenberufen, nur der Reichstag besteht noch, in ihm wird aber nicht mehrparlamentiert'\ Die Parteien sind verschwunden, nur die NSDA p. bleibt unb ist zugleich ber Staat. Die Parlaments­krankheit wird nicht wiederkommen, der Führer- g e b a n k e beherrscht unb burchdringt unb gliedert das neue Deutschland. Eines ber größten Hinber- nisse zur Volkwerdung der Deutjchen »ft mit dem

Parlamentarismus aus dem Wege geräumt worden.

Vorn Ausland wurde das Kabinett Hitler viel­fach mit dem Ruf begrüßt: Hitler, das ist der Krieg! In einer ganzen Reihe feiner Reden hat Adolf Hitler mit einer nicht zu überbietenden Eindringlichkeit er­klärt: Umgekehrt! Der Nationalsozialis­mus ist der Friede, und die Wahlen vom 12. November haben ergeben, daß das ganze deutsche Volk hinter seiner Friedenspolitik fleht. Auch in jedem ihrer Einzelakie ist Adolf Hitlers Außenpolitik unausgesetzt auf den Frieden gerichtet gewesen. Die eklatantesten Beweise sind wohl die neuen Beziehun­gen mit Polen und Hitlers Angebot an Frank­reich, um bie sich bie internationale Polittk ber kominenben Monate drehen wirb. Der schon in Adolf Hitlers Mai-Rede angekündigte Austritt Deutschlands aus bem Versailler Völkerbunb war der bahnbrechende Schritt für die Möglichkeit freier diploina- tischerUnterhandlungenund Gespräche. So befindet sich am Ende des Jahres 1933 die Behand­lung der außenpolitischen Probleme im Fluß. Die Lage Deutschlands ist unb bleibt schwierig, sie kann burch andere Mächte zur Gefährlichkeit gesteigert werden, aber zum erstenmal seit langer Zeit ist es mit Schwanken und Planlosigkeit in Deutschland zu Ende, der deutsche Staat Adolf Hitlers w e i ß w a s er tn i 11. .

Gin entscheidendes Jahr war 1933, eines der großen geschichtlichen Jahre. Erfüllung hat es nur der Anstrengung und dem Sehnen gebracht: endlich den Nationalsozialismus zum Siege zu bringen und seinen Führer an die ihm gebührende öteUc zu fetzen, weitere Erfüllung war bei dieser furchtbaren Erbschaft nicht möglich, aber, wie dieser sehr summa­rische Ueberblick zeigt, ist man mit gewaltiger Tat­kraft, mit einer Unstimme guten Willens überall dabei, die Grundlagen für die deutsche Zukunft zu legen. Jede einzelne der genannten Maßnahmen geht auf lange Sicht, ist grundsätzlich unb praktisch sorgfältig durchdacht, für alle Deut- fchen gilt nur: tätige Mitarbeit!

Am Tor des neuen Zahres.

Von JRuM Paulsen.

Das Jahr geht um, ber gaben rollt sich sausend ab. Ein Stündchen noch, das letzte heut. Und stäubend riefelt in sein Grab, Was einstens war lebendige Zeit.

Mit diesen Worten ber Annette von Droste ist ber Melancholie bes Zeitvergehens, bes Jahresenbes schmerzlicher Ausdruck gegeben. Und wohl ist es fo, daß wir alle gegen diese Tage hin der Vergäng­lichkeit des irdischen Dinges besonders tief ge­denken. Aber in Wahrheit geschieht all unsere Er­dentage entlang nichts anderes als dieses Hinab­rieseln ber Zeit unb dessen, was sich in ihr begibt. Wenigstens sieht es fo aus, wenn wir nur nach der einen Seite blicken. Da geschieht immer nur, und geschieht und geschieht und dann ist es vorbei. Hinabgetaucht ins unendliche Meer und vergessen.

Was heißt da altes und neues Jahr!? Der Stru­del der Zeitlichkeit schlägt über unserem Kalender und unserer tickenden Uhr zusammen. Was sind diese winzigen Maßstäbe als kümmerliche Not- Schwimmgürtel im Ozean der Zeit! Bescheidene Orientierungsmarken! Und mancher hat schon Aer- gernis an seiner Uhr genommen und wollte ihr die stählernen Zähne ausreißen, mit denen sie bie Stunden zerbeißt.

Vergebliches Wüten! Der unaufhaltsame Fluß gleitet weiter, auch wenn alle Uhren stille stünden.

Was bleibt uns da als in der Abfolge des Ge­schehens einen Sinn zu suchen, der darüber hinaus ist? Den Sinn, der nicht von ber Vergänglichkeit unb bem rafenben Gange bes Sekunbenzeigers be­rührt wird? Aber freilich, dieser Sinn liegt nicht hier, nicht in der Spanne, die wir selbst erleben, dieser Sinn liegt jenseits davon, liegt im Ganzen, im Großen, im Ueberindividuellen. Wir können ihn nur mit unserer innersten Innerlichkeit erfassen, mit unserem Glauben, eben deshalb, weil er über unsere Zeit hinausgreift.

Muß etwa darum der Einschnitt der Jahreswende ungefeiert vorübergehen? Mitnichten! Aber fein starkes Licht kann er nur aus dem Glauben an ben Sinn empfangen. Dann gerabe beleuchtet unsere Seele bas ablaufenbe Jahr mit Dankbarkeit unb bas kommenbe mit Hoffnung, unb die kleinen irdischen Dinge verlieren ihre Unscheinbarkeit. Sie glänzen wunderbar auf unter dem Gefühl ber Ewigkeit.

Matthias Claubius, zwar ein unmoberner Mann, aber ein sehr feiner Dichter von bauernber Gültig­keit, kam wunderbar in das neue Jahr, wie er selbst erzählt:Neujahrsmorgen auf dem Stein am Wege denk ich dran, daß ich in dem vergangenen Jahr die Sonne so oft hab aufgehn sehn, und den Mond, daß ich fo viele Blumen und Regenbogen gesehen, unb so oft aus der Luft Odem geschöpft und aus dem Bach getrunken habe."

Das ist Dankbarkeit aus schlichtem Gemute. Allerdings ist es für den Stadtmenfchen etwas schwer, diese einfachen Genüsse auch nur zu erleben. Aber wer ein bißchen aufmerkt, der kann sich doch diese scheinbar alltäglichen Dinge als immer neue Wunder verschaffen. Und dann ist er schon ein wenig enger in ben großen göttlichen Zusammenhang auf­genommen. Wir grüßen darum alle lieben Wande­rer, die draußen unter dem Sternenhimmel das suchen, was außerhalb unserer Menschenzeit liegt.

Doch was helfen alle Bemühungen solcher Art, wird mancher einwenden, wir können zwar das unerbittliche Gesetz ahnen, aber dunkel ist vor uns die Zukunft ausgebreitet. Wir wissen nichts, als daß nach einem Jahr wieder dieselbe Wende ist .mb zum dritten Mal nach aber einem Jahr und so fortan. Aber, was jedes Jahr denen, die es erleben, an Einzelfchickfalen, an Raub und Gabe bringt, das bleibt verhüllt.

Das ist zweifellos wahr; aber wer will denn auch ernstlich den Schleier heben und vorzeitig in den Strom reißen, was noch in Ruhe ist? Wir kommen ja ohnehin, fo ober fo, an unsere Schicksalsaugen- blicfc heran, gewissermaßen blinb. Wir können ober auch umgekehrt sagen: sichtlos unb nebelhaft kommt die Zukunft auf uns zu, aber in jedem Augenblick der Begegnung erzeugt das Aufeinanderprolien Licht. Freilich nicht so, daß wir jemals wüßte-,, was im nächsten Moment geschieht, aber bie Magie unseres Schreitens unb des Schicksalsschrittes bringt eine Gegenwart hervor, bie wir mit zu gestalten berufen sinb. Der vom Glauben gespeiste Wille er­wacht bann und läßt uns die Aufgaben anpacken, die unser Gewissen uns zuraunt. Es wäre töricht, zu verlangen, daß uns etwa vorhergesagt wird, wann uns ein gefährlicher Ziegelstein auf das Haupt fällt, oder ob wir das große Los gewinnen.

Vor dem Tor des neuen Jahres gebühren uns Glaube, Liebe, Hoffnung. Auch bie Phi­losophie, wenigstens bie Spstempyilosophie versagt hier. Earttste, ein scharf bentenber Mann, aber burch rounberbares Erleben zum Glauben erweckt, gewann aus bem Glauben einen erstaunlichen Tat willen, während er bie Philosophie als vergeblich ablehnte. Er erzählt von seiner Bekehrung, wie er sich aus Angst unb Unruhe aufrafft:Das ewige Nein hatte gesagt: .Siehe, du bist vaterlos, aus- gestoßen, und bas Weltall ist mein (bes Teufels)', worauf mein ganzes Ich antwortete:Ich bin nicht dein, sondern frei und hasse dich auf ewig!"

Solch starkes Ja, das trotzig festgehalten wird, was auch die Zukunft bringe bas wär's, was uns bas neue Jahr bringen sollte. Was ist denn solches energisches Wollen des Guten anderes als