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30.3.1933 Erstes Blatt
 
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Donnerstag, 3". März 1953

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Ur. 76 Zweites Blatt

Ausnahmerecht in Rußland.

Segen »Sabotage" und JiationalseparatismuS im Sowjetreich.

Don unserem ^.-Berichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, März 1933.

Die sachlicheren, will sagen, die weniger blut­rünstigen Parteigröhen der Sowjetunion, ziehen einen Vergleich zwischen russischen und deutschen Devolutionen zuungun- ft en Rußlands. Konnte man schon über den deut- schen Rovember-Amsturz von 1918 wegen der kleinen Dlutströme nicht genug staunen, so jetzt erst recht. Totaler Sieg über die deutsche Welt­revolution, die jetzt hätte beginnen können, und doch kaum ein halbes Dutzend FeindeSopser! Dagegen Rußlands Soeben erst wieder 35 Hin­richtungen. Lind wieviel Zehntausende hat man 1917/18 an die Wand gestellt, und wieviel Taw- sende kamen bann noch bis heute hinzu! Freilich ist Rußland unendlich viel größer als Deutsch­land. Aber bei seinen 180 und bei Deutschlands 65 Millionen Einwohnern hätte Rußland sich da nicht auf höchstens anderthalb oder zwei Dutzend gehenkter .innerer Feinde" beschränken müssen? Wenn die Dolkscharaktere sich ähnlich wären? Oder sind die deutschen Revolutionäre jeder Farbe humaner, weniger gewalttätig? Of­fenbar ja. Denn warum hätten sonst die deutschen Kommunisten so eingehend von Moskau instruiert werden müssen über die .Taktik der Weltrevo­lution", d. h. über Strahenkämpse, Geiseln, Mas- senvergistungen, Erdolchungen, Dumdummorde?!

Und was Hot der Sowjetstaat in 15 Jahren konse­quenter marxistischer Revolution erreicht: 21 u s - nahmerecht über Rußland. Der GPO sind ihre an sich schon unbegrenzten Vollmachten jetzt noch mehr erweitert worden:Unbeschränktes Recht". Ursache? Jene letzten 35 Hingerichtete haben d i e Ernährungsgrundlage des Staates auf ihren verantwortlichen Posten durch Erntebehinde- runa und Ernte^erstörung, durch Unbrauchbar­machung von landwirtschaftlichen Maschinen u n > terminiert, lautet die UrtcUsbegründung. Al- so ein nurtechnisches" Verbrechen? Aehniich wie bet der Massenverhaflung von (Eleftroingenieuren in allen Teilen der Union, allein von 36 in Lenin­grad, von Ingenieuren russischer und englischer Staatsangehörigkeit? Keineswegs.

Mit der Verhaftung englischer Dickersleute fängt die GPU. zwei Hasen auf einmal. Erstens soll der Sowjetaußenpolitik eine Chance gegen Londons Grundsätzlichkeit in den Handelsvertrags­oerhandlungen geliefert werden. London macht alle weiteren Verhandlungen von der Berei­nigung der Sowjetschulden an die vor Jahren auf­gelöste und vertriebene Lena Goldfields in Höhe von 13 Millionen Psd. Sterling abhängig. Die Russen wollen nur eine Million Schadenersatz ge­ben. Um auf London mit Gewalt einzuwirken, sucht man Gründe zur Vertreibung auch der Vickerswerte aus Rußland. Ein äußerst ernster Zwischenfall. Die diplomatischen Beziehungen sind derart in Gefahr, daß Litwinow mit der GPU. uneinig geworden ist. Der Außenhandel lebt an zweiter Stelle von Eng­land!

Die eigenen Jnaenieurc aber wird die GPU. nicht aus der Hand gehen. Und das ist der zweite Hase. Die Ingenieure sollen elektrische Kabelleitungen zwi­schen Kraftwerken und Maschinenfabriken kaltgelegt haben. Frontangrifs gegen die In du­ft rialisierung! In Gemeinschaft mit jenen 35 Gehenkten aus der Landwirtschaft. Also Doppel­

angriff auf die beiden Schlagadern des Shreml? Aber war denn das nicht immer fo?

Immer war es so.Tierischer Widerstand", *o nennt heute aber die Kreml presse die Auflehnung des Volkes. Jedoch eines Volkes, mit dem ein gro­ßer Teil der Parteimitglieder, der Iungkommuni- ften, der Armee, der Regierungsbeamten solidarisch ist- Und das so unorganisierte, in seinem Widerstand zersplitterte Bolf hat auf einmal neue Bundesgenos­sen. Auf einmal? Durchaus nicht. Der Widerstand ist nur geschlossener geworden, einheitlicher, aufrech­ter.3br habt die Macht!", rief auf dem letzten Bauernkongreß Stalin den Bauern zu. Und sie lachten! Sie lachten, weil es ihnen gelungen war, ihm dieses Wort abzupressen. Von 21ussaat und Ernte dieses Jahres hängt es ab, ob der Kreml sich vor der Sintflut der Ernte - und Industrie- f a b o t a g e retten kann, die durch das Land wogt und das ganze Gefüge des Staatsbolschewismus durchspüll und durchwühlt. Politische Militärs lei­ten in der Ukraine und im Rordkaukasus die Land­wirtschaft 1933. Es ist so weit gewesen, daß Sowjet­gerichte vom Sowjetstaat Schadenersatz an enteig­nete Kulaken forderten! Aufrollung des Widerstan­des von Bauernrechts wegen! Die Staatsjustiz gegen Parteipolitik? Und darum erhielt die GPU das Ausnahmerecht über die Sowjetunion.

Und noch aus einem anderen Grunde steht sie heute Schulter an Schulter mit den verläßlichsten Armeeteilen gegen die Sabotage in der Volks- und eigenen Parteimitte. Richt nur die Interessenschere der Industrialisierung und der Landwirtschaft wei­tete sich bis zur Zerreißung. Auch zwischen dem amtlich so geheißenengroßrussischen und lokalen Cha-vinismus" klafft ein immer dunk- ler werdender Abgrund auf Die Ukraine ver­weigert dem von Moskau dirigierten Donezker Kohlenbecken die Nahrungsmittel. In T u r f e ft a n mir*- die Baumwollpflanzung für Moskau zugun­sten der eigenen Weizenernte gehemmt und dort verwehrt man auch den Russen auf den Schulen Stipendien. In Weißrußland werden Groß, ruffen wegen öffentlicher russischer Unterhaltung aus den Aemtern gejagt. Dagegen in Großruß - land s e l b st werden Turkmenen aus den Fabri­ken verdrängt: Brotneid und Nationalitätenhaß. Und ganz allgemein widerstrebt der Nationaisepe- ratisrnus in den südlichen und südöstlichen Agrar- ländern der großrussisch-imperialistischen Industri­alisierung, Zentralisierung und Internationalisie­rung. Das nationalseparatistische Bau­erntum fehl sich auf gegen die Zuwanderung großrussischer Proletarier und gegen seine eigene Proletarisierung im Dienste Moskaus und feines Zentralegoismus

Ser großrussische Chauvinismus", erklärt die Prawda" just jetzt, wo 35 Saboteure der Landwirt­schaft hingerichtet wurden und ein halbes Hun­dert Industrie-Ingenieure verhaftet ist, ..umgeht die nationalen Sprachverschiedenheiten, mißachtet die Kulturunterschiede, die nichtrussische Lebens­art. will die nationalen Republiken und auto­nomen Gebiete der Sowjetunion auflösen. Gerade das Letztere erstrebt gegenwärtig der großrussische Chauvinismus in unserer Partei (!!)". Dagegen derlokale Chauvinismus", meldet diePrawda", will sich in seine eigene Schale zurückziehen, ver­schleiert die sozialen Klassengegensätze innerhalb seines Volkes, weicht dem Strom der allgemein­proletarischen Unionspolitik aus, verwehrt sich der

Oie stummen Gäste von Zweilinden

Roman von Anny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold,

4 Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Bettina stieg in das Auto, ihre Augen brannten von den vielen Tränen, und das Herz lag ihr so schwer in der Brust, so schwer von dem Schmerz um den Vater.

Kaum war man zu Hanse an gelangt, ließ sich Justizrat Eisen melden. Er war immer der Rechts- beiftanb und Berater des Verstorbenen gewesen.

Dieter von Wellen, ein sehr eleganter Herr Mitte der Fünfziger, mit schlauen 21ugen, seine etwas derbknochige Frau und Bettina hatten sich in das Arbeitszimmer des Verstorbenen begeben: man ernp- fina nun dort den Justizrat, der auch an der Be­erdigung teilgenommen hatte. Er grüßte die drei erst durch eine Verneigung und reichte bann Bettina teilnehmend die Hand.

,Hch komme gewissermaßen privat, Fräulein Claudius, eigentlich ist es Sache des Amtsgerichts, Sie über den rechtlichen Stand der Erbfolge zu ^unterrichten, und es dürfte das auch in allernächster Zeit geschehen. 2£ber als Freund des Toten, der Sie wie eine Tochter geliebt hat, fühle ich mich verpflich­tet, Sie über einiges Wichtige aufzuklären."

Bettina bot ihm Platz an, erwiderte matt:Alles, was mit der Erbschaft zusammenhängt, interessiert mich gar nicht. Es ist mir gleichgültig, wie sich das alles verhält. Ich bin noch Diel zu durcheinander, um schon jetzt an dergleichen zu denken."

Justine von Wellen neigte den sehr glatt gescheite!- ten Kops.

Ich verstehe unsere Betttna nur zu gut. Sie hat eben ihren Pflegevater sehr liebgehabt, und es ist schmerzlich für sie, sich mit dem Nüchternen zu be­fassen, das so ein Todesfall im Gefolge hat." Sie strich sanft über die eine Hand Bettinas.Du solltest aber doch zuhören, mein Kind, was dir der Herr Justizrat glaubt mitteilen zu müßen, es ist sehr freundlich von ihm, daß er sich, wie er äußerte, privat bemüht."

Bettina sah den Justtzrat mit großen, verweinten Augen an.

Ich will zuhören, Herr Justizrat", sagte sie leise, sprechen Sie nur."

Das Ehepaar wechselte einen verständnisvollen Blick. Ts schien ihnen beiden auch wichtig, zu hören, was der Justizrat Bettina mltteüen würde.

Justizrat Karl Eisen war klein und ein wenig dick, seine hellbraunen 2tugen funkelten immer sehr lebhaft hinter dem goldumrandeten Kneifer. Er holle K.ef Atem. Es schien ihm keine leidste Aufgabe, die er hier erfüllen wollte, nein, erfüllen mußte. Er hiell sich für verpflichtet dazu.

Er begann:Sie wurden von Herrn von Zwei- linden wie eine leibliche Tochter gehalten, Fräulein Claudius, und ich weiß genau, (sie waren seinem Herzen teuer. Um so mehr, da er keine Kinder be­saß, denn sein Sohn lies im Jähzorn und Trotz eines Tages fort und blieb weg. Der Grund dazu war nicht besonders wichtig, wie mir alle wissen, und es paßt wohl in diesem Falle das Sprichwort: Kleine Ursachen, große Wirkungen!" Doch zur Sache. Es ist mir sehr, sehr unangenehm, was ich Ihnen jetzt erklären muß, Fräulein Claudius, aber, wie gesagt, ich hatte es für meine Pflicht. Ungefähr vierzehn Tage vor feinem jähen Tod mar Ihr Pflegevater bei mir, und seltsamerweise sprach er, was er eigentlich nie tat, von seinem Sohn. Er meinte, er märe damals wohl au hart zu ihm gewesen, und meinte auch, in nächster Zeit möchte er fein Testament machen. Er würde es sich einmal gründlich überlegen, wie er sein Hab und Gut zwischen seinem «ohn und Ihnen teilen sollte. Auch möchte er nach Ottfried suchen lassen. Wenn man ihn nicht fände, deutete er an, bekämen Sie alles. Aber, Fräulein Claudius, das ist nicht die Haupt­sache, das Wesentliche ist, Ihr Pflegevater wollte ein Testament machen, doch er tat es nicht, und da Sie in keiner Weise irgendwie in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihm standen, werden jetzt, der Erb­schaft wegen, vor allem Aufrufe nach Ottfried von Zweilinden erlassen werden/'

Frau Justine hatte hektische Flecken auf den gelb­lichen Wangen, als sie fragte:Und wenn mein Neffe Ottfried sich nicht meldet ober gar sein Tod nachgewiesen werden könnte, wie märe die Erbfolge bann?" Sie fügte betont hinzu:Ich bin doch Kon­rad von Zweillndens Schwester."

Leider!" erwiderte der etwas temperamentvolle Jurist, der Justtne von Wellen nicht ausstehen konnte

Leider? Wie meinen Sie bas?" stellte ihn Wellen sofort zur Rebe.

Justizrat Eisen machte ein harmloses Gesicht.

Ausreden lassen, meine Herrschaften", erwiderte er ruhig,ich wollte sagen, leider gibt cs wahr- scheinlich für die Erben eine lange Wartezeit, aber wenn sich der Sohn des Verstorbenen nicht meldet, dürften wahrscheinlich Sie, Frau von Welten, als nächste Blutsverwandte Herrn von Zweillndens, die Haupterbin (ein. Sie Fräulein Claudius, sind sowieso auf die Großmut der Erden angewiesen. Vielleicht märe Ihnen später ein Prozeß anzuraten. Da Sie mie eine Tochter des Verblichenen erzogen wurden und bestimmt glauben mußten, daß Ihre Zukunft von ihm sichergestellt würde, haben Sie immerhin gewiße moralische Ansprüche, Gründe, die zu Ihren Gunsten ausgelegt werben würden."

Bettina hatte kaum richtig zugehört. In Ge- danken war sie noch am Grabe des Pflegevaters, und es erschien ihr nebensächlich und belanglos, was ihr der Justizrat mit Wichtigkeit erklärte.

Sie erwiderte mit tränenerstickter Stimme:Ich möchte ja gar nichts erben und will mich mit nie»

allgemein-bolschewistischen Aufbauarbeit, verneint die Bindungen zu Groß-Rußland und hebt die Gegensätze zu anderen Völkern in der Union her­vor, verbündet sich mit der nationalen Konter­revolution, durchdringt die Schulen, die Presse, das Theater, alles Volksleben, um die Politik der Zentrale zu sabotieren und die der Partei zu ver­nichten".

..Daß alles dies gegenwärtig die Haupt- gesahr in unseren Parteireihen (!!) ist", be­kennt die ..Prawda".davon überzeugen wir uns gerade jetzt in Weißrußland, in der Ukraine, im Kaukasus, in Kirgisien und in Turkestan" Wie kläglich schallt demgegenüber der gleich­zeitige Mahnruf:Höher das Banner des prole­tarischen Internationalismus!", ein Rus, der aus­drücklich für das Innenleben der Sowjetunion ausgestoßen wird, und dem nunmehr nur noch das Ausnahmcrecht der GPU. über Rußland so etwas wie einen Ernst gibt.

Standrechtliche Brotbeschaffung, standrechtliche Reichserh^ltung. standrechtliche Parteidiktatur. Auch standrechtliche Außenpolitik?

Ja, auch standrechtliche Außenpolitik. Mit Zähneknirschen denkt man im Kreml an den P an­tu r k i s m u s , der 1918 19 so viel säst tödliche Verwicklungen gebracht hat und seither weder im Mohammedanischen Russisch-Mittelasien und im Kaukasus noch, in der Türkei und in den persisch- indischen Sphären untergegangen ist. Mit Zähne­knirschen auch vermerkt man eine Interessiertheit Polens an der Losreißung der Sowjet­ukraine. And wenn im Kaukasus noch die Ar­menier lieber wieder unter die Herrschaft ihrer türkischen Todfeinde zurückwollen, als zur Sow­jetunion zu gehören, wenn in Rußland geheime Karten eines Kasakien - Don Rordkaukasus, Un­

tere Wolga verbreitet werden, wenn an allen Sowjetgrenzen von Litauen bis Indien und bis in die Mongolei derkonterrevolutionäre Rcttio- nalseparatiSmuS" Partei- und Staatsbehörden schon so durchspült, daß nur noch die GPU. hel­fen kann, dann versteht man auch die Erregung des Kreml über angebliche Pläne Rosenbergs, einen litauisch-weihrussisch-ukrai- nischen KönigSstaat zu gründen in Ge­meinschaft mit Italien und England. Gleichsam um den Teufel noch schrecklicher zu machen als er ohnehin schon ist, kramt man die Geschichte der Interventionskriege von 1918 20 aus und fin­det darin, daß damals die Alliierten von Deutsch­land ein Durchmarschrecht für ihre antibolfchewisti- schen Armeen erkaufen wollten gegen eine Mil­derung derFriedens"-Bedingungen.

35 Hingerichtete, ein halbes Hundert Verhaf­tete. Abwehr eines Doppelangriffes auf In­dustrie und Landwirtfch ft nctional-separat.st:sche Konterrevolution, alles dos ist nicht nur e.ne Vickersangelegenheit und nicht nur eine Innere Sabotageverfolgung. Es ist standrechtliche Außen­politik gegen die ganze Welt!

Weitere 40 Beurlaubungen bei der Offenbacher Stadtverwaltung.

WSN. Offenbach a. M., 29. März. Außer den berells gestern gemeldeten Beurlaubungen in der Offenbacher Stadtverwaltung sind jetzt weitere 4 0 Beamte beurlaubt worden: darunter befinden sich Direktor Sander, Verfor» gungshausdirektor Geiß, Schlachthausdirektor G l e g e r i ch. Wie aus zuverlässiger Quelle ver­lautet, sollen weitere Beurlaubungen folgen.

. Weibliche Offiziere unter den Verteidigern von Zehol.

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Bei der Einnahme von Jehol durch die Japaner fiel diesen eine 18jährige Chinesin (auf dem Bilde ganz links) in die Hände, die sich in Uniform an der Verteidigung ihrer Heimatstadt beteiligt hatte. Sie wurde gefangengenommen, doch später von den Japanern wieder freigelassen. Im Offizierskorps der chinesischen Armee sollen sich zahlreiche Frauen befinden.

rnanb deshalb herumstreiten. Ich verstehe, daß mein lieber Vater es gar nicht so eilig damit hatte, sein Testament au machen. Er war ja so gesund, so sprü­hend von Leben und Kraft. Und er lebte ja auch noch und wäre noch viele Jahre am Leben geblieben, wenn es keine hinterhältigen feigen Mörder gäbe." Ihr Gesicht färbte sich, und die blauen Augen schienen vor heißer Erregung fast schwarz.Ich bin nicht rachsüchtig, noch nie habe ich einem Mit­menschen etwas Boses gewünscht, aber dem elenden Mörder wünsche ich, falls er nicht noch entdeckt wird und die wohlverdiente Strafe erhält, daß fein Dasein in Armut und Elend führt. Daß cs ihm schlecht gehen soll bis ans Ende seiner Tage."

Der Justtzrat nickte.Ich verstehe chron Zorn, Fräulein Claudius, aber wir wollen hoffen, die Polizei findet den Mörder noch, obwohl es aussieht, als wenn ihn die Erde verschluckt hat. Und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Mir lag nur Daran, Sie oorzubereiten."

Ich danke Ihnen, Herr Justtzrat", gab Bettina mit mühsam erzwunaener Ruhe zurück.Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen, ich verzichte gern auf eine Erbschaft."

Sie dachte an Wulf Specrau, der sie liebte und sie nun wohl so rasch wie möglich heiraten würde, damit sie immer bei ihm bleiben durste. Er liebte sie so sehr, und daran muhte sie glauben und sich über den Tod des Katers damit zu trösten suchen, daß Gottes Wege unerforschlich waren

Der Justizrat schüttette den Kops.Sie sehen alles anders, als ich es sehe. Fräulein Claudius, ich bitte Sie aber, wenn Sie irgendeinen Rat brauchen ober eine Hilfe, sich an mich zu wenden. Ich stehe sofort zu ihrer Verfügung."

Als er fort war, entschuldigte sich Betttna bei dem Ehepaar und suchte ihr Schlafzimmer auf.

Sie sehnte sich nach einem Stündchen des Mein- seins, um sich zu sammeln.

Das Bild ließ sie nicht los, wie man den Sarg des Pflegevaters in die kühle Erdgrube hinunter- gesenkt hatte unter den steinernen Baldachin, der das Erbbegräbnis überdachte.

Als sie gegangen war, blickte sich das Ehepaar lange an, und Dieter von Wetten schmunzelte: Wenn sich der Bengel, der Ottfried, nicht meldet, bann erost du den ganzen Krempel, Weib meines Herzens. Das wäre wirklich eine feine Sache. Ich male mir bas schon aus, ich hier als Herr von Zwei- linden und du als Herrin. Donnerwetter, sollte bas hier ein Leben werben."

Was würbe aber aus Bettina?" fragte seine Frau.

Sie wird den Grasen Speerau heiraten", ant- wartete er,und man gibt ihr bann eine nette Aus- steuer. Das sieht nobel aus und kostet nicht viel."

Beide lachten sich an, und sie stellten sich vor, wie sie hier leben würden, wenn ihnen das Erbe zufiele, wozu sie doch alle Aussicht hatten.

Ein Mädchen tarn und suchte bas gnädige Fräulein,

sie müsse sie etwas fragen. Die Dienstboten sahen letzt alle in Bettina die Herrin.

Justine von Welten sagte scharf:Sie meinen mit dem gnäbigen Fräulein doch Fräulein Claudius, nicht wahr? Vielleicht kann ich Ihre Frage auch beantworten. Vergessen sie, bitte, nicht, ich bin die Schwester des Verstorbenen und hier groß ge­worden." Es klang hochmütig.

Das Mädchen antwortete eingeschüchtert:Die Köchin schickt mich. Ich möchte das gnädige Fräulein nur fragen, ob bas Essen heute nicht lieber unten im Bankettsaal angerichtet werden soll? Damtt sich das gnädige Fräulein Im Eßzimmer nicht zuviel daran erinnert, dort immer ihrem Vater gegenübergesessen zu haben."

Seit dem Tobe Konrad von Zweillndens hatte man Betttna die Speisen In ihrem Wohnzimmer serviert. Sie hatte allerdings herzllch wenig davon genossen.

Frau Justine plusterte sich ein wenig auf. Sie fühlte sich schon ganz als Herrin hier.

Es ist ziemlich warm, und es wäre, abgesehen von jeder Rücksicht überhaupt ganz nett, wenn wir im Bankettsaal speisen würden. Also soll dort auf­getragen werden."

Das Mädchen ging, und Justine von Welten meinte zu ihrem Mann:Ich werde es den Dienst­boten bald angewöhnt haben, daß ich je^t hier die Hauptperson bin und es nicht mehr das Schuttehrer­mädel ist." Sie lächelte.Erinnerst du dich an die alte Sage, die ich dir früher einmal erzählte, Dieter, die im »ankettsaal spielt? Wir standen mit Konrad immer verquer, ich glaube, außer bei unserer Hoch­zeit hast bu den Bankettsaal gar nicht gesehen. Schau ihn dir heute nur ordentlich an."

Ich erinnere mich wirklich an keine alte Sage, die bu mir erzählt hättest, Iustt", erklärte er, und seine Augen lächelten sie an. Was tut man nicht dem Mammon zuliebe!

Dieter von Wetten lebte von dem Vermögen seiner Frau sorglos, aber nicht wie ein reicher Mann. Doch jetzt bestand die Aussicht, durch sie bald wie ein steinreicher Mann leben zu können. Und solcher Frau muß man ein bißchen schöntun.

Frau Justines hellblaue Augen, um die sich svär- liche Wimpern reihten, machten ein verträumtes Gesicht.

Du weißt, vor ungefähr zwechundert Jahren ist Zweilinben erbaut worden, und unter dem Sohn des Erbauers, Kraft Erdmann von Zwellinden, der ein großer Sonderling gewesen fein soll, zeigte sich der Spuk zum ersten Male. Ich drücke mich falsch aus", verbesserte sie sich,es ist merkwürdigerweise kein Spuk, den man sieht, denn der Spuk von Zwei­linden ist weder zu sehen, noch zu hören. Ich meine, man hört ihn nicht sprechen, und doch müssen cs Geister sein, die sich bewegen. Man vernimmt ihre Schritte, härt, wie sie sich Stühle zurechtrücken. und hört, wie sie Glaskelche aneinanberflingen lassen. Man nennt den Sput: Die stummen Gäste von Zwellinden!" (Fortsetzung folgt.)