Nr. 228 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Sreitag, 29. September (953
Verdächtige Zeugen im ReichstagsbrandWerprozeß.
Vögel sind nicht schädlich!
Von Or. Gustav W. Eberlein, ^om.
Das Rotkehlchen in der Suppe ist für den Italiener so selbstverständlich wie für uns der Dackel auf dem Sofa. Es hat also keinen Zweck, sich moralisch zu entrüsten. Den nordischen Gemütsmenschen trennt ja so unendlich vieles von dem ganz und gar unsentimentalen Kind des Südens, das nur deshalb so mandolinenzirpend und mondscheinschmachtia in unserer Literatur erscheint, weil wir ihm unsere Gefühle angedichtet haben. In Wirklichkeit kann selbst der Engländer, der sich rettungslos ins Angeln, in die Kaminecke und ins Bücherlesen verliebt, niemals so geschäftskühl sein wie der Südländer. Man muh das wissen, um zu verstehen, warum sich Italien bisher von den Vogelschutzbestrebungen ausgeschlossen hat. Hier Heringsoertilgung — dort Doaelvertilgung: es kam bisher immer nur der Geschäftsmann zu Wort, ein bißchen begleitet vom Sportler und Jäger.
Um so umstürzlerischer, um so verdienstvoller, um so rühmenswerter, was nun im Leidensland unserer Singvögel vor sich geht. Kürzlich las man in der größten römischen Zeitung unter großen Schlagzeilen, daß die Vogel für die Landwirtschaft äußerst schädlich seien, ein Postulat, das von den Dogel- jägern in einer entsprechenden Broschüre verfochten wird. Aber diese traurige Broschüre war bereits Abwehr, denn ihr ist ein tapferes Buch vorausgegangen, in dem das Gegenteil behauptet wird. Etwas Unerhörtes also für Italien. Es wird darin dem Vogelschutz das Wort geredet, wie der Vogelmord verdammt wird, es wird ausgeführt, was ein Nistkasten ist und warum man solche anbringen soll. Uns mag das so klingen, als wenn ein Apostel der jüngsten Heilslehre auftreten und verkünden würde, es fei gcsundheitsförderlicher, kalte Füße zu vermeiden, als zu suchen. Für den Süden jedoch bedeutet die neue Vogelbotschaft den „Mut zur Ketzerei", wie ihn Mussolini schon in manchen Dingen gezeigt und gepredigt Hot. Er verwarf auch das Buch der Vogeljäger und lobte das der Vogelschützer.
Damit war das Eis gebrochen, man darf jetzt in Italien offen seinem Abscheu vor dem Vogelspieß — je zehn Singvogelleichen zwischen gerösteten Brotschnitten — Ausdruck geben und sogar einen Nistkasten in seinem Garten aufhängen, ohne mehr dafür zu ernten als Spott. Und daß auch der Spott Den Leuten noch vergehe, hat Rom begonnen, auf dem Pincio, dem großen Stadtgarten, die ersten Nistkästen öffentlich anzubringen und schützen zu
Leipzig, 28. Sept. (WTB.) Im Leipziger Hochverralsprozeß wird am Donnerstag als erster Zeuge der Polizeioberwachtmeister Albrecht über den Brand im Wohlfahrtsamt vernommen. Stadtinspektor Frank, der Dienststellenleiter des Neu- köllner Wohlfahrtsamtes, erklärt, am Donnerstag vor der Brandstiftung sei ein organisierter kommunistischer Angriff auf die Zweigstelle geplant gewesen. Ein fremder Mann, so berichtet der Zeuge, machte mir schon am Tage vorher die Mitteilung, daß von dem kommunistischen Verkehrslokal Schlaffke in der Steinmetzstraße aus in den Morgenstunden ein Angriff erfolgen sollte. An diesem Vormittag war ausgefallen, daß die Aufenthaltsräume im Wohlfahrtsamt einen viel stärkeren Besuch aufwiesen als sonst und daß sich auch unter dem Publikum viele neue G e - sich ter befanden. Plötzlich verbreitete sich die Mitteilung, daß die Polizei das kommunistische Lokal ausgehoben habe. Auffällig schnell leerten sich nun die Gänge und Warteräume im Wohlfahrtsamt. Zwei der heutigen Zeugen, 3wede und Starker, sind die Drahtzieher gewesen, die in der Zweigstelle das Publi- kum gegen die Beamten und Angestellten aufgehetzt haben.
Der Maschinenmeister Kiekbusch, der imKel- ler des Rathauses wohnt, stellte am 25. Februar noch 21 Uhr fest, daß in der einenEcke des Schlafzimmers feiner Wohnung eine Brandstelle war, die lichterloh brannte und bereits eine Fläche von achtzig Zentimeter eingenommen hatte. Der Zeuge bat mit mehreren Eimern Wasser den Brand selbst gelöscht.
Der Feuerwehrmann Schulz berichtet über den BrandimSchloßam gleichen Abend. Der Zeuge befand sich auf seinem Rundgang und kam dabei auch durch den Boden, wo er Brandgeruch wahr- nahm. Bei näherer Durchsuchung fand er bann das Feuer. In der Nähe der Brandstelle wurden Stücke von Kohlenanzündern, Streichhölzer und auch das Papier gefunden, in dem die Kohlenanzünder eingepackt waren.
Die nächsten Zeugenvernehmungen wenden sich dann den verschiedenen Aeußerungen zu, die van der Lubbe im Gespräch mit ander en gemacht hat. Der Jalousiebauer Pfeifer, der damals noch Wohlfahrtspfleger war und öfters i n dem Lokal von Schlaffke, einem Verwandten von ihm, gewesen ist, bekunder, daß eines Tages auch van der Lubbe in dieses Lokal gekommen ist und sich dort mit verschiedenen Erwerbslosen unterhalten hat, dabei wurde auch der Zeuge gefragt, ob er einen Mantel für van der Lubbe hätte. Van der Lubbe ist dann zusammen mit Janecke in die Wohnung des Zeugen gekommen, wo er einen Mantel und eine Mütze oekam. Van der Lubbe habe sich als Kommunist ausgegeben und gefragt, ob wir nicht den Kampf gegen den Faschismus aufnehmen wollten, worauf ihm erwidert wurde, daß ein Kampf gegen1 den Faschismus nicht anders aufzufassen sei als ein Kampf mit geistigen Waffen und mit Aufklärung.
Vorsitzender: In der Voruntersuchung haben Sie gesagt, oan der Lubbe habe geäußert, man müsse äußerst radikale Maßnahmen ergreifen, um die Machtentfaltung der Nationalsozialisten zu verhindern.
Zeuge Pfeifer: Ich habe auf diese Aeußerungen wenig Wert gelegt. Dan der Lubbe habe zwar gesagt, er sei Kommunist, aber ich habe es ihm nicht geglaubt. Wäre er es wirklich gewesen, bann hätte er sich ja als solcher ausgewiesen.
Aus eine Frage des Anklagevertreters Landgerichtsdirektor Parisius, bestätigt der Zeuge, daß er selbst damals Kommunist gewesen sei.
Der Arbeiter Ernst P a n f n i n gibt nochmals eine genaue Darstellung des Gespräches vor dem Wohlfahrtsamt. Zachow habe gemeint, man müsse schärfere Maßnahmen treffen. Es müßten Staatsgebäude angezündet werden.
B i e n g e habe diese Anregung aufgegriffen und gesagt: Jawohl, man müßte vor allem die S i e - mens-Elektrizitätswerke, das Schloß und den Reichstag anzünden. Der Reichstag und das Schlag wären sowieso überflüssig.
Ban der Lubbe. der schon vorher öfters einige Bemerkungen in das Gespräch eingeftreuf halte, habe zu diesen IDorten von Bienge gesagt: „So musch' komme!" Er habe dann gefragt, ob er dabei nicht mitmachen könne. Dabei habe er sein kommuni st isches Parteibuch herausgenommen und gezeigt. Auf eine Frage des Vorsitzenden erflärt der Zeuge, daß er die Inschrift des Buches nicht gelesen habe, aber es müsse ein Parteibuch gewesen sein, weil es rot war und weil er ja vorher gesagt hatte, daß erBlitgliedderkPD. sei. Als oan der Lubbe gesagt hatte, fuhr der Zeuge fort, daß er gern mitmachen wolle, stieß Bienge den Zachow an und sagte: DerIunge ist gut, den können wir gebrauchen.
Zunächst gingen wir dann miteinander die Straße hinunter. Dann rief Bienge den Lubbe zu sich und ging mit ihm allein. Ich fragte Zachow, woher er den Lubbe kenne. Zachow meinte, er habe Lubbe heute auch zum ersten Mal gesehen. Aber er habe nach feinem Auftreten den Eindruck, daß Lubbe ein guter Parteigenosse fei. Dann ging Zachüw auch in der Richtung zu Lubbe und Bienge ab.
Auf eine Frage des Oberreichsanwaltes bestätigt der Zeuge, daß er am Schlüsse des Gesprächs gesagt habe: „Na, das wird ja doch nichts! Euch juckt wohl das Fell!", woraus Bienge erwiderte: „Na, du wirst ja schon'erleben, was da werden wird!"
Aus die Frage des Angeklagten Tor gl er, welcher Partei Panknin in den letzten Februartagen angehört habe, antwortet der Zeuge: Der Deutschnationalen Volkspartei.
Rechtsanwalt S e u f f e r t: Ich habe die Auffassung, daß Sie heute von Ihren früheren Aussagen etwas abgewichen sind. Hat sich die Aeuße- rung van der ßubbes „So musch' komme" auf das Anslecken öffentlicher Gebäude bezogen oder auch auf die Anzündung von SA.-Leuten?
Der Zeuge erklärt, daß diese Aeußerung ganz am Schluß gefallen fei, al o nachdem von dem An- zünden der SA.-Männer schon gesprochen war.
Auf Fragen des Rechtsanwaltes T e i ch e r t erklärt der Zeuge nochmals mit Bestimmtheit, daß van der Lubbe nochmals nach der kommunistischen Zentrale gefragt habe, nicht etwa nach kommunistischen Lokalen.
Der Angeklagte D i m i t r o f f fragt, feit wann der Zeuge Mitglied der Deutschnationalen Dolks- partei gewesen sei und ob er auch politische Funktionen dort ausgeübt habe.
Zeuge: Ich war arbeitslos und bin feit 1928 in der Deutschnationalen Volkspartei gewesen. Ich habe keinerlei Funktionen gehabt.
Zeuge Zachow weiß von nichts.
Das Milieu um das Neuköllner Wohlfahrtsamt.
Der Arbeiter Zachow, der mit Bienge in einem Hause wohnt, wird zunächst nicht vereidigt. Er erklärt, daß er Bienge nicht weiter kenne und daß sie sich nur gelegentlich gegrüßt hätten. Die Frage des Vorsitzenden, ob er Kommunist g e - wesen sei, beantwortet der Zeuge mit einem bestimmten Nein.
Vorsitzender: Sind Sie nicht in die RGO. eingetreten:
Zeuge: Man hatte mir einen Zettel gebracht, wo ich meine Mitgliedschaft erklären sollte, und gesagt, wenn du nicht eintrittst, kriegst du auch keine Arbeit. Ich habe aber erklärt, daß die RGO. verboten sei
Vorsitzender: Sind Sie nicht auch einmal zu einer Antikriegskonferenz eingeladen worden? Das war doch eine kommunistische Veranstaltung.
Zeuge: Das weiß ich nicht, Herr Rat! Meine Frau hat gesagt, du bleib st zu Hause und gehst mir da nicht hin. (Heiterkeit.) Der Vorsitzende weist den Zeugen darauf hin, daß er sich bei feinen Aussagen dadurch verdächtig gemacht habe, daß er mehrfach abgewichen fei. Der Zeuge antwortet darauf weinend: Herr hoher Rat! Ich bin schon genug gestraft, daß ich nun im Konzentrationslager bin! Von Brandstiftungen und so habe ich nie etwas gesagt. Der Zeuge bleibt bei seiner Ableugnung auch, als ihm das Protokoll vorgehalten wird, nachdem er in der Voruntersuchung die Möglichkeit zugegeben hatte, „inder Rage" von Brand st istungen gesprochen zu haben. In einem lebhaften Kreuzverhör werden dann noch zahlreiche Fragen an diesen Zeugen gestellt. Der Vorsitzende fragt z. B., ob Lubbe von Revolution etwas gesagt habe. Der Zeuge erwidert: Herr hoher Rat! Davon hat er kein bißchen gesagt, sonst wäre ich sofort weggegangen! (Heiterkeit.)
Vorsitzender: Wer hat denn über den Reichstag gesprochen?
Zeuge: Kein einziger hat von dem Reichstag gesprochen.
Vorsitzender: Sie sollen davon gesprochen haben, daß öffentliche Gebäude angesteckt werden, und Janecke soll dann von Reichstag, Rathaus usw. gesprochen haben.
Zeuge: Nein, Herr hoher Rat!
Vorsitzender: Hat jemand etwas von SA. - Leuten gesagt, die mit Benzin getränkt und angesteckt werden sollen?
Zeuge: KeinWortdavon.
Vorsitzender: Können Sie das auf Ihren Eid nehmen?
Zeuge: Ja. Dem hätte ich auf den Mund gehauen, der so etwas gesagt hätte.
Rechtsanwalt Dr. Sack: Haben Sie irgend welche Verbindungen zwischen van der Lubbe und anderen Stellen hergestellt?
Zeuge: Nein, ich kenne Lubbe ja gar nicht so weit.
Oberreichsanwalt: Sie haben früher zugegeben, daß Sie wenigstens Sympathisierender der Kommunistischen Partei waren.
Zeuge: Ich habe zu dem Kommissiar gesagt, daß ich 1932 gar nicht wußte wohin, nach rechts oder links. Da habe ich gesagt, Herr Kommissar, wir sind Arbeiter und da habe ich auch KPD. gewählt.
Oberreichsanwalt: Früher haben Sie auch gesagt, daß Sie Mitglied der RGO. seien.
Zeuge: Das habe ich nie gesagt.
Vorsitzender: Nach dem Vernehmungsprotokoll vom 16. März haben Sie bekundet, daß Sie der RGO. noch angehörten.
Zeuge: Ich bin aber niemals eingetreten.
Vorsitzender: Sie haben einmal bekundet: Wenn ich auch der KPD. niemals als Mitglied angehört habe, so habe ich doch seit Jahren mit der Partei sympathisiert. Ich habe bei den letzten Wahlen KPD. gewählt, früher war ich SPD.-Wähler.
Zeuge: Ich war aber nicht drin in der Partei.
Damit ist auch diese Vernehmung abgeschlossen. Die weiteren Zeugen kommen Freitag zur Vernehmung.
lassen. Die Mailänder gar, obwohl dem Vogelparadies am Südhang der Alpen und damit den Leimruten- und Netzfängern gefährlich nahe, haben auf ihrer Triennale, der Dreijahresausstellung, sogar eine internationale Ornithologie-Schau geschaffen und sinnigerweise in den Rahmen einer Ausstellung für Blumen- und Gartenkultur hineinqe- stellt.
Die meisten Vögel, so erfahren nun die staunenden Besucher, sind nicht nur für die Landwirtschaft nützlich, sie haben auch einen dekorativen Wert für Landschaft, Haus und Garten! Ein neues Element also, der Schönheitsbegriff, kommt hinzu. Damit ist die Brücke geschlagen von dem einfachen Verzicht auf Verfolgung zum Schutz, zur Aufzucht, zum künstlerischen Erlebnis. Es gibt nicht nur Kanarienvögel, die zum Singen da sind, lernt die bescheidene Bürgersfrau, es gibt auch Tauben, die man nicht mästet, sondern als Schmuckgegenstand hält: piccioni decorativi!
72 Wettbewerbe sind ausgeschrieben, es regnet Diplome und Prämien, die Landwirtschaftsministe- rien gehen mit gutem Beispiel voran. Geblendete Vögel, wie überhaupt Lockvögel aller Art wird man nicht sehen, dagegen alles, was geeignet ist, dem Volk zu zeigen, daß auch die Vögel ihre Rolle im Haushalt der Natur haben. Eine Propaganda, die — der Satz des amtlichen Rundschreibens ist wert, wörtlich festgehalten zu werden — „in allen Schichten der Bevölkerung die Ueberzeugung verbreiten soll, daß die Jagd auf die kleinen Vögel unwirtschaftlich und unwürdig ist."
Kleine Geschichten.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Der Lorbeerkranz.
Großmächtig hing er im Schaufenster eines Blumenladens und erfüllt fast die ganze Scheibe. Hinter ihm und unter ihm wogten die Düfte der erlesensten Blumen, er aber zerschnitt alle Düfte und drückte sie in den Hintergrund. Neben ihm hing ein kleiner weißer Zettel, daß der Dichter Soundso heute abend im Harmoniesaal lesen werde. Vor dem Zettel aber stand ein zartes Mädchen und reckte sich, offenbar weil es kurzsichtig war, zu ihm empor. Nachdem sie alles sauber gelesen hatte, guckte sie hinüber zu dem Lorbeerkranz und betrachtete ihn genau. Sie lächelte versonnen, sie wußte vielleicht, für wen der Kranz bestimmt war, und sie ging, ganz übergossen von Freude, ihres Weges weiter.
Aber am kommenden Morgen ging sie wieder an dem Laden vorüber, und siehe: der Kranz hing noch da, der, Dichter hatte ihn also nicht erhalten!
Als das Fräulein am Abend vor der Stadt spazieren ging, hörte sie aus dem Sportplatz das Geknatter der Schrittmacher. Es dauerte nicht lange, so erschollen ganze Salven von Jubelrufen aus dem Platze, und bann quoll eine große Menschenmenge hervor aus den Toren. Inmitten der Menge aber schwebte der Lorbeerkranz. Ein halbnackter junger Mann, der völlig schweißbedeckt war, trug ihn, wie ein Pferd das Kummet trägt, auf den Achseln, und eine breite Schleife baumelte zwischen den nackten Knien. Er schritt auf ein Auto zu, aber die Menge folgte ihm. Sie brach in Hochrufe aus, die gar nicht enden wollten, so daß das zarte Fräulein eilig davon ging.
Das Bäuerchen.
An einem Dachkändel hoch überm vierten Stockwerk sammelte sich wie in schwerer Traube ein Bienenschwarm. Unten vor dem Wirtshaus stand ein Mann und verkaufte von seinem Wagen aus Gemüse, und das Pferd ward unruhig durch das Gesumm der Bienen. Plötzlich, als die Bienen noch nicht einmal alle beisammen saßen, brach die Traube, wie von einem leichten Schuß gesprengt, auseinander. Im Nu stürzten sich alle Bienen herunter, umkreisten das Pferd, und die Leute flohen. Das Tier schlug mit dem Schweif umher, feuerte aus, schüttelte sich, rüttelte sich, aber die Bienen setzten sich fest. Schier wie mit dicken Nägeln beschlagen, bäumte es sich auf, stößt den Atem aus den weit geöffneten Nüstern, stellt sich auf die Hinterbeine, rast davon, läßt sich hinfallen, springt wieder auf. Der Fuhrmann eilt hinzu, versucht, das Pferd auszuspannen, aber er kommt nicht bis an die Deichsel. Er fuchtelt mit den Armen durch die Luft, schreit auf, reißt des Pferdes Decke sich über den Kopf und rennt, vielfach gestochen, blindlings davon. Männer treten heran, schlagen mit Brettern auf Bienen und Pferd und flüchten wieder. Die Feuerwehr rast schon heran, richtet den Wasserstrahl, das Pferd fällt um, die Bienen schwirren davon, doch, wo der Strahl die Haut freigibt, fallen sie wieder an. Das Pferd scheint zu erliegen, wälzt sich, feuert mit allen Vieren in der Luft umher, verlangsamt schon seine Zuckungen unterm Wasserstrahl.
Da naht aus dem Wirtshaus ein Bäuerlein, das hält einen weißen Teller in der Hand. Es wagt sich gegen das Pferd in den Trubel der aufgeregten Bienen. Es hält den Teller hochauf, und siehe: die Bienen verlassen das Pferd. Sie setzen sich an den Rand des Tellers, der mit Zuckerwasser gefüllt ist.
Eröffnung der ersten Führerschule der Hitler-Jugend Heffen-Naffau.
Frankfurt a. M., 27. Sept. (WSN.) Am Sonntag, 1. Oktober, 11 Uhr, wird in Dranien« ft e i n bei Diez a. d. L. die e r ft e Führerschule der Hitlerjugend für das Gebiet Hessen- Nassau feierlich eröffnet. Der Gauleiter, Reichsstatthalter Sprenger und der Führer des Obergebietes West der Hitler-Jugend, Obergebietsführer Hartmann Lauterbacher, werden anwesend sein. Der Lehrgana umfaßt theoretischen und praktischen Sport, Rastenkunde und Gesundheitspflege. Die Geschichte der Bewegung wird den Jungens eingehämmert werden, daß sie den harten, zähen Kampf des Führers um unser Volk nie vergessen. Bei der Betrachtung der deutschen Geschichte steht der Führergedanke im Vordergründe. In den dreiwöchentlichen Lehrgängen, die der Unterbannführer Fritz Handwerk leitet, sollen die Schar- und Gefolgschaftsführer im Geist der Kameradschaft und in vorbildlicher Disziplin zu ganzen Kerlen erzogen werden. Während der Kurse wird das Härteste von den Jungens verlangt. Somit wird jeder Lehrgang eine Charakterschule fürs Leben werden.
Oie Aktion gegen die KPD. und den Notfrontkämpferbund in Mainz.
WSN. Mainz, 28. Sept Im weiteren Verlauf der gegen die KPD. und den Roten Frontkämpferbund eingeleiteten Aktion konnten durch die Staatspolizeistelle Mainz un^er Mitwirkung des Sonderkommandos u. a. vier mit Sorengstoff, Nägeln und Sprengkapseln gefüllte Gasrohr st ücke beschlagnahmt werden. Diese Gasrohre waren von den Anfertigern noch kurz vor ihrer Festnahme in den Mainzer Floß- Hafen vevsenkt worden. Dort konnten sie erst nach mehrtägigem Suchen unter Zuhilfenahme der Rhein- polizei gehoben worden. Von den bis jetzt während der Aktion feftgenomtnenen Personen sind 6 9 der Staatsanwaltschaft vorgeführt und wegen Hochverrats, Sprengstoffoerbrechens usw. unter Haftbefehl gestellt worden.
Verhaftung marxistischer Flugblatt' Verteiler.
WSN. Walldorf (Hessen), 28. Sept. F e st genommen wurden hier zehn Personen, ehemalige Mitglieder der SPD. und KPD., wegen Flugblattverteilung.
Zuchthaus- und Gefängnisstrafen für Verbreitung illegaler Druckschriften.
WSN. Kassel, 27. Sept. Der Strafsenat des Oberlandesgerichts Kassel verhandelte am Mittwoch gegen Kommunisten aus Hanau, die wegen Verbreitung illegaler Druckschriften der Nummern 3 und 4 des „Roten Gewerkschaftlers", unter Anklage standen. Der 24 Jahre alte Drahtzieher Georg Schneider hatte sich die Druckschriften von Frankfurt a. M. kommen lassen und für die Weiterverbreitung gesorgt. Aus dem Inhalt der Druckschriften, die verlesen wurden, ergab sich einwandfrei, daß die politischen Ziele der RGO. mit denen der KPD. übereinstimmten. Schneider wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr sechs MonatenZuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte eine Anzahl der Druckschriften dem Schlosser Wilhelm Jourdan weitergegeben, der sie durch seine Frau an Mitglieder der RGO. verteilen ließ. Jourdan wurde zu einem Jahr drei Monaten Gefäng- n i s verurteilt. Seine Frau erhielt sechs Monate Gefängnis; bei ihr nahm das Gericht nur grobfahrlässige Verbreitung illegaler Schriften an. Von Jourdan hatte der Weißbinder Konr. S ch ä- f e r ein Exemplar des „Roten Gewerkschaftlers" erhalten, der es durch feine Braut weitergeben ließ. Dafür erhielt Schäfer einJahrzwei Monate, feine Braut Johanette Lauer sechs Monate Gefängnis. Die Untersuchungshaft wird allen Angeklagten angerechnet.
sie häufen sich auf dem Teller, und das Bäuerlein trägt sie davon, ich weiß nicht, wohin.
„Lachende Erbend
Dieser Ufa-Tonsilm steht, zur Abwechslung, nicht unter dem Motto: Wien und der Wein, sondern, was uns ja auch näher liegt: der Rhein und der Wein! Wenn die eigentliche Handlung anhebt, fühlt man sich an die von groteskem Humor erfüllte Jean Panische Szene einer Testamentseröffnung erinnert, nur daß es sich nicht um die Bedingung handelt, auf dem schnellsten Wege eine von Zeugen beglaubigte Trauerträne um den verblichenen Erblasser heroorzubringen, sondern um die für einen Weingutsbesitzer verblüffende Klausel, welche dem alleinigen Erben eine vierwöchentliche Abstinenz vorschreibt, widrigenfalls... und so weiter. In dieser erbaulichen Mischung von Erbschafts-, Liebesund Konkurrenz-Konflikten spielt Heinz Rühmann mit gewohnter Zungenfertigkeit und Beweglichkeit die Paraderolle, während der Regisseur Max O p h ü l s sich die landschaftlich sehr reizvollen Motive des Schauplatzes nicht hat entgehen lasten. An der Spitze der trauernden Hinterbliebenen und Erbschaftsspekulanten: Ida W ü st und, ein merkwürdiger und etwas unheimlicher Eindruck, Max Adalbert, der erst vor wenigen Tagen zu Grabe getragen wurde. In den weiblichen Rollen treten Lien Seyers und Lizzi Waldmü11er ein wenig zurück: von den übrigen sind noch der kauzige Falken st ein, Walter Janssen und Ettel zu erwähnen. — Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. Den Hauptanziehungspunkt im Beiprogramm bildet natürlich der Ufa-Sonder- dienst vom Reichsparteitag in Nürnberg, der einige der schönsten und erhebendsten Momente im Bilde festhält: wer dabei gewesen ist, wird hier seine (Erinnerungen aufleben lassen, und wer nicht dabei war, wird im bewegten Bild und im gesprochenen Wort einen unmittelbaren Eindruck von dem erhalten, was ihm zuvor nur indirekt durch Rundfunk und Presse vermittelt werden konnte.
Lochschulnachrichten.
Der bekannte Marburger Zoologe, Geheimes Regierungsrat Professor Dr. Eugen K o r s ch e 11, beging am 28. d. M. seinen 75. Geburtstag. Der Gelehrte ist Mitglied der Akademien von Berlin, München und Wien und der Wissensckasts- gesellschaften in Göttingen und Lund. Von seinen Arbeiten seien genannt das Lehrbuch der vergleichenden Entwicklungsgeschichte und das Zoologische Wörterbuch.


