Ausgabe 
29.8.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Dank des Führers

und Gießener Ehrenbürgers.

Die Mitteilung von der Ernennung des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler zum Ehrenbürger unserer Stadt hat, wie die Bürgermeisterei uns mitteilt, der Herr Reichskanzler mit folgendem Schrei­ben beantwortet:

Adolf Hitler. Berlin, den 20. Aug. 1938.

An den

' Stadtrat

Gießen, Hessen.

Die Verleihung des Ehrenbürgcrrcchts von Gießen erfüllt mich mit aufrichtiger Freude.

Ich nehme die Ehrenbürgerschaft an und bitte, dem Stadtrat meinen ergebensten Dank, sowie meine besten Glückwünsche für das Blühen und Gedeihen von Gießen aus­sprechen zu dürfen.

Mit deutschem Gruß!

Adolf Hitler.

Deutsches Obst!

Durch die neuzeitlichen Verkehrsmittel ist es mög­lich geworden, Laß ausländisches Obst in kürzester Zeit bis in die entlegensten Orte gesandt werden kann. Wir wissen das und haben auch seither ziem­lich viel Auslandobst verbraucht. Wir sahen dabei ost vor lauter Bäumen den Wald nicht. Die feine, gleichmäßige Aufmachung lockte, die glänzenden, womöglich gewachsten Aepfel sahen gar zu appetit­lich aus.

Aber alle die, die unsere deutschen Aepfel wirklich kennen, waren doch reichlich enttäuscht, wenn sie solche ausländischen Erzeugnisse aßen. Gar viele Großstädter wissen überhaupt nicht, wie saftig und würzig unsere deutschen Aepfel sind. Gern geben wir zu, daß unsere Obstzüchter früher nicht viel Wert auf die äußere Verpackung legten. Sie haben das aber inzwischen eingesehen, und unser deut­sches Obst kommt nun auch in gleichmäßig schöner Ware auf den Markt.

Es muß immer wieder betont werden, daß Obst­essen kein Luxus ist. Das Obst gehört genau wie das Gemüse zu den Hauptnahrungsmitteln. Es ent­hält wohl nicht so viel Vitamine wie Salat, Spinat usw. Aber wird nicht überhaupt etwas zu viel Götzendienst mit den Vitaminen getrieben? Don Vi­taminen allein können wir nicht leben. Es kommt auf die Zusammensetzung unserer Gesamtnahrung an. Wir wissen alle,' daß das Eiweiß ungehörig überschätzt wurde. Dadurch kam die Zurücksetzung von Obst usw. Man sagte, das Obst habe nicht ge­nügend Nährwerte. (Eiweiß und Fett.) Das stimmt wohl. Aber dafür sind im Obst ganz andere Stoffe enthalten, die von größter Bedeutung für den Auf­bau unseres Körpers sind. Das sind Mineralstoffe, die wir für unsere Blutbildung und für unsere Ver­dauung sehr nötig haben. Das Fruchtfleisch wirkt außerdem sehr anregend auf den Darm, und man­cher hat seine Verdauungsbeschwerden schon dadurch behoben, daß er täglich Obst.

Ein gesundes Kind, dessen Geschmacksnerven noch nicht durch Süßigkeiten- verdorben sind, verlangt immer wieder Obst. Das sollte uns

ein Fingerzeig sein. Unser Speisezettel muß deshalb für jeden Tag irgendeine Obstart vor- sehen. Wir haben ja zur Zeit Auswahl genug, und täglich kommen neue Früchte auf den Markt und in den Laden.

So nach und nach ist ja auch die Angst vor den Bazillen langsam im Absterben begriffen. Die paar Spaltpilze, die sich auf der Schale des Obstes aufhalten, schaden einem gesunden Menschen nichts. Deshalb muß gefordert wer­den: Eßt das Obst roh! Frisch vom Baum oder frisch vom Strauch, wenn es möglich ist. Denn in dem ungekochten Obst sind noch Stoffe wirksam, die beim Kochen zerstört wer­den. Das Obst, das wir im Laden kaufen, müssen wir freilich waschen, denn es ist schon durch zu viele Hände gegangen.

Für den Winter kann man im Laufe der nächsten Wochen auch sorgen. Wenn in unse­rer Gegend die Obsternte nicht gerade glän­zend ausfällt, so gibt es doch noch viele Ge­genden in Deutschland, in denen rei Aepfel und Birnen geerntet werden können. Daueräpfel werden sorgfältig in Torfmull aufbewahrt. Und wer selbst in seinem Garten Obst in Menge hat und kann es auf einmal nicht verwerten, der bereitet sich einen guten Obstsaft. Es gibt ja genügend Hilfsmittel, um diesesfüssige Obst" gut haltbar zu machen. Für Kinder gibt es jedenfalls keinen besseren Obstersatz als reinen unvergorenen Obstsaft. Wir brauchen dann nicht nach den Apfelsinen zu greifen, die außerdem noch unreif zum Versand kommen.

Wenn wir deutsches Obst, deutsche Erzeug­nisse verzehren, helfen wir unfern Volksge­nossen, und das Geld bleibt im. Lande. Des­halb kann es nur heißen: Eßt deutsches Obst!

Erstaufführung im Staditheater Gießen.

Das Schauspiel:Arbeit! Dienst! Pflicht!" des Pg. Heinrich Bartholomäus, Gießen, kommt am heutigen Tage um 20.15 Uhr unter der Spiel­leitung des Intendanten Hanns König im Stadt­theater zur Erstaufführung. Aus dem Bekenntnis zur geeinten Nation, aus dem Geiste ter national­sozialistischen Bewegung heraus wird das Stück zu einem hohen Lied des Arbeitsdienstes, zu einer bildlichen Darstellung werdender Volksgemeinschaft, nach dem Motto:Ein jeder diene als Bruder und Kamerad nur dem Ganzen." Preise der Plätze von 0,30 bis 1,50 Mark. Vorverkauf an der Theater­kasse von 10 bis 13 Uhr und von 16 bis 17 Uhr; NS.-Buchladen im Hause Soldan, Seltersweg, so­wie bei allen Amtswaltern der Ortsgruppe Gießen.

** Von der Landesuniversität. Von der Pressestelle der Landesuniversität Gießen wird uns mitgeteilt: Der Professor an der Universität Jena Dr. H. W. Johann D u k c n hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für Kinderheilkunde an unserer Universität angenommen. Der planmäßige außerordentliche Profeffor an unserer Uni­versität Dr. Hellmuth Becher hat den an ihn ergangenen Ruf als ordentl. Profesior für Anatomie und Direktor des Anatomischen In­stituts an unserer Universität angenommen.

Aalionalsozialismus als Verheißung und Tai." Ein Vortrag im Deutschen Handtungsgehilfen-Verband.

Die Ortsgruppe Gießen des Deutschen Handlungsgehilfen - Verbandes veranstaltete am Donnerstag im Cafe Leib eine Versamm­lung, die außerordentlich stark besucht war. Der Vertrauensmann der Ortsgruppe, Pg. Schwarz, begrüßte die Kollegen.

Als Redner des Abends sprach

Vezirksvorsteher Stein

(Bezirksvorstcher des Bezirks Main-Weser im DHV.) über das Thema:Nationalsozialis­mus als Verheißung und Tat.".

Er führte u. a. aus: Der deutsche Arbeiter sei nicht internationaler Prolet, sondern deut­scher Volksgenosse, die Arbeiterschaft sei nicht Jntcressentenhaufcn, sondern Teil der Volks­gemeinschaft. Der Nationalsozialismus, der der Gedankenwelt des internationalen Arbei­ters habe entgegentreten müssen, mußte schwer kämpfen. Mancher habe in diesem Kampfe sein Leben geopfert.

Heute trage mau das Hakenkreuz mit Stolz. Es bedeute nicht mehr nur Symbol, sondern gleichzeitig das Zeichen unserer Volkswerduug.

Die Geschichte habe den Kanzler Adolf Hit- l e r berufen, so wie er es selbst oorausgesehen habe. Der 30. Januar des Jahres 1933 sei wohl nur ein ^ag in der Bewegung gewesen, aber doch ein Lag, der Zeitenwende bedeutet habe. Im Glauben an den Führer habe das Volk auch wieder an sich selbst glauben ge­lernt. Der 21. März aber habe die Geburts­stunde des Dritten Reiches gebracht. Dieser Tag habe eine neue Epoche cingeleitet. In der Folge sei das Volk auf einen großen Nenner- gebracht worden, es habe auf das Wort seines Kanzlers hören gelernt. Der Spruch des Vol­kes und des Volkes Vertrauen habe aber dem Führer immer wieder neue Kraft gegeben. Er habe zur wahren Volksgemeinschaft der Bauern, Bürger und Arbeiter aufgerufen.

Das Dritte Reich werde anders sein, als alle Reiche vorher. Es gründe sich nicht auf den Einzelnen, sondern auf die Gesamtheit des deutschen Menschen. Der Weltkrieg sei es gewesen, der den Grundstein für die neue Ge­meinschaft gelegt habe.

Aus dem Fronterlcbnis habe die Bewe­gung ihre» Geist geschöpft. Dieser Geist sei ueu verlebendigt und in die Bewegung unserer Tage umgemünzt worden.

Der Widerstand, der der nationalsozialistischen Bewegung entgegengesetzt morden ier, habe die Kraft nie gebrochen, sondern immer nur ge­stärkt. Jeder sei Kämpfer geworden im Glau­ben an den endgültigen Sieg. Aber noch sei nicht jeder deutsche Volksgenosie Nativnalio- zialist. Noch habe nicht jeder, der das Abzei­chen der Partei trage, den Nationaliozialiv- mus verstanden. Der Nationalsozialis­mus müsse aber dem ganzen Volke in Fleisch und Blut übergehen. Adolf, Hitler sei i,edem Einzelnen großes Vorbild für nationalsozia­

listisches Streben. Nationalsozialismus sei zu einer neuen Lebensauffassung geworden.

Nicht mit Programmen sei die Volksge­meinschaft aufzubauen, sondern nur mit Hilfe der schöpferischen wirkenden Kräfte. Nicht der Jnteressenpolitiker, sondern der schaffende, soziale und heimatgebundene Mensch trage die Volksgemeinschaft. Kein deutscher Mensch dürfe außerhalb dieser Volksgemeinschaft stehen. Die Gemeinschaft dürfe aber nicht nur bei Festen in Erscheinung treten, sondern sie müsse sich vor allem in der Not beweisen.

Der Mensch müffe wieder von der Lei­stung und vom Ausmaß des Dienens und des Opferns für die Gemeinschaft her in seinem Wert beurteilt werden.

Die Front der schaffenden Menschen sei auf­gerichtet worden im Interesse der Gesamtheit. Die soziale Frage sei nie die Angelegenheit eines Einzelnen. Nicht Tarifvertrag und Ur­laub seien das Wesentliche, sondern die Ar­beitsleistung für die Allgemeinheit. Alles was arbeite, werde in der Arbeitsfront zusammen­geschlossen. Der Unternehmer dürfe beim ständischen Ausbau des Reiches ebensowenig außerhalb stehen, wie der Arbeiter.

Arbeit müsse mehr sein als bloße Existenz­möglichkeit.Arbeit" undArbeiter" müßten Ehrentitel werden. Der Arbeiter sei der Trä­ger der deutschen Zukunft. Deshalb habe jeder ein Recht darauf, aber auch die Pflicht, Teil zu nehmen an der Aufbauarbeit in der Ge­meinschaft. Kunst und Kultur sollten fördernd eingeglieücrt werden in das Ethos unserer Zukunft. Die Zukunft aber hier spreche er besonders zur Jugend sei abhängig von der gegenwärtigen Generation.

Der junge und juuggeblicbene Mensch trage die deutsche Zukunft.

Die Jugend werde einst eine freie deutsche Wirklichkeit erleben. Der Nationalsozialismus allein sichere die Fortdauer der deutschen Exi­stenz.

Arbeit, Wohlfahrt und Wehrmacht seien die drei hauptsächlichsten Faktoren, auf denen sich deutsche Zukunft aufbauen müsse. Die Frau werde im Ringen um die völkische Zukunft ihre ureigenste Aufgate zu­gewiesen erhalten. Notwendigkeit sei es, daß die Frau als Mutter in unserem Volke wieder zu höchstem Ansehen gelange. Noch stehe man mitten im Kampfe um nationalsozialistischen Geist. In Deutsch­land dürfe es nur noch deutschen Geist geben, wenn das deutsche Volk Bestand haben wolle. Der Kampf des deutschen Volkes um seine innere und äußere Freiheit, sein Kampf um die Befreiung von fremdem Geiste werde Vorbild sein für andere Völker.

Der Glaube an Adolf Hitler habe alle bisherigen Schwierigkeiten überwinden helfen. Der Glaube an ihn führe auch in die Zukunft. (Lebhafter Beifall.)

Nachdem der 1. Vertrauensmann, Pg. Schwarz, noch einige geschäftliche Mitteilungen zur Kenntnis gegeben hatte, wurde die Versammlung mit einem dreifachenSieg-Heil!" auf den Dolkskanzler Adolf Hitler und mit dem gemeinsamen Gesang des Horst-Wessel-Liedes geschlossen.

Oer Sprengstoffdiebflahl in Lindenfels.

WSN. Weinheim, 26. Aug. Unter dem Verdacht, mit dem Lindenfelser Spreng­st o f f d i e b st a h l in Verbindung zu stehen, wurden einige junge Leute aus den be­nachbarten Ortschaften Birkenau und Mörlen­bach verhaftet, die sich verdächtig gemacht hatten.

Zwei Techniker wegen Betnebsspionage verhaftet. WSN. Worms, 26. Aug. Zwei Leder- techniker, die zum Nachteil einer großen Wormser Lederfabrik B et r i e b s s p : o n a g e getrieben haben, sind von der Staatspolizei ermittelt und f e st g e n o m m e n worden.

Oie Offenbacher Straßenbahn wird billiger.

WSN. Offenbach, 27. Aug. Nach dem Vor­bild von Mainz ist jetzt auch die hiesige Stadtver­waltung daran gegangen, die Fahrpreise für die Straßenbahnbenutzung herabzu- senken, die allgemein schon lange als zu hoch empfunden werten. Bei Fahrten auf Einzelfahr- fcheine können künftig für 15 Pfennig drei anstatt bisher zwei Teilstrecken gefahren werden. Fahrten über acht Teilstrecken, die bisher 35 Pfennig koste­ten, werden auf 25 Pfennig herabgesetzt. Die Min­dereinnahme, die diese Tarifsenkung zur Folge ha­ben wird, glaubte die Stadtverwaltung durch Mehr- benutzung der städtischen Verkehrsmittel seitens der Bevölkerung ausgleichen zu können.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

(Eine Bitte an den Stadtrat

Einsender dieses möchte hiermit eine Herab­setzung der Straßenbahnfahrpreise anregen. Es wird vorgeschlagen, die Einzelfahrt auf 15 Pfennig, die Kärtchen für fünf Fahrten auf 50 bis 60 Pfennig und das Monatsabonnement auf 7,50 Mark zu ermäßigen. Eine stärkere Benutzung würde ohne Zweifel die Folge fein. Es wird in die­ser Hinsicht auf Marburg verwiesen. C. H.

Buntes Allerlei.

Oie stillste Großstadt der Welt.

In allen Großstädten wird jetzt mit mehr oder weniger Eifer und Erfolg der Kampf gegen den Lärm geführt. Bisher glaubte Paris in diesem löb­lichen Bestreben, so weit Europa in Betracht kommt, an der Spitze zu marschieren. Aber nun ist es von Budapest überflügelt worden. Die Stadt rühmt sich, seit kurzem zur stillsten aller Großstädte geworden zu sein, und sie verdankt diese Segnung den un- ertoarlet erfolgreichen Maßnahmen, die die Polizei

in letzter Zeit durchgeführt hat. Es hat sich gezeigt, daß mindestens 40 Prozent jener Alltagsgeräusche, die in den Straßen zu hören waren, vollkommen überflüssig sind. Am ersten Tage, an dem die neuen Verordnungen gegen den Lärm in Kraft traten, wurden an die 120000 Personen von den Schutzleuten verwarnt, weil sie ihre Hupen ungeniert ertönen ließen oder ihre Stimmen zu einer übertriebenen Lautstärke steigerten. Aber bei dieser Verwarnung blieb es nicht, sondern nach ein paar Tagen wurden die Unbelehrbaren, die sich weitere Attentate auf die Gehörnerven ihrer Mitmenschen erlaubten, ausge­schrieben und mit recht empfindlichen Geldstrafen belegt. Das wirkte, und seitdem hat sich der Lärm ganz außerordentlich verringert. Die Krastwagen- fahrer machen von ,hren Hupen den bescheidensten Gebrauch, die Motorradfahrer haben bei ihren Ma­schinen Dämpfungsvorrichtungen angebracht, und die Karrenführer, die seit ewigen Zeiten ihr monoto­nes Gebrüll in den Straßen erschallen ließen, sind jetzt ebenfalls vorsichtiger geworden. Sie stellen noch den größten Teil der ^Übeltäter, und 69 von ihnen wurden in drei Tagen den Richtern zur Aburtei­lung vorgeführt.

Sonnenfinsternis in Indien.

Die jüngste Sonnensinsternis war in verschiedenen Teilen Indiens besonders gut sichtbar und tief unter der Bevölkerung eine große Aufregung hervor. In Rangun, wo sich die Himmelserschemung in ihrer un- heimlichenStimmung stark bemerkbar machte,rotteten sich groheMenschenmengen zusammen und waren nur schwer zu beruhigen. 3n Bombay gestaltete sich der Tag zu einer Art Feier, denn die Hindus glaubten, sich von den unheilvollen Einflüßen reinigen zu müs­sen, die nach ihrem Glauben durch die Verdunkelung des Gestirns hervorgerusen werden. Viele Tausende tauchten ihre Leiber in die Fluten des Meeres, sofort nachdem die Verfinsterung vorübergegangen war.Da- bei ertrank ein Knabe. AuchänKalkutta badeten große Scharen von Hindus, um sich zu reinigen.

Eine neue Zeitung nur gegen eine alte.

Die Papiererzeugung befindet fich in Rußland in einem immer kritischer werdenden Zustand. Die Menge, die im ersten Halbjahr 1933 in den Goto- jet-Papierfabriken hergestelll wurde, lag um 40 Pro­zent unter der, die in der gleichen Zeit 1932 auf den Markt kam. Man hat einige Direktoren zu Sünden- böcken auserkoren, entlasten und sogar wegen .Sabo­tage" vor Gericht gestellt. Aber das nützt wenig. Man muh daher zu anderen Sparmaßnahmen grei­fen, die zum Teil sehr merkwürdiger Aatur sind. So haben die Behörden in Leningrad wegen deS Mangels an Packpapier den Zeitungs Händlern besoh" len, daß sie neue Zeitungen nur dann verkaufen dürfen, wenn der Käufer dieselbe Menge an altem Zeitungspapier vorher abliefert. Es ist gleich, was er für eine Zeitung bringt, nur die Papiermenge muh dieselbe sein, und es muh natürlich für die neue I Zeitung der volle Preis bezahlt werden, dec erst | kürzlich verdoppelt worden ist.

Vor der Ergenversorgung Deutschlands mit Betrr'ebshrennsioff?

Bedeutende Fortschritte unserer chemischen Großindustrie.

Im Haus des Vereins Deutscher Ingenieure in Berlin sprach dieser Tage Dr. Pier- Oppau vor Mitgliedern der Technisch- Literarischen Gesellschaft über das Thema Technische Probleme der Hydrie­rung" und machte dabei Aufsehen erregende Mitteilungen über die E i g e n v e r s o r g u n g mit flüssigen Betriebsbrennstof- f e n. Er führte u. a. aus:

Die schnell fortschreitende Motorisierung der Verkehrsmittel in den letzten Jahrzehnten hat den Bedarf an flüssigen Brennstoffen im Ver­gleich zur Kohle stark gesteigert. Die Oelvor- kommen verteilen sich auf relativ wenige Gegenden der Welt, so daß viele Länder, vor allem Deutschland, von der Einfuhr aus dem Auslande fast vollkommen abhängig sind. Die Eigenversorgung mit Oel ist politisch, aber auch schon rein volkswirtschaftlich betrachtet, ein Problem von größter Bedeutung.

Deutschlands Bedarf an den verschiedenen Arten von Motortreibstoffen wird gegenwärtig nur zu etwa 25 Prozent durch heimische Er­zeugnisse gedeckt, die restlichen 75 Prozent müssen importiert werden. In den nächsten Jahren, besonders nach Ueberwindung der Wirtschaftskrise, ist mit einem starken An­steigen des Verbrauchs zu rechnen. Dies gilt besonders für Deutschland; denn Deutschland ist gegenüber der übrigen Welt in der Motorisierung zurückgeblieben. Unsere nationalsozialistische Regierung hat dieser Tat­sache durch gesetzgeberische Maßnahmen weit­gehend Rechnung getragen und die Kraftfahr­zeug-Industrie wesentlich gefördert. Die be­reits erfolgte und noch zu erwartende Zu­nahme der deutschen Kraftfahr­zeug-Produktion wirft die Frage auf, wie weit eine Eigenversorgung mit Mineral­ölprodukten durchgeführt werden kann, und welche Produkte außer dem Leuna -Bcn- zi n aus inländischer Erzeugung hierfür zur Verfügung stehen. Es sind dies:

1. Das als Nebenprodukt der Kokserzcugung anfallende Benzol. Tie Erzeugung stellt sich gegenwärtig auf etwa 200 000 Tonnen, die sich jedoch nahezu verdoppeln ließen.

2. Stein kohlentccr fällt bei der <-tein- kohlcnverkokung in einer Menge von gegen­wärtig rund 1000 000 Tonnen an.

3. An Erdöl betrug die heimische Produk­tion im Jahre 1932 rund 230 000 Tonnen. An eine Deckung eines wesentlichen Teiles des deutschen Bedarfs durch heimisches Erdöl ist nicht zu denken.

4. Durch Schwelen von Braunkohle fallen in Deutschland zur Zeit 225 000 Tonnen Braunkohlenteer an. Durch katalytische Truckhydrierung könnten noch mehrere 100 000 Tonnen Benzin aus Teer erzeugt werden.

5. Tie Benzin- und G a s ö l e r z e ,i - gung aus Braunkohlen- oder Steinkohlen­teer ist indes von einer Grotzkrast- oder einer Kokereierzeugung abhängig.

Für eine vollständige Selbstversorgung mit Oel bedeutet die katalytische Druckhydrierung von Braun- und Steinkohle die idealste Lösung, weil sie, vollkommen unabhängig von fremden Faktoren, sich jederzeit dem Markt­bedarf anpassen kann. Die Technik der K o h l e- oerflüssigung ist gegenwärtig so weit ge­diehen, daß nunmehr an eine Fabrikation in großem Maßstabe herangegangen werden

kann. Der Weg bis zum heutigen Stand war äußerst mühevoll, langwierig und kostspielig.

Nachdem durch Bergins grundsätzlich nachge­wiesen wurde, daß man Wasserstoff an Kohle unter hohem Druck anlagern kann, wurde seit 1924 in den Laboratorien der IG.-Farbenindustrie in Lud­wigshafen an der Entwicklung des Hydrierverfah­rens gearbeitet. Während Bergins ohne Katalysa­toren arbeitete, die Folge davon eine unzureichende und zu wenig regulierbare Geschwindigkeit der Wasserstoffanlagerung war, führten die in Lud­wigshafen mit Katalysatoren (unverändert blei­bende Körper bei einer chemischen Reaktion) unter­nommenen Versuche zu einem Erfolg auf dem Ge­biete der Druckhydrierung, der in ter zu Leuna er­bauten ersten Großoersuchsanlage im Jahre 1927 vollauf bestätigt wurde. Zunächst wurde in Leuna Braunkohle hydriert, hierauf 1929 Braun- kohlenjchwelteer, bann außerdem deutsches Rohöl, und 1932 führten neue Fortschritte der direkten Hy­drierung von Braunkohle zur Wiederaufnahme der Braunkohlenverflüssiguna, die nun auf das Mehrfache der heutigen Produktion ausge­baut wird.

Die technische Durchführung der Hydrierung wird so geleitet, daß nach der Trennung in ein mit Gas dampfförmig übergehendes Produkt und in geringe Mengen flüssig abgezogene, hochsiedende Anteile, letztere weiter in Mittelöl und Schweröl zerlegt werden. Das Schweröl kann durch Rückführung in Mittelöl, das Mittelöl durch Hydrierung in der Gasphase in Benzin übergeführt werden. Die Sumpfphase ermöglicht die Ueberführung von Stein- und Braunkohlenteeren sowie Deien und Oelrückständen in destillierbare Produkte, Gasöl bzw. Mittelöl und Benzin. Durch die Hydrierung wird dabei eine weitgehende Verringerung der Heiz­ölmengen ermöglicht; aus den Rohstoffen kann die größte Ausbeute erzielt werden.

-Die Druckhydrierung in der Sumpfphase kann auch auf Kohle (die als hochmolekulares Oel zu be­trachten ist) angewandt werden. Etwa 95 Prozent der Kohlensubstanz werden hierbei abgebaut. Bei der Braunkoh'enhydrierung erhält man aus einer Tonne Kohlensubstanz etwa 650 Kilogramm Gasöl und Benzin, bzw. dann in der Gasphase 600 Kilo­gramm Benzin. Die Braunkohlehydrierung ist nicht auf die Benzingewinnung beschränkt. Man kann die Hydrierung beliebig gestalten, daß z. B. hochsie­dende Oele entstehen, die man durch nochmalige Hy­drierung in hochwertige Schmieröle ummantelt, so daß z. B. die Braunkohleverflüssigung dieselbe Schmierölausbeute wie von Erdöl liefert.

Neben der Braunkohlehydrierung, die in Leuna technisch in großem Maßstäbe durchgeführt wird, ist die Hydrierung von Steinkohle so weit entwickelt, daß sie nunmehr technisch angewendet werden kann.

Neu ausgebildet wurden ferner Verfahren zur Herstellung von W a s s e r st o f f, die auf der Umsetzung von Braunkohle sowie von Hydrierab- gafen, Kokereigas o. dgl. beruhen.

Nach der Lösung aller dieser Fragen könnte man technisch den deutschen Treibstoffbedarf aus heimi­schen Rohstoffen (Oel, Teer, Kohle) mit Hilfe des von der JG.-Farbenindustrie durchgebildeten Ver­fahrens decken. Für die Herstellung von einer Mil­lion Tonnen Benzin aus Steinkohle sind insgesamt 3,5 Millionen Tonnen Steinkohle erforderlich, das sind nur etwa 2,5 Prozent der jetzigen deutschen Steinkohlengewinnung. Aehttlich liegen die Ver­hältnisse bei der Braunkohlenverflüssigung, wo in­folge des geringeren Heizwertes der Braunkohle entsprechend höhere Mengen erforderlich sind.