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Nr. |Z5 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 29.3ulii953
Das Deutschtum in Ostafrika.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Dodoma, den 3. 3uli 1933.
ilnfere ostafrikanische Studienreise geht nun zu Ende. Hur noch eine Woche, und dann schwimmen wir wieder auf dem Indischen Ozean, südwärts nach dem portugiesischen Deira. Unter den Fragen, auf die ich hier in Ostafrika eine Antwort suchte, waren die wichtigsten die nach dem vorhandenen Siedlungsraum für Deutsche. und die andere nach dem gegenwärtigen Stande des o st afrikanischen Deutschtums. Der Leser wird vielleicht meinen, die Haupt- und Grundfrage sei doch die, ob unsere alte Kolonie als solche wieder deutsch wird. Gewiß, aber dies ist ein Problem, das nur im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der gesamteuropäischen Lage seine Lösung finden wird äleberdies ist die deutsche Einwanderung in das englische Mandatsgebiet Tanganyika im Prinzip unabhängig von der Rückgabe des Landes.
In den vom Völkerbund übertragenen „Mandaten" sollen grundsätzlich alle Rationen gleichberechtigt sein. Im Mandat Tanganyika wird dem wenigstens soweit Rechnung getragen, daß die Siedlungsvorschriften, die Zölle, Steuern, Lizenzen usw. tatsächlich für alle Staatsangehörigen gleich gehandhabt werden. Für öffentliche Arbeiten und Lieferungen allerdings werden Engländer noch sehr einseitig bevorzugt. Viel schlimmer als die Engländer in Tanganyika verhalten sich die Belgier in ihren Mandatsanteil am früheren Deutsch-Ost- afrika, den wertvollen und dichtbevölkerten Hochländern Ruanda und Urunbi westlich vom Viktoria-See. D ort haben Deutsche, entgegen dem ?eltenden Mandatsrecht, überhaupt noch einen Zutritt.
Die Besiedlung ist praktisch abhängig von der Freigabe genügender Landflächen zu Kauf oder Pacht durch die englische Mandatsverwaltung. In dieser Beziehung sind die Engländer so zurückhaltend, daß man, wenn auch nicht von einer völligen Hemmung, so doch von einer merklichen Behinderung des Siedlungswesens sprechen kann. Berkaust wird überhaupt kein Land mehr, das der Verfügung der Behörden untersteht, sondern nur verpachtet, und zwar je nach dem Zweck der Benutzung auf fünf, auf dreiunddreihig oder auf neunundneunzig Iahre. In der Regel übersteigt der Pachtpreis nicht 50 Cents, einen halben Schilling, jährlich für den englischen Acre. Zweiund einhalb Acres machen etwa einen Hektar. Bei wertvollem Land und vielen Liebhabern wird ober der Pachtpreis auch höher getrieben, bis Ju 4 Schilling. Land, das nach dem früheren deutschen Recht einmal käuflich vergeben war (von dem aber die früheren deutschen Besitzer lange vertrieben sind), unterliegt auch jetzt keinen Einschränkungen für Kauf und Verkauf. Es ist nur in der Regel erheblich teurer, als die kapitalisierte Mindestpacht für Regierungsland.
Die amtliche Zurückhaltung in der Freigabe von neuem Siedlungsland gilt gleichmäßig für Engländer, Deutsche oder wer da sonst kommt. Sie ist einerseits bedingt durch die n e g r o - Phile Eingeborenenpolitik der Engländer, die auch in ihrer eigenen Kenya-Kolonie sich zur Zeit einen größeren Vorteil davon versprechen, die Schwarzen möglichst zahlreich und kaufkräftig zu machen, als die Weiße Siedlerbevölkerung zu verstärken: andererseits mag das System damit zusainmenhängen, daß man in England noch nicht weiß, was endgültig aus dem Tanganhika-Mandat wird. Gegenwärtig beträgt die Zahl der Deutschen im Lande schon etwa 2700. Das sind 40 Prozent der gesamten Zivilbevölkerung nach Abzug Der nicht bodenständigen englischen Beamten und Militärs mit ihren Familien. Sobald Siedlungsland in größerem Umfang freigegeben wird, würden sich die europäischen Farm- und Pflanzenunternehmungen sofort stark vermehren, da gutes und gesundes Land no,ch sehr reichlich vorhanden ist.
Mit wenigen, niefct bedeutenden Ausnahmen habe ich alle wichtigeren Pflanzunas- und Siedlungsgebiete des einstigen (und hoffentlich zukünftigen!) Deutsch-Ostasrika besucht. Einige tausend Kilometer Autofahrten im Rorden und Süden, ungerechnet die Eisenbahn, können als Beleg dafür dienen. Ich nenne als besucht im Horden Ufambara, das Kilimandscharo- und Meru- Gebiet, Oldeani, und im Süden die Landschaften von 3ringa, Dabaga, Mufindi, Lupembe. Mbeya, Mbosi. Mir fehlt im Horden mir das schwer erreichbare Uha, östlich vom Tanganyika- See, und im Süden das noch schwerer erreichbare Songea. Auch über diese aber habe ich gute Erkundigungen eingezogen. Fragt man nun, wieviel europäische Familien in diesen Teilen von Ost- afrifa leben können, so ist zu antworten, daß dafür sehr verschiedene Zahlen zu nennen sind — je nachdem, ob man von der Gegenwart, dem jetzigen Stand der gemachten Erfahrungen, den jetzigen Verkehrsverhältnissen, Dahnbauten, Autostraßen usw. ausgeht, oder von einer, sei es näheren, sei es ferneren, Zukunft.
Hach der Anschauung, die ich gewonnen habe, lege ich den Hauptwert auf die südlichen Hochländer, und zwar aus dem Grunde, weil die malariafreien und auch sonst klimatisch begünstigten Landstriche hier einen größeren Umfang haben, als im Horden. 3ch möchte sagen, daß auch, wenn das Land an den sogenannten Riesenkratern, einschließlich des Winterhochlan- des, westlich vom Meru, für die Besiedlung frei- gegeben wird, das Verhältnis der verfügbaren Gesamtfläche im Horden und Süden ungefähr wie 1 zu 2 sein wird. Gegenwärtig ist jeder Ansiedler bemüht, ein möglichst großes Stück Land für sich zu bekommen, Hunderte von Hektaren. Das ist viel mehr, als für Mittelbetriebe — Kaffee, Tee, Obstbau, Getreidebau usw. — nötig ist, aber es ist insofern gut, als damit auch bis auf weiteres für den (Nachwuchs gesorgt ist. Einige tausend Familien könnten, das nötige Kapital von mindestens 30 000 Mk. für die Gründung einer gesunden Wirtschaft vorausgesetzt, ohne weiteres ins Land kommen, sobald die Regierung neue Pachtflächen freigibt.
Adolf Hitler am 1. Mai 1933: „Unser erstes Ziel ist, das Selbstgefühl und das Selbstbewuhtsein in unserem Volk neu zu wecken und dauernd zu steigern!"
Dies Ziel des Führers kann jeder Deutsche in seinem Kreise fördern helfen. Eine besonders wichtige Aufgabe füllt dabei dem deutschen Kaufmann zu: Deutsche Ware, das Erzeugnis deutscher Wertarbeit, unter deutschem Hamen im 3n- und Ausland zur Geltung zu bringen und damit deutschen Volksgenossen Arbeit und Brot zu schaffen. Löst er diese Aufgabe aus freien Stücken, so verdient er sich mit Recht den Ehrentitel eines
„königlichen Kaufmanns".
wie Bismarck ihn verstand- Dazu muh er sich vor allem frei machen von der falschen Auffassung, Kundendienst treiben sei, vor Sr- Majestät dem Kunden auf dem Bauche kriechen und jeder törichten Laune des Käufers nachgeben: er muß vielmehr Vorurteile des Kunden bekämpfen und ihn erziehen- Es gibt eine ungemein törichte, für den Durchschnittsdeutschen bezeichnende Redensart: dies oder das „ist nicht weit her" mit dem versteckten Sinn „folglich taugt es nichts!". Der „königliche Kaufmann" hat hier mit der Erziehung des Kunden einzusehen. Er muh ihm einhämmern, immer und immer wieder:
„Einige tausend Familien" sind aber gar kein Maßstab für die voraussichtliche spätere Entwicklung. Diese hängt davon ab. wie sich das Verkehrsnetz erweitert, wie sich der Absatz nach der Küste, nach benachbarten afrikanischen Gebieten und nach Europa gestaltet, wie die Eingeborenenbevölkerung zunimmt, welche neuen Siedlungszentren entstehen, und nicht zuletzt auch von der Auffindung wertvoller Erzlagerstätten. Wenn sich z. D. das Goldgebiet am Lupafluh im Süden mit feiner Menge anscheinend goldhaltiger Quarzriffe zu einem bedeutenden Minenzentrum entwickelt, so ist damit allein schon für einen weiten Umkreis die Absatzfrage gelöst. 3st einmal ein tüchtiger Stamm von Siedlern vorhanden, so bringen diese, wenn nicht in der ersten, so in der zweiten Generation in immer neue brauchbare Gebiete vor, roden den Urwald und pflügen die Steppe. In denjenigen Eüdgebieten, die wir besucht haben, wohnen gegenwärtig nur einige Hundert deutsche Familien und Einzelgänger, aber Hunderte von Kilometern weit dehnt sich das Land, auf dem man Kaffee- und Teebäume Pflanzen, Weizen und Roggen säen, Kartoffeln bauen, Obst- und Ge- müfefultuten anlegen kann. Ohne genügendes Anfangskapital ist aber die Siedlung in den allermeisten Fällen einhoffnunaslo- fes Beginnen, von dem dringend abgeraten werden muh. Auch die jetzigen Pflanzer und Farmer haben schwer zu kämpfen, weil sie alle miteinander teures Lehrgeld haben zahlen müssen.
Die deullche Gesinnung ist überall gut und auf der Höhe. Um sie aber bet den Kindern, die geboren werden und heranwachsen, fortzuerhalten und zu pflegen, sind deutsche Schulen nötig, und von wichen existieren er st Anfänge, meist in mehr als bescheidenen äußeren Verhältnissen. Es ist einfach Pflicht der verantwortlichen Stellen in der Heimat, dafür zu sorgen, daß deutsche Kinder nicht in Echulhütten unterrichtet zu werden brauchen, während für die Hegerjugend von der Mandatsregierung Schulpaläste gebaut werden. Was soll denn da der Schwarze von den deutschen Kindern denken! Wir haben Bilder gesehen, die kein deutsches Herz freuen konnten, unbeschadet der Hingabe und Treue, mit der die deutschen Lehrkräfte arbeiten.
„Deutsches Können, deutscher Geschmack, deutscher Werkstoff, deutsche Verarbeitung können sich sehen lassen in aller Welt, deshalb wählen wir deutsche Hamen für deutsche Waren. Hüte dich, deutscher Käufer, vor allzu klangvollen ausländischen Hamen: sie sollen, wie dicke Schminke oder schwüler Duft, Minderwertigkeit verdecken, Hochwertigkeit vorspiegeln. Solche Phantasienamen erinnern peinlich an jene Gernegroße, die sich gerne mit Koffern zeigen, vollgepflastert mit bunten Zetteln der vornehmsten (oder wenigstens teuersten) Fremdenstätten der Welt. Ach, laß dich nicht täuschen, ahnungsloser Volksgenosse, die Bildchen kannst du alle in deiner Heimat kaufen. Merk dir's, deutscher Käufer: .deutsche Ware trägt ihren deutschen Hamen als Ehrenkleid!'."
So soll der „königliche Kaufmann" den Kunden erziehen zur Wertschätzung heimischen Gutes und damit zum Selbstbewuhtsein und zum Stolz auf deutsche Art und deutsches Wesen. Denn die überflüssigen und für die meisten unverständlichen und unaussprechbaren Fremdwörter treiben einen Keil in die Volksgemeinschaft, die wir aufbauen wollen. Wer Fremdwörter ohne Hot anwendet, sondert sich ab von der Gemeinschaft: das aber darf es im neuen Reiche nicht mehr geben.
Bildung verpflichtet zum Dienst am Volke.
Zudem enthalten die Fremdwörter oft Fuh-
Deutsche Namen als Wertzeichen für deutsche Waren!
Don A. Ruprecht, Deutscher Sprachverein.
Roman von Helma von Hellermann.
31. Fortsetzung. Nachdruckoerboten!
Still, in ihren Gesprächen ganz in der Vergangenheit weilend, verbrachten sie den Tag. Als Steinherr abends schied, nahm er Wera von Vandros Versprechen mit, ihm in einer Woche nach England zu folgen.
33. Kapitel.
In aller Stille wurden sie in London getraut. Ein paar Minuten in einem nüchternen Amtsgebäude vor einem sehr höflichen Beamten, ein kurzer Besuch auf dem deutschen Generalkonsulat, bei dem der kleine Konsul etwas unsicher seine Glückwünsche anbrachte, da ihm diese schnelle Trauung seltsam und dem Stein- herrschen Ruf unwürdig schien — und Wera hatte den Schritt getan, der das ganze Jahr wie eine dunkle, ferne Drohung über ihr gehangen.
Mit den widersprechendsten Gefühlen betrachtete sie den kostbaren Ring, den Steinherr ihr am frühen Morgen angesteckt. War er nicht das sichtbare Zeichen ihrer Gebundenheit? — Ganz unversehens regte sich wieder der böse Trotz in ihr, der sich weigerte, sich seinem Willen zu beugen. Aber daneben war auch ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, durch eben diesen Willen allen äußerlichen Nöten des Lebens nun ent» hoben zu sein.
Sie aßen allein im vornehmen alten Elaridge- Hotel wo sie gemietet, fuhren dann spazieren im Hyde-Pork, besuchten abends die Oper — was Wera insgeheim begrüßte, denn je weiter dieser Tag vor- schritt, desto beklommener wurde ihr zumute. Wahrend sie in der Loge neben ihrem Gatten inmitten all dem lichtstrahlenden Prunk saß, sah sie: sich im Geist an Georgs Seite durch die Heinen bescheidenen Zimmer des Gartenhäuschens schreiten. Da war sie innerlich nicht erregt und ängstlich, sondern voller Ruhe und seligsten Friedens gewesen. Warum schuf ihr die Nähe dieses Mannes immer wieder solch seltsame Unrast?
Sie streifte ihn mit einem scheuen Seitenblick. Ausgezeichnet sah er aus im Frack, in dem ferne prachtvoll gewachsene Gestalt voll zur Geltung kam.
Es war schwierig, ja unmöglich, sich vorzustellen, daß er einst in seines Vaters Schmiede den Hammer geschwungen. Woher hatte er jene ruhevolle Selbstsicherheit, die Kunst des Disponierens und Befehlens? Gab es wirklich Menschen, denen das Herrentum im Blut lag, wie Georg stets behauptete? Er hatte Magnus Steinherr mehr geliebt und höher geschätzt als den eigenen Bruder...
Ach, nun hatte er ihr grübelndes Betrachten doch gemerkt, trotzdem sie sich blitzschnell abgewandt, und lächelte sie an — recht wie ein Sieger, der sein Ziel erreicht! Und vor diesem Lächeln wich die Frau wieder innerlich zurück und verschloß angstvoll das Tor ihrer Seele. Nicht freiwillig war sie in diese zweite Ehe gegangen, sondern von ihm gezwungen, dessen Namen sie nun trug, und der für sie wohl Freundschaft und Mitleid, aber keine Liebe empfand. Nun, die erwartete er ja auch nicht von ihr.
Ein kleiner, hochmütiger Zug war plötzlich um den feinen Mund, da die junge Frau, den Kops steif in den Nacken gebogen, sortsah, als habe sie der Blick eines Fremden belästigt.
„Trotzkopf!", dachte Steinherr und spurte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg. Aber die kleine, zornige Aufwallung verebbte schnell. Gerade diese Abwehr, dieser Stolz, der sich so schwer ergab, gefielen ihm. Allzu leichte Beute war ihm stets geworden. Um die Liebe dieser Frau mußte man kämpfen: aber besaß man sie einmal, besaß man sie ganz — das spürte er in unbeirrbarer Sicherheit. Die Mühe lohnte sich.
Wieder war das leise, überlegene Lächeln auf dem braunen Gesicht, das Wera so reizte, als Steinherr ihr das große Hermelincape umlegte, mit unfaßlicher Selbstverständlichkeit eine dabei sich lockernde Haarsträhne in den Nacken_ zurückstrich und fragte, ob sie noch ein bißchen ins Savoy gehen wollte. „Ich hätte Lust, noch einen Bissen zu elfen.
„Ja, gern!" erwiderte sie hastig. Irgend etwas, um das, was tarn, noch ein wenig hinauszufchie- ben... Aber es wurde ein zwangvolles Mahl trotz der interessanten Umgebung, der Pracht, die in schreiendem Gegensatz stand zu der großen Not aus der ganzen Welt, und trotz des Ehampagners, den Steinherr bestellte, denn beider Gedanken umkreisten einander und wußten nichts von dem, was um sie war.
Es war spät, als sie wieder ihre Zimmer im
Elaridge betraten, von Werner empfangen, der ordentlich aufgelebt in dieser, seiner und „seiner" gnädigen Frau wirklich würdigen Umgebung. Er nahm die Garderobe über den Arm.
„Depeschen und Briefe sind für den gnädigen Herrn angekommen", meldete er. „Ich habe sie auf den Schreibtisch gelegt. — Wünschen die Herrschaften noch irgend etwas?"
„Nein, danke, Werner! Sie können gehen. Verzeih' einen Moment, Wera!" Steinherr ging an den Schreibtisch, riß die Depeschen auf, sah die Briefe durch.
Wera nickte dem Alten lächelnd zu. Am liebsten hätte sie ihn dabehalten, zum Schutz. Gegen was? — „Ruhe' Was sind das für törichte Gedanken?" schalt sie sich selbst, den Blick fortreißend von der hohen Gestalt, deren Schatten riesengroß an der Wand ragte. Wie gelaßen er war! Fühlte er nichts von der ungeheuren Erregung, die in ihr pulste? Sie hatte ihm ihr Wort gegeben, war feine Frau. Nun zahlte sie die Dankesschuld ab. Es war gut so.
Wieder fand Steinherr, sich plötzlich umwendend, ihre Augen auf sich ruhen. Unruhig flatterten sie nun im Zimmer umher. Da kam er auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände und zog sie, die am künstlich beleuchteten Kamin saß, zu sich empor, daß sie Brust an Brust standen. Hart schlug ihr Herz: er fühlte es deutlich. So viel Angst war in ihr?
Ganz sacht strich er mit der Rechten über das blonde Haar. „Ich danke dir, Wera, daß du meine Frau geworden bist! Es wurde dir schwer, ich weiß es. Aber ich weiß auch, daß der Tag kommt, an dem du ganz zu mir gehören wirst, nicht nur dem Namen nach — und nicht nur aus einem falschen Begriff von .Pflicht' heraus."
„Ich bin bereit, Magnus!" Die Stimme versagte den Dienst.
,3a, ja, kann ich mir schon denken, großmütig waren die Wettern stets!" lächelte er, ihr Gesicht zwischen feinen Händen emporhaltend, daß feine Augen auf sie herniederbrannten. „Aber damit bin ich nicht zufrieden, kleine Gräfin. Alles oder nichts!"
Er riß sie an sich. Sie fühlte feine Küsse auf ihrer Stirn, ihren Wangen, ihrem Munde. Wie Feuer glühten feine Lippen.
So plötzlich ließ er sie los, daß sie taumelnd einen Schritt zurücktrat, strich sich über die Augen.
„Geh, Kind, ich wünsche dir ein« gute Nacht!
angeln und Fallstricke, durch die auch der Gebildete leicht einmal zu Fall kommt. So lieft kürzlich einmal der Berichterstatter einer großev Zeitung die Händler auf „mit einem eigen* gezimmerten Bretter chasiS versehenen" ehemaligen Autodrofchken zur Markthalle fahren. Er meinte natürlich Karosserie. Wer schlicht deutsch vom Fahrgestell oder Rahmen und vom Ausbau oder Wagenkasten spricht, dem kann so etwas nicht zustoßen.
Ein paar nur aus der Fülle von Beispielen, bU auf Schritt und Tritt zeigen, wie gedankenlos manche deutsche Kaufleute sündigen. Ein Remscheider bietet seine Ware an als „die besten deut- schen Rasierklingen" — auf der Schachtel aber stehl „Razor Blades . Ein deutscher Bergsteiger nennt sein Buch (und sein Verleger ließ es zu) „Ma bella Engiadina". cs ist in deutscher Sprache für deutsche Leser geschrieben: ob sich's einer zu kaufen getraut? — Da läßt ein deutscher ©crocrblcr eine neue Licht- bildkammer sich selbst einführen: „Ich bin Sonny Boy! ... eine Spitzenleistung deutscher (!) Technik!" Tief beschämend aber ist es, daß uns Deutschen erst der Versailler Schandspruch den französischen Na- men für ein deutsches Erzeugnis verbieten mußte, den „Cognac", das wir, wenn es hier im Lande her- gestellt ist, nur als „Weinbrand" bezeichnen dürfen.
Ganz besonders verbreitet sind fremde Bezeichnungen im Bekleidungsgewerbe. Da hat ein führendes Geschäft seine Modenkarte geteilt in „deutsche" und „ausländische" Erzeugnisse. Aus der deut- schen Seite tragen nur die beiden billigsten Stoffe deutsche Bezeichnungen, dann aber prunken da: Percale piqul, Tolle laoable, Viyella-Flanell, Cr(pe Marocain, Crepe Mongole, Tolle rai)£ Satin und so endlos weiter. Gottlob gibt cs auch schon Ansätze zur Besserung: so haben sich in der letzten Zeit einige deutschbenannte Erzeugnisse den Markt erobert wie Affenhaut, Mooskrepp, Borkenkrepv, Ackerfurche, Papageienschotten, Noppenrips, Hahnentritt, Hammerschlag: auch das gute alte Züchen ist wieder aufgetaucht. Dagegen plustert sich der Zitz jetzt als Chintz gewaltig auf, und wir beziehen damit die Couche, hinter der sich die alte deutsche Gautsche schamhaft verbirgt. Genua davon, in jedem Schaufenster, in jeder Anzeige findet man Beispiele in Hülle und Fülle.
hier muß die deutsche Frau mithelsen. wißt ihr, deutsche Frauen, durch deren Hönde ein gewaltiger Teil des deutschen Volkseinkommens geht, nicht, welche Macht damit in euren Händen Hegt? Näht sie aus, lehnt waren mit ausländischen Namen ab, auch wenn sie euch in die Augen stechen.
Es darf nicht sein, daß deutsche Kaufleute sich darauf berufen können, ihr verlangtet ausländische Ware, die teurer ist nicht wegen ihrer Güte, sondern weil hohe Fracht und Zölle darauf ruhen. Wißt ihr es nicht, deutsche Frauen und auch ihr, deutsche Männer, wie deutsche Erzeuger euch überlisten müssen, um ihre gute deutsche Ware los zu werden, wißt ihr nicht, daß Krefelder Seiden nach Frankreich, Lausitzer Tuche nach England geschickt werden, um dann, zweimal mit Fracht und Zoll belastet, als teure Lyoner Seide und echt englische Anzugstoffe mit klingenden Namen nach Deutsch- land zurückkehren? Ein französischer oder englischer Geschäftsmann, der das seinen Landsleuten zu bieten wagen würde, er wäre seines Lebens nicht mehr sicher.
Ihr aber duldet das, ja ihr zwingt deutsche Gewerbetreibende durch eure Vorurteile zu solcher Täuschung: denn tun fie's nicht, laßt ihr sie und mit ihnen deutsche Arbeiter kalten Herzens hungern.
Tausend Hirne, tausend Hände regen sich jetzt schon im Bekleidungsgewerbe, für Herbst und Winter Neues zu ersinnen und zu erzeugen. Möchten sie dabei auch der deutschen Sprache die Ehre geben, die ihr gehührt, zur Stärkung des Volks- bewußtseins, zur Schaffung wahrer Volksgernein- schäft. Wenn aber bis zum Winter sich keine Besse- rung zeigt, in diesem wie in anderen Gewerben, bann wird der gesunde Teil des Volkes Mittel und Wege finden, kurzerhand zu beseitigen, was gegen Ehre und Selbstgefühl eines wieder erwachten Volkes verstößt.
Deutsche Kaufleute, setzt eure Ehre darein, hier freiwillig Wandel zu schaffen!
Geh!" Seine Stimme war rauh vor Erregung. Aber da sie, erschrocken, unsicher, was zu tun, auf demselben Fleck verharrte, verließ er rasch das Zimmer.
34. Kapitel.
Die plötzliche Heirat Magnus Steinherrs bildete das Tagesgespräch in D. Wer war die Glückliche, die ihn dauernd zu fesseln verstanden? Daß es der Kalesso gelingen würde, hatte niemand gedacht, die war ja nun auch mit ihrem Dollarkäsemann nach Amerika abgereist. Wer war die jetzige Frau Steinherr? Die lakonische Anzeige verriet nur den Na- men: geborene Gräfin Wettern. Na ja, ein Mag- nus Steinherr konnte sich getrost mit bem ältesten Adel verbinden, sein Name galt mindestens eben- soviel, wenn nicht mehr, in der Welt von heute. Jemand sah im Gothaischen nach da stand ihr Name: geboren 1905. Also fast siebenundzwanzig Iahre alt, verheiratet gewesen mit einem Trlt.-z Georg Friedrich Volkmar von Dandro, gestorben 1929. Aha, eine Witwe! Ob sie auch reich war? Höchstwahrscheinlich, die Wetterns schienen alle recht begütert.
Aber noch ehe das Paar von der mehrwöchigen Hochzeitsreise zurückgekehrt, hatte es findige Neu- gier herausgebracht: die Gemahlin Magnus Steinherrs war die Witwe seines Chauffeurs. „Wissen Sie nicht, der schlanke, blonde Mensch, den Stein- Herr immer Doktor nannte?"
Das war ein pikanter Bisten für phantasiebegabte Leute. Man konnte es kaum erwarten, diese junge Frau Steinherr gründlich in Augenschein zu nehmen.
Aber als Magnus Steinherr seine Gemahlin ge- leaenllich eines ihnen zu Ehren gegebenen Abendessens zum ersten Male in die Oesfentlichkeit eines großen Kreises einführte, als er mit ihr am Arm den Salon betrat, verstummten die raunenden Stimmen mit einem Schlag.
„Donnerwetter", entfuhr es da dem alten Geheimrat Hollenberg, „das ist ja eine Königin!" Alle Hälse reckten sich. Und unter dem Druck dieser fi$ umwitternden allgemeinen Neugier hob Wera Steinherr das blonde Haupt ein wenig höher un- hatte, ohne es zu wissen, wieder jenen kleinen, abweisenden Zug im zarten Antlitz, den ihr Mann schon an dem Kinde bemerkt, sobald etwas ihm mißfiel. (Fortsetzung folgt.)


