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29.3.1933 Erstes Blatt
 
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Mittwoch. 2Y.Mrzl<)33

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Gberhefseni

Nr. 75 Zweites Blatt

Jugend und Hochschule.

Segelflugschule Soffitten.

Bon Per (Schwenzen.

Das Tegelflugwesen ist in Deutschland eine neue Jugendbewegung geworden. In Scharen strömt die Jugend beiderlei Geschlechts, aller Klassen, Studen­ten, Schüler, Junglehrer und Arbeiter dem Segel­fluggelände zu. Eine Nation lernt dasABC. der Luft. Auch ich hatte den Jkaruswunsch der Menschheit lange in tiefer Brust getragen und wollte mich in die Luft hineinbuchstabieren. Dor den Segelflugschein haben die Götter nämlich d r e i Prüfungen gesetzt, dieA", dieB" und die C". DieA" setzt einen Geradeausflug von min­destens dreißig Sekunden mit Ziellandung ooraus, dieB" fünf 8 Kurven bei jeweils einer Minute Flugdauer, dieC" einen Segelflug von fünf Mi­nuten Dauer mit Startüberhöhung. Dann erst wird dieamtliche C", mit theoretischem, mit mehrstun- digem Segeln am Hqng, mit Schleppflügen in die Aufwinde der Gewitterwolkenbildungen hinein, an­gesteuert. Der L-Flleger, der erst wirklich fertig ge­backene Segelflieger, rückt ein in die Reihe der Luftpioniere, die in ihren langen Segelflügen über Land, am Hang, in den Wolkenrimmer den Zweck- finn erfliegen, weitere Erkenntnisse zu sammeln über die Flugdienlichkeit atmosphärischer Lorgange und Flugeignung der verschiedenen Konstruktionen.

Bis dahin ist ein steiler Weg wenigstens wenn man die einigen hundert Hanglängen ausrechnen würde, die der Schüler, mit feinen Kameraden an das Treckseil gespannt, die .Liste", den Zögling, wie der zur Schulung verwandte Typ heißt, den steilen Dünenhang hinanzieht. Der Dünensand, der uns hier in dem Segelfluggelände von R o s s i t t e n bei Bruchlandungen so viel sanfter empfängt, als jeder andere Boden, zahlt es uns beim Aufstieg wieder heim bis an die Knöchel watet man, und die Räder des Startwagens quiet­schen müde und drehen sich träge im heißen Sand ...

*

Um sechs Uhr ist Wecken. Dqs Lager erwacht. Dor den Baracken stehen die Rekruten der Luft, Reichs­wehr, Marine, Studenten, Lehrer, Schüler, und gießen sich gegenseitig einen Eimer Wasser über den Kopf. Ich blicke durch das Fliegengitter meines Fensters und sehe die Wäscheleine zwischen unserer und der Nachbarbaracke schwanken. Neben die Socken des Studienrates hat sich ein riesiger Falter geletzt, er bewegt leise die gelben Schwingen ...

Um sieben Uhr wird das letzte Frühstücksbrot und die letzte Blechkanne vom Kantinentisch ge­räumt. Darum rasch etwas Frühstück faffen, bevor die einzelnen Gruppen unter ihren Fluglehrern sich vor der Halle versammeln. DieKisten" werden herausgetragen, auf den Startwagen gehoben, Tru- delbecher, Startseil, Trimmgewicht, Wasserkanne, Startfahnen alles da? Los! Acht Mann am Zugseil, zwei am Spannschloß, einer am Schwanz so geht es durch die Sandwege zwischen den Bir­ken dahin die steilen Dünenhänge hinan bis zur Höhe, wo der Südwest, von der Ostsee kommend, mit frohem Ansprung über die helle Dünenzunge der Kurischen Nehrung hinweg und aufs Haff hin­aussetzt ... Früh morgens um sechs Uhr schon war ein Mann mit Windmesser auf den Hang geschickt worden. Sieben Sekundenmeter, ein guter Schulwin d".

Die Fluglehrer mit dem Fähnchen ziehen etwa hundert Meter vor der Gruppe her, um einen gün­stigen Startplatz zu wählen: je nach Windrichtung und -Stärke wechselt die Starteignung der einzel­nen Dünenkuppen, und triumphierend bohrt der zu­erst Gekommene seine Fahne in den Sand wie Cortez das Banner des Abendlandes in indianische Erde! Der Sturzhelm, im JargonTrudelbecher genannt, wird aufs kühne Haupt gedruckt, der Pilot wird auf den Sitz geschnallt, Querruder, Hohen- und Seitensteuer werden ausgeglichen und die Kom­mandos fallen:Ausziehen laufen

los!" Innerhalb einer Sekunde wird das katapult- artig in die Luft gerissene Flugzeug durch die Gummiselle auf 30 bis 40 Stundenkilometer Ge­schwindigkeit im Wind gebracht, und diese olötzliche Beschleunigung ist zunächst ein großes und etwas verwirrendes Erlebnis. Es gilt, sich im Sekunden­bruchteil zu sammeln, den Steuerknüppel mit mi­nimalen Ausgleichsbewegungen zu handhaben. Der Anfängergurkt" oft wie einesauere Pflaume" in der Luft herum. Seltsamerweise hat er vor der altgewohnten Erde zunächst mehr Angst als vor der Höhe undüberzieht" das Flugzeug leicht. Drücken, drücken!!" schreit der entsetzte Fluglehrer, dessen Maaen mit den Kurven seines Zöglings auf und ab geht. Drücken das erste und letzte Gebot! Auf Fahrt fliegen", wie es heißt, nie vergessen, daß fein rettender Motor die Kiste mehr aus der Fahrtflaute herausreißt. Gefährlich wird es erst dann, wenn der Spanndraht nicht mehr pfeift.

Hier wollen wir gleich das Prinzip des Segel­fluges erläutern, um der häufigen erstaunten Frage zu begegnen:Wieso kann ein Flugzeug ohne Mo­tor steigen?" Es kann nicht steigen. Es kann immer nur in einem mehr oder weniger günstigen Gleitwinkel avwärts schweben. Es gilt zum eigent­lichen SegelflugAnschluß an die Auf­winde" zu finden, d. h. in einer aufwärts steigen­den Luftschicht zu kreuzen. Die Geschwindigkeit des Luftauftriebes minus der Fallgeschwindigkeit des Flugzeuges ergibt dessen effektive Steiggeschwindig, feit. Herrlich, d e r e r st e F l u tz, der einen auch nur für einige zwanzig Sefunben in die Luft entführt.

Man ahnt gar nicht, wie lang eine Sekunde ift Heraus und herunter, falsches Steuer hier, zuviel Querruder da, und man fliegt wie ein trunkener Schmetterling durch die Gegend, um mit vernehm­lichem Krach eine in Sandwolken verhüllte Lan­dung vorzunehmen. Aber in überraschend kurzer Zeit hat alles sich eingeflogen und steuert auf die nächsten Prüfungen los.

Doppelt und dreifach ist der Gewinn eines Auf­enthaltes in der Segelfliegerschule Ros- fitten. Nirgends kann der Geist besser ausspan- nen als in dem gesunden, sportlich stählenden Flugdienst. Nichts läßt den Alltag so vergeßen wie der kameradschaftliche Geist solcher Ge­meinschaft, die Studienrat und Tertianer ans selbe Schlepptau spannt und beiden das Mesier zum Kartoffelschälen in die Hand drückt.

Und dieses Leben hat auch feinen eigenen Humor mit einer Skala imaginärer Verbrechen, wie etwa von der falschen Seite ins Flugzeug ein- oder aus­steigen, falsche Begriffsanwendung in der fliegeri­schen Sprache usw. So wird eine Kasse gefüllt, ja, es wird mit demTrudelbecher" von den zuschauen­den Schlachtenbummlern gesammelt, um den täg­lichen Schokoladenkonsum zu garantieren. Wilde Wettrennen mit der Maschine hangabwärts, um als erster wieder am Schuppen zu fein und der anderen Gruppe das Einhängen der Tore zu überlassen. Lieber werden Ströme Schweißes hier im Wettlauf vergossen, als ein Tropfen bei dem weit weniger anstrengenden Einhängen der Tore.

Abiturienten ziehen ins Werkhalbjahr.

Erste Fahrt ins Lager. - Dom Geist des FAD.

Seit Monaten schon rumorte es in der Ober- i prima. Einer fragte den andern:Arbeitsdienst- Pflicht. We khalbjcihr, s eiwillig'.r Arteitsd.enst was wird man mit uns machen, wenn wir glück­lich durchs Abitur sind?"

Dis die Verlautbarung amschwarzenBrett Gewißheit über dasFreiwillige Werkhalbjahr gibt.

Lebhafte Diskussionen entstehen unter den Schülern. Hin und her wogen die Meinungen ...

Freudig wird in diesem Meinungsstreit eine Anregung des Studentcnwerkes ausgenommen, die die Abiturienten einlädt, ein Arbeits­dienstlager zu besichtigen.

Die Frühlingssonne strahlt auf die blassen Ge­sichter der dreißig Primaner, von denen die mei­sten erst in den letzten Tagen ihr Abitur gebaut haben. Unsere kleine Kolonie biegt von der stau- bigen Landstraße ab und nähert sich einer fla­chen Holzbaracke, an der zuerst die schweren Cisengitter vor den großen Fenstern auffallen. Wir stehen vor dem- Arbeitslager.

Die Primaner betreten den Tagesraum. Die Dretter, die die Wände bilden, sind mit blauen und weihen Farben angemalt. 3n der Mitte des Raumes hängt eine Petroleumlampe. Ein paar Schränke sind aufgestellt, auf denen Koffer liegen.

Etwas schüchtern setzen sich die Jungen auf die Bänke, die aus Holzleisten zusammengeschlagen sind. Herrgott, denken sie, das ist ja alles noch viel primitiver, als sie es sich vorgestellt haben.

Jetzt hören sie, was ein Führer aus dem Frei­willigen Arbeitsdienst ihnen berichtet.

Das Werlhalbjahr bedeutet: Wir Jungen wollen uns daran machen, eine Drücke zwi­schen den Schichten unseres Dolkes zu bauen! Wenn wir im Werkhalbjahr gemein­

sam mit dem Arbeitersohn schuften und leben, wenn wir Schlaf und Mahlzeit, Freuden und Sorgen miteinander teilen, dann lernen wir uns auch kennen und gegenseitig verstehen.

Ihr kommt also nicht etwa in reine Abi­turienten- oder Studentenlager! In jedem Lager dürfen höchstens 33 Prozent Intellektueller" sein.

Jetzt liegt es noch am Geld, daß unsere Ar- beitslleidung aus alten Schupo-Uniformen, Eisen- bahncrjacken und ahnl'chem zusammengestoppelt ist, und daß dieses Lager in einer Daracke untergebracht wurde, in der bis vor kurzem noch besserungsfähige Zuchthäusler hausten. Aus dieser Zeit stammen die schweren Eisengitter an den Fenstern.

Aber wenn wir auch mehr Geld zur Verfü­gung hätten, an der Primitivität wird sich nichts ändern! Wir schlafen wie ihr scht hier nicht in feinen 'Betten, sondern auf S t r o h - sacken, und am Morgen ist keine Mutter oder Lina da, die alles in Ordnung bringt. Aber der Führer paßt schon auf, daß das richtig ge­macht wird. Denn grade wir, die wir später führen sollen, müssen lernen, uns unterzuord­nen!

Selbstverständlich sind auch die Mahlzeiten ge­nau so einfach. Die kochen wir uns hier draußen selber. Aber satt wird jeder! 3n meinem Lager haben sogar fast alle zugenommen.

Gearbeitet wird sechs Stunden. Am Nachmit- tag sind Unterrichtsstunden, Dorträge und Dis­kussionen.

Nachdem ihr vier Monate in einem solchen Lager zugebracht habt, werdet ihr in andere Lager kommen, in denen durch Geländesport und Unterricht die Dinge gelehrt werden, die zur körperlichen Ertüchtigung unserer Na» tion und zur Pflege des Wehrgedankens uner­läßlich sind.

Nehmt die Jugend ernst!

Bon Professor Dr. jur. W. Hoffmann?

Daß Knaben im allgemeinen mehr zu selbstän­digem Denken und Handeln neigen als Mädchen, wird allen Eltern bekannt sein. Wenn sie außer­dem ihren Sohn mit Altersgenossen vergleichen, so werden sie auch hier wieder deutliche Unter­schiede bemerken. Es wird einige geben, die itm an Sicherheit und Festigkeit des Wesens utertref. fen, während andere unsichere und unzuverlässige Kameraden lind. Auf diese Weise gewinnen die Eltern zugleich einen Maßstab, wie ihr eigener Sohn einzuschätzen ist. Das Maß von geistiger Selbständigkeit, womit wir bei der Eyarakterlzil- dung zu rechnen haben, ist nämlich ebenso wie viele andere Charakterzüge stark abhängig von ter angeborenen Veranlagung. Das heißt aber nicht, daß dem Erzieher jeder Einfluß auf die Charakterbildung entzogen sei, wie gele­gentlich behauptet worden ist. Wo es an entspre­chender Veranlagung fehlt, kann allerdings auch die sorgfältigste und liebevollste Erziehung nach­träglich nichts mehr hinzusügen. Hingegen wnnen auch die besten Anlagen unter ungünstigen Beten- gungen verkümmern oder fehlgeleitet werten. An dieser Stelle hat also die Charaktererziehung un Elternhause einzusehen. .

Es ist sehr wichtig, daß ter Erzieher bei ten in diesen 3ähren unvermeidlichen Zusammenstotzen nicht ten Humor verliert. Aber erzieherischen Einfluß können wir auf die 3ugend nur gewinnen, wenn sie nicht bloß ein Vein von uns hort, son­dern wenn wir auch etwas an ^0601 QSefen te- jahen können.V immmich ernst! sagt ter Sohn in Hasenelevers Drama zum Vater.

Wenn man es auch vor ter 3ugend nicht gern eingesteht, so mache man sich einmal klar, wie 3ugenb, namentlich in unserer Zeit, bestehen könnte, wenn sie nicht ein gut Teil Wag e m u t und Frohsinn mitbrächte. Daran sollte man immer denken, wenn man über den Leichtsinn und Uebermut ter 3ugend schilt. Der Drang n ach persönlicher Selbständigkeit, der sich in ten Entwicklungsjahren bemerkbar macht, hat zu anderen Zeiten viel weniger Erziehungsschwie-

) Entnommen dem im Verlag von D. G. Teub­ner in Leipzig und Verlin erschienenen Duche: .Die SIeg c 11 a br c (Kart. 1,80 Vif.), in dem ter bekannte Leipziger 3ugendpshchologe Erfah­rungen aus seiner reichen Praxis mitteilt, besorgte Eltern beruhigt, treffliche Ratschläge erteilt

rigleiten bereitet. Durch die Eigenart unserer Kul- turver^iltnisse sind heute dem 3ugendlichen die Möglichkeiten zur Entfaltung persönlicher Selb- ständigkeit sehr eng begrenzt. Er bleibt meist in seiner wirtschaftlichen Existenz vollkommen vom Elternhaus abhängig, unb dadurch ist er auch in allen übrigen Lebensfragen bis zur Gestaltung seines geistigen Seins und seines Berufs gebun­den. Darin liegt eine ungeheure Gefahr für die Charakterbildung. Sollen die ersten Ansätze zur persönlichen Selbständigkeit nicht verkümmern oder fehlgeleitet werden, so müssen die Eltern dafür sorgen, daß in irgendeiner Weise Ersatzwege ge­schaffen werten.

Es ist bemerkenswert wie gerate die wirt- schastlicheAbhängigkeitin diesen Fahren als Zwang empfunden wird. Daran ändert auch ter soviel gerühmte Zug der Fügend zum Idealis­mus nichts. Gelegentlich werden ganz törichte Diebstähle begangen, für die sich fein anderer Grund finden läßt, als für Augenblicke sich von diesem seelischen Zwange zu befreien. Ich erinnere an ten Fall, wo ein Jugendlicher seinen Eltern wiederholt Heine Geldbeträge entwendete und über diese Neigung ganz verzweifelt war. Das mag ein Ausnahmefall fein. Immerhin sind Heine D'eb- stähle als erstes Anzeichen der Neifejahre keine Seltenheit. Davon abgesehen wird die wirtschaft­liche Unselbständigkeit jedenfalls mehr oder weni­ger Har als bedrückend empfunden, was allerlei Spannungen zum Eltemhause schafft. Ein bei Ju­gendlichen besonders beliebtes Gesprächsthema geht dahin, was sie sich alles anschaffen wollen, wenn sie erst Geld verdienen. Die ungünsti­gen Derufsaussichten in ter Gegenwart nehmen daher heute der Fugend viel an geistiger Schwungkraft.

Was die Eltern demgegenüber als erzieherisches Gegengewicht einsetzen können, ist verhältnismäßig wenig. Um so sorgfälliger sollten daher diese kleinen Mittel und Wege bedacht und ausgenuht werden. An erster Stelle ist das Taschengeld zu nennen. Selbst unter den bescheidensten Ver­hältnissen sollten hierfür wenigstens einige Pfen­nige übrig bleiben. Für einen jungen Menschen bedeuten diese Pfennige unendlich mehr. Mag es auch noch so wenig sein, was er laufen, sparen, schenken kann, er tritt damit doch schon selb­ständig ins Wirtschaftsleben ein. Wenn Eltern gelegentlich sagen, daß ihr Sohn bereits alles zum Leben Notwendige von ihnen erhalte und er sich nur zu melden brauche, falls er besondere Wünsche habe, so kann das nicht das Taschengeld ersetzen. Wesenllich ist. daß eine festgesetzte

Summe gegeben wird, damit der Fugendliche da­mit rechnen lernt. Der erzieherische Wert des Taschengeldes wird jedoch vollkommen auf- gchoben, wenn gleichzeitig genaue Kontrolle über seine Verwendung geübt wird. Dies soll eben fein kleiner persönlicher Machtbereich bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß es einmal zu einer Näscherei oder Kinderei vertan wird. Treibt er es gar zu toll, verwendet er es für Schund­literatur, schädigt er feine Gesundheit, dann ist es besser, das Taschengeld eine Zeitlang ganz zu sperren, bis die Manie überwunden ist.

Was Spiel-Kinder leisten.

Ergebnisse der Intelligenzprüfung.

Die Erkenntnis neuer psychologischer For­schungen, daß das Kind im Alter von fünf Fahren am eindruckfähigsten und dieser Zeitpunkt seiner Entwicklung der bedeutungsvollste ist, hat dazu geführt, daß man die Fünfjährigen und ihre gei­stigen Aeußerungen mit besonderem Fnteresse ver­folgt und prüft. So hat man in manchen Kinder­gärten, meist unsichtbar für die Kinderaugen, feine Drahtgitter in die Mauer des Spielzimmers ein­gefügt, durch die die Kleinen beim Spiel beob­achtet werden können. Daneben werden auch 2 n- telligenzprüsungen vorgenommen,- dis aber stets den Charakter eines Spieles haben. S- wird in einer Art Frage- und Antwortspiel das wissenschaftliche Versuchsobjekt aufgefordert, sechs Gegenstände, wie z. D. einen Stuhl, Tisch, Vleiftift, eine Gabel, ein Pferd und eine Puppe durch Angabe des Zweckes, dem sie dienen, zu be­stimmen. Gelingt es dem Heinen Prüfling, alle sechs Fragen richtig zu beantworten, so wird dies als ein Zeichen besonderer Intelligenz angesehen, während vier richtige Antworten von Durch- fchnittsbegabung zeugen. Eine wichtige Rolle spie­len auch die Gedächtnisprüfungen. Zu diesem Zweck werden drei vierstellige Zahlen dem Kinde langsam vorgesprochen und einmal wieder­holt. Dann sollen sie von ihm richtig wieder- gegeben werden, gewiß eine gar nicht so leichte Aufgabe! Es gilt daher schon als ein ganz be­friedigendes Resultat, wenn die Fünfjährigen auch nur eine oder zwei der Zahlen sich gemerft haben, und die fehlerlose Wiedergabe aller drei Zahlen beweist ein besonders gutes Gedächtnis.

Dei vielen Prüsungsarten muß das Kind seine Fähigkeiten im Z e i ch n e n zeigen: es soll z. D. auf dieser Altersstufe imstande fein, ein Quadrat, das nur drei Seiten aufweist, durch

Das Werkhalbjahr kostet nichts. Ihr müßt lediglich die Hälfte des Fahrgeioes zum Lager zahlen: die Rückreise wird voll vergütet. Außer­dem gibt es für jeden Tag 20 Pfennig Taschengeld, die man sich auch gutschreiben und am Ende ausbezahlen lassen kann.

Es kann jedem von uns heute passieren, daß während des Studiums plötzlich ter väterliche Wechsel ausbleibt. Wenn ihr im Werkhalbiahr eure Kräfte gestählt und euren Körper gebrau­chen gelernt habt, dann wird die Arbeit fiU das tägliche Mittagessen im Falle der Falle leichter gehen.

Vorhin yat einer von euch gesagt, er tonne nicht das halbe Iahr opfern, die Zeiten seien so schweb und ungewiß. Wer aber monatelang kör­perlich gearbeitet hat. kommt mit einem ganz anderen physischen und geistigen Kräftevorrat auf die Universität oder in seine Arbeitsstelle.

Eure Schulzeit ist um. Da sollte jeder einmal mit dem Paulen Schluß machen und sich ein biß­chen den frischen Wind des Lebens um die Ohren sausen lassen. So ganz nebenbei: wahrend ihr Gräben buddelt oder Felder planiert, werdet ihr hier draußen zwei Dinge lernen, mit denen ihr auch durch die dreckigsten Situationen noch durchkommen könnt:

Jede Arbeit befriedigt nur. wenn Sie Sinn Hal. Iede Arbeit hat Sinn, die der V o l k s g e me i ri­sch af t dient!

Die gemeinsame und freiwillig übernommene -ar­beit schafft Kameradschaft, überwindet alle Standesunterschiedc. Unb solche Kameradschaft ge­hört zu den schönsten Dingen, die das Leben uns geben kann!"

Wir gehen zwanzig Minuten über freies Feld. Dann stehen wir an einem Bach: die Arbeits- stelle ist erreicht.

Der Führer berichtet, daß dieses Wässerchen all­jährlich im Frühjahr mächtig anschwoll und die Wiesen und Felder unter Wasser fetzte. Die umlie­genden kleinen Landwirte hotten nicht die nötigen Mittel um den Graben vertiefen und verbreitern zu lassen. Jetzt hat der Freiwillige Arbeitsdienst diese Arbeit übernommen.

Eine Kolonne von zwanzig braungebrannten Jun­gen steht in hohen Schupostiefeln halb im Wasser und schippt. Andere laben bie fette, schwarze Erbe, bie aus dem Flußbett geworfen wirb, in Loren; Dämme finb errichtet worben, bas Lanb wird pla­niert. An der Böschung wirb man Rosen säen. Hun­dert Meter weiter oben hat bie Kolonne aus Ze- mentbögen eine Drücke über das verbreiterte Fluß­bett gebaut. Alles unter der fachkundigen Leitung eines Kanalmeisters.

Hier ist mein Spaten? Will mir nicht einer von euch bie Arbeit wegnehmen?", ruft lachend einer ber braungebrannten Burschen ben Primanern zu. Die finb noch innerlich so mit ihrem Cicero beschäf­tigt, baß sie es sich gar nicht recht vorstellen können, nun auch selbst halb hier zu stehen unb zu schippen.

*

Jetzt, auf der Heimfahrt, sind die Primaner end­lich aufgetaut.

Halbes Jahr ist viel zu wenig!", ruft einer.Man muß sich doch erst einleben. Das ist doch alles viel zu kurz!"

Ja, Werkhalbjahr ist nur 'ne halbe Sache. Werk­jahr wäre viel besser. Aber es ist doch wenigstens ein Anfang!"

Nur die faulen Säcke die bleiben natürlich auch hier zu Hause. Wie immer!"Die werden auch noch ran müssen. Paß auf, nächstens kommt noch das Werkjahr als Pflicht. Da kann sich bann keiner mehr brücken!"

Aber freiwillig ist doch viel schöner. Wenn erst alle müssen, bann finb auch gleich Cliquen da."

Unb bie Kameradschaft, in ber wir ba draußen leben wollen, das wird ja doch das Schönste vom ganzen Werkhalbjahr fein!7 P- E.

Hinzufügung ter vierten zu ergänzen, ein Drei­eck nachzuzeichnen und einen annähernd erkenn­baren Menschen auf dem Papier erstehen zu lassen. Auch darf bei einem normal entwickel­ten Kind bei der Prüfung des Farbensinns, die tn der Weise erfolgt, daß es die auf einer Karte, vorkommenden blauen, weißen, roten, grünen und gelben Flecken mit ten richtigen Namen bezeichnen soll, nicht mehr als ein Fehler Vorkommen.

Sehr beliebt ist bei den SUeinen die folgende Prüfung, die zugleich einen Maßstab für bie Schärfe des Auges, des Verstandes und der Ur­teilskraft bietet: Ein aus steifem Papier ausge­schnittener Fisch von etwa sechs Zentimeter Länge mit einem das Auge vorstellenden Loch von einem Zentimeter im Durchmesser wird aufrechtstehend befestigt. Das Kind erhält einen dünnen Stock von ungefähr 20 Zentimeter Länge, mit dem es den Fischangeln soll, indem es ihn ins Auge trifft Zu dieser Uebung, die abwechselnd mit der rechten und mit der linken Hand ausgeführt wird, sollen im ersteren Fall nicht mehr als 15, im zweiten höchstens 30 Sekunden gebraucht wer­den. Gelingt der Fang des Fisches in kürzerer Zeit, so beweist das große Genauigkeit in der Entfemungsschätzung.

Bei einem Kind von fünf Jahren soll der Zer­störungstrieb geringer sein als die Lust am A u f & a u e n. Je mannigfacher die Bauten sind, die es aus einer Schachtel voll Bausteinen zu gestalten weiß, desto vorgeschrittener in der Ent­wicklung ist es, während ein zurückgebliebenes Kind die Steine wirr durcheinander wirft. Zur Prüfung der Charakterstärke und der Verstandes­kraft wird dem Kind ein Bild gezeigt, auf dem z. B. nur eine Kuh zu sehen ist, und es wird gefragt:Sieh mal, da ist auch ein Mann auf dem Bild, ist es nicht so? 3n ähnlicher Weise wird noch bei drei anderen Bildern eine Täu­schung versucht, und wenn das Kind sich in keinem dieser Fälle irreführen läßt, so beweist es da­mit Beobachtungs- und selbständige Urteilskraft. Zustimmung in allen Fällen läßt auf ein geistig beschränktes Geschöpf schließen. Am lustigsten sind die Prüfungen des Humors. Komische Bilder werden vorgewiesen, und wenn der kleine Be­schauer dann in Lachen ausbricht, wird er gefragt was denn eigentlich auf dem Bild komisch ift Die Antworten werden natürlich sehr verschieden aus­fallen: im allgemeinen soll aber ein Kind auf dieser Altersstufe so vorgeschritten sein, daß e8 in vier von fünf Fällen die Ursache seiner Hei­terkeit angeben kann. D.S.