Ausgabe 
27.9.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 226 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Mittwoch, 27.8eptember 1953

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den An­zeigenteil i. D.TH.Kümmel sämtlich in Gießen.

Randnoten.

Wie in grauer Vorzeit die germanischen Stämme zu ihrem Thing, ihren großen Volksversammlungen zusammentraten, so 'werden am Tage des Erntedankfestes auj allen Gauen, aus dem entlegenen Osten, aus den Marken des Bayernlan­des, vom Rhein und der Elbe, aus dem Herzen des Reiches ebenso wie den Randgebieten viele, viele tausend deutsche Bauern an einer uralten ger­manischen Thingstätte, auf dem Bückeberg bei Hameln, zusammentreten. Sie werden wie einst oon Mann zu Mann einen Gedankenaustausch pflegen, der Süddeutsche wird dem Volksgenossen aus dem Norden die Hand reichen, sie werden von ihren Nöten und Sorgen, von Vergangenem und Künftigem sprechen, sie alle werden aber den Wor­ten des Kanzlers lauschen, der zu ihnen kommt, um mit ihnen Gott für den reichen Erntesegen dieses Jahres zu danken, um ihnen aber auch das Selbst- bewußtsein wieder zu wecken, das so manchem Mann, der hinter der Pflugschar geht, in den letz­ten Fahren geschwunden ist. Wurde doch die Kluft zwischen Stadt und Land immer tiefer, ging doch die Achtung vor dem Nährstand immer mehr zurück. Der Landmann fühlte sich ^urückgesetzt, in ihm wich langsam die Freude am Beruf, das Vertrauen in das eigene Ich, der Glauben an seine Sendung. So wie sich der schaffende Städter am 1. Mai wie- derfand, so wird am 1. Oktober durch den Kanzler den Sendboten des deutschen Bauernstandes ver­kündet werden, daß von nun ab das Bauern­tum nicht nur Teil des Volksganzen, sondern wie­der festester Unterbau unseres Volkes ist, aus dem ihm täglich neue Kräfte erwachsen, der aber auch ohne Unterlaß zu schützen und zu sichern ist.

Nicht ohne Grund ist für das Bauernthing der 8 ü d e b e r g gewählt worden, liegt doch zu seinen Füßen ein Stück deutschen Bodens, das so recht der Ausdruck bäuerlichen Willens und bäuerlicher Schaffenskraft ist. Kein Fleckchen Erde ist hier un­bebaut, stolze Gehöfte mit Familien, die seit Jahr­hunderten auf ihrer Scholle sitzen, liegen über das Land verstreut. Ein Menschenschlag sitzt hier zu beiden Seiten der Weser, dem eine unendliche Le­benskraft innewohnt, der stets von neuem Söhne und Töchter an die Nachbarstädte und Industrie­gegenden abgeben muh, weil Neuland nicht mehr vorhanden ist. So sorgt der deutsche Bauer aller Gaue schlechthin mit seinem Blute dafür, daß die Städte nicht veröden. Erlahmt die Kraft des deut­schen Bauern, dann kommt das gesamte deutsche Volk zum Erliegen. Gerade darum ist das Treffen auf dem Büchlberg von ungeheurer nationaler Be­deutung, weil die Bauernoertreter die Worte und Mahnungen des Kanzlers in ihre Heimat bringen, damit sie hier wieder auf fruchtbaren Boden fallen. Und so wird und soll es alljährlich sein. Stets bleibt das Erntedankfest ein sichtbares Zeichen der Stärkung und Pflege des Bauernstandes, der un­ermüdlich für die Erneuerung unseres Volkes sorgt, dessen althergebrachte Ueberlieferungen, Sitten und Bräuche nicht verloren gehen dürfen, sondern der Nation erhalten bleiben müssen und der bis in seine letzten Fasern oon dem hohen Gedanken durch­drungen werden muß, daß er nicht um feiner selbst willen da ist, sondern durch seine natürliche Ver­bundenheit mit dem Boden höchste nationale Auf­gaben zu erfüllen hat.

*

Der geistige Kampf um den neuen Staat kann sich nicht auf Gleichschaltung und Ueberwachung beschränken. Das sind äußere Behelfsmittel, die vorübergehend angewandt werden können, die aber abgelöst werden müssen durch die geistige und sitt­liche Erziehung im Sinne der nationalen und sozialen Erneuerung. Der Staat kann nicht zulassen, daß die Lebensströme, die die Gesittung des deut­schen Volkes im ganzen, wenn nicht bilden, so doch stark beeinflussen, sich selbst überlassen bleiben. Zu diesen Lebensströmen gehören die Schaubühne, das Schrifttum, die Presse, der Rundfunk, sowie die Musik und die bildende Kunst. Die Mittel zur Er­fassung der Lebensströme sind durch den ft ä n b i f d) e n Aufbau gegeben, also durch die Ein­gliederung und Einoronuna in den Gesamtbereich des neuen Staates. Aeußerlich kennzeichnet sich das durch die Errichtung von Sonderkammern für das Schrifttum, für die Schaubühne, für die Musik, für die bildende Kunst, den Film und die Presse. Diese Sonbertammern werden überwölbt von einer R e i ch s k u l t u r k a m m e r , von der aus die Richtlinien für die geistige und seelische Er­neuerung gegeben werden.

Die Erneuerung ist aber nicht so gedacht, daß die Sonderkammern und die Reichskulturkammer dies und jenes verhindern oder anregen, sondern diese Kammern haben vielmehr die Aufgabe, alle Men­schen, die im geistigen Bereich des Volkes tätig sind, mit dem Gedanken und dem Willensgut des neuen Staates zu durchdringen. Der geistige Kämpfer und Erzieher muß mit dieser Aufgabe aus Ueberzeugu rg und Erziehung verbunden fein, muß in sich fühlen, was dem deutschen Volke und dem neuen Staat frommt. Der Einfluß, der von diesen geistigen und künstlerischen Lebensströmen ausgeübt wird, ist so mannigfaltig und vielgestaltig, daß er in irgend­einer Form an das Volk heraytri11. Wo der Einfluß des Schrifttums oder der Presse auf- Stören, kann der Einfluß der Schaubühne, des Rund- unks, des Films sowie der Musik und der bilden- en Kunst einsetzen. Auch der umgekehrte Weg ist möglich, aber in dem einen wie dem andern Falle ist das Ergebnis auf die Willensbildung sowie auf öie geistige und seelische Gesittung des ganzen Vol­kes unvermeidlich. Aie Schule erfaßt zwar ein­drucksvoll die Heranwachsende Jugend, aber der geistige Einfluß, dem das deutsche Volk nach der Schule ausgesetzt ist, kommt aus den ßebensftrö-

Künstliche pause in Genf.

Die Generalaussprache in der Völkerbundsversammlung verschoben Niemand will den Anfang machen.

Genf, 26. Sept. (TU.) Das Präsidium der Döl- kerbundsoersammlung hat heute in längeren grund­sätzlichen Verhandlungen den Verlauf der Hauptaussprache erörtert, in der die Groß­mächte alljährlich große politische Erklärungen ab- geben. Da offiziell keine Wortmeldungen Vorlagen, ist die ursprünglich auf heute nach­mittag festgesetzte Hauptaussprache auf Mittwoch nachmittag verschoben worden. Es besteht in leitenden Kreisen der Eindruck, daß die Eröffnung der Hauptaussprache auf Schwierigkeiten stößt, da zunächst noch keine von den Großmäch­ten die Neigung hat, in der gegenwärtigen schwie­rigen internationalen Lage grundsätzliche Erklärun­gen abzugeben. Das bisherige Arbeitsprogramm mußte daher geändert werden. An Stelle der ur­sprünglich vorgesehenen Vollversammlung tritt der Rechtsäusschuß zusammen. Die Wahlen zum Völker oundsrat sind auf Montag fest­gesetzt.

Ein holländischer Antrag auf Behandlung der Flüchtlingsfrage ist auf eine der nächsten Sitzungen des Präsidiums verschoben worden. Em neuer Plan sieht vor, die Flüchtlingsfrage über­haupt nicht im Rahmen des Völkerbundes zu be­handeln, sondern zwischen Deutschland, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich, Tschechoslowakei und Polen direkt. Man erklärt, daß es sich nur darum handeln könne, die technische S e i t e , die Unter­kunft und Versorgung der deutschen politischen Flüchtlinge zwischen den Mächten zu erörtern. Die Gesamtzahl der politischen Flüchtlinge aus Deutsch­land wird mit 50 000 angegeben, von denen 27 000 in Frankreich und 4000 in Holland sein sollen.

Ein Ausschuß des Völkerbundes beschäftigte sich mit der geplanten Ratsreform und beschloß, die Ratssitze zunächst vorläufig um einen z u erhöhen, um den Staaten, die nicht einer besonderen politischen oder geographischen Gruppe angehören, die Möglichkeit einer besseren Vertretung zu geben. Die Zustimmung des Völker­bundsrates und der Bundesversammlung ist erfor­derlich.

Besuche bei der deutschen Abordnung.

Genf, 26. Sept. (TU.) Von zuständiger deut­scher Seite wird mitgeteilt: Zwischen dem polnischen Außenminister Beck, dem Reichsaußenminister Freiherrn oon Neurath und dem Reichs­propagandaminister Dr. Goebbels fand Diens­tagmittag eine Zusammenkunft statt, die Gelegen­heit zu offener Aussprache über die deutsch-polni­schen Fragen bot.

Ferner stattete im Lause des Nachmittags der Schweizer Bundesrat Motta, der Führer des Departements der auswärtigen Angelegenheiten, den beiden deutschen Reichsministern einen Besuch ab. Hierbei kam es zu einem freundschaftlichen Gedankenaustausch über die allgemein politischen und die schwebenden deutsch-schweizerischen Ange­legenheiten. In den späten Nachmittagsstunden statteten sodann der italienische Unterftaatsfretretär des Aeußern, Suvich, uni) der Kabinettschef Mussolinis, Botschafter Baron Aloisi, dem deutschen Außenminister einen Besuch zu einer längeren Unterredung ab. Es wird angenommen, daß es sich dabei um eine Fortsetzung der letzten Abrüstungsbesprechungen handelte. Daran anschlie­ßend stattete Staatssekretär Suvich Reichsminister Dr. Goebbels einen Besuch ab.

Vertreter der Saarbevölkerung bei Reurath und Dr. Goebbels.

Genf, 26. Sept. (WTB.) Reichsaußenminister Freiherr von Neurath und Reichsminister Dr. Goebbels empfingen eine Abordnung

vonVertretemderSaarbevölkerung, die die beiden Minister über die augenblickliche Lage im Saargebiet und die verschiedenen aktuellen Fra­gen eingehend unterichtete. Die Vertreter der Saar- bevolkerung haben ihre Anwesenheit in Genf dazu benutzt, mit führenden Persönlichkeiten anderer Län­der und des VölkerbundssekretariatsFühlung zu neh­men. Der deutsche Außenminister hat andererseits heute auch den Präsidenten der Regierungskommissivn des Saargebietes Knox empfangen.

pariser Gorgen.

Beunruhigung über die italienische Initiative.

Paris, 27. Sept. (WTB. Funkspruch.) In den Meldungen der Pariser Presse aus Gens wird vor allem davon gesprochen, daß die Italiener mehr und mehr die Rolle des Vermittlers übernehmen.Petit Parisien" schreibt, man könne zwar nicht von einem italienischen Plan sprechen, jedoch fänden Sondierungen statt, um zu versuchen, dem Äon- trollsystem sein [tarres Oe präge zu nehmen, d i e Bewährungsfrist abzu- kürzen und die Vernichtung von Kriegs­material zu beschleunigen. Diese Sondie­rungen hätten bei Franzosen undEnglän- dem keine günstige Aufnahme gefunden.

Frankreich halte an dem Grundsatz fest, daß nicht ausgerüstet werden dürfe und die Kon­trolle wirksam bleiben müsse.Matin" er- klärt, es sei eine große Annäherung zwischen der französischen und englischen These erzielt worden. Man habe sich aber über die Ausführungsbestim­mungen noch keineswegs geeinigt. Die Auffassung der englischen Regierung von der Kontrolle weiche sehr merklich von der französischen ab.

Der Genfer Sonderberichterstatter desIntran- s i g e a n t" schreibt, England tue gerade so, als ob es sich nur um eine deutsch-französische Streitfrage handele und als ob es den Versailler Ver­trag nicht mitunterzeichnet hätte. Italie­nischerseits habe man nie besondere Sympathie für den Völkerbund gezeigt, und wenn man heute hinter den Kulissen behaupte, Italien werde irgend etwas unternehmen, so könne es sich nur um einen Vorstoß in der Reoisionsfrage handeln. Der Viererpakt habe das bestimmte Ziel, die Ser- träge zu ändern. Italien versuche, außerhalb des Genfer Rahmens seine Tätigkeit fort- zusetzen. Glücklicherweise könne man noch auf die Vertreter der Kleinen Entente rechnen, die genau wüßten, daß alle Gefahr aus Berlin komme, und die deshalb den Frieden im Rah­men der bestehenden Verträge festigen wollten.

Gegen internationale VmnnenverMer.

Oer Stellvertreter des Führers stellt Lügen fest. Ein Hetzer entlarvt.

B e r I i n, 26. Sept. (ERB.) Wie die NSK. mel- bet, gibt der Stellvertreter des Führers bekannt: In einigen Teilen des Auslandes hat sich die gegen Deutschland gerichtete Propaganda neuer­dings der unwahren Behauptung bemächtigt, die NSDAP, erstrebe auf weitere Sicht d i e Ein­verleibung von Teilen der Schweiz, Hollands, Belgiens, Dänemarks usw. So unsinnig die Unterstellung ist, so findet sie nichtsdestoweniger hier und da Glauben. Die Reichs­leitung legt daher Wert auf die Feststellung, daß kein ernsthafter Mensch in Deutsch- l a nd daran denkt, die Unabhängigkeit anderer Staaten auch nur anzutasten.

*

Der Genfer Sonderkorrespondent derFrank­furter Zeitung" befaßt sich in einem Bericht an seine Zeitung mit der im Ausland verbreiteten Ansicht, Deutschland habe einen Plan zum, Einmarsch in die Schweiz ausgestellt. Er führt dazu aus: Leider hat sich die Schweizer Presse mit diesem angeblichen Plan ernsthaft auseinander- |

gesetzt, ohne auf den ersten Blick die Bedeu­tungslosigkeit zu erkennen. Wie man weiß, war cs derPetit P a r i s i e n", der gleichzeitig mit einem Warschauer Blatt diese Hetzerei ver­öffentlicht hat. Ihr Verfasser zeichnet mitAugur" und ist das übelberüchtigte Redaktionsmitglied der LondonerTimes", Herr P o l l i a k o f f. Dieser Herr Polliakoff ist ein in diplomatischen Dingen versierter Russe, der vor nicht allzu langer Zeit nach langen Bemühungen die englische Staatsange­hörigkeit erlangt hat, aber nichts anderes ist, als ein notorischer Handlanger für poli­tische Aktionen, die keineswegs eng­lischen Ursprunges sind und die dem Ge­schmack der englischen Oeffentlichkeit widersprechen. Wir glauben, daß dieser Hinweis genügen könnte, um die leider sehr stark betroffene öffentliche Mei­nung der Schweiz darüber aufzuklären, daß es sich bei dem Polliakoff'schen Plan um eine Arbeit han­delt, die man-besser in denPapierkorb ge- warfen hätte.

Oie Sowjetunion weist die deutschen Zeitungskorrespondenten aus.

Berlin, 26. Sept. (WTB.) Wie bekannt, wur­den Vertreter kommunistischer und so- zialistischer Zeitungen zu dem Reich s- tagsbrandprozeß in Leipzig nicht zu- gelassen, da auf Grund des Verhaltens der Zeitungen dieser Richtungen bereits vor Beginn des Prozesses eine objektive Berichterstattung nicht er­wartet werden konnte. In Verfolg dieses grund­sätzliches Ausschlusses sämtlicher kommunistischer und und sozialistischer Zeitungen konnte auch den Vertretern der Sowjetpresse die Teil­nahme am Leipziger Prozeß nicht ermöglicht

werden. Zwei Vertreter der Sowjetpresse In Berlin begaben sich trotzdem nach Leipzig, wo sie sich verdächtig machten und infolgedessen am 22. d. M. festgenommen, bereits aber nach einigen Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Die Tatsache, daß trotz der Nichtzulassung zum Leipziger Prozeß diese beiden Journalisten sich nach Leipzig begaben, kann nur als bewußte Umgehung einer Maßnahme, die im Interesse einer objektiven Be­richterstattung über den Reichstagsbrandprozeß von den zuständigen Stellen getroffen worden war, ge­wertet werden.

men, denen wir nicht einmal unmittelbar ausgesetzt zu sein brauchen, um dennoch unmittelbar ihre Wir­kung zu spüren.

'Die Gestaltung der Sonderkammern sowohl wie der Reichskulturkammer ist dem R e i ch s m i n i - sterium für Volksaufklärung und Pro­paganda übertragen, das damit zu seinen vielen anderen Aufgaben wohl die schlechthin w i ch t i g ft e und entscheidende für den geistigen und po­litischen Aufbau des deutschen Volkes erhält. Viel ist auf dem Gebiet geistiger Beeinflussung in der November-Republik gesündigt worden. In den ersten Nachkriegsjahren hatten Schaubühne, Schrifttum, Film und bildende Kunst einen sittlichen Tiefstand erreicht, der vom Ausland als völliger Verfall des deutschen Volkes bezeichnet wurde. Die deutsche Presse, soweit sie außerhalb der Reichshauptstadt erschien, machte im großen und ganzen eine Aus­nahme, sie blieb sich ihrer Pflicht bewußt, die Ueberlieferung zu bewahren, um das deutsche Volk für die sittliche Erneuerung vorzubereiten.

*

Gleichzeitig mit der Eröffnung der 14. Jahres­versammlung des Völkerbundes findet in dem rumänischen Königsschloß S i n a i a eine Zusam­menkunft der leitenden Staatsmänner der Klei- nen Entente statt, die durch die Anwesenheit des jugoslawischen und rumänischen Königs noch eine besondere Note erhält. Das Zusammentreffen der beiden Ereignisse ist keine zufällige Erscheinung.

Vielmehr bedeutet es eine bewußte Demonstration gegen diejenige internationale Konstitution, auf die die Staaten der Kleinen Entente ihre Hoffnungen konzentriert haben, darüber hinaus aber auch gegen den großen westlichen Schutzherren der Kleinen Entente.

Seit ier Diskussion um den Viermächte - Pakt konnte man eine deutliche Verstimmung vor allem in Prag wahrnehmen. Es war schon damals interessant zu sehen, daß ein so besonders eifriger Verfechter der Völkerbundsidee, wie Dr. Benesch, rund heraus erklärte, die Genfer Insti­tution interessiere ihn nur insoweit und solange, als der dortige Kurs sich mit feinen eigenen politi­schen Zielen decke. Man wirft in Kreisen der Kleinen Entente der französischen Regierung vor, sie zeige in allen die Nachfolgestaaten betreffenden Fragen ein zu großes Entgegenkommen italieni­schen Wünschen gegenüber. Umgekehrt hat man von französischer Seite kürzlich in Prag feine Unzu­friedenheit darüber ausgesprochen, daß die Tsche­choslowakei zum deutsch-österreichischen Problem eine zu wenig entschiedene Stellung einnehme.

Angesichts dieser Auseinandersetzung soll nach dem Wunsch Beneschs die jetzige Konferenz in Sinaia d i e Selbständigkeit der Kleinen Entente sowohl Frankreich als auch Italien gegenüber bekunden und festlegen. Es soll dabei offenbar auch mit größerer Schärfe, als gegen­wärtig vom offiziellen Frankreich geschehen kann.

den Plänen entgegengetreten werden, die Italien hinsichtlich der Organisation des Donauraums hat und die sich vor allem auf Oesterreich und Ungarn stützen. Die Kleine Entente ist bekanntlich als Bund oer drei Staaten, Rumänien, Jugoslawien und Tschechoslowakei, zur Niederhaltung ungarischer Revisions- und Restaurationsbestrebun­gen gegründet worden. Die Geheimverträge, die auch unter dem im Februar geschaffenen neuen Organisationsstatut fortbestehen, sehen z. B. für gewisse Fälle Truppenzusammenziehungen an der ungarischen Grenze vor. Die gleiche Methode soll nun auch, wie gewisse Wiener Meldungen aus Bukarest besagen, für bestimmte österreichische Eventualitäten ins Auge gefaßt werden.

Solche Pläne würden allerdings einen bedenk­lichen Rückfall in ein machtpolitisches Denken be­kunden, das ausschließlich an dem für eine fort­schrittliche Entwicklung der europäischen Beziehun­gen unfruchtbaren Gedanken vom Sieger und Be­siegten ausgerichtet ist. Die Ideen, die vor allem der nimmermüde Herr B e n e s ch verficht, scheinen trotz weitgehender Interessengemeinschaft der drei Staaten auch auf Schwierigkeiten zu stoßen. Ru­mänien unterhält sowohl zu Italien als auch zu Deutschland freundschaftliche Beziehungen, die es den tschechoslowakischen nicht zu opfern geneigt ift Jugoslawien seinerseits hat kein Interesse an einer Verschärfung der Gegensätze zu Italien.