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27.4.1933 Erstes Blatt
 
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ttr.98 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Donnerstag, 27. April (Y3Z

Oie Entscheidung zwischen Krieg und Frieden.

Oie Kriegsmaschinen -er Kleinen Entente.

Don unserem Berichterstatter Or. Hans Schrott lDachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Belgrad, im April 1933.

Der Heine Verband wollte niemals abrüsten, fürchtete aber immer, dazu gezwungen zu werden. Er sah die Friedensdiktate und seine ganze natür­lich vom südöstlichen Standpunkte aus hocherfreu­liche Vormachtstellung schwer bedroht. Dabei war er aber nicht nur gegen Deutschland, Italien und England in der Klemme, sondern auch gegenüber der eigenen Bevölkerung, deren überwiegender Teil den Frieden wünschte und die Abrüstung sorderte. Er war daher von Anfang an bedacht, die Mittelmächte als grundsätzliche A n g r e i s e r hinzuslellen und griff dabei zu den unglaublichsten Winkelzügen. Schauermären von den deutschen ..Geheimrüstungen", gegen die keine Gegenrüstung stark genug sein könnte, gingen monatelang durch die Presse. Schreckliche Kriegs- Pakte zwischen Berlin und Moskau sollten den frommen Bürger bis in den Grund seiner Seele erschüttern.

Ueberhaupt war die Plumpheit des Schwindels ein besonderes Merkmal der Werbetätigkeit des Kleinen Verbandes gegen die Abrüstung. Auch als man daran ging, eine wahre Kriegs- psychose zu schaffen und die Bevölkerung mit möglichster Kriegssurcht zu erfüllen, bediente man sich der gröbsten Kniffe. Die ganze Aktion wurde offensichtlich vom französischen Generalstabe or­ganisiert, denn die Parallele der Mahnahmen mit Frankreich ist ossenkundig- Wie in Paris ging man u. a. auch in den Hauptstädten der Kleinen Entente daran, die Keller abzumessen. Amtliche Kommissionen erschienen plötzlich mit Zollstäben und Meterbändern in den Häusern und waren wichtigtuerisch und mit größter Hast am Werke, al- stände schon morgen ein Luftbombardement bevor und als mühte man in höchster Eile aus­rechnen, wie vielen friedliebenden Bürgern man vor dem Feinde Schuh in den Kellern gewähren könne. Die Hausbesorger sahen mit gesträubten Haaren dem Wirrwarr der Kommissionen zu und stürzten dann auf die Strafte: Krieg! Wie ein Lauffeuer flog das Wort von Wund zu Munde. Eine nervöse Schreckverwirrung entstand in allen Orten. Die Ausländer wurden zehn- und zwan­zigmal im Tage mit der bangen Frage bestürmt: Gibt es wirklich Krieg? Die große Masse war selsenfest überzeugt, daß esim Frühling los- gche" Die Urheber der Verwirrung rieben sich vergnügt die Hände, denn jetzt hatten sie die Völler für die Abrüstungsverhandlungenpräpa­riert". Jedermann mußte nun verstehen, daß die Kleine Entente angesichts der furchtbaren Ge­fahren keinen Mann und kein Geschütz opfern könnte.

Doch w'.e verhalten sich die Dinge wirllich? Den Deutschen muß es mit Empörung und bit­terer Ironie erfüllen, wenn er die Fahlen Der- gleicht, die die militärische Stärke der enttoaff- neten Staaten und der südosteuropäischen Mächte bestimmen. Die gesamten Cffektivbestände der Tschechoslowakei im Frieden betragen 131 000 Mann, die Südslawiens 185 000 und die Rumäniens 259 000 Mann. Dagegen haben Oesterreich. Ungarn und Bul­garien wir wollen Deutschland aus dem Spiele lassen, weil wir auch Frankreich und Polen nicht erwähnen nur e n Heer von 30 000, 35 000 bzw. 20 000. Dabei ist zu erwähnen, daß Oesterreich. Ungarn und Bulgarien miteinander nicht verbündet sind, wie die Staaten der Klei­nen Entente, und daß sie auch keine militärischen Geheimverträge besitzen wie diese. Es stehen also im Frieden 575 000 Menschen gegen 85 000! Aber dieses außerordentliche Mißverhältnis bil­det nicht einmal den wichtigsten Unterschied. Die Üe6erlcgenftcit der Kriegsmaschi­nen, über die die Kleine Entente verfügt, ist noch unvergleichlich größer, als die lleberlegcn- heit des Mannschaftsstandes. Wie Deutschland

dürfen auch die anderen entwaffneten Staaten kein einziges Bombenflugzeug, kein schweres Geschütz und keinen einzigen Tank be­sitzen. Die Tschechoslowakei hat aber heute schon 2500 Geschütze aller Kaliber bis zu den schwersten Mörsern, Südslawien besitzt davon 2700 und Rumänien 2300. Die wenigen Batterien leichter Feldgeschütze, die den entwasfneten Staaten er­laubt sind, kommen dagegen nicht in Betracht. Ebenso steht es mit den militärischen Flugzeugen. Die ausschlaggebende Bedeutung der Luftwaffe hat die Kleine Entente auch hier zu fieberhaften Rüstungen veranlaßt. Insgesamt verfügt sie über 1200 Luftkampfmaschinen, während Oesterreich, Ungarn und Bulgarien nicht einen einzigen Ap­parat besitzen. Richt anders verhält es sich mit den Tanks. Südslawien hat rund 50, die Tschccho- slowakei etwa 30 und Rumänien 40 gepanzerte und mit Geschützen gespickte Raupenwagen in allen Größen.

Im Ernstfälle würde es sich natürlich nicht nur darum handeln, die oben erwähnten Machtmittel einzusehcn. Denn bisher wurden ja nur die Frie­densbestände aufgezählt. Die Kleine Entente ist aber imstande, ihre Armeen sofort zu verviel­fachen. weil sie über eine ungeheure Zahl

Oos Geheimnis des Kascio.

Don unseremBerichterstatter Or. Hans Mollier Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Rom, im April 1933.

Der italienische Standpunkt zur Abrüstungsfrage ist oft und klar genug in Genf ausgesprochen wor­den. Italien ist bereit, weitgehend bis zu jenem Punkte abzurüsten, der auch von den an­deren Großmächten angenommen wird. Italien hat selbst einen Vorschlag mit Ziffern eingebracht, Ziffern, die sich zu einem kleinen Teile auch in dem neuesten englischen Abrüstunas- plan wiedersinden. Diesem Plane Macdonalds hat es seinerseits bereits als einer geeigneten Ver­handlungsgrundlage zugestimmt.

Dieser äußerlichen Bereitschaft Italiens zur Ab­rüstung, die von niemand angezweifelt werden kann, weiter nachzugehen, ist überflüssig. Dagegen scheint es an der Zeit, einmal wenige Worte über die innere Bereitschaft zu sagen, d. h. über die Ehrlichkeit des italienischen Abrü­stungswillens. Man begegnet in dieser Hinsicht vor allem in frairzösisch beeinflußten und inVöl- kerbundslreisen allerhand Zweifeln, die natürlich aus einer deutlichen Tendenz heraus ausgespro­chen werden. Der Faschismus ist nicht pazi­fistisch im landläufigen Sinne und kann es auch nicht fein. Er erzieht seine Iugend nur in einem Gedanken, nämlich dem daß man dem Va­terlande dienen und ihm das letzte, das Leben zu opfern, bereit sein muh. Eine solche Erziehung der Hingabe an die Gesamtheit bis zum Aeußer- sten muß immer zugleich auch ausgesprochene Wehrerziehung fein, wenn sie nicht eine leere Phrase bleiben will. Zwischen ihr und der Kriegshetze besteht jedoch ein Abgrund. Und es darf von jedem genaueren Kenner der italienischen Verhältn sse aus ehrlichster Ueberzeugung erklärt werden, daß der Geist, der heute durch Italien geht, keinkriegsheherischerist. Die Worte Mussolinis bei der Einweihung der Stadt Litkoria, als er auf die weite, dem Sumpf in zähem Rin­gen entrissene Fläche mit den neuerbauten Kolo­nistenhäusern hinausblickte, sind nicht nur seine tiefste Ueberzeugung gewesen, sondern auch der wirkliche Geist des Faschismus:Dies ist der Kampf, den wir bevorzugen!"

Was unter großen Opfern und in unablässiger, harter Arbeit errungen und geschaffen worden ist, das zu verteidigen wird das faschistische Italien und die faschistische Iugend immer bereit sein. Der Wehrgcist wird sogar in Zukunft noch erstarken. Wer aber in dieser Betonung der völligen Hin­gabe an das Vaterland etwa einen Gegensatz zur

ausgebildeter Menschenreserven und das entspre- chenbe Kriegsmaterial verfügt. Die entwaffneten Staaten mußten die allgemeine Wehrpflicht schon vor 14 Jahren abschaffen, so daß sie über ihre kärglichen Friedensbestände hinaus niemanden haben, den sie ins Feld senden könnten. Eie ver­fügen auch über keine Waffenreserven, die sie allfälligen Freiwilligen in die Hand drücken könnten, damit diese nicht mit Holzprü­geln gegen die ehernen Kriegsmaschinen der Feinde vorgehen müßten. Oesterreich, Ungarn unb Bulgar en zusammen verfügen im Stieben eben­so wie im Konfliktsfalle nur über 85 00) Gewehre! Die Kleine Entente dagegen kann in den ersten Mobilifierungstagen 2 890 000 Gewehre aus Ma­gazinen holen und zwar in der Tschechoslowakei 640 000. in Südslawien 1 400 000 unb in Rumä­nien 850 0C0!! Aber mit all bieten Gewehren, 7500 Geschützen. 1200 Bombenflugzeugen, 120 Tanks und 51 342 Maschinengewehren erklärt sie sich noch immer für bedroht. Dieser syste- matische Mangel an Wahrheitsliebe hat zweifel­los viel dazu beigetragen, die moralischen Grund­lagen zu erschüttern, auf denen die Zivilisation der Welt beruht.

Abrüstungsbereitschaft Italiens sieht, oder wer darin eine Falschheit zu erblicken glaubt, daß die Iungfaschisten militär sch gedrillt werden, während in Genf der italienische Vertreter auf tatsächliche Verminderung der Rüstungen dringt, der zeigt nur, daß er den neuen Geist nicht begriffen hat, der eines Tages erst die Möglichkeit zur wirk­lichen Befriedung Europas schaffen wird. Die furchtbaren Rüstungen Frankreichs und seiner militärischen Verbündeten, durch die jeder andere nicht zur Selbstaufgabe neigende Staat ebenfalls zu schwerer Rüstung getrieben wird, sind der letzte Widerstand des alten Geistes gegen den neuen. Italien sagt ganz klar, daß es die Abrüstung vor allem dishalb wünscht, weil dadurch die Kriegs- , Möglichkeiten verringert, die Möglichkeiten, große Friedenswerte zu schaffen, aber vermehrt werden.

Unsere irrigen Meinungen sind gründlich geändert!'"

D a d - R a u h e i m, 26. April. (WSR.) Etwa 20 Aerzte ausEngland, wovon die meisten ihre Praxis in London ausüben, wellten in den letzten Tagen in einer Reihe westdeutscher Städte. Ihr Besuch galt insbesondere den Badeorten Dad-Rauheim und Bad Ems. Ueberein- stimmend erklärten diese Herren, daß sie von der Besichtigung der deutschen Kureinrichtungen sehr befriedigt seien. Besonders lobenswert fanden sie angesichts mancher Vorurtelle, mit denen sie nach Deutschland gekommen waren, die Haltung der Bevölkerung in allen Orten, die sie kennen lernten. Sie waren über­rascht von der allgemeinen Friedlich­keit und der Freundlichkeit, die ihnen überall begegneten.Unsere irrigen Meinungen", hörte man allgemein mit Ueberzeugung sest- stcllen,sind durch die Anschauung der tatsäch­lichen Verhältnisse gründlich geändert worden."

Ein früherer Frankfurter Polizeipräsident in Hast.

W2N. Frankfurt a. M., 26. April. In der B e st e ch u n g s a f f ä r e des Zentraloerbandes Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, in der sich bereits Kriminalrat M ü h r d e l und Rechtsanwalt Dr. Marx in Untersuchungshaft befinden, ist heute der ehemalige Polizeipräsident Steinberg in Frankfurt a. M. in Polizeihaft genommen worden.

Mens innere MriistmigsbereiWast.

Oer Mann, her hie Arme hob.

23on Kurt Miethke.

Das Auto sauste durch die Rächt. Die Schein­werfer rissen einen leuchtenden Streifen in das Dunkel. Plötzlich schrak Dagmar zusammen. Wit­ten auf der Landstraße stand ein Wann, der die Arme hochhob.

Die Bremsen knirschten. Dicht vor dem Unbe­kannten hielt Dagmar.

.Was wollen Sie?" fragte sie den Wann. Er trug einen zerfetzten Anzug, fein Gesicht war bleich

.Rehmen Sie mich mit, bat er, .retten Sie mich. Ich bin gehetzt."

Dagmar überlegte kurz, dann sagte sie: .Steigen Sie ein."

Er lieft sich neben ihr nieder und als wieder das Surren des Motors ertönte, fragte sie:

.Haben Sie etwas verbrochen?"

.Fragen Sie nicht", bat et. .Jedenfalls schwöre ich Ihnen, daß ich unschuldig bin. Ich bin gejagt, gehetzt, gepeinigt. Wenn Sie mir jetzt nicht Hel­sen bann kann mir niemand mehr helfen."

Dagmar schwieg. Von Zeit zu Zeit warf sie einen schnellen Blick auf den seltsamen Reise­gefährten. Und im Grunde ihres Herzens freute sie sich: denn dies war endlich einmal ein Aben­teuer.

Sie fuhren durch schlafende Dörfer, in denen manchmal ein Hund, geweckt vom Lärm des Mo­tors, wild aufbellte. Und langsam näherten sie sich der großen Stadt.

Als sie die erste Tankstelle passiert hatten, bat er:

Lassen Sie mich jetzt aussteigen."

Sie hielt und er Heiterte aus dem Wagen.

Vielen Dank", nickte er ihr zu.Sie wissen nicht, was Sie für mich getan haben. Ich kann jetzt wieder hoffen."

Ein seltsames Lächeln spielte um seinen Mund, dann war er plötzlich im Dunkel verschwunden.

Dagmar fuhr erregt nach Hause. Als sie den Wagen in der Garage untergebracht hatte, merkte sie, daß einer ihrer Handschuhe fehlte...

Am nächsten Vormittag ließ sich ein Herr Wag­ner bei ihr anmelden.

Sie drehte erstaunt die Visitenkarte in der Hand herum, zuckte mit den Achseln und ließ bitten.

Als der Besucher das Zimmer betrat, fuhr sie mit einem Schrei hoch.

Dor ihr stand niemand anders als der seltsame Passagier vom vergangenen Abend. Er trug einen tadellosen eleganten Anzug, einen riesigen Rosen­strauß in der Hand und machte eine Verbeugung.

Guten Morgen, gnädiges Fräulein", sagte er. Sie starrte ihn mit ausgerissenen Augen an.

Wollen Sie mir nicht erklären?", fragte sie.

Aber gern, war seine Antwort.Ich komme, um mich zu entschuldigen. Erstens, well ich Ihnen ihren Handschuh gestohlen habe ..."

Wie? Sie waren das?

Ratürlich. Ich muhte doch einen Grund haben, Sie wiederzusehen. Und zweitens bitte ich Sie um Entschuldigung, daß ich Sie gestern abend so irregesührt habe."

Sie meinen wohl belogen?

Durchaus nicht. Ich habe die volle Wahrheit gesprochen.

Wie? Sie sind also doch ein Mörder?"

Ich habe nie behauptet, daß ich ein Mörder bin. Ich habe nur gesagt, ich sei gejagt, gehetzt, gepeinigt."

Von wem?"

Fragen Sie lieber von was. 3a, ich bin ge­hetzt von meinet Liebe zu Ihnen, gepeinigt von der Aussichtslosigkeit meiner Leiden'chast gewesen. Seit vielen Monaten verfolge ich Sie, seit vielen Monaten versuchte ich. Sie kennenzulernen. Rie gelang es mir. Da beschloß ich. eine verzweifelte Sache zu tun. Ich wußte, daß Sie am gestrigen Abend auf jener Landstrafte entlang fahren wür­den und danach richtete ich meinen Plan ein. Ich zog alte Kleider an, lieft mich hinausbringen und hielt Eie auf. Erzählte Ihnen wahrheitsgemäß, daß nur Sie selbst mich noch retten könnten, stahl den Handschuh, und nun bin ich hier, um Ihnen meine Entschuldigung, besagten Handschuh und diesen Rosenstrauft zu Füßen zu legen...

Dagmar ging ihm lachend entgegen und schüttelte ihm die Hand.

Vier Wochen später.

Die Verlobten sitzen zusammen im Auto und fahren durch die Rächt.

Wieder kommen sie an der Stelle vorbei, an der sie sich tennengelernt haben.

Hier ist der Platz, wo du mich zum erstenmal gesehen hast", lächelt er glückselig.

Du irrst", erwidert Dagmar lachend.

Wieso?"

Ich kannte dich schon lange. Du hast ja selbst eingestanden, daß du mich seit Monaten verfolgt hattest, in Konzerten, im Theater, in Cafes. Bildest du dir wirklich ein, du wärst mir nicht auf gefallen? Bildest du dir wirllich ein, ich hätte dich an jenem Abend nicht sofort erkannt? Bildest du dir wirklich ein, ich hätte die ganzen Monate, die mit deinen fruchtlosen Bemühungen ausgefüllt waren, nicht des öfteren gedacht: Wann wird es ihm denn endlich gelingen, sich heranzupirschen?"

Er wollte etwas erwidern, aber sie beschleunigte die Geschwindigkeit des Autos, das nun in rasen­dem Tempo die Landstraße entlangfegte, während die Scheinwerfer einen leuchtenden Streifen in das Dunkel rissen.

Das Glück fuhr über das Land mit achtzig Stundenkilometern.

Märtyrer der Heilkunst.

In der LeipzigerIllustrierten Zeitung" erzählt Dr. G. Z e h d e n von den Märtyrern der ärztlichen Wissenschaft. Die uralte Erfahrung, daß viele Gifte in kleinen Dosen sehr wirksame Heilmittel sind, ver- anlaftte schon im Altertum die Aerzte, diese gefähr­liche Heilwirkung am eigenen Körper zu ver>uchen. Da die Herrscher die Vergiftungsgefahr fürchteten, so mußten die Hofärzte Gegengifte ausprobieren und auch immer größere Mengen von Giften zu sich nehmen, um auf diese Weise die Immunisierung" zu prüfen. Der König Mithridates nutzte solche be­denklichen Versuche an andern aus, um sich selbst gegen das Gift zu feien, und das nach ihm genannte Mithridat" war noch im 18. Jahrhundert ein be­rühmtes Mittel gegen Schlangengift und soll das Blut giftfest gemachter Enten enthalten haben. Da man gewisse Dinge nur am Menschen erproben konnte, so wurden Sklaven und zum Tode verur- teille Verbrecher zu unfreiwilligenMärtyrern", in dem man ihnen nur die Wahl ließ zwischen der Hinrichtung oder der Hingabe für solche gefährliche Versuche. Da dabei die stärksten Gifte verwendet wurden, so vertauschten diese Unglücklichen meistens nur den Galgen oder das Schwert mit dem Gift­tod. Auch für chirurgische Versuche nutzte man

Verbrecher. So schnitt man 1731 in London einem zum Tode Verurteilten das Trommel!eil aus dem Ohr, um zu sehen, ob er dann taub würde, unb dieser verhältnismäßig leichte Eingriff rettete ihm das Leben. Ludwig XIV., der an einer Mastdarm- Fistel litt, aber sich nicht operieren lassen wollte, entschloß sich erst dazu, nachdem der Eingriff an verschiedenen Verbrechern mit bestem Erfolg aus­geführt war. Als aufgeklärtere Zeiten nicht mehr solche Verwendung des Menschenlebens gestatte­ten. mußten die Aerzte vieles an sich selbst er­proben, und ihr opfermutiges Forschen wurde oft mit Undank gelohnt. Männer, wie der große Ana­tom V e s a l i u s und Michael Servet, der als erster den Blutkreislauf zwischen Lungen und Herz erkannte, fielen der Inquisition zum Opfer, weil man ihr Studium des Menschenleibes für ketze­risch hielt. In der Reuzeit hat der Kampf gegen die Infektionskrankheiten unter den Forschern mehr Opfer gefordert als Scheiterhaufen und Galgen. Aerzte, die die mit Pest und Cholera, mit Malaria oder Flecktyphus Behafteten behan­delten, spielten bewußt mit ihrem Leben, um den Geheimnissen dieser rätselvollen Krankheiten auf die Spur zu kommen. Als im Laboratorium des berühmten Wiener Klinikers R o t n a g.e l gegen Ende des vorigen Jahrhunderts solche Peststudien betrieben wurden, infizierten sich zwei Ange­stellte mit Pestbazillen und der wagemutige Assi­stenzarzt Rotnagels, Dr. Hermann F. Müller, folgte ihnen in die Pestbaracke, wo er nach we­nigen Tagen verstarb. Kämpfer für neue Ideen in der Medizin, wie Rotnagel oder der große Hy­gieniker Pettenkoser, wurden durch Anfein­dungen und Schwierigkeiten, die man ihnen in den Weg stellte, in den 2>d getrieben. Befonders schwer verfolgt worden ist einer der größten Wohl­täter der Menschheit, der Engländer I e n n e r, der die Pockenimpfung einführte. Als dieRönt- genstrchfen den Schleier von vielen bisher nicht zu­gänglichen Krankheiten hoben und sich selbst als Heillingsmittel erwiesen, da wurde dadurch eine neue lange Reihe von Märtyrern geschaffen, denn die Forscher, die sich zuerst mit den X°Strahlen beschäftigten, mußten ihren Eifer mit Verstümme­lung und Siechtum bezahlen. Ebenso hat das Stu­dium der Rarkoseformen manches Opfer gefor­dert, da die Aerzte die Wirkung der verschie­denen Mittel an sich selbst erprobten.

Aus Der protmuialbauptflaöt

An die Mütter der ABC -Schützen!

Don Albrecht Witte.

Am 2. Mai vertauschen wieder Tausende von Kindern das Elternhaus mit der Schulbank. Mit dem ungewohnten Schulranzen ausgestattet, gehen sie mit erwartungsvollen Augen in einen neuen Abschnitt ihres jungen Lebens. Bis an die Schul­pforte, wo sie dann der Lehrer empfängt, be­gleitet die Mutter ihr Kind.

Früher mochte manche Mutter um ihr Kind. daS sie nun der Schule und damit einer völlig neuen Umgebung anretttauen mußte, Sorge ge­habt haben, wenn der Junge oder das Mädel zum erstenmal auf sich selbst gestellt wurde. Verstand sich, denn die Schule von damals war. mit der von heute verglichen, eine ganz andere. In­zwischen wurde aber aus dem gestrengenHerrn Lehrer" viel mehr der Freund und Kamerad der Jugend. Früher hatte das Kind nur zu antwor­ten. wenn es gefragt wurde, heute können die Kin­der über ihre eigenen Erlebnisse plaudern und den Lehrer genau so befragen wie zu Haufe Vater und Mutter. Heute ist es felbstverständlich, daß das Kind fragt und der Lehrer antwortet, wäh­rend früher der Grundsatz von Frage und Ant­wort die Schule beherrschte. Heute wird dem kindlichen Gedankenkreis mehr Rechnung getragen als früher.

Ist das nicht köstlich sür die junge Well, und ist es nicht beruhigend für eine Mutter, zu wis­sen, daß ihr Kind nun nicht voll Hangen und Bangen auf jede Frage des Lehrers warten und ausgerechnet immer gerade dann antworten muß. wenn es nichts zu sagen weiß? Ist es nicht für jede Mutter, die in den kommenden^ Tagen der Reuaufnahme ihres Kindes in die Schule entge- genfieftt, ein Trost, zu wissen, ihr Kind darf dem Lehrer auch einmal das kleine Herz ausschütten?

Heute spricht man nicht mehr nur allein von den Pflichten des Kindes. Der Gedanke der Selbstverantwortung des Kindes, der Berücksich­tigung der eigenpersönlichen kindlichen Begabun­gen: dies alles und so manches, was vor ein oder zwei Jahrzehnten noch heiß umstritten war, ist heute selbstverständlich geworden, und das starre System der Abrichtung von einst hat sich gelockert. Man verlangt vom sechsjährigen Kinde nicht mehr, daß es stundenlang rechtwinklig geknickt in der Bank stille sitzen müsse. Man gewährt ihm Frei­heit. Man läßt die Kinder im Schulhof und Turn­saal spielen und während des Spielens lernen. Mit Reif und Ball lernen sie zählen und rechnen, mit Puppe und Spielzeug sprechen und Sähe bil­den, mit ihrem persönlichen Kleinkram die Welt der Gedanken erobern. Während sie im Schul­hof Fangemaus oder am Pull des Lehrers Kauf­mann und Käufer spielen, beginnen sie langsam und unmerklich, die Welt der Zahl und des Wor­tes zu erobern, bis sie mit der Zeit in die neue, Atmosphäre der Schule so eingelebt sind, daß ihnen dieser einst so fremde Lebensraum zur neuen Hel­mat geworden ist. Ganz langsam. Schritt für Schritt, verlieren sich die ursprünglichen Formen des Spieles, und an ihre Stelle tritt mehr und mehr der Ernst der Arbeit, der das Spiel all­mählich ablöst, ohne es jedoch ganz auszuschallen,' denn was wi die Jugend ohne Spiel und ohne Freude am l .1?

Bis dieser Wandel vom Spiel zur Arbeit sich vollzogen hat, sind Wochen und Monde ver­gangen, und das erste Schuljahr ist abgelaufen. Dann aber find die kleinen ABC-Stützen so schulreif und schulsicher, daß sie sich in den Geist und Ton der Schule eingelebt haben u..j gar nicht mehr erwarten, daß alles Tun nur Spiel sei.

So wächst heute das K:nd langsam in die Schule hinein, so löst es sich allmählich aus der muttersorglichen Hand in die etwas gestrengere des Lehrers, der genau weiß, wann und wo er dieses oder jenes Bürschlein etwas strenger fas­sen und wo er auch zuweilen Recht vor Gnade wallen lassen muh, während die Liebe der um­hegenden Mutter mehr zur Gnade zu neigen pflegt.

Die Schule ist eine Stätte der Gemeinschaft, der gegenseitigen Duldung und Anerkennung der Leistungen und Persönlichkeit. Und dieses alles lernt sich in der Schule von selbst. Es beginnt schon am ersten Sage beim Spiel im Schulhof