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25.1.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 21 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Mittwoch, 2Tlan.iar 1435

Lugend und Hochschule.

AlsSchneehase" mit den Ski-Studenten auf Fahrt

Mit Jturffarf und Bretteln in 2000 Meter Höhe.

artigen Themen beschäftigt hatten, tonnten sie wertvolle Vergleiche zwischen englischer und deut­scher Anschauung und Veurteilung der Loge ziehen. Sie muhten über ihre Eindrücke Proto­kolle anfertigen, aber das waren alles Ausgaben, denen sie sich mit groher Vegeisterung zuwandten, weil es sich nicht um trockene Gelehrsamkeit, son­dern um Dinge aus ihrem Leben handelte. Aach vier Wochen und vier Tagen kehrten sie zurück in die Schule, zur Fortsetzung dieses eigenartigen Unterrichtes, um vieles reicher und erfahrener ge­worden, als es sonst Schülern in den großen Ferien geboten wird.

dauernden Aeuschöpfungen selbst verwechselt wer­den ...

Alle diese Maßnahmen sind propädeutisch. Was in ihnen die Aot gebietet, bringt jedesmal auch ein Aeues mit herbei, das sich in Zukunft frucht­bar auswirken kann. Die Hauptsache aber ist die Wiedergesundung der weltwirt­schaftlichen Beziehungen. Deutschland wird seinen Anteil daran nicht durch Bodenschätze und nicht durch billige Massenerzeugnisse gewin­nen können, sondern nur durch Spitzenleistungen in der Qualitätsarbeit und durch Erfindungen, die in anderen Ländern nicht gelingen. Deshalb ist es für unser zukünftiges Gedeihen von ab­solut entscheidender Bedeutung, daß wir unser Schul- und Hochschulwesen nicht nur auf der bis­herigen Höhe halten, sondern auf seine Höher­leistungen alle Kräfte richten. Aus den tief- berechtigten sozialen Ausgleichsbestrebungen der Gegenwart folgt der Ruf nach Anteil auch der Aichtbesitzenden an einer guten Schulbildung. Da­für, d. h. zunächst für eine hochwertige Dolks- schulbildung, muh alles geschehen, auch unter schweren wirtschaftlichen Opfern. Aber es ist und bleibt ein gefährliches Mißverständnis, wenn man dieses Ziel durch Einebnung der Bildung und durch die Aiederhaltung der weiterführenden Bildungsanstalten zu fördern hofft. Genau das Gegenteil muh geschehen: für die den Durch­schnitt überragenden Begabungen muß mit ver­mehrter Intensität gesorgt werden, nicht nur durch jene theoretisch-wissenschaftlich gerichteten Schulformen, die heute bezeichnenderweise in AorddeutschlandHöhere Schulen" schlechtweg ge­nannt werden, sondern durch ein reich ausgebau­tes Fachschulwesen mit eigenen, praktischen Bildungsg:dank:n. Bekanntlich gedeiht keine Tech- nik und Industrie ohne eine Mittelschicht gut aus­gebildeter, führender Kräfte. Die führenden Köpfe allein genügen nicht. Diese aber müssen auf einer ebenso reich gegliederten Hochschulstufe nicht nur als Köpfe gebildet werden, sondern auch als Führende, das heißt aber: zu aufbauen­der Pionierarbeit, zu umsichtiger Erkenntnis der Lage und vielseitiger Umstellung, schließlich aber und vor ollem zu verantworllicher Menschen­führung im Sinne pflichtbewußten Dolksdienstes. Das wird manche Umwälzung auch im Gesamt-

Selbstverständlich, daß neben der nötigen Wäsche und den nötigen Kleidungsstücken auch Nähzeug und Verbandzeug da ist. Auch die Jungens Haven Näh­zeug mit, wer heute auf Tour geht als Sportsmann, muß nähen und kochen können.

In Zwieselstein im Oetztal hört die Fahrverbin­dung mit der übrigen Well auf, jetzt kann man nur noch die eigenen Pedale benutzen. Drei Stunden steiler Anstieg auf vereisten Wegen! Uns Schneehasen klopft das Herz, letzt wird's Ernst! Steigeisen werden untergeschnallt. Damit man auf einer glatten Stelle nicht so sachte in den Abgrund rutscht.

Alles hat sich schon in Gruppen zusammengefun- den: Jungens und Mädels in froher Kameradschaft. Aber das gibt es nicht, daß etwa ein Kavalier dem Mädel die Bretteln trögt ober den Rucksack; beim Sport heißt es: Selbst ist die Frau !

Drei Stunden Anstieg. Der Mond scheint hell, und der Schnee leuchtet. Ja, wirklich Schnee! Weiß und knirschend leider ein bißchen hart, das wird schwer werden für uns Anfänger in dem Harsch.

Unser Quartier ist erreicht: ein kleines Haus mitten in der Bergwelt! Auch die Zimmer sind winzig klein, aber schon warm! Und Hunger hat man wie ein Wolf! Bratkartoffeln und Rührei gibt es, ich glaube, feit Wochen hat es keinem von uns so geschmeckt. Und bann gleich zu Bett ...

Morgen um 8 Uhr antreten!"

Die erste Nacht schläft man ungewiegt, draußen ist sternenklarer Himmel, morgen wird es schon werden!

Antreten am Morgen, jetzt kommt der Ernst des Lebens. Die Gruppen werben eingeteilt: wir haben 40 Ski-Babys. Zuerst eine halbe Stunde Ski- Gymnastik, das macht die Glieder gelenkig. Dann er­folgt der Abmarsch zu den Uebungshügeln, respektlos auchJDiotenwiefe" genannt denn dieMeister" gehen schon gleich den ersten Tag auf eine kleine Wanderung.

Und wir lernen in den nächsten Stunden, daß Skiläufen viel leichter anzuschauen als zu er­lernen ist. Doch Disziplin ist auch hier alles, wenn man meint, man schaffe es nie, bann kann man sicher sein, baß es plötzlich Doch geht!

Um 12 Uhr Mittagessen, draußen in Sonne und Schnee, und dann eine Stunde Ruhe. Wir haben uns Liegestühle aufgestellt, manche von uns liegen auch einfach auf den Brettern, verwohnt sind wir alle nicht. Und nachmittags wieder auf Fahrt bis zur Dunkelheit.

Wir alle sind glänzender Laune und halten feste Kameradschaft. Wir sprechen nicht über Politik und Parteihader , wir fühlen nur, daß wir jung sind, daß wir Kräfte sammeln für bas Leben, das es uns Jungen heute nicht leicht macht!

Abends sitzt man zusammen, müde aber sehr glücklich. Sogar ein Grammophon ist da nebst Radio, daß man den Anschluß an diegroße Welt" nicht ganz versäumt. Andauernd guckt einer nach der Wetterecke". So ein bißchen Neuschnee wäre sehr schön; aber der Himmel ist unverändert klar!

24 Primaner studieren England.

Son Max Lenz.

2>e Schüler von heute haben es doch viel besser als wir, die wir vor Jahren die Penne besuchten. WaS wußten wir von Staatsbürgerkunde, Arber- terrecht und ähnlichen Dingen. und es hätte uns doch im Leben mehr genützt, wenn wir einige Kenntnisse darüber gehabt hätten. Heute hat sich das gewandelt: nunmehr lernen die Schüler Dinge, die sie in ihrem späteren Leben angehen. Am wei­testen hat es darin wohl die Unterprima einer Berliner Schule gebracht, die kürzlich eine S t u - dienreise i n s Ausland unternommen hat. Richt um bloß ^draußen gewesen" zu fein,_ nicht um zu zeigen: Seht, was wir uns leisten tonnen, sondern diese Reise, gemeinsam von Lehrern und Schülern unternommen, war ein Bestandteil des Unterrichts.

Derartige Studiensahrten find nichts Unge­wöhnliches mehr. Sie werden systematisch aus­gebaut und beginnen bereits in Unterprima. Erst geht es in die nähere Umgebung der Stadt, da­mit die Schüler ihre engere Heimat tennenler- nen, und zwar nicht allein geographisch und ge­schichtlich, sondern auch, um die Lebensverhalt- nisse der Bewohner kümmern sie sich. Dann hat man die Reisen ausgedehnt: nach Ostpreußen, Thüringen, Bayern, um dort an Ort und Stelle einen Einblick in Industrie undLand- wirtschaft zu erhalten.

In diesem Jahr hatte sich die Unterprima je­doch ein weiteres Ziel gesteckt. Im Unterricht waren gerade englische Geschichte und die Ent­wicklung des Bürgerstaates sowie ähnliche Dinge an der Reihe. 3m Minter gab es theoretische Erörterungen darüber; es schien nicht unwich­tig, sich nunmehr praktisch mit diesen Fragen zu bewältigen. Dant des Entgegenkommens einer Reederei wurde ein Teil der Fahrt kostenlos ge­währt. Mit einem Motorschiss ging es vier­undzwanzig Schüler, Jungens und Mädchen, un­ter der Führung dreier Lehrer von Berlin los. Zwei Tage brauchte man bis nach Hamburg. In der Dämmerstunde legte das Schiss an und man übernachtete im Freien. In Hamburg verweilte man zwei Tage, bis das nächste Gratisfchiss fäl­lig war, das die Klasse nach Rotterdam mit- nahm. Eine stürmische Reise, alle zollten der Aordfee ihren Tribut, aber die gute Stimmung verließ sie dennoch nicht. Dann ging es weiter nach Harwich und London. Vierzehn Tage wollte man bleiben, drei Wochen wurden es. Die Eng­länder bewiesen das größte Entgegenkommen und schraubten die Unkosten für Verpflegung auf ein Mindestmaß herunter. Die Unterbringung er­folgte umsonst. Die Ausgaben wurden übrigens aus einer gemeinsamen Kaff e bestritten. Jeder hatte bei gesteuert, was er konnte ; der Hörste Betrag belief sich auf neunzig, der nied­rigste auf fünfzehn Mark. Kinder arbeitsloser Eltern hatte man von der Zahlung entbunden. Sogar das Taschengeld wurde zusammengelegt und gemeinsam verwaltet, so daß es keiner besser als der andere hatte.

Die Ferien dienten nicht der Erholung oder gar dem Vergnügen, es hieß vielmehr: arbeiten! Allein wieviel Freude machte diese Arbeit. Die Klasse wurde in Gruppen eingeteilt, deren jede ein bestimmtes Gebiet zu behandeln hatte. Die eine widmete sich z. B. der _2Irt und Herkunft der Rohstoffe", eine andere Arbeitnehmer-, eine dritte Arbeitgebersragen eine weitere Gruppe der Betriebsfürsorge usw. Jede besichtigte dazu die in Betracht kommenden englischen Unternehmen und unterrichtete sich genau über alles Wissens­werte. Zur Erleichterung hatten sie einen Frage­bogen m t und konnten sich danach die gewünsch­ten Auskünfte holen.

Der Tag war den Besichfigungen. dem ,Stu­dium", Vorbehalten; einmal mutzte die Klasse aber auch um 23 Uhr antreten, um einen Zeitungsbetrieb in Tätigkeit zu sehen. Sonst wurde aber meist abends zwei bis drei StundenSchule abgehallen". Die Gruppen mutz­ten von ihren Erlebnissen und Ersahrungen

Nationale Erziehungsfragen unserer Gegenwart.

Don Professor Dr. Educrd Cpranger.

Der bekannte Philosoph und Pädagoge der Berliner Universität ruft in seinem bei Quelle & Meyer in Leipzig erschienenen neuen BuchVolk, Staat, Er­ziehung". das feine gesammelten Reden und Aussätze enthält, zur nationalen Er­ziehung der Jugend auf. Besonders ein­dringlich behandelt er die entscheidenden Gegenwartsvroblcme in einer noch nicht vorher veröffentlichten AbhandlungGe­genwart", der wir einige Abschnitte ent­nehmen.

Ausnahmezustand im höchsten Sinne ist nun Überall da, wo einem Dolle durch äußeren po­litischen Druck und durch unerträglich gewordene L^bensbedingungcn die Möglichkeit zu einem sitt­lich wertvollen Dasein und zur Auswirkung seiner sittlich ausbauenden Kräfte genommen ist. Man muß sich darüber [I ~.r fein, daß diese A-t von Aus- nahmezuftand auch Formen politischer Er­ziehung mit sich bringt, die sich von denen ge­ordneter und ruhiger Zeiten unterscheiden.

Dor allem muh einem Volk in solcher Lage immer wieder der Lebenswille gestärkt werden, d. h. es mutz zur nationalen Selbst­besinnung und Selbsterneuerung aufgerufen werden, damit es der Gefahr, sich unter dem Druck von außen selbst zu verlieren, nicht erliegt. Das deutsche Dolk lebt gern in Ideen und ist daher auch empfänglich für politische Ideal- bildungen, die auf einen höheren Völker- verein, auf einen Bund der sich für die Welt­politik verantwortlich wissenden Staaten gerichtet find. Es muh eb't immer wieder daran erinnert werden, d ß der Sinn dieses Bundes Gleichberech­tigung und Selbstbestimmung der beteiligten Machte ist, nicht die einseitige Dorherrschaft der einen; denn eine solche Dorherrschaft soll ja ge­rade überwunden werden. 2e schwerer es ist, diese Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zwischen Ungleichen zu erhalten, um so unerläß­licher ist die Dorbedingung für ein großes Volk.

erzählen; selbstverständlich tn englischer Sprache. Man widmete sich ferner politischen Fragen. Bei einem Besuch im Londoner Rat­haus übernahm der ehemalige Transportminister terbert Morrison die Führung und hielt zum chlutz einen Vortrag über das Kommunalwelen.

Rach einem Gang durch das Parlament, bei dem ein Parlamentsmitglied den Gastgeber spielte, be­gnügte man sich ebenfalls nicht mit dem blohen Ansehen", sondern bekam auch einen Bericht über das Erziehungswesen. Schließlich sei noch der Ein­blick in die Munitionsfabrik von Vickers erwähnt.

Da die Schüler sich bereits in Berlin mit Der»

geift auch der bewährten alten Hochschulen er­fordern, von der hier nicht die Rede fein kann. Eine neue Zeit erfordert neue Menschen, also auch einen neuen Lehrertyp auf allen Stufen und in allen Zweigen des nationalen Bildungswesens.

Hierbei also handelt es sich nickt mehr um Den pädagogischen Ausnahmezustand, sondern um Zu­kunftsplanung im ernstesten und stolzesten Sinne. Und eben diese Möglichkeiten sind Dem deutschen Geiste so gemäß, daß wir auf sie zuverlässige Hoffnungen bauen können. Ganz falsch war es, wenn Der pädagogische Ausnahmezustand von manchen Verwaltungen nur im Sinne desAb­baues" und der Ersparnisse gedeutet wurde. Falsch ist es. wenn man glaubt, gewisse im Moment not­wendige Einschränkungen auch im Geistigen, eine z. Z. deutlich spürbare Wendung zu einer primi­tiven Menschenart. bedeute die Rettung für alle Zeiten. Das ist ein Stadium, durch das wir hin- durchmüssen. ohne den Blick ins Weite zu ver­lieren, es fei denn, daß wir Die abendländische Kultur bereits verloren geben.

Jener auswärts führende Weg aber darf nicht wieder eine bloße Sache des Willens und deS individuellen Wirtschaftskampfes werden. Er ist eine Sache der Gesinnung, und er wird nur Dann zum Ziele führen, wenn er als eine gemeinsame Volksausgabe empfunden wird, bei Der es nur gemeinsam Arbeitende gibt, nicht Ge­winner und Enterbte. Deshalb ist es auch mit guten Schulen nicht getan; sondern Der Er­ziehungsgeist muh das ganze Volksleben durchdringen, alle seine Lebenstreise erfüllen, bis in Den kleinsten Wirtschaftsbetrieb hinein. Die Verantwortung geht nicht nur auf Renta­bilität, sondern auf Menschenseelen und in letzter Zielung auf das Doll. Jeder ist Erzieher im Dolk, nicht nur der hier geprüfte und beamtete sogenannte Fachmann. Jeder ist es schon in fei­nem stummen Dasein durch das, was er ist und tut Er soll es aber auch werden mit Dem vollen Bewußtsein, dah an ihm ein Stück deutscher Zu­tuns t hängt, weil er mit Menschen zusammen- wirkt. Deren Leistung ihre Qualität und Höhe nur aus ihrem vollen, ungedrückten Menschentum empfangen kann. Denn nur beseelte Ar­beit fördert die Kultur des Volkes wie der Menschheit.

Volkswirte Welfer des Staates

Don denGameraiten*

zur modernen Volkewinschafislehre.

Don Or. Oskar H Nordmeyer, Berlin.

3m Bildungsgang der Staatsmänner spielte vor­mals das cameraliflische Studium die entscheidende Nolle. Es ist ein weiter weg, der von den(Tarne ralicn einer früheren Zeit zum heutigen volkswirt­schaftlichen Lehrgediet führt, in gleicher Weise charak­teristisch für den Wandel im Wesen der Staatskunst wie für das geschichtlich zwar noch junge, seiner Bedeutung nach aber gewaltige Arbeitseid des mo dernen Volkswirts.

Kaum ein anderes Wissensgebiet mußte in seiner inneren Entwicklung einen solchen Leidensweg gehen wie die Volkswirtschaft. Dah ein Staat auf Recht und Gesetz angewiesen ist, war schon im Geistes und Wirtschaftsleben des Altertums eine wissen schaftliche Binsenwahrheit. Die Medizin läßt sich als besonders umrahmtes Wissensgebiet soweit zu- rückversolgcn, wie es überhaupt eine Geschichte Der Menschheit gibt. Die Mathematik war in ihrer Existenzberechtigung lange vor ihrem Altvater Pythagoras rückhaltlos anerkannt. Daß aber eine weitausgesponnene und in sich selbst tausendfach oer* ästelte Volkswirtschaft ihre eigene Gesetzmäßigkeit Hot, die nach wissenschaftlicher Durchforschung und der befruchtenden Wechselwirkung von Theorie und Praxis verlangt, dieses Wahrheit bedurfte selbst in Der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts noch einer stattlichen Zahl wissenschaftlicher Vorkämpfer, um sich endlich in schwerem Ringen durchzusetzen.

Die Art, wie das gebildete Publikum und ebenso der jeweilige wissenschaftliche Nachwuchs sich zu der jungen Wissenschaft stellte, war noch bis tn die jüngste Zeit hinein den widersprechendsten Aus- fassungen unterworfen. Wenn im Jahre 1905 ein junger Mann feinen Eltern mitteüie, er wollteRa tionalötonomie" studieren diese Bezeichnung war damals besonders in Mode, so wurde er meist schon mit dieser Erklärung als eine zu neun Zehn­teln entgleiste Existenz betrachtet. Andere sahen in dem volkswirtschaftlichen Studium den Startplatz für alles und zugleich für nichts und griffen zur Volks­wirtschaft in einer Art von Verlegenheitsgeste.

Leider konnte die volkswirtschaftliche Disziplin diese gefühlsmäßigen Unklarheiten auch bis in die heutige Zeit hinein noch nicht völlig abwehren. Die Ursache ist bei der Gesetzgebung zu suchen, die es allen berechtigten Wünschen zum Trotz bis zur Stunde an der unerläßlichen, klaren, staatlichen Normung Des wissenschaftlich und praktisch Durch- gebildeten Volkswirts fehlen ließ. Der Mediziner und der Jurist, der Zahnarzt und der Philologe, sie alle haben chre Approbation bzw. ihr Staatsexamen und in Verbindung damit auch ihre geregelte prak­tische Ausbildung sowie die vom Staate geschützte Standesbezeichnung.

Der erst nach dem Kriege geschaffene akademische GradDiplomoolkswirt" wird Dem ganzen Zu­standekommen dieser Bezeichnung nach innerhalb wie außerhalb des volkswirtschaftlichen Faches als Titulatur angesehen, die eine sachliche Berufs- und Standesabgrenzung keineswegs ersetzen kann. Mft Recht wird vom Reichsverband der Deutschen Volks­wirte an feiner Stelle derWirtschafllreferendar" mit dem nachfolgendenWirtschaftsassessor" sowie der staatlich anerkannteWirtschaftsanwaft" gefor­dert. Der Reichsverband erhebt auch mit allem Nach­druck die Forderung eines verschärften S'andes- schutzes gegenüber Pseudo-Hochschulen und Pseudo- Volkswirten. Solange noch Die zureichende staatliche Abgrenzung fehlt, muß DerRDV " hinter dem Wort Volkswirt, Die Zugehörigkeitsbezeichnung zum Reichsoerband Der Deutschen Volkswirte, unte­ren Behörden, Wirtschaftsorganisationen und jedem kaufmännischen Unternehmen die Gewißheit des vollwertigen Bildungsganges vermitteln.

Die Volkswirtschaft als Wissenschaft, die akade­mische Normung und Durchbildung des in der Praris des Lebens stehenden Volkswirts hat einen weiten Entwicklungsgang hinter sich. Ein gewaltiges Aufgabengebiet steht vor ihr. Denn das volls wirtschaftliche Kräftespiel einer Nation beherrscht heute alle staalliche wie private Lebensgestaltung.

So fing es an: mit betrübter Miene hat man in ( der Zeitung die Wetterberichte gelesen und ist all- i mählich zu der Erkenntnis gekommen, daß in diesem ! Jahre die Veilchen wohl eher sprießen werden, ehe ; man eine Schneeflocke zu sehen bekommt. Da geht i plötzlich Das Telephon:

.Hier Ski-Kursleitung des Akademischen Sport- * 1 Vereins in M. Sie wollten dock mit uns auf Fahrt ' gehen. Morgen geht es los. Treffpunkt 7 Uhr Haupt- I bahnhof München!"

Die Zeitung fliegt in die Ecke, dafür wird der schon bereitliegenbe Rucksack hervorgeholt, die Sli- ftiefel noch einmal geölt, Die Bindung an den Bret­teln noch einmal nochgesehen, ein schadhafter Riemen ausgewcchselt, Sonnenbrandkrem eingepackt und plötzlich sieht der große Rucksack so wohlgesüllt aus, daß man meint, er würde jeden Moment ausein- anderplatzen. Aber einen Koffer mitnehmen kommt nicht in Frage,auf Fahrt mit den Ski- Studenten" geht man nur mit Rucksack!

Um 7 Uhr puf dem Münchner Hauptbahnhof. Alle im Skianzug, alle mit glänzenden, erwartungs­frohen Augen. 150Mann" sind wir. Jungens und Mädels, aus allen Fakustäten, Medizener, angehende Juristen Philosophie-Studenten und auchZünf­tige", Die Sportstudenten. Mit ist doch ein wenig bange, Denn ich habe noch nicht oft auf Den Skiern gestanden, aber man wird gleich beruhigt, denn es sind drei Skilehrer mit auf Tour, jeder bekommt eine Gruppe, die Meist.rläufer, die Mittelguten, und die Anfänger, auchSchneehasen", ,,Ski-Babys" ober Schneehopper" genannt Ich bin also ein Schnee­hase.

Eine Frage beschäftigte alle:Wo gibt cs in diesem Jahre Schnee?"

Wir müssen 2000 Meter hoch hinauf, erst da fängt es an!"

Ein Waggon steht für uns bereit Wir sind an­getreten, Rucksack auf der Schuster, die Bretteln im Arm, schnurgerade ausgerichtet Die drei Skilehrer treten vor:

Ein dreifaches Ski-Heil!"

Ski-Heil! Ski-Heil! Ski-Heik!"

Unsere Stimmen füllen die Bahnhofshalle. Grade ist Der Schlafwal nzug aus Berlin gekommen. Fenster schieben sich auf, verschlafene Gesichter schauen uns an, aber alle lächeln, wenn sie uns ent- decken.

Die Fahrt geht los ms Oetztal nach

1 Gurg 1. Dort ist Professor Piccard mit seinem Sftatosphären-Ballon bei seiiner ersten Fahrt ge­landet, auf seinen Spuren werden wir also in der Gletscherwelt wandeln.

Kinder, wie ist denn der Schnee da oben?" Man will es gar nicht glauben, daß es überhaupt Stellen gibt, wo bei diesem frühlingswarmen Wctter Schnee liegt. Die Jagd nach dem Schnee beschäftigt uns alle. Jedes weiße Fleckchen, das man vom Zug aus erspäht, wird mit Jubel begrüßt!

Zum erstenmal werden die Rucksäcke aufgeschnürt. Man staunt, was alles in einen Rucksack hineingeht daß es selbst mit der ihm Ankommenden Macht in Den Völkerbund eintrete und nicht als eine Ration minderen Ranges nur geduldet sei. um sich in wichtigen Dingen Übervorteilen zu lassen. E-s war nicht leicht, dem deutschen Volk nach dem tragischen Ausgang seines gewaltigsten Rin­gens die'es e-läftbelDu' t'e'n. diese Selbstachtung und diesen Glauben wiederzugeben. Jahrelang hat es daran nur zu sehr gefehlt Der Mann, der diese Verzweiflung und diese Sewstwegwer- fung gebannt hat. hat Großes geleistet. Das Ziel hat er mit heroischer Kraftansvannung festgehal­ten. Schwer ist es. auch den Weg in jeder Wen­dung richtig zu gehen. Denn Politik ist nicht nur Ethik des Zieles, sondern auch Kunst Der Wegfindung.

Das zweite, was in einem solchen potitiicy- pädagogischen Ausnahmezustand durch besondere Maßnahmen gestärkt werden muß, ist der W e h t- teilte. Wehr ist zunächst Abwehr, und diese ist nichts als Wille zur Freiheit. Eine Ration die nicht ihre Freiheit liebt, ist schon halb gestorben. Unter Kulturstaaten, die durch unzählige In­teressen verflochten find, herrscht durch eben diese Verflechtung genau so viel Auseinanderangewie- sensein wie ständige Spannung und Kriegsgefahr. Daß Meer trennt und verbindet. Das gleiche gilt von Der Weltwirtschaft: sie ist Konkurrenz und Solidarität. Die fchwerste Bedrohung des Frie­dens liegt Dann vor. wenn em großes Volk von Den anderen in unwürdigen Daseinsbedingungen gehalten wird. Denn Druck erzeugt Gegendruck ...

Das Entsprechende gilt drittens von einer ge- fäbrDetcn W i r t s ch a f t s s i t u a t i o n Des Volkes. Es ist nicht nötig zu schildern w.e sie in der deutschen Gegenwart aussieht. Schreiende Ungleichheit Der Desihverhältnisse hat noch von jeher Die Einheit Des Volksbewuhtseins unD da­mit Die Festigkeit Des betreffenDen Staates unter­graben. Ohne sozialen Ausgleich keine Erneuerung Deutschlands. Wo Millionen nicht einmal Anteil an Der Arbeit Der Volkswirtschaft gegönnt ist, Da ist Die GesamtlebensorDnung bis in Die letzten Wurzeln hinab gestört. Hier muh Der Staat mit AuSnahmemahregeln eingreifen. Die im­mer auch eine volkserAiHerische Seite haben wer­ben. Aber gerade hier Darf Die augenblicklich gebotene Rotmaßnahme nicht mit zukunftreichen