Ausgabe 
24.5.1933 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhaupisiaöi.

Oer Ausbau der Studentenschaft der Universität Gießen.

Don dem Hauptamt für Aufklärung und Werbung der Gießener Studentenschaft wird uns über den organisatorischen Aufbau der Studentenschaft der Universität Gießen folgendes mitgeteilt:

A. Führer der Studentenschaft: Heinz- Jürgen Adam, stud. jur.; Stellvertreter des Füh­rers: Otto Müller, stud.jur.; Persönlicher Refe­rent d. F.: Theophil Hey, stud. med.

B. L Hauptamt für politische Erzie - hung: Bernh. Edler o. Graeve, rer. pol.. 1. Amt für Wissenschaft (Fachamt): Hans Wendt, cand. jur.; 2. Amt für politische Schulung: Georg Weiß, cand. theoL, 3. Amt für Arbeitsdienst: Paul Seipp, stud. theoL et phil.; 4. Amt für Wehrdienst und pslichtmäßige Leibesübungen: Helmut Rahm, cand. rer. nat.

II. Hauptamt für studentische Grenz- und Außenpolitik: Ludwig G u n d e l a ch , med. vet.; 1. Grenzlandamt. Ludwig Gun de lach, med. vet; 2. Auslanddeutschenamt: Ludwig Gun» delach, med. vet.; 3. Ostamt: Heinz-Jürgen Adam, stud. jur.; 4. Auslandsamt: Hein-Jürgen Adam, stud. jur.; 5. Auslandsstistung der D. St.: Hans Bender, stud. med.; 6. Langemarckfpende der D. St.: Hans Bender, stud. med.

111. Hauptamt für Wirtschaftsfra­gen: Ludwig Sattler, stud. theoL

IV. Hauptamt für Kaffe und Verwal­tung: Wolter Göllner, stud. theoL; Buchhal- hing: Jakob Ackermann, cand. jur.

V. Hauptamt für Aufklärung und Werbung: Hans-Fritz Schuster, rer.nat.; 1. Zeitschrift: Bernh. Edler o. Graeve, rer. poL; 2. Nachrichtendienst, 3. Funk und Film, 4. Verbände: Hans-Fritz S ch u st e r, rer. nat

Die Führung, die Amtsleiter, sowie der gesamte Mitarbeiterkreis gehören dem NSDStB. an.

Schlageter-Feier

im Stadltheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Aus Anlaß der 10. Wiederkehr des Todestages Al­bert Leo Schlageters, der am 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide zu Düsseldorf unter den Mörderkugeln eines französischen Exekutionskom- mandos sein junges Leben opferfreudig dem Vater- land hingab, erhält die Aufführung des Schauspiels Schlageter" von Hanns Iohst eine besondere Note. Es ist keine Phrase oder eine pietätvolle Aufwal­lung, wenn das Theater vom Heldentum Schlageters spricht und an seinem Opfertag seiner gedenkt ipi würdigen Rahmen ernsten Erinnerns. Denn das Heldentum Albert Leo Schlageters ist eine Wahr­heit, mit deren seelischer Erfassung die deutsche Na­tion den Weg sittlicher Erneuerung einscblägt. Schla­geter könnte noch leben... Er lebt noch! In jedem jagenden Pulse trotziger deutscher Männer! Er lebt, Schlageter! Ewigkeitswille, Freiheitsflamme! So glüht er in uns allen. Um der Erinnerung an ihn den feierlich-würdigen Rahmen zu geben, wird Paul Nieren, als ehemaliges Mitglied einer solchen Aktionsgruppe und persönlicher Bekannter Schlageters, einen Dorspruch sprechen. Bernhard Edler von Graeve, der Sprecher der Gieße­ner Studentenschaft, wird da Schlageter der aka­demischen Jugend besonders nahesteht die Ge- denkrede halten. Anschließend wird dann unter der Spielleitung des Intendanten Dr. Rolf P r a s ch das Schauspiel in Szene gehen. Es gelten an die­sem Abend gewöhnliche Preise. Die Vorstellung ist die 32. und letzte Vorstellung im Freitag-Abonne­ment. Spielbauer von 20 bis 23 Uhr.

Zirkus Krone im Anmarsch.

Nachdem wir vor einigen Wochen das bevor­stehende Gastspiel des Zirkus Krone in Gießen ankündigen konnten, ist nun wie uns von dem Pressebüro des Zirkus Krone mitgeteilt wird der gewaltige Troß der Menschen und Tiere aus aller Welt, die riesige Stabt ber Wagen unb Zelte inzwischen fast vor unseren Toren on- gelangt. Man weiß, baß Krone es war, ber seiner­zeit zuerst bas System ber kreisrunben Manege sprengte unb mit seinem Dreimanegen-Zirkus bie Welt überraschte. Inzwischen ist er nicht stehenge­blieben. In ftänbigem Dorwärtsschreiten gelang es ihm, trotz aller Wirtschaftsnot, jein Unternehmen nochmals einem vollkommenen Umbau zu unter­ziehen und den Typ des modernen Sport­zirkus zu schaffen, den sogenannten R e n n * bahnzirkus. In diesem vollziehen sich bie gan­zen Darbietungen auf einer einheitlichen Fläche von 62 Meter Länge. Daß man hier etwas ganz anbe- res zeigen kann als in ber brürfenben Enge ber Rundmanege, liegt auf ber Hand. Unb so finben wir im neuen Programm bes Zirkus Krone zum ersten Male große sportliche Konkurrenzen, Pferde- unb Wagenrennen, Reiterkämpfe, Sportspiele usw. Weiterhin gewaltige Massenszenen, bei denen zeit­weise 400 Menschen bie Arena bevölkern, bisher nie gesehene Rekorbgruppen von Raubtieren, Ele­fanten, Pferben, Seelöwen und die Elite ber inter­nationalen Artistenwelt. Man sieht hier nicht mehr stimmungtötende Einzelleistungen, fonbern ein ein­ziges gewaltiges Zirkusschauspiel, bas wie ein phan­tastischer lebender Film bie Wunber aus allen fünf Erbteilen vorüberziehen läßt. Vier Wochen war bas riesige Zelt Tag für Tag in ber Reichshauptstabt bis auf ben letzten Platz gefüllt, als Krone bort seinen Rennbahnzirkus zum ersten Male vorführte. Mit bem gleichen Unternehmen, mit ber gleichen Spielfolge wirb er auch nach Gießen kommen unb hier in ber kommenben Woche gastieren.

'JAovnütijcn.

Tageskalender für Mittwoch: Oberhess. Kunstverein, Turmhaus am Brandplay. 15 bis 17 Llhr, Ausstellung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Ser Feldherrnhügel" unb .Mem Freund der MiUionär".

Aus dem S t a b 11 h e a t e r b ü r o wirb uns geschrieben: Wegen ber Spielverpflichtung bes Kurtheaters Bad-Nauheim durch bas Ensemble bes Stabttheaters Gießen bleibt bas Theater heute ge­schlossen. Die für heute fällige 31. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement wird daher ausnahmsweise auf Samstag, 27. Mai, verlegt. An diesem^ Tage gelangt bie Operetten - Neuheit:Liselott" von Eduard Künnecke in ber Besetzuna ber Erstausfüh­rung unter ber Leitung von ÄZrede-Cujä- B ä u l k e als 31. Vorstellung im Mittwoch-Abonne- ment bei ermäßigten Operettenpreisen zum letzten­mal unb gleichzeitig als letzte Operetten-Dorstellung ber Spielzeit 1932 33 zur Ausführung. Die Inten­danz hat für diesen Abend ermäßigte Operetten­preise angesetzt. Spieldauer von 19.30 Uhr bis 22.30 Uhr.

* Maienblasen. Bei dem heute um 19 Uhr vorn Turme der Stadtkirche aus stattsinden- den Maienblasen werden folgende Stücke zu Ge­hör gebracht: Choral:Bringt her bem Herren Lod und Ehr."Anrufung Gottes", v. E. Ruh.Das treue deutsche Herz." (Volkslied.)

Jahreshauptversammlung des Vereins Heff.AuffichtSbeamlen und Beamtinnen

Butzbach, 23. Mai. Im Saale desDeutschen Hauses" fand dieser Tage die Hauptversamm­lung des Vereins Hessischer Strafan­stalts-Aufsichts-Beamten und -Be­

amtinnen des Landesverbands Hes­sen statt. Oberwachtmeister Q u a n z - Butzbach eröffnete und leitete bie Versammlung, begrüßte bie Gäste und die Oberbeamten ber Anstalt, gebachte in ehrenden Worten ber im Weltkrieg gefallenen Kol­legen und schilderte kurz bie Entwicklung ber politi­schen Lage bis auf ben heutigen Tag. Im Anschluß daran sprach Dr. R o e s ch e n über bie nationale Erhebung unb über ben Aufbau der Berufsorgani­sationen und Fachschaften. Der Versammlungsleiter erstattete dann ben Jahresbericht. Dem Kas irrer

konnte, nachbem ber Kassenrevisor bie Entlastung befürwortete, Entlastung erteilt werben. Die Wahl des Vorstandes fand mit der Wiederwahl des bis-

herigen kommissarischen Vorstandes rasche Erledi­gung. Der 1. Vorsitzende dankte im Namen des Vor­standes für das erwiesene Vertrauen.

Am Nachmittag leitete die Ehrung der Gründer des Vereins die weiteren Ver­handlungen ein. Herr Quanz appellierte an bie Mitglieder, bem Verein bie Treue zu halten, wie es die Gründer während 40 Jahren getan hätten. Ein dreimaligesHoch" auf bie Grünber befchloß bie Ehrung. Der Kreisleiter ber Nationalsozialisti­schen Beamtenorganisation Dr. Decker hielt so- bann einen Vortrag über bas ThemaBeamten- und Organisationsfragen". Genau so, so führte er u. a. aus, wie jetzt bas Reich von unten nach oben aufgebaut werbe, so müßten auch die Derbänbe in ber gleichen Weise ihre neue Form erhalten. Der Sitz sämtlicher Fachgruppen befinde sich in Darm­stadt. Die Leitung liege in Händen des Statthalters Sprenger. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Sodann wurde bas Horst- Wessel-Lied gesungen. Zuletzt sprach Obermedizinal- rat Dr. Schäfer unmittelbar aus ber Praxis her­aus. Er wies auf bie befonberen Verhältnisse hin, bie sich nach ber Novemberrevolution 1918 einstell­ten unb sprach von ben Aenberungen, bie nun not- roenbig feien. Er fei eng vertraut mit ben Sorgen und Nöten bes Aufsichtspersonals, er wisse, baß ber Dienst, ber vorn Strafanstalts-Aufsichtsbeamten ge- forbert werbe, viel Nervenkräfte koste. Schließlich sprach er noch von ber Art bes Strafvollzugs. Heute stehe im Gegensatz zu früher bei ben Führern bes Reiches nicht mehr ber Minberwertige hoch im Kurse, fonbern endlich wieder der Schassende. Man müsse sich endlich davon freimachen, hinter jedem Verbrechen eine Krankheit suchen zu wollen. Alle unsere Erwägungen müßten in Zukunft von dem Grundsatz ausgehen:Erst das Volk!" Erst dann werde der Strafanstaltsbeamte seinen Dienst auch wieder gerne ausüben, weil auch er bann geabelt werde von der Arbeit am unb für bas Volk. Der Versammlungsleiter betonte am Schluß ber mit leb­haftem Beifall aufgenommenen Rebe, baß ber Red- ner allen Zuhörern aus bem Herzen gesprochen habe. Mit einigen geschäftlichen Mitteilungen unb mit bem gemeinsamen Gesang bes ersten Verses des Deutschlandliedes fand die Versammlung ihren Abschluß.

Stadtratsfitzung in Butzbach.

pb Butzbach, 20. Mai. 3n der jüngsten Stadtratssihung erhielt vor Eintritt, in die Tagesordnung Stadtrat W e i ck h a r d t das Wort. Er verwies auf den Eindruck, den die große Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler nicht nur in Deutschland, sondern auch in der ganzen Welt gemacht habe, und schloß mit einem Sieg-Heil auf den Reichskanzler. Als­dann gedachte Bürgermeister Dr. Scheller des Helden Leo Schlageter, der für das Vater­land sein Leben ließ. Die Versammlung ehrte sein Andenken darch Erheben von den Sitzen.

Bei der kommunalen Gewerbesteuer für das Rechnungsjahr 1932 wurden aus Billig­keitsgründen Erlässe gebilligt, falls sich die Ver­anlagungswerte wesentlich vermindert haben. Als Rorm wurde eine Minderung von mehr als 20 Prozent angenommen. .

Die kommunale Sondergebände» steuer für 1932 und 1933 soll in gleicher Weise geregelt werden, wie im Rechnungsjahr 1931.

Als Vertreter der Gemeinde zum Steuer- ausschuh wurden bestellt: Bürgermeister Dr. Scheller, die Stadträte Diehl und Sauer­bier, als Stellvertreter Karl S e i p p e l.

Für die Mitgliederversammlung der Spar­kasse Mathilden st ist wurden als Stadt­vertreter gewählt: Bürgermeister Dr. Schel- l e r, die Stadträte Diehl, Klee, Weick- hardt, Echloßmacher, und als Stellver­treter Hch. Sauerbier und Otto Gerhardt.

Für den vor kurzem zurückgetretenen Bei­geordneten L. 3 o u tz wurde Stadtratsmitglied W e i ck h a r d t mit 10 Stimmen bei 4 Stimm­enthaltungen gewählt. Dieser wurde dann auch als Stellvertreter des Bürgermeisters bestimmt.

Zwei Anträge der nationalsozialistifchen Frak- tion, betr. Berücksichtigung nut einhei­mischer deutscher Geschäfte bei der Ver­sorgung bet Fürsorgeempfänger und bei städti­schen Lieferungen, sowie Krankenbehandlung der Fürsorgeempfänger nur durch deutsche Aerzte arischer Abstammung, wurden debattelos angenommen. Ferner wurden die An­träge angenommen, daß alle Einkäufe der Ver­waltung und städtischen Betriebe nur bei ein­heimischen deutschen Gewerbetrei­benden arischer Abstammung bewirkt werden. Dasselbe gilt für die Einlösung der Lebensmittelscheine des Wohlfahrtsamts. Aus­geschlossen sind hierbei alle g iIi a lbe­tt i e b e, ob sie nun Privatbesitzern ober Ge° nossenschasten gehören Die Ktankenbehandlung der in städtischer Fürsorge befindlichen Per­sonen und Familien darf nut du t ch deutsche Aerzte arischer Abstammung erfolgen. Wegen Bestellung eines Etadtarztes soll ber Bürgermeister mit ben in Butzbach ansässigen Aerzten vethanbeln.

Weiter wurde beschlossen, die Mitgliedschaft bei der Dereinsbank Butzbach und Umgegend zu erwerben.

Da Sp-»r'-ksen infolge d<*r Kreditsperre bie Gelder für Erbauung der eachupvwohnungen in den Fahren 1931 und 1932 nicht voll be­schaffen konnten, erklärten sich die Dereinsbank und die Gewerbe- und Landwirtschastsbank be­reit, Darlehen in Höhe von 20 000 bzw. 1 5 000 Mk zu gewähren. Sie sotten voll gegen erststellige Hypothek ausgezahlt und mit 6 Pro­zent verzinst werden. Der Stadtrat beschloß, diese Darlehen auszunehmen.

Buntes Allerlei.

Die erhörte Bitte.

Eine Pianistin lag Max Reger in ben Ohren, sie doch einmal ein Klavierkonzert mit Orchester spielen zu lassen. Reger bedeutete ihr. daß sie noch viel lernen müsse, um solche Wünsche hegen zu können. Doch die Pianistin ließ nicht loacr. Brief auf Brief sandte sie an den Meister.

Endlich erhielt sie Antwort. Ein Telegramm: .Rächsten Montag Beethoven-Konzert. Sofort kommen. Reger."

Entzückt kam die Pianistin an. Doch von den Plakaten starrte ihr der (Harne eines Berühmten als Solist des Konzerts entgegen. Bestürzt fuhr sie zu Reger. Liebenswürdig drückte er ihr ein Billett in die Hand:

»Wie gut, daß Sie gekommen sind! Run können Sie einmal hören, wie man Beethoven spielen muß."

200 Jahre Neustrelitz.

3m 3ahre 1726 wollte ber damals regierende Herzog Adolf Friedrich III. von Mecklen­burg sein eben abgebranntes Schloß wie­der aufbauen. Mit seinen Untertanen konnte er sich aber nicht einigen, weshalb er feine bis­herige Residenz Strelih verließ. Zweihundert 3ahre sind seitdem ins Land gegangen. 3nzwi- fchen wurde das gleiche Strelih in die indessen

zur neuen ReNben; erkorene Stabt Itcuftrefi* cingemeinbet. Das über 600 Jahre alte Strelitz wurde der südliche Stadtteil der Landeshaupt­stadt. Wo früher das alte Schloß gestanden hatte, steht heute die Landesstrasanstalt, während das heutige Residen.zfchloh, ursprünglich ein einfaches Jagdhaus mit dein Rainen Glienicke, an anderer Stelle erbaut wurde. 1731 war der Bau fertig, und zwei 3ahre später erging des Herrschers Ruf an feine Landeskinder. sich in der Nachbar­schaft seines Schlosses anzusiedeln. Dieser Appell wurde der Geburtsschein der Stadt. Ganz vom Höfischen ausgehend, entwickelte sich bald unter den Fürsten des Strelitzer Hauses eine Stadt, in der Handel unb Wandel blühte Wohl brachte ber Ausgang des 18. 3ahrhunderts, als Herzog Karl, ber Detter der Königin Luise, sei­nen Wohnsitz nach Reubrandenburg verlegte, einen gewissen Rückschlag. Er kehrte aber bald wieder in die alte Heimat zurück, und manche Erinnerung an ihn wie auch an die Königin Luise lebt heute noch im Volksmund. 3m übrigen vollzog sich die Entwicklung dieser kleinen Resi­denz, die in ihrem Ausbau an süddeutsche Städte und Schloßbauten erinnert, durchaus harmonisch. Gepflegte Straßen unb schmucke Häuschen, bie nach dem Witten eines Fürsten nur zwei Stock­werk hoch fein durften, ziehen sich durch die Stadt.

Aus der llnglückschronik dieses idyllischen norddeutschen Residenzstädtchens ist noch ber große Branb des alten L?andesthea- t e r s im 3ahre 1924 in aller Erinnerung. Heute steht an gleicher Stelle, vom Opfersinn der Bür­gerschaft und ihrem Witten zur Kunst erbaut, ein modernes Theater. Manche Sehenswürdig­keiten erwecken das 3nteresse des Besuchers. Da ist daS Schloß, das Theater, zahlreiche Pa­lais, der große Raturschuhpark. die herrliche Umgebung mit den vielen Wäldern und Seen und, nicht zu vergessen, der stattliche Tiergarten mit viel zahmem Damwild. Wahrzeichen der Stadtkirche, den ein Fürst einst .bat Bottersatt" nannte.

IranzAnlonMsmelundderMgneiismus

Zur Erinnerung an seinen 200. Geburtstag.

Don E. M. Andersen.

In der Nähe von Radolfszell liegt am Bodensee das Oertchen Iznang, eingebettet in eine paradiesisch schone Landschaft. Hier wurde Franz Anton M e s- m e r als Lohn eines erzbischöflichen Försters am 23. Mai 1733 geboren und verlebte seine ersten Kinderjahre frei und meist sich selbst überlassen, im Revier des Vaters umherstreifend, in engster Ver­bundenheit mit der Vielfalt der Natur, die zu be­obachten und deren feinsten Geheimnissen nachzu­spüren er nicht müde wurde. Während seine Kame­raden sich mit kindlichen Spielen vergnügten, streifte er am Ufer bes Bodensees entlang, sammelte selt­sam geformte Steine, beobachtete Pflanzen, Insek­ten und Tiere und hielt sich besonders gern in der Nähe von Quellen oder alten Bäumetz auf. So fand ihn einmal der Vater, als er rücklings auf bem Waldboden liegend, die nackten Fußsohlen gegen die Rinde einer hundertjährigen Linde gestemmt hielt. Auf die Frage, was er denn da treibe, antwortete der Knabe unbefangen:Das prickelt so schön".

Aehnliches empfand er, wenn er Hände oder Füße in Ouellwasser tauchte, und als ihm einmal ein klei­ner Stabmagnet geschenkt wurde, machte er die gleiche Beobachtung eines Prickelns wie von tausend seinen Nadelstichen, als er den magnetisierten Pol bes Stabes seinen Fingerspitzen näherte.

Alle diese Erfahrungen, unb er machte beren bank seiner Senfitiüität noch viele, legten ben Grund zu seiner Liebe zu ben Naturwissenschaften unb zu sei­nen späteren Forschungen, bie ganz bem Gebiet bie» fer geheimnisvollen Kraft geroibmet waren, bie er an ben lebenben Organismen, aber auch an Mine­ralien beobachtet hatte.

Doch ehe er bazu gelangte, seiner angeborenen Neigung folgen zu bürfen, vergingen bre-i Jahre eines für ihn unfruchtbaren Theologiestubiums, zu bem ihn ber Vater bestimmt hatte. Bereits währenb bieser Stubien hatte er sich eifrick mit Mathematik, Physik unb Naturwissenschaften beschäftigt, und da er hierin volle Befriedigung fand, gab er bie Be­stimmung zum geistlichen Stande aus. Er bezog in Wien bie Universität, um Mebizin zu ftubieren. Trotz härtester Entbehrungen erreichte er dank sei­ner eisernen Energie sein Ziel unb promovierte im Jahre 1764 als Dreißigjähriger zum Doktor ber Mebizin. Seine Dissertation zeigte bereits ben Weg an, ben er späterhin weiter verfolgte unb ausbaute. Das Thema behandelte bie Einflüsse ber Planeten auf ben menschlichen Körper. Don biefen Einflüssen ausgehenb, kam er zu ber Annahme eines alle Or­ganismen burchflutenben Agens, eines in ber Natur allwirkenden unb allbelebenben Prinzips, das er anfänglich in ber Elektrizität, bann im Mineral­magnet zu finden glaubte, bis sein Forschungseifer, dieses Prinzip auch im eigenen, ja in jedem Orga­nismus entdeckte. Auf dieser geheimnisvollen Kraft, die er in seine Gewalt zu bekommen trachtete, baute er nun fein Heilsystem auf. Es war eineBehand­lung" im wahrsten Sinne des Wortes, denn mittels ber Nervenausstrahlung ber eigenen Hand erregte Mesmer in bestimmter Weise bas Nervenprinzip ber Kranken, besten feine Strömungen burch biefe Behandlung reguliert unb befähigt werben sollte, das gestörte Gleichgewicht im Korperhaushalt wie­der herzustellen. Mesmer ging hierbei von der Uederzeugung aus, daß jede Krankheit von einer ungleichmäßigen Verteilung dieses Nervenprinzips, bas ertierischen Magnetismus" nannte, herrühre. Da er feine Behanblungsweise auch an erkrankten Tieren unb Pflanzen erprobte, bie sich unter biefer Einwirkung überraschend schnell erhol­ten und kräftigten, war für ihn der Beweis er­bracht, daß es sich bei bem Erfolg seiner Methobe nicht um Wirkungen ber Einbildungskraft handeln könne

Während einer fünfzehnjährigen Praxis in Wien machte er so auffallende Sturen, bah sich sein Ruf bis weit über bie Hauptstabt hinaus verbreitete. Seine vielfachen Versuche, die Gelehrtenwelt von seiner Entdeckung zu überzeugen, stießen jedoch auf hartnäckigen Widerstand. Seine ehemaligen Lehrer rieten ihm dringlichst, von seinem Irrtum, abzu­lassen, und die Akademien, denen er seine Forschun­gen zur öffentlichen Diskussion vorlegte, würdigten ihn nicht einmal einer Antwort. Trotzdem ließ er sich von der einmal gefundenen Wahrheit nichi ab­bringen, stellte fortan sein ganzes Leben und seine ganze Arbeitskraft in ben Dienst seiner Sache, im­mer von neuem bemüht, bie Anerkennung der Wis­senschaft für seine Ideen zu erringen. Bis in sein hohes Alter hinein blieb er ein gradlinig denkender, nur auf das Wohl der leibenben Menschheit be­

dachter Mann, ließ sich durch Ablehnung nicht krän­ken und durch Anerkennung nicht blenden; er schlug mehrere Male verlockende Vorteile aus, weil Bc- bingungen gemacht würben, bie nicht geeignet ge­wesen wären, seine gute Sache vor falschem Urteils­spruch zu bewahren.

Zahllose Anfeinbungen, die er in seinem Vater­land erfuhr, bewogen ihn, Wien zu verlassen und nach Frankreich zu gehen. Im Anfang bes Jahres 1778 kam er nach Paris, unb hier fand er bei eini­gen Gelehrten unb Aerzten mehr Verstänbnis für feine Entdeckung bes tierischen Magnetismus. Mes­mers Absicht war nun, durch die Vermittlung seiner Freunde die Regierung zu gewinnen, baß sie ihm Schüler für ben Unterricht züwies unb die Anwen­dung einer neuen, leicht zu mißbrauchenden Wahr­heit beaufsichtige.

Aber auch hier stieß er auf Schwierigkeiten, da man ihn einer Untersuchungskominijsion unterstellen wollte, bie über feine Entdeckung urteilen sollte. Mesmer lehnte dieses Ansinnen unter folgender Be­gründung ab:

Der tierische Magnetismus ist nicht das, was sich die Aerzte unter einem geheimen Mittel vorstcllen, sondern ist eine Wissenschaft, die ihre Grunde, Sätze und Folgen hat. Das Ganze ist bis auf diese Stunde unbekannt, ich gebe es zu. Aber eben deswegen wäre es widersprechend, mir Leute zu Richtern zu geben, bie nichts von dem verstünden, was sie zu beurteilen sich unterfingen. Nicht Richter, Schuler muß ich haben. Eben darum geht meine ganze Ab­sicht dahin, von irgendeiner Regierung eine öffent­liche Anstalt zu erhalten, um darin Kranke in bie Kur zu nehmen, wo man mit leichter Mühe, ohne fernere Untersuchungen besorgen zu müssen, die Wirkungen bes tierischen Magnetismus vollstänbig beweisen konnte. Dann wollte ich es mir überneh­men, eine bestimmte Anzahl von Aerzten zu unter­richten und es ber Einsicht berfelben Regierung zu überlasten, wie schnell ober langsam sie diese Ent­deckung verbreiten wolle. Wenn ich anders handelte, so würde der tierische Magnetismus wie eine Mode behandelt werden. Jeder würde damit glänzen und mehr oder weniger, als wirklich ist, darin zu linden suchen. Man würde ihn mißbrauchen, und sein Nutzen würde in eine Aufgabe ausarten, deren Auf­klärung vielleicht erst nach Jahrhunderten ftatt» fände."

Getreu dieser Auffassung hat M e s m er in der Folge gehandelt, und diese Rechtlichkeit und Ge­wissenhaftigkeit erwarb ihm tapfere Streiter für seine Sache, unter ihnen Namen von Weltruf, ge­hörte doch auch der General Washington, der Begründer der amerikanischen Freiheit zu seinen Anhängern. Es gelang ihm, in Frankreich etwa dreißig Kuranstalten zu begründen, und obwohl noch immer heftig gegen ihn polemisiert wurde, wirkte er still und zäh für fein Werk. Da zerstörte die französische Revolution alle seine Pläne, be­raubte ihn seines Vermögens und seiner Gönner, und nur mit Mühe gelang es ihm, durch die Flucht nach der Schweiz einem blutigen Schicksal zu ent­gehen.

Zu Frauenfeldt in Thurgau ließ er sich nieder, brachte seine früheren Schriften über sein Natur­system, die in Frankreich verloren gegangen waren, nochmals zu Papier und übte dabei eine große Praxis aus. Inzwischen verbreitete sich eine Flut von mesmerischen Schriften von Frankreich aus­gehend über Deutschland, deren Autoren feine ehe­maligen Schüler waren, die unverstandene Bruch­stücke seines Systems gegen ihr Gelöbnis veröffent­lichten. Durch dieses Treiben sah Mesmer feine Sache schwer gefährdet, um so mehr, als sich nun die Gegner unb bie Anfeindungen in Wort und Schrift häuften, bie sich aber ungerechterweise nickt gegen bie Schulbigen, sondern gegen Mesmer felblt richteten. Mit seiner 1812 erschienenen SchriftEr­läuterungen über Magnetismus unb Somnambulis­mus" erhob Mesmer feine Stimme gegen biefes Unwesen unb würbe erfreulicherweise von einigen einsichtigen Gelehrten unterstützt. Unter ihnen Prof. Dr. W o l f a r t, derMesmers System der Wechsel­wirkungen" herausgab. Von Frauenfeldt siedelte Mesmer nach Konstanz und bann nach Risbets- roeiler und Meersburg am Bodensee über, wo er am 5. März 1815 als Zweiundachtzigjähriger an einem Schlaganfall starb.

Seine Lehre ist noch heutigentags, obwohl sie durch zahlreiche Erfindungen auf physikalischem unb technischem Gebiet erhärtet werden konnte, heftig umstritten. ,