nrJ2) Erstes Blatt
185. Jahrgang
Mittwoch, 24. Mai 1955
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Himmelfahrtsglaube.
Dom Abgrund des Todes zur Auferstehung vom Irdischen und endlich zum Triumph der erlösten Seele über das Irdische führt der Glau- bensloeg der Christen zwischen Karfreitag und dem Tag, da Christus gen Himmel fuhr. Er ist der Tag der Dollendung der Seele, die ausfährt zum Licht ihrer Heimat, aus der dann die Pfingstbotschast der Dergeistigung des Irdischen zu uns kommen wird.
Aber auch im Leben einer Volkhaft gebundenen Nation wirkt und webt dieser Lichtglaube und die himmclstürmende Sehnsucht. Wir wissen wieder um dieses Lichtwunder. Wir sehen es täglich um uns wirken und erleben Tage fröhlichen und einmütigen Gestaltens nach der Zeit der Dunkelheiten, der Derzweiflung, Verbitterung und unkämpfcnschen Entsagung deutscher Massen. Nichts wirkte niederziehender als die Lehre des marxistischen Materialismus, der Verachtung alles Seelischen und Geistigen, das nur entstehen kann aus einem geistigen Nationalismus und nicht aus klassenspaltenden Kämpfen und jener furchtbaren Lehre des Bauches, die der Philosoph des Materialismus, Ludwig Feuerbach, einer der geistigen Däter der materialistischen Geschichtsauffassung, dahin ausdrückte: „5)er Mensch ist, was er ißt." Die wirtschaftlich und national zersetzenden Kräfte dieser Llnheils- lehre konnten nur überwunden und zu Boden gerungen werden durch das Verlangen, des Volkes Seele zu verkünden, das in Jahrtausenden bewährte Prinzip, wonach eine Nation zu Brot und Freiheit nur durch die Entfaltung und den Hochschwung ihrer geistigen Kräfte gelangt. Cs ist ein Seelisches um die Neuwerdung der Nation, ein vertieftes Gefühl vom Sinn und Ziel unserer Pilgerschaft auf deutschem Boden. Heber das Materielle hinaus trägt diese Sehnsucht uns, und wenn ein Volk empfindet, des Lichtes Quelle möge auch in uns, im Einzelnen, nicht nur um uns, rein und heilig fluten, ist das die absolute Verbindung und Gewähr einer unendlichen Dauer der Nation mit den Problemen der Gegenwart.
Diese Verbindung also, der Höhenflug der Seele über die irdischen Niederungen, die materiellen Probleme des Tageskampfes, sie ist der eigentliche Grundgedanke des Tages, an dem wir uns zum Lichtglauben bekennen und das große Geschehen des Neligiösen gleichwirkend in der geschichtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Mission der Deutschheit empfinden. Das ist der auswärtstragende Glaube über das allgemein- menschliche der Politik, über die Technik und über die Geisteswissenschaften und Künste hinaus. Wir müssen das Derbundensein mit unseren Volksgenossen und mit' dem Göttlichen so in uns tragen wie Herder, einer der größten Anreger zur deutschen Kultur, in seinen „Ideen" wußte: „Die Kraft, die in mir denkt und wirkt, ist in ihrer Natur eine so ewige Kraft als jene, die Sonne und Sterne zusammenhält, ihre Werkzeuge kann sie nicht abreiben, die Sphäre ihrer Wirkung kann sich ändern: die Gesetze aber, durch die sie da ist und in anderen Erscheinungen wiederkommt, ändern sich nie. Die Natur ist ewig wie der Verstand Gottes, ... und alles Dasein ist sich gleich, ein unteilbarer De- ?iriff, im Größten sowohl wie im Kleinsten auf einerlei Gesetze gegründet." Wer diese Gesetze auch im Volkshaften fühlt, weiß um den Auf- wärtswAlen einer Nation und fühlt ihn in sich selbst.
Deutscher Protest auf der Kabelkonferenz.
Gegen die Verlegung von Baden-Baden nachZürich.
Zürich, 23. Mai. (WTD^ In der heutigen Sitzung der „International Cable Development Corporation“, die zur Zeit im Hotel „Baurau Lac“ tagt, gab Direktor Kramer als Führer der deutschen Delegation folgende Erklärung ab:
Die deutsche Delegation hat unter dem Druck der kurzen Zeit, die bis zum unmittelbaren Sitzungstermin zur Verfügung stand, der Aenderung des in Brüssel gefaßten Beschlusses bezüglich des Tagungsortes zugestimmt. Es wird auf deutscher Seite in dieser nicht begründeten Forderung der Verlegung des Tagungsortes von Baden-Baden nach Zürich eine Herausforderung erblickt, insofern, als damit neuerdings Zweifel in die geordneten Zu stände in Deutschland ausgedrückt werden. Hierzu erklärt die deutsche Delegation folgendes:
1. Deutschland befindet sich in dem Zustand der nationalen ©rßebung, einer Revolution, die in s o unbiutigerunbge- vrdneter Weise vor sich ging, wie es in der Weltgeschichte bisher nicht dagewe- f e n ist, und wie es von dem deutschen Kulturvolle nicht anders erwartet werden konnte.
2. Die deutsche Delegation protestiert in aller Form gegen dieses Vorgehen und erklärt, daß sie an der nächsten Plenarsitzung nur teilneh- men wird, wenn diese Sitzung inDeutschland stattfindet.
hilfsexpebilion Sven hedins für einen verschollenen Forscher.
Wie aus Peking gemeldet wird, hat Sven $) e • bin von den chinesischen Behörden die Erlaubnis nachgesucht, sich mit einer Expedition nach Inner- asien begeben zu dürfen, um den feit November 1932 vermißten Forscher Ambolt zu suchen. Ambolt führte eine der Expeditionen, die unter der Oberleitung Sven Hedins in den letzten
Frankreichs Abrüstungssabotage.
Das französische Rein.
Es war vorauszufehen, daß selbst die sehr zurückhaltenden Bestimmungen des englischen Konven- tionsentwurfes über die Materialabrüstung bei Frankreich auf erheblichen Widerstand stoßen würden: nicht umsonst erblickt Frankreich in seiner schweren Artillerie und seinen Tanks zusammen mit feinen Großkampfflugzeugen die weientlichen Elemente seiner militärischen Ueberlegenheit aus dem europäischen Kontinent, und selbst eine Aenderung der außenpolitischen Linie Frankreichs hätte, »wie das Beispiel der ßintsregierung Daladier zeigt, mit den sehr realen Interessen der französischen R ü • stungsinbustriezu rechnen. Es hat jedoch überall, wo man einen Ersolg der Abrüstungskonferenz wünscht, insbesondere auch in sonst frankophilen englischen Kreisen eine starke Enttäuschung hervorgerufen, baß der französische Widerstand sich in so unversöhnlicher Form äußert, wie das gestern in der Rede Paul-Boncours ge- schehen ist
Paul Boncour rollte alle die Probleme wieder auf, mit deren Erörterung schon bisher zuviel Zeit vergeudet worden ist und die im Rahmen des englischen Entwurfes nach Ansicht der übrigen Großmächte eine angemessene Berücksichtigung gefunden haben. Wenn Paul-Boncour die Internationalisierung der schweren Angriffswaffen forderte und ihre Zerstörung ablehnte, wenn er in derselben Rede behauptete, daß eine Definition von Offensiv- und Defensivwaffen erst noch gefunden werden müsse und wenn er schließlich ein konzentrisches Sicherheitssystem nach Art des Genfer Protokolls von 1924 forderte, so beißt das nichts anderes als die völlige Zerschlagung der durch den englischen Plan und die amerikanischen Erklärungen im Enoerstänbnis mit den übrigen Großmächten mühsam geschaffenen Grundlage.
Es liegt in derselben Linie, die Frankreich nunmehr in der Frage des Diermächtepaktes eine neue Sicherheitsoffensive entfaltet, die sich vorwiegend gegen England richtet. Das alte Verlangen, daß England präzise Verpflichtungen für den Fall einer Dölkerbundsinteroention mit militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen übernehmen soll, wirb zur beträchtlichen Verstimmung ber englischen konservativen Kreise wieder erhoben. Möglicherweise erfährt die jetzige Verwirrung durch
eine französische Kabinettskrise, die sich aus verschiedenen Gründen anzukünbigen scheint, eine neue Wendung. Praktisch würde das für Frankreich einen erwünschten Zeitgewinn bedeuten, für die übrige Welt aber dasEndejederHoss. n u n g auf irgend einen konkreten Abschluß der Genfer Arbeiten vor ber Weltwirtschaftskonferenz.
Starte Enttäuschung in London.
Paul-Boncour Hal in England eine schlechte Presse.
ßonbon, 24 Mai. «WTB. Zunkspr.) lieber die letzten Ereignisse im Hauptausschuß ber Abrüstungskonferenz schreibt ber „News Chronicle", infolge ber Erklärungen bes französischen Außenministers habe gestern eine büftere Stimmung geherrscht, ber britische Konventionsentwurf sei nicht gerade zerstört worden, aber der Vorgang sei entmutigend. — „Daily Mail" stellt fest, daß Deutschlands Haltung nach wie vor versöhnlich sei, während die Franzosen ihre Llnzu- friedenheit bezeigten. Das Blatt bezweifelt die Möglichkeit, bis zum Zusammentritt der Weltwirtschaftskonferenz eine Konvention zustande zu bringen. — „Morning Post" sagt, Frankreich treibe jetzt O b st r u k t i o n. — „Daily Telegraph" sagt, die in einigen französischen Blättern gezeigte Enttäuschung über die amerikanische Erklärung werde in England keinen Widerhall finden. Die Zusage von Norman Davis sei toeitergegajjyen als erwartet werden konnte. Eine absolute Sicherheitsgarantie sei unmöglich. Der Locarnopakt und der D i e r m ä ch t e p a k t, falls er Zustandekommen sollte, würden Frankreich vollkommen gegen Angriffe Schutz bieten. Wenn dies noch nicht ausreiche, so sei die öffentliche Meinung Englands entschieden gegen jede weitere Verpflichtung. — „Times" schreibt: Paul-Bon- cours Rede ist keineswegs geschickt gewesen. Er hätte es gar nicht nötig gehabt, das Wort zu ergreifen. Aber offenbar hat er an die französische öffentliche Meinung und an die unsichere Lage des französischen Kabinetts gedacht und nicht an Die internationale Meinung, welche doch gegenwärtig und besonders für Frankreich wichtig ist.
Waffenstillstand ans dem chinesischen Kriegsschauplatz.
Vor der Einleitung von Jriedensverhandlungen.
Entspannung in Peking.
Die Großmächte vermittelten.
Peking, 23. Mai. (TU.) Der Bevollmächtigte ber chinesischen Republik, ft u a n f u , hat ber chinesischen Zentralregierung mitgefeilt, baß er mit dem japanischen Oberkommando durch die Vermittlung des japanischen Militärattaches in Peking, Oberff Nagojama, einen kurzbefriste- ten Waffen st iff st and abgeschlossen hat. Auf Grund dieser Vereinbarung hat er von der chinesischen Zenfrafregierung weitere Vollmachten für die (Eröffnung von chinesisch-japanischen Verhandlungen verlang. Die Chinesen hatten am vormittag einen Waffenstillstandsplan öorgelegt und den englischen Gesandten in China, Sir Milles Lampson um seine vermittlungsdiensfe gebeten. Sir Miltes Lampson hafte ferner längere Besprechungen mit den Gesandten Amerikas und Frankreichs, bei denen die Möglichkeiten erörtert wurden, einen japanischen Einmarsch in Pekin ju verhüten.
Die chinesischen Behörden haben unter Berücksichtigung des Waffenstillstandes bereits eine Räumung Pekings durch die chinesischen I r u p e n ungeordnet. Die Truppen ziehen sich langsam noch Süden zurück. Am Dienstag kreisten wieder sechs japanische Bombenslugzeuge über Peking, ohne jedoch Bomben abzuwerfen. 600 japanische Soldaten sind von Tientsien her in Peking eingetroffen, um die japanische Gesandf- schastswache zu verstärken. (Ein Teil der japanischen Gesandfschaftswache rückte in das östliche viertel Pekings, um die dort lebenden Japaner zu schützen.
Der vorläufige Waffenstillstand hat in Peking zu einer deutlich fühlbaren Entspannung geführt Zwischen der chinesischen Polizei und dem ständischen japanischen Patrouillendiensf ist eine Vereinbarung zusfandegekommen, damit die Ordnung aufrecht erhalten werden kann. Die chinesischen Truppen haben den Befehl erhalten, unter allen Umständen Zwischenfälle zu vermeiden. Die chinesische
Polizei hat den Kaufleuten mitgeteilt, daß sie ihre Geschäfte offenhalten können und daß die Anwesenheit von japanischen Truppenpatrouilfen keinen Grund zur Panik biete. Trotzdem flüchten weiter chinesische Bürger aus der Stadt, während Bauern aus der Umgebung ihre Zuflucht in Peking suchen.
Japans Bedingungen.
Tokio, 23. Mcü. (TU.) Der chinesische Gesandte hat den japanischen Außenminister Ut= schida ausgesucht und erklärt, daß China direkte Verhandlungen mit Japan über einen W a f s e n st i 11 st a n d aufnehmen wolle. Der japanische Außenminister erklärte seine Bereitwilligkeit zur Einleitung von Verhandlungen. Ferner wird von japanischer militärischer Seite erklärt: Die japanischen Militärbehörden haben a u f Wunsch der chinesischen Zentralbehörden einen Waffenstillstand geschlossen. Die ja- panische Regierung ist aber nicht in der Lage, s i ch vom chinesischen Kriegsschauplatz z^u rückzuziehen, da die Chinesen nicht im -stände sind, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das japanische Oberkommando hat Anweisung erhalten, alle Maßnahmen zu treffen, damit japanische Interesse., nach dem Ablaus des Wassenstillstandes nicht verletzt werden. Die japanischen Bedingun- gen sind folgende:
1. Demobilisierungallerchinesifchen Trupp en bei Peking.
2. Vernichtung aller Befestigungen bei Peking, Äalgan und Tientsin.
3. Zerstörungen ber Befestigungen bei Taku, Schanhaikwan. und T s ch i n g w a n g t a u, wo japanische Marinetruppen zwecks Ueberwachung stationiert werden.
4. Ueberwachung aller Abrüstungsmaßnahmen durch eine besondere japanische Militärkommission.
5. Schaffung neutraler Zonen.
Das Oberkommando wird ferner vorschlagen, baß der Waffenstillstand sowohl für die japanischen, als auch für die mandschurischen Streitkräfte gelten -oll. lieber das Schicksal Pekings und Tientsins liegen von japanischer Seite Mitteilungen nicht vor.
Jahren in Innerasien reiften. Alle Bemühungen, von Ambolt eine Nachricht zu erhalten, sind bisher gescheitert, und man fürchtet, baß er durch den Aufstand in Turkestan an der Fortsetzung feiner Reise gehindert worden ist. Auch die britischen und sowjetrussischen Behörden, die sich der Angelegenheit angenommen haben, konnten nichts über Ambolt ermitteln. Ebenso blieb eine von 22 schwedischen
Missionaren von Parkand aus unternommene Expedition erfolglos. Sven Hedin wird trotz feines hohen Alters — er ist 68 Jahre alt — die Leitung ber Hilssexpebition selbst übernehmen, bie aus drei der hervorragendsten Mitglieder früherer Expeditionen besteht. Schwierigkeiten macht die Beschaffung des für die Durchführung der Expedition erforderlichen Kapitals.
DieSvangelischeReichMche
Von D. Dr. Johann Viktor Vredt, ehem.^eichsminisier,o. ö. profeffor des Staats« und Kirchenrechts an der Universität Marburg.
Es ist selbstverständlich, daß die Zeit der nationalen Erhebung nicht achtlos vorübcrgehen konnte an der Frage der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auf politischem Gebiete wird jetzt endlich das unselige Erbe der Hohenstaufenzeit, die deutsche Kleinstaaterei, liquidiert. Wir wollen heute ein nicht nur einiges, sondern auch einheitliches Deutsche- Reich schaffen, was früher nur ein frommer Wunsch sein konnte, rückt heute in das Gesichtsfeld des Erreichbaren. Wenn man aber von den deutschen Kleinstaaten redet, dann kommt man ohne weiteres auch zu den noch vorhandenen Klein- k i r ch e n.
Das evangelische Kirchcnwesen steht heute noch aus dem Stande von vor 1 8 66. Als Kurhessen, Hannover, Nassau, Schleswig- Holstein, Frankfurt, in Preußen einverleibt wurden, blieben die kleinen Landeskirchen als selbständige bestehen. Als kürzlich Waldeck einverleibt wurde, blieb die Landeskirche ebenfalls selbständig. So kommt es, daß es innerhalbdespreu- ßischenStaates heute noch acht selbständige Landeskirchen gibt. Das kleine Oldenburg zerfällt ebenfalls in drei selbständige Landeskirchen: der Landestcil Birkenfeld innerhalb der Rheinprovinz gehört kirchlich weder zu Oldenburg noch zur Rheinprovinz: er ist kirchlich souverän. Lind als sich das Land Thüringen zusammenschloß, da gelang es ebenfalls nicht, sämtliche kleinstaatlichen K.rchen zu einer einheitlichen thüringischen Landeskirche zusammenzufassen: Reuß ä. L. blieb kirchlich souverän. So gibt es in Deutschland heute noch 28 selbständige Landeskirchen: von den Freikirchen ganz abgesehen. Es ist auch bisher nicht gelungen, hier Wandel zu schaffen. Die Verhandlungen mit Birkenfeld über einen Anschluß an die kirchliche Rheinprovinz sind gescheitert. Die langjährigen Verhandlungen zu einem Zusammenschluß der kleinen südwestdeutschen Landeskirchen (Hessen-Nassau) führten ebenfalls zu keinem Ergebnis. Die lirchliche Kleinstaaterei schien unabänderlich zu sein.
Einmal allerdings schien es, als ob ber Augenblick der großen Tat gekommen sei. Gegen die Revolution von 1918 setzten sich die kirchlichen Kreise zur Wehr und es entstand 1919 die „volks- kirchliche Bewegun g", die auf Schaffung einer deutschen evangelischen Kirche auf volkstümlicher Grundlage hinzielte. Die Bewegung verlor aber sehr bald ihren Nachhall im Volke und was schließlich herauskam, war der Deutsche Coan- gelische Kirchenbund, der aber nur ein verwaltungsmäßiger Bund und keine Kirche ist! Er garantiert in seiner Verfassung den Weiterbe- st a n d der bisherigen kleinen Kirchen ausdrücklich.
So mußte es gewaltigen Eindruck machen, als die nationalsozial i st i s ch e Bewegung auch die Kirchenfrage anschnitt und zwar in der großzügigsten Weise. Es sollte eine einheitliche Reichskirche geschaffen werden im wesentlichen auf der Grundlage des Luthertums, das nun einmal unbestreitbar die eigentliche eoan- gelische Volksreligion Deutschlands ist. Daneben sollte den Reformierten eine eigene Stellung eingeräumt werden. Das reformierte Bekenntnis verdankt seine Stellung in Deutschland vornehmlich seinem mächtigsten Bekenner: dem Großen Kurfürsten. Unter seinem Schutze war es auch den Reformierten am Niederrhein möglich, sich zu einer mächtigen Freikirche niederländischer Art zusammenzu- schließen. Im übrigen verdanken die reformierten Gemeinden ihre Entstehung meist reformierten Landesherren, in Preußen den Hohenzollern, in Nassau (Siegen) den Draniern, in der Pfalz, in Hessen, in Lippe und Anhalt ebenfalls den Fürstengeschlechtern.
Es wär also eine große einheitliche lutherische Reichskirche entstanden, organisch verbunden mit einer reformierten Reichskirche. Dieses gewaltige Ziel mußte große Wirkung ausüben auf alle, denen eine wirkliche Zusammenfassung des deutschen Protestantismus am Herzen liegt. Wenn daher die „Deutschen Christen" den Standpunkt vertraten, daß eine evangelische Volksabstimmung eine große Mehrheit für diesen Ge- danken ergeben würde, so haben sie zweifellos recht. Es würde sich bestimmt herausgestellt haben, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes von dem Vorhandensein der 28 Landeskirchen gar nichts gewußt hätte.
Nun haben die Dinge aber unterdessen eine a n • bere Wenbung genommen. Die Neuorganisation der evangelischen Kirche kommt nicht von außen, fonbern von innen heraus. Nicht das evangelische Volk unmittelbar schafft jetzt die Reichskirche, sondern die vorhandenen Organe ber bisherigen Can» beskirche nehmen das Werk in die Hand. Dies bedeutet, daß die Neuordnung sich vollzieht auf der Grundlage ber vorhanbenen Lanbeskirchen und baß es sich im wesentlichen um einen Zusammenschluß kleinerer Kirchen zu größeren Verbänden handelt. Die reformierten kleinen Kirchen sind schon voran gegangen; bie lutherischen größeren Kirchen (Hannover, Sachsen, Bayern, Württemberg, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg- Strelitz, Schleswig, Holstein) werden in einer ähnlichen Weife folgen. Weiter ist bann anzun^men, daß diese Zusammenschlüsse dazu führen, baß bie neugeschaffenen Kirchenlänber zusammengefaßt wer- ben zu einer wirklichen „Kirche", Deren Wesen über den Rahmen bes rein verwaltungsmäßigen hinausgeht.
Die nunmehr in Angriff genommene Lösung hat ihre große Bebeutung auch für Das Bekennt»


