Oie stummen Gäste von Zweilinden
Roman vonAnnyvonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
23 Fortsetzung Nachdruck verbotenI
Er stand mit lässig hängenden Armen uni) blickte auf die schon dunkle Gasse. Die Dunkelheit tritt hier früh ein, die Dämmerung ist nur kurz, zwischen Nachmittag und Abend gibt es in Spanien kein so langsames Abschattieren der Farben wie in Deutschland und den übrigen nördlichen Ländern Europas. — Wulf Speerau wandte sich um, wollte wieder ins Haus zurück. Der gewechte Palmenzweig hob sich hell von dem dunklen Holz der Tür ob, er sah fast phantastisch und gespenstisch aus.
„Hast meinem Haus das Unheil nicht fernhatten können", flüsterte der bis in alle Tiefen erregte Mann. Oh, wüßte er nur einen Grund, um ein nochmaliges Wiedersehen zwischen Angela und Konrad von Zweilinden zu verhindern.
Das Armband mußte zurückgegeben werden, aber es durfte nicht durch Angela geschehen. Das hieße eine Gefahr heraufbeschwören, die sich bis jetzt glücklich hatte vermeiden lassen, die Gefahr, daß sein Name genannt wurde. Bettina Zweilinden sollte nie erfahren, was aus Wulf Speerau geworden.
Angela öffnete die Haustür.
„Komm, Vater, das Essen steht auf dem Tisch!" rief sie, und er folgte dem Ruf. Beide sprachen während der Mahlzeit fast gar nicht,aber im Mittelpunkt der Gedanken von beiden stand Konrad von Zweilinden. Während des Essens entwarf Wulf Speerau seinen Plan.
Nach dem Essen schickte er Angela in die Apocheke, um ihm eine neue Flasche Augenwasser machen zu lassen. Er wollte es vor dem Schlafengehen benutzen, erklärte er und rechnete aus, ehe Angela wieder zurück sein konnte, mußte er die Vorbereitungen zu feinem Vorhaben getroffen haben. Kaum hatte sie das Haus verlassen, schrieb er mit etwas verstellter Handschrift ein paar Zeilen, tat sie in einen Umschlag und eilte in Angelas Stube, um ihrem Schmuckkästchen das Armband zu entnehmen, das sie morgen zurückgeben wollte.
Als Angela heimkam saate er zu ihr: „Ich will noch in die Bar „Zum Aragonesen" gehen, ein Täßchen Kaffee trinken und ein bißchen schwatzen! Lege dich nur schlafen, Kind, wenn ich ein wenig später heimkommen sollte."
Angela nickte und war froh, als sie sich allein befand. Sie saß am Tisch, ordnete ihre Blumen für den nächsten Tag und dachte, morgen sah sie Konrad von Zweilinden wieder. Sie freute sich sehr darauf. Sie grübelte, wie es nur möglich war, daß man sich so freuen konnte, einen Menschen wiederzusehen, den man kaum kannte. Sie stützte den Kopf in die Hand
..hj trdunue mir offenen Augen vor |im hin. Ganz deutlich meinte sie die hohe Gestalt des deutschen in ihrer straffen Haltung vor sich zu sehen. Sein Gesicht glaubte sie zu sehen und den Klang feiner Stimme zu hören.
Sie sann, morgen würde er noch einmal zu ihr kommen, um das Armband seiner Mutter abzuholen, und dann kam er wohl nie mehr. Sie kannte ihn kaum, und der Gedanke, ihn im ganzen Leben nie wiederzusehen, erschütterte sie wie ein großes Unglück. Tränen drängten sich aus ihren Augen, zogen langsam über das sanfte Oval der Wangen, tropften auf die Rosen und Nelken nieder, die auf dem Tisch lagen.
Warum hatte sie Konrad von Zwellinden kennen- lernen müssen? Es wäre besser gewesen, er wäre nie an ihren Kiosk herangetreten, hätte nie ein Wort mit ihr gewechselt. Aber bann brach doch wieder Freude in ihr durch, ihn morgen noch einmal sehen und sprechen zu dürfen
„Ich habe dich lieb!" flüsterte sie in die Stille des Zimmers hinein, und sie sann, wie wunderselig und doch zugleich wie traurig war ihre Liebe. Sie hätte jubeln und meinen mögen.
Die Uhr der nicht allzu weit entfernten Kirche schlug zehnmal. Das riß Angela in die Wirklichkeit zurück. Sie warf einen Blick auf den Wecker, der auf einer kleinen Wandkonsole stand. Der Vater blieb lange. Länger als ein Stündchen war er sonst selten in der Bar „Zum 2Iragonefen".
Sie erhob sich und holte den Kasten herbei, in dem sie das Armband aufgehoben. Sie wollte sich die Bildchen noch einmal genau betrachten. Vor allem sein Bild, an den sie ihr Herz so schnell verloren, der aber viel zu hoch stand, als daß ihre Wünsche, die Seine zu werden, sich an ihn heranwagen dursten.
Sie öffnete den Kasten und langte hinein, aber erschreckt zog sie die Hand sofort wieder zurück. Wo war das Armband? Es lag ja gar nicht an feinem Platz. Sie erinnerte sich deutlich, es in den Kasten hineingelegt zu haben, nachdem es der Vater gesehen.
Sie war in heller Verzweiflung. Was war zu tun? Sie konnte doch Konrad von Zweilinden morgen nicht erklären: Ich verwahrte das wertvolle Schmuckstück zuverlässig, man hat es. mir gestohlen!
Sie rang die Hände, begann schließlich zu suchen. An den unmöglichsten Stellen suchte sie, wo das Armband wirklich nicht fein konnte.
Als ihr Vater heimkehrte, stürzte sie ihm entgegen, schluchzte fassungslos: „Das Armband ist gestohlen worden, Vater, ich muß mich ja morgen zu Tode schämen vor Herrn von Zweilinden."
Sie bebte am ganzen Körper.
Wulf Speerau strich ihr liebkosend über das Haar. „Armes Mädelchen, hast du dir deshalb Gedanken gemacht? Sei ganz ruhig, das Armband ist nicht gestohlen. Ich habe es an mich genommen und ins Hotel „Ritz" getragen, wo ich es mit ein paar erklärenden Worten beim Portier abgab. Wozu soll sich der Herr erst noch einmal hier herausbemühen, um- es abzuholen."
Angela hatte sich an den Vater angeklammert, jetzt löste sie sich mit einem Ruck von ihm.
„Und warum hast du das getan, Vater, welchen Grund hattest du dafür, das hinter meinem Rücken zu tun, ohne mir etwas davon zu 'agen?"
Heftig warf sie chm die Frage entgegen.
Er schüttelte den Kopf.
Den Ton bin ich wahrhaftig nicht von dir gewöhnt, Angela! Daß ich das Armband ins Hotel trug, bedeutet weiter nichts als eine Höflichkeit gegen die Herrschaften. Und dann, weshalb sollst du morgen an deinem Kiosk mit dem Fremden die Zeit vertrödeln? Du hast immer so viel zu tun, daß der Besuch des Herrn von Zweilinden nur eine Störung und viel Zeitversäumnis für dich bedeutet."
Er bemühte sich, ruhig und selbstverständlich zu sprechen.
In Angela begehrte das heiße südländische Blut auf.
Das sind ja alles Ausreden, Vater", rief sie, und ihre Stimme war dunkel wie der Klang einer Glocke, „du haft irgendetwas gegen Herrn von Zweilinden, der dir doch gar nichts getan hat, und du willst vermeiden, daß ich ihn noch einmal sehe und spreche!" Ihre Augen flammten. „Du weißt ja nicht, was du heute getan hast! Aber ich will es dir sagen, vielleicht begreifst du es bann. Ich liebe Konrad von Zweilinden, Vater, ich liebte ihn auf den ersten Blick, und trotzdem ich mir darüber klar geworden, daß ich nie seine Frau werden kann, war ich doch selig bei dem Gedanken, ihn wenigstens noch einmal sehen zu dürfen. Mit diesem färglichen, flüchtigen Wiederehen morgen wollte ich mich bescheiden. Es bedeutete ogar ein Glück, eine Gnade für mich. Und nun hast m es mir weggenommen wie etwas, was ich nicht mehr brauche, so, wie du mir vielleicht eine verpfuschte Blume aus der Hand nehmen würdest, um sie in den Kehricht zu werfen." Sie sprach immer erregter, die Tränen liefen ihr dabei über die Wangen wie Perlenschnüre, die kein Ende fanden: „Einmal wollte ich ihn noch sehen und mir feine Züge einprägen für alle Zeit, daß ich sie fest im Gedächtnis behielte immer und immer. Bis in die Ewigkeit wollte ich sie mit hinübernehmen! Ich kenne fein Gesicht, ich behalte es auch jetzt im Gedächtnis, aber ich freute mich so darauf, noch einmal mit ihm zu reden und noch einmal meine Hand in der feinen zu spüren."
Sie schrie laut auf: „Du hast mir weher getan als ein Henkersknecht, Vater, und ich glaube, ich kann nun nie mehr froh werden." Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Wulf Speerau war erschreckt vor der Leidenschaft, von der die Worte getragen wurden, eine ganz andere, eine völlig veränderte Angela stand da vor ihm und klagte ihn an.
Er versuchte sie zu beruhigen und sagte weich: „Laß gut sein Mädelchen, mit der Liebe ist es doch nicht so schlimm. Die Hauptsache dabei ist immer nur Einbildung. Du bist schön, du wirst eines Tages hier vorteilhaft heiraten und den Deutschen ver
gessen. Ich habe es doch nur gut gemeint, daß ich das Armband ins Hotel „Ritz^ trug."
Angela hob leicht die Hand.
„Du bedienst dich einer Ausrede, aber wenn du mir nicht die Wahrheit sagen willst, Vater, muß ich mich auch so zufrieden geben." Sie preßte die Hande fest aufs Herz. „Du hättest das nicht tun dürfen. Alles wäre gut gewesen, ich würde mich innerlich wieder zurechtgefunden haben, wenn ich ihn nur noch ein einziges Mal hätte sehen dürfen. Jetzt aber verwirrt mich alles, mir ist, als lohne sich gar nichts mehr. Nicht das Schlafengehen und Aufstehen, nicht das Blumenverkaufen, nichts von all dem kleinen Kram, mit dem man die Zeit hinbringt." Sie stand mit schlaff niederhängenden Armen. „Ich gehe jetzt schlafen, Vater, wozu über Dinge reden, die unabänderlich sind. Ich kann ja nicht ins Hotel ,Ritz< laufen und dem Deutschen erzählen, daß ich ihn gern noch einmal wiedergesehen hätte, ehe er für immer Spanien verläßt."
Sie schluchzte laut und fassungslos auf und verließ ohne Gutenachtgruß das Zimmer.
Wulf Speerau blickte ihr betroffen nach. Er hatte damit gerechnet, Angela würde nicht ganz damit einverstanden sein, daß er hinter ihrem Rücken die Angelegenheit geordnet hatte, aber auf ein so klares, unumwundenes Liebesgeständnis war er doch nicht gefaßt gewesen. Angela liebte Konrad von Zwei- linden. Er hatte die Gefahr geahnt, aber daß Angela schon so mit ganzer Seele an dem Deutschen hing, das überraschte ihn.
Er setzte sich seufzend an den Tisch. Da lagen künstliche Blumen, sie hatten ganz feuchte Flecken. Es waren Spuren von Tränen, die seine Tochter um Konrad von Zweilinden gemeint
Es schien ihm fast unglaublich, daß ein so junges Mädchen sich Hals über Kopf in einen Mann verlieben konnte, den sie kaum kannte.
Er blickte starr vor sich hin.
Er hatte, so weit er auch zurückdachte, keinen einzigen Menschen liebgehabt außer Angela. Und nichts hatte ihm ferner gelegen, als ihr wehe tun zu wollen. Aber war ihm eine Wahl geblieben? Hatte er nicht so handeln müssen, wie er es getan?
Konrad von Zweilinden war der Enkel des ermordeten Gutsherrn von Zweilinden: an dieser entsetzlichen Wahrheit konnte er nicht vorbei. Und es war deshalb gut, was er heute getan, es war gut, selbst wenn er Angela damit noch so großen Schmerz bereitete.
Ein nochmaliges Wiedersehen der beiden jungen Menschen wäre in jebef Beziehung gefährlich gewesen.
Bis jetzt schienen die Zweillndens seinen Namen noch nicht zu kennen, im Augenblick aber, wo ihn die frühere Bettina Claudius erfuhr, würde man es bald im ganzen Taunuskreise wissen, was aus Wulf Speerau geworden. Er jedoch wollte verschollen bleiben für immer. (Fortsetzung folgt.)
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Gießen, im April 1933
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Marie Reul, geb. Bindewald Walter Reul
Danksagung
Für die vielen Beweise herzUcber Teilnahme bei dem Heimgange unseres lieben Entschlafenen sagen wir tiefgefühlten Dank. Besonders danken wir dem Stadtschulamt der Goetheschule, seiner Klasse, dem Gießener Lehrerverein, der Ortsgruppe Gießen des V. D. A. und der Alters 'Vereinigung für die ehrenden Nachrute und Kranzspenden.
Gestorben am 17. April 1933 in Berlin.
2759 D
Unterfertigter CC betrauert aufs tiefste das Ableben seines lieben A. H.
Der CC der Starkenburgia.
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Am Donnerstag, dem 27. d. 2U„ nachmittags um 3 Uhr, findet auf dem hiesigen Rathaus die Neuverpachtung einiger Fischereigewässer Gemarkung Dutenhofen statt. Bedingungen werden im Termin bekanntgegeben. 2761V
Dutenhofen, den 22. April 1933.
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Bekanntmachung
Bett.: Neubildung des Stadttates der Stadt Gießen.
Die Gemeindewahlkommission hat in ihrer Sitzung vom 22. April 1933 festgestellt, daß nach den eingereichten Wahl- oorschlägen folgende Bewerber als Mitglieder des Stadtrates der Stadt Gießen gewählt find:
I. Von dem Wahlvorschlag: „National, sozialistische Deutsche Arbeiterpartei":
1. Lotz, Adam, Postassistent, Bruchstr. 5.
2. Bartholomäus, Heinrich, Werkmeister, Aulweg 43.
3. Walter, Friedrich, Former, Friedensstraße 11.
4. S 0 ldan, Franz, Gastwirt, Settersweg 50.
6. Kurz, Adolf, Oberingenieur, Liebig- straße 35.
6. Sudheimer, Adolf, Kaufmann, Moltkestraße 26.
7. Pape, Karl Otto, Bankbeamter, Friedensftraße 18.
8. Wenderoth, Wilhelm, Arbeiter, Am Kugelberg 14.
9. W 0 lkewitz, Dr. Paul, Stuüienrat, Ostanlage 18.
10. Noll, Wilhelm, Landwirt, Neustadt 47.
11. Lembke, Ludwig, Kaufmann, Lud- wigstraße 36.
12. Friedrich, Otto, Lagerarbeiter, Walltorstraße 67.
13. Hahn, Wilhelm, Gerichtsreferendar, Großer Steinweg 20.
14. Slum, Rudolf, Schreinermeister, Steinstraße 78.
15. Grahlmann, Bruno, Oberinge- nieuf-, Jheringstraße 6.
16. Nicolaus, Karl, Oberforstmeister, Stephanstraße 4.
H. Von dem Wahlvorschlag: ..vereinigte nationale Rechte":
1. Zimmer, Jakob Friedrich, Rechtsanwalt, Kaiserallee 12.
2. G 0 e r z, Heinrich, Lehrer, Großer Steinweg 22.
3. Kling, Georg, Rektor, Marburger Straß.' 52.
4. Appel, Richard, Oberreallehrer, Roonstraße 10.
5. Brüning Dr. August, Professor, Röntgenstraße 6.
6. N 0 r t h Franz, Postassistent i. R., Ebelstraße 17.
III. Von dem Wahlvorschlag: „Sziatdemo- kratische Partei Deutschlands":
1. Mann, Albin, Gewerkschastsange- st^lter, Schanzenstraße 16.
2. Gurnbe 1, Dr. Konrad, Volkswirt, Am Kugelberg 1.
3. Noll, Christine, geb. Simon, Angestellte, Bahnhofstraße 14.
4. Teuber, Otto, Buchdrucker, Friedensstraße 12.
5. Häuser, Hemrick, Parteisekretär, Am Riegelpfad 96.
6. Maier, Joses, Angestellter, Licher Straße 105. 2755C
Gießen, den 22. April 1933.
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