Ausgabe 
24.2.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Zahrplanänderungen bei der Krastpost (Sieben-Hochelheim.

Dom Postamt Gießen wird uns mitgeteilt: Dom 27. ab treten auf der Kraftpostlinie GießenHochel­heim nachfolgende Fahrplanänderungen in Kraft:

Die bisher werktägliche Kraftpofl ab Gießen Bahnhof 10.50 nach Hochelheim und die im An­schluß hieran ausgeführte Kraftpost nach Großen- Llnden Bahnhof ab Hochelheim 11.40, sowie die Krastpost von Großen-Linden Bahnhof ab 12.42 Uhr kommen in Wegfall. Die Aufhebung war bei der äußerst schwachen Benutzung nötig und ist im Einvernehmen mit den beteiligten Gemeinden geschehen. Eingelegt wird eine neue, nur werktags verkehrende Krastpost ab Gießen Bahnhof 12.30, an Hochelheim 13.00 Uhr. Die bisher täglich um 13.06 in Hochelheim abgehende Kraftpost verkehrt für die Folge nur noch werktäglich und verläßt Hochelheim um 13.12 Uhr. Sonntags ist diese Fahrt mit Rücksicht auf die Klinikbesucher auf 11.50 Uhr ooroerlegt worden und geht über Rechtenbach. Die um 18.30 Uhr am Bahnhof Gießen abführende Krastpost wird auch über Groß- und Klein-Rechten­bach geführt (1*9.03 und 19.05).

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Oberhessischcr Kunstverein: Turmhaus am Brand- Platz. 15 bis 17 Uhr Ausstellung. Deutsche Dollspartei: 16 Uhr,Hotel Hindenburg", Frauenvers ammlung.

Aus dem Etadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 ilfjr, als 20. Borstel­lung im Freitag-Abonnement 2. Abend im Zyklus hessischer Dramatiker Karl Reuraths Bauern- kriegsdramaDer Bundschuh". Spielleitung Peter F a s s o t t. Gewöhnliche Preise. Ende nach 22.30 il&r. Den bunten Reigen fröhlicher Karncvals- veranstaltungen im Spielplan des Theaters eröff­net am morgigen Samstag, 20.15 Uhr die Pre­miere des .Großen Zirkus-Kabaretts". Wer ein an Fröhlichkeit, Buntheit der artistischen Leistun­gen, Bielcrlei akrobatischer Leistungen kaum zu überbietendes Zirkusprogramm mit Tierdressuren, Balancealrcbaten, komischen Recklurnem, Tänzen und Spähen der Hausclowns besuchen will, darf zu dieser Eröffnungsvorstellung nicht fehlen. Die Veranstaltung ist zu kleinen Preisen. Ende 22.30 Uhr. Die Operellen-Revue3m weihen Röhl" fleht sür Sonntag, 26., 18.30 Uhr, als Fremden­vorstellung auf dem Plan zu ermäßigten Operet­tenpreisen. Borzugsgulscheine und Schülerkarten haben Gültigkeit. Anschließend findet um 22.15 Uhr mit vollkommen neuem Programm und ver­stärktem Iazzorchester unter Wolfgang Kühnes künstlerischer Gcsomtleilung ein .Racht-Kabarett" statt. Auch für das Racht-Kabarett ist der Grund­ton der Bortragsfolge Fasching, Stimmung, Laune

Wählerliste einsehen!

Die Liste liegt bis einschl. Sonntag, 26. Februar, auf. Linzusehen in Gießen, Stadthaus Bergstraße, Zimmer 14, werktags von 8 bis 13 Uhr und 15 bis 18.33 Uhr, Samstags von 8 bis 13 Uhr, Sonntag von 9 bis 13 Uhr.

und Humor. Auch zu diesem Rachtkabarett gelten kleine Preise. Am Faschingsmontag, 27. Febr., findet 20.15 Uhr eine einmalige Wiederholung des gesamten Zirlusprogramms der Eröffnungsvor­stellung zu kleinen Preisen statt. Ende 22.30 Uhr. Zum ersten Male wird am Faschingsdienstag der tolle Stimmungsschwank .Da stimmt was nicht" von Franz Arnold unter der Spielleitung Heinrich Hubs aufgeführt. 21. Borstellung im Dienstag-Abonnement. Gewöhnliche Preise.

Amtsgericht (Sieben.

Ein rückfälliger Dieb wurde wegen fortgesetzten Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt. Er wohnte hier bei einer Frau vom August bis Dezember des vorigen Jahres und bestahl während dieser Zeit sortqesetzt seine Hauswirtin. Zu den gestohlenen Gegenständen

gehörten u. a. ein Strohsack, ein Wandbrett, eine Küchenlampe, Löffel und vielerlei Kinderspielzeug. Er will demnächst heiraten, so daß die Vermutung sehr nahe liegt, daß er die Gegenstände in seinem demnächstigen Haushalt verwenden wollte. Das Feld seiner Tätigkeit verlegte er auch außerhalb seiner Wohnung in den Riegelpfad, die Ludwig- und Liebigstraße. Dort stahl er auf Treppen und in Höfen des Nachts zum Trocknen aufgehängte Wäsche, Damastbezüge, Kopfkissen, Tisch- und Hand­tücher, Knickerbocks, Tüllgardinen, Stangen und bergt. Bei einer Haussuchung wurden noch andere fraglos von ihm gestohlene Gegenstände vorgefun­den, deren Eigentümer bis jetzt nicht festgestellt werden konnten. Wenn es dem Gericht auch nicht zweifelhaft war, daß dem vorbestraften Angeklagten ein bedenklicher Hang zur Begehung von Diebstählen der gedachten Art innewohnt, so billigte es ihm doch mildernde Umstände zu. Sie wurden aber lediglich in seiner Jugend gefunden, und nur diese bewahrte ihn vor dem"Zuchthaus. Ein vorbestrafter Lauf­bursche in einem hiesigen Geschäft schädigte im Laufe des vergangenen Jahres den Geschäftsinhaber um etwa 2l>0 Mark, indem er nach und nach Ber- kaufsgegenstände in diesem ungefähren Werte in diebischer Absicht mitnahm. In Not handelte er nicht; er erhielt einen Wochenlohn von 22 Mark. Strafe: vier Wochen Gefängnis.

Kundgebung für den deutschen Osten

Ein denkwürdiger Abend in der Universität.

Rektor, Senat und Studentenschaft der Uni­versität Gießen veranstalteten gestern abend in der Reuen Aula e.ne Kundgebung für den deutschen Osten. Eine Anzahl Gäste, dar­unter auch zwei Bertrek.r des Offizierkorps un­seres Bataillons. Mitglieder des Lchrlörpers, die studentische Charg.erten in Wichs und mit Zahnen, sowie viele Studenten füllten die Aula fast ganz und gaben durch das feierliche Bild der Korporationen und den starien Besuch der Beranstaltung ein würdiges Gepräge.

<5e Magnifizenz

der Rektor Prof. Or. Zeß

betonte in seiner Eröffnungsansprache, daß das Interesse der Alma mater Ludoviciana an dem Ech.ckscll unserer deutschen Brüder im Osten nicht erloschen sei und auch nicht erlöschen werde. Man werde nicht vergessen, welche große Teile unseres Landes uns geraubt worden seien und daß viele deutsche Brüder jenseits der Grenze in Rot seien. Wan gedenke aber nicht nur des deutschen Ostens, sondern auch der geraubten Ge­biete im Rorden und im Westen: man werde auch niemals den Diebstahl der deutschen Kolo­nien vergessen.

Der deutsche westen werde den deutschen Osten niemals verraten. Einst müsse der lag kommen, an dem die Fesseln der Feinde gesprengt würden.

Wenn erst die Zwietracht in unserem Bolle auf­gehört habe, eventuell mit Gewalt vernichtet worden sei, dann möge die kämpferische Kraft des deutschen Volkes sich nach außen hin auswirken, damit der unheilvolle Korridor verschwinde, Me­mel und Oberschiesien zum Reich zurückkehren könnten. Jeder müsse dafür sorgen, daß dieser Gedanke niemals unter uns aufhöre. Insbeson­dere müsse die junge Generation immer daran denken, welche große Aufgabe dem deutschen Bolle bevorstehc. (Starker Beifall.)

Herr Karl Franz-Gre wih

Geschäftsführer der vereinigten Verbände heunattreuer Lberschlezier,

brachte zunächst die Grüße des Berbandes hei­mattreuer Oberschlesier, sowie des Oberbürger­meisters und des Bürgermeisters von Gleiwitz an die Universität Gießen zum Ausdruck. Er hob hierauf die Wichtigkeit der Wiederkehr des Glau­bens und der Zuneigung an dem vaterländischen Idealismus hervor, unterstrich die Bedeutung des Wiederempfindens für deutsche Ehre und deutsche Treue. Sodann erinnerte er an die ersten Zeiten nach dem Abschluß des Friedensdiktats von Ber- sailles, in denen Oberschlesien an Polen verscha­chert worden wäre, wenn es nur dem Feindbund nachgegangen wäre. Jedoch das gewaltige Be­kenntnis zum Deutschtum, das Oberschlesien in jenen Tagen des Versailler Diktats ablegte, habe die Friedenskonferenz bewogen, Oberschlesien das Selbstbestimmungsrecht einzuräumen.

Der Redner ließ auch die Erinnerung an den Befehlshaber der alliierten Besahnngstrnppen in Oberschlesien, den französischen General L e R on d, lebendig werden, von. dem er treffend behauptete, noch nie habe ein Treuhänder feine Pflicht fo gröblich verletzt, wie diefer franzö­sische General.

Hierauf schllderte der Bortragende in großen Zügen die schwere Leidenszeit Oberschlesiens wäh­rend der Polenaufstände. die Grausamkeit der

polnischen Aufständischen, den Opfer- und Kämpfermut der Bevöllerung, die schwerstes Los toillig auf sich nahm, den Heldenmut und die freudige Hingabe der anfänglichen deutschen Freischaren gegen die Polen und der späteren Selbstschutzorgan.sationen, das schwere Ringen um den Annaberg. den gut vorangehenden deutschen Bormarsch, dessen Einstellung die Regierung be­sah!, der aber über diesen Befehl hinweg unter dec Führung des Generals Höser weiter vorge­tragen wurde, bis die Besatzungsmacht den deut­schen Angriff zum Stillstand brachte, indem sie sich wie ein Keil zwischen den deutschen Selbst­schutz und die aufständischen Polen schob. Dann wies der Redner auf den 21. Oktober 1922 hin, an dem die Botschafterkonferenz über das Schick­sal Oberschlesiens entschied und dabri ein Drittel des Landes vom Mutterlande abtrennte, trotz des gewaltigen deutschen Abstimmungssieges.

Die Trennung Oberschlesiens fei und bleibe juristisch ein Rechtsbruch, politisch eine Torheit und wirtschaftlich ein Verbrechen. Den jetzigen Zustand in Oberschiesien erkenne nicmanu in Deutschland an, Oberschlesien und Deutschland fordern den Status quo von 1914, Oberschlesien wolle kein zweites Llsah-Lothringen. Hände weg von deutschem Land! Ostdeutschlands Rot sei Deutschlands Tod!

Oberschlesien brauche aber die politische und mehr noch die wirtschaftliche Unterstützung des Reiches. Gemeinsam müsse die Abwehr geführt werden. Es gehe auch um Deutschlands SPicksal. Die jetzige Grenze müsse fallen, der Fehlspruch von Versailles müsse revidiert werden.

Der Redner beleuchtete dann kurz die praktische Handhabung des Minderheitenrechts und Min­derheitenschutzes in Deutschland und Polen. Wäh­rend Deutschland seinen Verpflichtungen bis ins kleinste gerecht werde, sei die polnische Minderhei- tenpolltn ein Hohn auf Recht und Sitte. Aber das Deutschtum werde in Ost-Obcrschlesien weiter gehegt und gepflegt durch die deutschen Turn­vereine, beuifeyen Gesangvereine, volkstümliche Vorträge usw. Die Deutsch-Oberschlesier ver­sprechen dem schwer bedrohten Grenzlande, deut­sche Sitte, deutschen Geist und deutsche Ehre zu erhalten und zu pflegen. Allein ohne die Hilfe aller lebenspendenden Kräfte der Ration könne Deutsch-Oberschlesien dem bedrohten Südostpfeiler des Reiches nicht beistehen.

Jeder gute Deutsche müsse an feinem Teil dazu beitragen, daß die oberfchlesische Frage in unferm Sinne gelöst werde.

Hierbei falle der akademischen Jugend eine be­deutsame nationale Aufgabe zu: sie müsse mit­helfen, daß sich das deutsche Volk wieder auf seine hohe Kulturmission besinne. Das himmel­schreiende Unrecht an Oberschlesien dürfe nicht ver­gessen werden. Hnö wenn es nicht anders gehe, dann werde die deutsche Jugend auch wieder mit der Waffe in der Hand nach Oberschlesien kom­men, um dem polnischen Adler das geraubte deut­sche Gebiet zu entreißen. Der Dank Oberschlesiens werde der deutschen Jugend gewiß fein!

Am Schlüsse seiner Rede, die mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde, überreichte der Red­ner mit Dankesworten an Se. Magnifizenz den Rektor für den herzlichen Willkommengruh als bleibendes Andenken eine Plakette des Verbandes heimattreuer Oberschlesier für die ilniöerfität Gießen.

Oer Vorsitzende der Studentenschaft Edler von Graefe

wies nach herzlichen Dankesworten an den Red­ner u. a. darauf hin, daß uns gegenüber auch heute noch immer das Wort gelte: Wacht geht vor Recht! Auf des Säbels Spitze ruhe aber die Welt nicht. Es werde immer wieder dahin kommen, daß ein neugeborenes Volk sich sein Recht wieder erkämpfe. Der Redner erinnerte bann an die große nationale deutsche Rot in Ost- und Westpreußen und betonte,

das Offptoblem fei das Problem des neuen Deutschland und damit das Problem der jungen Generation.

Wie vor hundert Jahren im Osten der Freiheits­wille eines geknechteten Volkes übersprang auf die Jugend und das Reich entflammte zum Befrei­ungskampf, so werde sich Deutschlands Schick­sal wieder dort oben entscheiden, wo sinnlose Rachgier walte. Die deutsche Jugend habe dieses

Schicksill gestaltend zu bestimmen. Die deutsche Zukunft liege auf dem Lande, auf den Menschen, die es bebauen. Der Osten könne nur deutsch fein und bleiben. Wenn der Rus aus dem Osten an die Jugend ergehe, werde sie bereit sein, ihr Letztes herzugeben. Die deutsche 3ugcnö glaube unerschät.erlich an Deutschlands Zukunft, die .h e eigene Zukunft sei. (Starker Beifall.) Mit dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes sand die Ansprache ihren Abschluß.

Treugelöbnis an den deutschen Osten

Am Schlüsse der Kundgebung stimmte die Ver­sammlung der Absendung folgenden Telegramms an die zuständigen Behörden von Ostpreußen, Westpreuhen und Oberschlesien zu:

.Rektor, Senat und Studentenschaft der Uni­versität Gießen entbieten von einer Kundgebung für den bedrängten deutschen Osten Grüße für Ihren Kampf und hoffen, daß dem deutschen Osten die Befreiungsstunde bald schlagen möge."

DerMrnbergerKompaßunddieMttags-Kanone

Allerlei Kuriositäten aus der Geschichte der Uhr.

Wenn wir heute von einer Ahr sprechen, so meinen wir gewöhnlich die Räderuhr, wie wir sie in den Taschen ober am Handgelenk tragen und an unfern Wänden finden. Aber diese Vor­stellung ist verhältnismäßig jung. Obwohl die Räderuhr doch bereits sechs Jahrhunderte alt ist, verstand der Sprachgebrauch unter Uhren bis vor 100 Jahren fast zunächst Sonnenuhren. Diese haben durch Jahrtausende die Geschichte der Zeitmessung beherrscht und waren in unzäh­ligen Formen verbreitet. So wird uns z. D. von Bohn 1763 berichtet, daßdie Rürnberger viele hunderterlei Sonnenuhren zum Verkauf von Mes­sing, Dein, Holz und anderen Materien machen: etliche stellen in einer flachen, viereckigen Büchse, die man Rürnberger Kompasse heißt und von Elfenbein oder anoerm Bein gemachet, auch die Zahlen und Striche darauf schwarz und rot be­zeichnet sind. Es sind dergleichen Rürnberger Kompasse sehr bequem im Schubsack auf der Reise bei sich zu führen. Andere werden schwe­bend in der Hand gehalten und bloß gegen die Sonne gerichtet, als da sind die messingenen Sonnenringe und zylindrischen Sonnenzeiger, der­gleichen viele von den Rürnbergern auf den Märkten herumgetragen werden." Die Sonnen­uhr ist bekanntlich eine Vorrichtung, die es er­möglicht, durch Beobachtung des Schattens den Sonnenstand zu bestimmen.

Auch Rachtuhren wurden auf diese Weise her- gestellt. Bei einer solchenM onduhr" verfuhr man folgendermaßen: man las zunächst auf der Sonnenuhr die Stunde ab, die Der vom Mond- licht hervorgerufene Zeigerschatten traf; bann stellte man bie drehbare Scheibe auf das in einem äußeren Kreis angegebene Mondalter, suchte auf ihr bie abgelesene Stunde und fand ihr gegenüber in dem Kreise, die bie Ziffern dergroßen Uhr" enthält, die ungefähre Rächt - stunde. Aehnlich war auch die S t e r n u h r , der Horometer: man benutzte dabei ein Lineal, bai so eingestellt wurde, daß die beiden letzten Sterne des Großen Bären und des Polarsterns in eine Linie tarnen, und von dieser aus zählte man bann die Rachtstunden.

Oehruhren, bie monumentale Formen hat­ten, ließen burch ein Oehr im Dache einen Son­nenstrahl auf eine in dem Boden befindliche Gradeinteilung fallen. Solche Uhren sind noch heute auf alten .Sternwarten und in Kirchen, besonders in Italien, zu finden, und einige waren weit berühmt. Eine sehr merkwürdige Form der Sonnenuhr ist die Mittags-Kanone. Diese, die hauptsächlich im 18. Jahrhundert beliebt war, wurde von der Sonne bei ihrem Höchststände abgeschossen, in dem die Sonnenstrahlen durch ein über dem Zündloch angebrachtes Brennglas gesammelt wurden.

Auch bie Räderuhr kam in zahllosen Formen auf den Markt: ba gab es u. a. Reiseuhren, bie

im Koffer eingelassen waren, Sattel» und Wagen­uhren, die ebenfalls auf der Reise mitgeführt wurden, Halsuhren, die man seit dem 16. Jahr­hundert als Schmuck trug. Die sog. Bisam» knöpfe waren rundliche Uehrchen, die zugleich als Riechbüchsen dienten und mit einer Kette am Gürtel befestigt waren oder auch an kurzen Schmuckketten an der Hand getragen wurden. Fingerringe mit Räderuhren erscheinen bereits im 16. Jahrhundert, ihn die Räderuhr bei Rächt gebrauchen zu können, erfand man die sog. Rachtlampen-Uhr, deren Zifferblatt nachts erleuchtet werden konnte. Es waren freilich keine selbslleuchtenden Uhren, wie sie heute im Brauch sind, sondern die Beleuchtung wurde durch einen Lichtschirm hervorgebracht.

Eine alte Form der Uhr, deren Ursprung sich im Dunkel ferner Vergangenheiten verliert, ist die Sanduhr. Jedenfalls hat sich nicht nach­weisen lassen, daß man schon im Altertum Sand­uhren kannte: auch im byzantinischen Reich wird noch nichts von ihnen berichtet. Sie erscheinen zuerst bei den Arabern, die sie aber wohl nicht erfunden haben, sondern wohl irgendwoher aus dem Orient übernahmen. Bei den arabischen Schriftstellern wird die Sanduhr immer wieder erwähnt. So schreibt Taqi al Din noch 1585: Die Sanduhren sind allgemein bekannt und in jedermanns Hand", und es erschienen besondere Abhandlungen über bie beste Art, wie btefe Uhr herzustellen sei. Die Sanduhr konnte nicht Tag und Rächt in bestimmte Abs hnitte teilen, sondern nur gleiche Zeitspannen messen. Zu diesem Zweck wurde sie im Abendland auf der Kanzel benutzt, damit der Prediger seine vorgeschriebene Zeit nicht überschreite, und geistreiche Vorrichtungen zur Erleichterung des Umwendens waren ange­bracht. Zählvorrichtungen, bie man mit ber Hand einstellen konnte, zeigten an, wie oft bie Sanduhr abgelaufen war, es wurden auch mehrere Sand­uhren in einem Gestell ungeordnet, um Stunden auf getrennten Gläsern anzuzeigm, und bie Eand- uhr spielte auch nach der Erfindung der Pendel­uhr noch eine große Rolle, so daß es in Rüm- berg eine eigene Zunft der Sanduhr-Macher gab. Auch Taschen-Sanduhren wurden getragen.

Auf demselben Prinzip beruht bie Oe 1 uhr, bei ber ber Behälter einer Oeltampe durchsichtig und mit einem Gradmesser versehen ist: das beim Brennen der Lampe allmählich abnehmende Oel zeigt an der Skala die Brenndauer und damit die Stunden an. Ebenso hat man bereits in uralten Zeiten das gleichmäßige Abbrennen an­derer Stoffe zur Zeitmessung benutzt, wie die chinesischen D u f t u h r e n zeigen, bei denen be­stimmte Mengen wohlriechender Stoffe verbrannt wurden. Die 0elv.hr ist im Abendland seit dem 17. Jahrhundert häufig und wurde von den Zinn» gießern noch bis ins 19. Jahrhundert hinein benutzt.

Buntes

Das Geheimnis

der gepfändeten Zuweten.

Ein romantisches Geheimnis umgibt eine Per­sönlichkeit, bie vor 20 Jahren jene Diamanten verpfändete, von Denen ein Teil jetzt auf Veran­lassung ber Pariser Pfandleihe versteigert würbe. Unter den Juwelen befinden sich einige berühmte Edelsteine. Es war im Jahre 1912, als ein Un­bekannter bei dem Credit Municipal erschien und die Schmuckfachen verpfändete, und zwar gegen die für diese Werte bescheidene Summe von 300 000 Mk. Er handelte im Auftrag einer an­deren Persönlichkeit, und die Beamten erhielten von ihm befriedigende Auskunft über den Be­sitzer, über die Herkunft der Juwelen und über das Recht zur Verpfändung. Aber solche Ge­heimnisse werden von der Pariser Pfandleihe, die schon oft Fürsten und Berühmtheiten aus- geboten hat, auf das strengste bewahrt, und so ist denn auch jetzt nicht das geringste darüber durchgesickert, wer wirklich diese Schätze sein eigen nannte und wer nach 20 Jahren sich gezwungen sah. die Zinszahlung einzustellen. Die Zinsen sind nämlich früher jedes Vierteljahr regelmäßig bezahlt worden und deshalb wurden die Juwelen in den Geldschränken des Pfandamtes sorgfältig aufbewahrt. Aber im vergangenen Jahr ent­deckte man, daß die letzte Zinszahlung nicht mehr erfolgt war. Zwölf Monate wurde wie üblich gewartet. Dann erfolgte die Versteigerung der Juwelen, jedoch nur bis zu der Höhe der Summe, die geliehen worden war. Es wurde daher mit dem Verkauf nach der Versteigerung von zwei Diamanten aufgehört. Die verkauften Wertstücke sind der sog.Hald-Regent", ein Diamant, der dem berühmten Regenten in Louvre gleicht, nur kleiner ist. Dieser Edelstein, der 59,6 Karat wiegt, brachte allein 140 000 Mk. 60 000 Wk. wurden für Prinzessin Mathilde" erzielt, einen Stein, der so nach seiner früheren Besitzerin, der Prinzessin Mathilde Bonaparte, heißt; es ist ein rosiger Diamant von 32,3 Karat Schwere. Unter den Juwelen, "die wieder in den Gewahrsam des Leihamtes zurückwandern, befindet sich ein gelber Golconda-Diamant von über 95 Karat Gewicht und noch zwei andere erlesene Juwelen. Pariser Blätter, die sich über bie Angelegenheit sehr ben Kops zerbrechen, vermuten, daß bie Edel­steine einer sehr berühmten Tänzerin gehörten, die bie Freundin eines Dorkriegsmonarchen war;

Allerlei.

dieser ist jetzt tot, und es ist möglich, daß damit iie plö 1 che Einst.Hang ber Zinszahlungen zu- sammenhängt.

Abfälle bringen Gewinn.

Je schwieriger bie wirtschaftliche Lage ist, desto sparsamer muß man mit allen Werten umgehen und so wenig wie möglich nutzlos verschwenden. Vorbildlich ist in dieser Beziehung die Aus­nutzung der Abfälle in London, wo der Müll der großen Hotels und Restaurants an einer ein­zigen Stelle, nämlich zu Marshgate Lane, ver­einigt wird. Hier werden alljährlich mehr als 2300 Tonnen allein von den Fleischmärkten der Riesenstadt zusammengebracht. Dazu werden die Fleischüberreste zusammen mit tausenden Tonnen von Knochen in allen Teilen Londons aus den Hotels, Gastwirtschaften und Fleischerläden ge­sammelt. Die Knochen werden zu ungeheuren Haufen aufgestapelt und zu den verschiedenartig­sten Dingen ausgenutzt. Zunächst werden sie nach ihrer Größe und Form sortiert. Die dünnen Knochen werden zu Griffen für Bürsten, Messer und andere Werkzeuge, zu Knöpfen usw. ver­arbeitet, nachdem die Gelenke in großen Säge­werken abgeschnitten worden sind. Das Markfett wird herausgezogen und zu Glyzerin sowie zu Schmiermitteln ausgenutzt. Die Rippenknochen und andere Knochen, die nicht für Griffe geeignet sind, werden in riesige Dampfkessel geworfen, wo sie viele Stunden lang ununterbrochen kochen. Wenn alles Fett aus ihnen gewonnen ist, kom­men die Knochen in mächtige Maschinen, die sie zu Pulver ^ermahnen, und dieser Stoss wird als ein vorzügliches Düngemittel verkauft. Anderer Ab­fall der Gastwirtschaften dient zu verschiedenen Zwecken. Das alte Brot wird in Wagenladungen abgefahren und für Hundefutter verwendet; die Fette und Oe le werden bei der Herstellung von Seifen benutzt; die fortgeworfenen Korken der Bier- und Weinflaschen werden zur Anfertigung von Kork-Linoleum und Matten verwendet, die größeren Korken zu kleineren zusammengeschnitten. Tonnen von zerrissenen und weggeworsenen Pa- pierbeuteln, Papierservietten usw. werden wieder zu Papier verarbeitet, und die Lumpen von Säcken und zerrissener Wäsche dienen zur Anfer­tigung besonders guten Papiers. Wagenladun­gen alter Konservenbüchsen erzieler hchr Preise, well aus ihnen Lötstoffe herausgezogen werden

I können.