Ausgabe 
23.12.1933 Drittes Blatt
 
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Samstag, 23. Dezember (933

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GderWen)

Rt. 301 viertes Blatt

und Kriei

Das Ergebnis einer

Copyrigth by Nordische Gesellschaft, Lübeck. Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.

Ein Schicksalsjahr nicht nur des deutschen Volkes sondern der gesamten abendländischen Kultur geht zu Ende. Zwar ist noch alles im Umbruch begrif­fen, aber die erste Jahres-Bilanz des neuen Deutsch­lands schließt auf dem Friedenskonto mit großen Aktiven ab. So hört nach langen Jahren der Ver­irrung und Zerrissenheit der Deutsche wieder gläubig das uralte und immer junge Evangelium vom Frie­den auf Erden. Und der Deutsche hofft, daß er in diesem ehrlichen Kampf um den Frieden auch jen­seits der Grenzen immer mehr Mitstreiter finden wird, wenn es das Wohl und Wehe der wei­ßen Raffe gilt. Der nordische Mensch ist in diesem Daseinskampf einer der stärksten Bollwerke gegen die heranbrechende Flut anderer Rassen. Um dieser gemeinsamen Lebensfrage willen tut die feste Wiederveronkerung aller nordischen Kräfte in sei­nem gemeinschaftlichen Urboden doppelt not!

A. Walther Darre,

Michsbauernführer und Reichsminifter für Ernährung und Landwirtschaft:

Der Sinn des deutschen Bauerntums ist auf Frieden und Sicherung seiner Arbeit gerichtet. Wenn je in der deutschen Geschichte dem Bauerntum der Gedanke eines Krieges fern lag, dann heute, wo ihm eine nationalsozialistische Re­gierung zum ersten Mal wieder die Möglichkeit gibt, aus dem Schutt und den Trümmern vergan­gener Jahrzehnte eines artfremden Rechts wieder ein neues deutsches Bauernrecht zu ge­stalten. Unsere jüngsten Bauerngesetze beweisen, daß wir gewillt sind, uns auf dem uns verbliebenen Raum einzurichten. Der deutsche Bauer beweist mit seiner Bauernpolitik der Welt in aller Eindeutigkeit, daß wir aus ehrlich st em Herzen eine Po­litik des Friedens treiben. Der Krieg ist die Auslese der Besten für den Tod. Wir aber brau­chen die Besten unseres Volkes für das gewaltige Werk deutscher Aufbauarbeit. Die uns gestellten Aufgaben sind so gewaltig, daß wir alles andere, aber nur nicht den Ehrgeiz besitzen, unsere national­sozialistische Erhebung in einem neuen Weltenbrande zu ersticken. Was wir wollen, ist in einem Satz ge­sagt: einen Frieden in Gleichberechti­gung und Ehre, der uns in den unserem Va­terlande gezogenen Grenzen die Möglichkeit sichert, unserem Volk Arbeit und Brot zu geben.

Wolfgang von Gronau:

Der ewige Frieden das ist schon ein Jahr­hunderte alter Traum der Menschheit und doch sind wir heute ebenso weit davon entfernt, wie vor 1000 Jahren. Denn alles auf der Welt bedeutet Kampf. In der Natur, im Existenzkampf der Menschen untereinander, im Leben der Völker haben wir dasselbe Bild. Die Luftfahrt ist ein Kampf gegen die Natur. Je schwerer der Kampf, desto größer die Sehnsucht nach Frieden. Wie die Luftfahrt im Kriege die furcht­barste Waffe ist, so ist sie im Frieden der beste Mittler zwischen den Völkern. Möge das 1934 und die folgenden die Flugzeuge nur in diesem letz­ten Sinne tätig sehen zum Wohle der Menschheit.

Dr. Kart Haushofer, Generalmajor a. D./Professor für Geopolitik an der Universität München:

Eine nordische Friedenskundgebung, die es fertig brächte, durch ehrliche, geschloffene und tapfere Zu­sammenarbeit der nordischen Rassen um die Ostsee wenigstens den Werde-Raum des alten Germanentums frei von der schwer heran- drängenden pazifistischen Auseinandersetzung zu hol-

auf Erden."

ten, die wäre wirklich eine Wohltat für das ge­plagte, kleinräumig gewordene Europa! Aber die Voraussetzung müßte eine ganz andere tätige Auf­nahme des deutschen Ringens um Ehre und Gleich­berechtigung bei den rasse-verwandten nordischen Völkern sein, die in ihrer Mehrheit in Folge ihrer behaglichen Wohnbreite den Kampf um Atemraum und Lebensrecht des deutschen Volkes noch nicht klar genug erkannt und verstanden ha­ben, als daß die Erinnerung an eine ehedem allen gemeinsame heroische Weltanschauung wie ein Frie­den gewährendes und gewährleistendes Band leben­erhaltend politisch wirken könnte.

Dr. Hans Fnevrich Blunck

Präsident der Deichs-Sch ifttumskainmer, Vizepräsident der Deutschen Dichter-Akademie:

Es gibt heute, da der Völkerbund eine Ent­stellung des Friedensgedankens durch die Sieger­mächte ohnmächtig geworden ist, nur zwei Möglichkeiten, das europäische Zusammenleben zu sichern. Zum ersten eine gewaltsame Lösung ourch eine übermächtige Militärmacht, so wie Napoleon sie versuchte Aber ich glaube, daß die Generäle, wenn sie heute ein Aehnliches versuchen wollten, durch ein Meer von Blut schreiten müßten und ich glaube auch, daß der Frei­heitswille auch dann stärker bleiben würde als Gas und Tank. Die andere Möglichkeit ist allein die Anerkennung des Selbstbestimmungs- rechts der Völker, das uns Deutschen und auch anderen die wirklichen Grenzen geben würde, wie sie Sprache und Wille zum Zu­sammenschluß zögen, auf der Grundlage von 1918, nicht auf den gewaltsamen Verschiebungen von Bevölkerungsteilen. Wir wissen, daß einige un­serer Nachbarn aus Furcht vor der Erkenntnis frü­heren Unrechts, daß England aus Unkenntnis der europäischen Lage noch nicht reif dazu sind. Aber ich glaube, daß wir früher als andere Bundesgenossen Werksführung it

Von Prof. Or.-Zng Adolf Friedrich, L an der Äergaka

Jedes Werk steht und fällt mit der Gesinnung, die in ihm herrscht. Deshalb erscheint es als Auf­gabe jedes Führers in der heutigen Wirtschaft, auf­zubauen in deutschem Geiste, wachzurufen alle die schlummernden Kräfte, deren Erweckung der Auf­bruch unseres Volkes bedingt. So tritt vor und neben die Organisation des Betriebes die leben­dige Arbeit am Geiste deutscher Ge­meinschaft. Nur solchen Führern aber ist die Erweckung möglich, die selbst nicht nur Forderun­gen stellen, sondern Kraft geben können, aus der die ständige Bewegung und der dauernde An­sporn der Gefolgschaft erwächst. Soll aber solch große Arbeit die größte wohl, die wir leisten können in der Gemeinschaft eines Werkes getan werden, dann bedarf es einer ganzen Führerstruk­tur, einer Einheit d e r Führerschaft, in die sich mit wahrer Achtung und tiefem Vertrauen die Gefolgschaft einzugliedern vermag, einer Führer­schaft, welche in ihrer Geschlossenheit und eindeuti­gen geistigen Zielsetzung die Stütze der ganzen Gemeinschaft zu bilden hat.

Wer aber ist berufen, in dieser Führerstruktur in vorderster Front mitzuarbeiten an dem ge­meinsamen Werk? Wenn an die Menschen Schwe­res herantritt, wenn Lasten.und schwerste Aufgaben vor ihnen stehen, dann unterscheiden sie sich stets in zwei Gruppen, in diejenigen, die warten, bis von außen geholfen wird, und in die, welche mutig

die nordischen Völker zu einem Anerkennt­nis dieser höchsten Form der Völkerfreiheit werden gewinnen können. Darum sehe ich in ihnen und ihren Dichtern und in ihrer Presse nicht die uns flüchtig entfremdeten Nachbarn, sondern kommende Helfer zu einer endlichen europäischen Friedens­ordnung der freien und befreundeten Nationen.

UuLols G. Bmving:

Der Friede zwischen den Völkern beruht nicht auf Verträgen, sondern auf der gegenseiti­gen Achtung der Völker uno dem Willen, einander zu achten und anzuerkennen wie Freundschaft nicht auf Verträgen beruht. Friedens­verträge zu schließen ober abzufassen, soll man den Diplomaten und Staatsmännern entziehen. Da jedes ehrliche und große Volk den Frieden will die Völker sagen es und wir dürfen es ihnen glauben will es ihn, indem es ihn für sich will, auch für die andern. Man bringe also Frie­denswillige, angesehene Männer, die einander und ihre Völker achten Friedenskanzler an die Spitze der Völker. Sie sollen ihren Staats­männern und Ministern verbieten, Verträge mit andern Völkern abzuschließen, die nicht auf der Achtung und vollen Anerkennung des anderen Volkes beruhen. Sofern derartige Verträge bestehen, sollen sie sie abschaffen. Dann regeln sich die Rü­stungen dieser Völker, die nicht mehr der Angst und dem Mißtrauen entspringen, von selbst.

Agnes Miegel:

Friede auf Erden! Das ist die Weihnachtsbot­schaft, die jeder sehnend hört, keiner so sehr, wie die d e u t s ch e F r a u , die mit den ihr zum Liebengegebnen aus dem bedrohten, heiligen Herren der Völker erwuchs! Einem Herzen, das wieder jung, stark, lebensvoll und gläubig seiner Zukunft entgegenschlägt. Einer Zukunft, von der wir alle, Mann und Frau, es wissen, daß inihr" Alle, die guten Willens sind, zu uns finden werden in immer wachsendem Verstehen, um geschwisterlich-gemein­sam an die großen Aufgaben zu gehen, die das Schicksal den starken, in sich gefestigten Völkern stellen wird, damit einmal die Weihnachtsbotschaft sich erfüllt!

deutschem Geist.

Her ber Hochschule für Menschenführung emie Klausthal.

Hand a n I e g e n! Die mit der ganzen Stärke ihrer Zuversicht all ihre inneren Kräfte mobil ma- chen und einsetzen zu befreiender Tat. Und diese Menschen, die von innerem Drang getrieben sind, zu helfen und zu stützen, die gewissermaßen Wel­lenbrecher sind in dem Strom der Schwierig­keiten, die gilt es aufzurufen und zusammenzu­schließen. Nicht die Eigenart einer bestimmten Posi­tion ist es, die hier bestimmenden Ausschlag gibt' Hier handelt es sich um die Führernatur, gleichgül­tig wo sie steht, wo sie lebt und wirkt. Solcher Na­tur aber ist wesentliches Merkmal daß sie nicht nur Befehle gibt, nicht nur organisiert und arbeitet, sondern belebt und mitreif} t! Daß ständig aus ihrem ganzen Wesen ein Strom der Belebung auf Mitarbeiter und Gefolgschaft überfließt, daß in ihrer Nähe Kraft und Zuversicht herrscht und die Blicke sich aufrichten zu neuem Schaffen.

Solches Wirken aber, das beschwingende Stoß­kraft verleiht, kann nur den Menschen zu eigen sein, die in ihrem Wesenskern echt und wahr sind. Und deshalb ist der Weg des Führertums der Weg schlichter Echtheit. Denn das wissen wir, daß ebenso, wie alle großen Bewegungen geboren wur­den aus innerlich einfachen Menschen, die Kraft des Führertums auch im Alltäglichen steht und fällt mit der inneren Einfachheit der Menschen. Daß Befehle, Anordnungen und Maßnahmen nur bann wirken, wenn sie die Eindeutigkeit und Be­

stimmtheit der betreffenden Führer als Stempel tragen.

Echtheit aber erlangen wir nur auf dem Weg, der uns blutseigen ist, auf dem Weg unserer Ehre. Denn hier liegt unser unabänderliches Ge­setz und kein Fleiß, kein Bemühen, kein noch so großer Arbeitseifer kann ein Abweichen von diesem letzten Gesetz gutmachen. Immer erkennen wir, daß deutsche Arbeit nur gedeihen kann, wenn sie auf ehrlichem Wege getan wurde. Segen und Fluch unserer Arbeit hängen ab von dem Maße, in dem wir diesen Weg beschreiten. Aber nicht gilt es, unsere Ehre nur als Gesetz zu erkennen, notwendig ist, daß wir in diesem Gesetz auch die größte Kraft spüren, deren wir teilhaftig werden. Wohl haben wir stets die Pflicht des Charakters anerkannt und betont, immer wieder haben wir

Dreifache Weihnachtsfreude macht, wer ein Winter­kind betreut sich selbst, das fiinb, seinen Litern.

Lin weihnachtssest ohne Sinder ist wie ein Baum ohne Lichter. Darum übernimm eine Patenschaft der Winterhilfe!

aber vergessen, daß in dem Charakter allein die Stärke zum sieghaften Durchdringen ruht, daß ge­rade alle Schwierigkeiten unserer Arbeit und unse­res Kampfes den Beweis dieser Stärke erbringen sollen.

Und hier liegt der Ansatz unseres völki­schen Beweises in der Praxis. Schwere Aufgaben treten immer wieder an den Praktiker heran und werden immer wieder von neuem seinem Schassen neue Bedingungen stellen. Hier aber gilt es, in unserer EinstMung den sieg­haften Glauben an die Kraft des Lich­te s zu gewinnen, in diesem Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, der Ordnung gegen die Un­ordnung die uralte wesenseigene Haltung in uns wiederzugewinnen. Fassen wir aber die Forderun­gen der Praxis nicht mehr auf als erdrückende Last, erkennen wir in ihnen die Aufgabe unseres inneren Beweisens, dann wird aus unfern Werken und Arbeitsstätten nicht nur ein Feld bester fachlicher Betätigung, sondern weit über dies hinaus eine Schule deutscher Gesinnung.

Und deshalb gilt es, in der Arbeit nicht zu sehen eine Last, sondern einen Weg zur inneren Befreiung. Deshalb gilt es, unsere Arbeits­stätten mit dieser Siegesgewißheit zu erfüllen und ausstrahlend von den Führern in der Gefolgschaft die Gewißheit siegreicher Tat wachzurufen. Arbeit am Geist deutscher Gemeinschaft läßt sich nicht organisieren, Arbeit am Geist steht jenseits der Berechnung und produktiver Erwägung. Und nur derjenige Führer, der sich mit seinem ganzen Wesen, mit seinem ganzen Herzen einsetzt für das Auf­erwecken der ihm anvertrauten Kräfte, nur der­jenige Werksleiter, der in dem ihm anvertrauten Volksgenossen das höchste Gut sieht, das ihm die Nation zu treuen ^Händen geben kann, wird aus einem Betriebsführer ein Vorkämpfer, Er- zieher und Führer feiner Volksgenossen.

Aus solcher Gemeinschaft aber und allein aus solcher wächst beschwingende Tat. In solcher Ge­meinschaft wird und muß auch die praktische Leistung die beste sein! Denn eigenartig wäre es, was dort, wo Kräfte, wo Klarheit und Lauterkeit herrschen, die Leistung des einzelnen und die Ge­meinschaftsarbeit schlechter sein soll. Was wir brauchen, auch in der Wirtschaft, ist die Neuge - burt aus dem Erleben deutschen We­sens! Was wir wollen sind Führer, die dieses heilige Erleben in tiefer Ehrfurcht in sich selbst tragen! Sind Führer, die aus der lichten Kraft deutschen Wesens mit reinem Geist und reinen Händen die Gefolgschaft leiten. Die in praktisch bester Arbeit in ihren Werken Saatstätten deut­schen Geistes schaffen.

Weihnacht im Gebirge.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Ein Abschnitt aus dem soeben im Insel- Verlag zu Leipzig erschienenen RomanD a s Jahr des Herr n". In den Ablauf der Jahreszeiten, die dem Boden das Gesetz seiner Leistung oorschreiben, und die kirch­lichen Feste, in die sich ihr Wechsel sinn­bildhaft einordnet, ist die Gemeinschaft eines Dorfes gestellt, aus deren Mannigfaltigkeit an Gestalten und Ereignissen sich eine Dich­tung erhebt, die voll tiefer Einsicht ist in die Einfalt und die Verruchtheit des mensch­lichen Herzens.

Es kommt der Heilige Abend, der einzige Tag im Jahr, den man rein vergeudet und der erst mit dem Dunkelwerden beginnt Auf der ganzen Welt gibt es sicher keinen Christenmenschen, der diese Stunde nicht feiert. Mag er auch selbst ganz arm und einsam fein, er wird doch an irgendeine selige Zeit seines Lebens zurückdenken, oder er kann an einem Fenster stehen und Kinder lachen hören, und wenn er sich nur in einen fremden Hausflur drückt, so kommt gewiß jemand vorbei, der ihm freund­lich zunickt und gute Feiertage wünscht.

Denn an diesem Abend sind alle Menschen freund­lich und gut Friede, fangen die Engel. Friede den Menschen auf Erden!

Auch die alten Leute im Armenhaus ziehen ihr bestes Gewand an, sie stecken ein Tannenreis hinter das Best, und nach hem Aveleuten kniet jedes vor einem Stuhl und ha. sein eigenes Wachslicht bren­nen. Der Pfarrer kommt herüber und kniet auch hin und betet den freudenreichen Rosenkranz mit ihnen.

David steigt indesfen in die Kammer hinauf und endzündet die Lichter an seinem Baum. Kerzen­stummel von den Altären Nüsse hängen im Geäst, Sterne und Kugeln aus Stanniol vergoldete Lär­chenzapfen und ein paar Zuckerstücke, es sieht sich so festlich an. Zuletzt schleicht er auf den Zehen­spitzen hinaus, schließt die Kastentüren und wartet eine Weile auf dem finsteren Dachboden

Klingkling, sagt David, bann macht er die Türen wieder auf und steht überwältigt vor der gleißen­den Pracht. Summend und voll Staunens geht er um den Baum herum und schlägt die Hände zu­sammen und betrachtet alles, was er sich selbst beschert hat, die Aepfel und die Uhr. und das höl­zerne Roß auch, ja das Pferdchen!

Singen kann er leider nicht gut, sonst würde er

jetzt ein Lied anstimmen, vielleicht das vom armen Krippenkind, wie es in der kalten Nacht geboren wurde:

Warum, o herzig's Kindlein, liegst du so arm und bloß und nur in schlechten Windlein in deiner Mutter Schoß?

Ja, David ist selbst um diese Zeit zur Welt ge­kommen, es steht in seinem Sparbuch. Aber daß es eine böse Nacht war, ohne einen Stern am Him­mel und ohne Engelsgesang, daß der Wind durch, die Magdkammer pfiff, Schnee und eisiger Wind, davon steht nichts in dem Buch. Das hat ihm erst die Mutter erzählt

Beinahe wären wir erfroren, sagte sie, wir beide. Und dann, am dritten Tag, kam das Fieber dazu. Aber weil es Sonntag war, tat der Knecht ein gutes Werk und zog uns auf dem Heufchlitten in das Tal und noch einen halben Tag weit bis in bas Krankenhaus.

Die Mutter erzählt das wunberschön, wie sie also bieser Knecht aus ber Kammer heruntertrug und ins Heu bettete unb mit Stricken feftbanb. Er war ein riesiger Mensch, schwer unb viereckig wie ein Kasten. Unb auf bem ganzen Weg sprach er kein Wort. Er schnaufte nur unb legte sich in bie Gurten mit seiner Bärenkraft, ber Schnee lag knietief auf ber Straße, unb es schneite immer noch, er aber ging gleich einem Pflug hinburch. Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. Manchmal blieb er stehen und blies den Schnee aus bem Bart, bann ging er um ben Schlitten herum unb stäubte auch bie Mutter ab, so zart er es konnte mit feinen schwieligen Hänben. Wie ein Vater umsorgte er sie. wie Joseph feine Familie auf ber Flucht. Davib schlief die ganze Zeit im Schoß der Mutter, er hatte es dort warm und gut, denn die Mutter glühte im Fieber. Und alles kam ihr so seltsam vor, sie erinnert sich noch gut, wie sonderbar alles war. Die hohen Wipfel zogen über ihr vorbei, sie sahen wie geflügelte Wesen aus, wie weißbelchwingte Engel am Himmel, unb sie fangen auch. Cs war ja nur ber Winb, ber oben durch bie Bäume fuhr, aber ihr schien es boch als schwebte ber Schlitten unb mürbe auf unb ab ge­tragen, unb bie Engel summten unb sängen lieblich dazu Unb sie sah ben Mann vor bem Schlitten hergehen, er hatte seinen runben Hut ins Genick gefchoben ber Schnee sammelte sich in ber Krempe, unb bas sah wunberstch aus, wie ein Heiligenschein um seinen Kopf Dabei kannte ihn bie Mutter kaum, er war ein ganz einfältiger Mensch. Nur fo ein Knecht, vier (Bulben Jahrlohn hatte er, Davib, solche Menschen gibt es. Das darf man nie ver­

gessen, meinte bie Mutter. Den ganzen Tag mühte er sich ab ber Doktor schalt ihn noch aus, weil er ihm Schnee ins Haus schleppte, als er uns vom Schlitten hob unb in bem Spital burch bie sauberen Gänge trug. Unb am anberen Morgen stieg er dann roieber mit feinem Ziehschlitten in ben Holzschlag hinauf.

Der Knecht schlug nicht etwa an bie Brust unb sagte, seht, was für ein guter Mensch ich bin, was für ein Wohltäter! Sonbern er vergaß alles roieber. Unb wenn Gott einmal feine Werke aus bem Buch lieft unb sagt: selig finb bie Barmherzigen, benn sie werben Barmherzigkeit erlangen, so wirb ber Knecht gar nicht verstehens wofür ihn Gott lobt. Herr, wirb er antworten, bas hat leicht geschehen können, bas war weiter nichts . .

Davib löscht bie Kerzen an seinem Christbaum roieber aus dann roickelt er bie Spanschachtel unb ben Blumenstock in Papier unb begibt sich in bas Dorf zur Krämerin

Aus allen Fenstern fällt warmer Kerzenlchein auf ben Dorfvlatz. Im Borübergehen sieht Davib bie Leute in ben Stuben vor bem Christbaum beifam- menstehen. Das Jüngste hat ber Vater auf dem Arm. es hopst und kräht und greift nach ben Lich­tern. Unb bie Mutter hat keinen Augenblick Ruhe, eine-"- zerrt an ihrer Schürze damst sie ihm enblich in bie neuen Schuhe hilft, unb indessen roirb sie vom anberen beinahe erwürgt, weil sie bie Puppe noch nicht genug berounbert hat Anderswo kommt bie Sache erst in Gang Eine Tür öffnet sich eben ein Rudel Kinder stolvert herein, unb bahinter steht mieberum ber Vater, es ist überall berfelhe Hemb- ärmetige Mann, der wohlmoll-mb lacht unb bie Zi­garre 'wischen ben krummen Fingern breht, unb es ist auch bie gleiche Mutter, bie rnrnhein chen in ben Händen hält unb ben Kovf dazu schüt­telt Denn es ist ja alle« reine Verschwendung, was man ihr schenkt!

Auch in ben früheren Jahren ging Davib um biete Stunde über ben Dorfvlatz. staub vor ben erleuch­teten Fenstern und drückte feine Nase an die Schei­ben. Auf diese Weise kannte er an allem ein wenig teilnehmen, an der Bescherung im ganzen Dorf. Cr selbst hatte ja nicht viel zu erwarten, ein paar Aepfel unb Dörrbirnen vom Pfarrer, eine Hanbvoll Zucker­zeug ober etroas Nützliches, ein Paar Strümpfe vielleicht Unb oft verging er fast vor Aufregung unb Unaebulb, wenn er mit ansehen mußte, was zum Beispiel bitter Peter mit seiner Munbharrno- nifa anstellte. Rein aar nichts brachte er heraus, während er. David sicher auf das erste Mal einen flotten Marsch aufgefpielt hätte.

Aber heuer ist es anders, diesmal ist er nicht mit leeren Händen unterwegs, nicht Zaungast vor fremden Häusern. Ach Gott, wie freut sich die Mut­ter über ihre Schachtel, wie bestaunt die Krämerin den schönen Begonienstock! Wird er nun weiß oder rot blühen? Rot, sagt David prophetisch. Wenn nicht Gott ein Wunder wirkt, um des Friedens willens.

David geht stolz unb schwitzenb in ber Stube auf unb ab, er trägt Fäustlinge an ben Händen unb einen Wollschal um den Hals, und alles ist so über­aus prachtvoll und festlich. Der Lichterbaum, die Kerzen und das Backwerk und das glitzernde Engel­haar über und über, und ganz oben der gläserne Stern, der sich in der warmen Luft langsam dreht.

Von Zeit zu Zeit roirb es nötig, vor bas Haus zu gehen und eine Weile Luft zu schöpfen. Da steht man unter bem sternklaren Himmel, bie Welt liegt still unb hält ben Atem an unb wartet auf bas Wunber. Lange vor Mitternacht sieht man fchroe- benbe Lichter auf allen Hohen, als hätten sich Sterne vorn Himmel gelöst unb roanberten nun ins Tal. Es finb bie Kienfackeln unb Laternen ber Bergbauern, bie zur Mette gehen.

Unb bann läuten mit einemmal bie Glocken freubeuoll, bie Kirche erstrahlt im hunbertfältigen Glanz ber Siebter Gloria! finat ber Bfarrer, so laut er nur kann Gloria in exre's-'s Deo! Unb bie Leute fallen ins Knie Hirten unb Bauern, wie bamals in ber gesegneten Stunbe.

Zur Christmette fingen Frauen auf bem Chor, auch Agathe mit ihrer starken unb tiefen Stimme. Der Pfarrer hält inne, um bas Lied anzuhören, diese süße und reine Weise von der stillen heiligen Nacht. Der sie erfand, war kein größer Meister, son­dern nur ein geringer Mensch. Ein einziges Mal löste ihm der Engel die Zunge, und bann schwieg er roieber

Nach ber Mette wünscht man einanber gute Feier­tage auf bem Kirchenplatz, man stampft unb schlägt mit ben Armen, um sich warm zu machen, ehe man nach Hause trabt. Vater schleppen roimmernbe Stoff- bünbel im Arm, ja, ber Kleine, er wollte sich den Mettgang nicht nehmen lassen, und nun war bie Kälte boch zu arg gewesen! Aber es gibt noch heiße. Suppe baheim, gewürzten Wein, unb bas warme Bett macht vieles roieber gut.

Nicht alles. Es gibt einen Heiligen, Ulrich mit Namen, ber in bieser Nacht umgeht unb bei benen zu Ehren kommt, bie sich zuviel des Guten beige­messen haben, allzuviel an Mandeln und Rosinen und Zuckerzeug.