Prozeh behauptete 2., Rechtsanwalt Sch. habe ihm. außerdem auch seinen Kunden zuge'agt, daß er — Sch. — im Falle des ProzehverlustS die ge- zahlten Vorschüsse zurückvcrgüte. Rechtsanwalt Sch. beschwor dagegen, daß diese Behauptung Ls nicht wahr sei. Runmehr erstattete L. gegen Rechtsanwalt Sch. MeineidSanzeige. In Oer daraufhin gegen Rechtsanwalt Sch. cingcleitetcn gerichtlichen Untersuchung wurde der Angeklagte QL, der ein Kunde 2.8 gewesen war, als Zeuge eidlich vernommen. Gr sagte aus, er habe gehört, daß Sch. zu 2. geäußert habe, daß er im Falle des Prozehverlusts die gezahlten Dor- schüsse zurückzahle. Trotz dieser QluSsage wurde das Verfahren gegen Sch. eingestellt und dieser auher Verfolgung gesetzt. Es hatte sich nämlich der Verdacht ergeben, dah QL unter seinem Eide die Unwahrheit gesagt hatte. Oluf Grund von vorgefundenen Briefen, die zwischen QL und 2. gewechselt worden waren, bestand der weitere Verdacht, daß 2. den Ql. zu falschen Aussagen angestiftet hatte.
In der heutigen Verhandlung bestritt 2 seg- liche Schuld und strafbare Handlung. QI. dagegen mußte zugebcn. daß er nicht mit der Bestimmt- heit, mit der er es unter seinem Eide getan hatte, die angebliche Qlcußcrung des Rechtsanwalts Sch. hätte bestätigen können. Er sei sich über die ganze Sache nicht klar gewesen und habe nicht gewußt, wisse auch heute nicht, ob die Aeuß rung gefallen sei oder nicht.
Qluf Grund der Beweisaufnahme hielt das Schwurgericht eine wissentliche Eidesverletzung A.'s nicht für erwiesen, erachtete ihn jedoch einer fahrlässigen Eidesverletzung für schuldig. Es erachtete weiterhin für erwiesen, daß 2- den A.
*zu dieser Eidesverlehung verleitet batte
QL erhielt eine Gefängnis st rase von 6 Monaten 2. der schon öfters mit dem Strafgesetz in Konslikt gekommen war und den Inach der Feststellung des Gerichts die Hauptschuld an der EideSverletzung A.'S traf, erhielt eine Gefängnisstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten.
Aus der provinzialhauplstadl.
Die Auszahlung der Reichszufchüsse für Wohnungsherstellungen.
Don einem Gießener Hausbesitzer geht uns ein Beschwerdeschreiben über allzu starke Verzögerung bei der Auszahlung der Reichszuschüsse zu Wohnungsherstellungen zu. Da der De- schwerdefall Wohl nicht vereinzelt dasteht, sei die Klage des Hausbesitzers hier zur Sprache gebracht in der Erwartung, daß die Stadtverwaltung im Interesse der Sache, aber auch in gerechter Würdigung der 2age des Hausbesitzes ungesäumt die erforderlichen Maßnahmen zur schnellen Erledigung dieser Zahlungen trifft. Das Schreiben lautet:
»Die Rcichszuschüsse zu WohnungSherstcllungen sollten dazu dienen, den notleidenden Hausbesitzern zu helfen, notwendige Reparaturen ausführen zu lassen, und ihnen einen Anreiz geben, dem Handwerk Arbeit und Verdienst au schaffen.
Diesen Zwecken wird jedoch nicht gebient durch das Verfahren, wie es hier üblich au sein scheint. Ich habe größere Reparaturen und Umbauten an der Zentralheizungsanlage vornehmen lassen, dazu wurden mir 20 Prozent des Voranschlags bctrags in Aussicht gestellt. Rach Fertigstellung der Arbeiten mußte ich die Quittungen vorlegen, also selbst die ganzen Rechnungsbeträge vorlagsweise bezahlen, um jetzt auf die 20 Prozent des Voranschlogsbetrags, der weit geringer ist, als der wirkliche Rechnungsbetrag zu warten. Das wäre nun alles noch erträglich, wenn sich das Wartcnlassen, an das man bei Behörden ja gewöhnt ist, in vernünftigen Grenzen hielt. Ich warte aber jetzt annähernd drei Monate, ohne das mir zugesagte Geld erhalten zu können. Eiize Mahnung durch den Hausbesiherverein war vergeblich.
Da ich annehme, daß es noch andere Leid- tragende gibt, und da die Behörden allen Anlaß haben, die Einrichtung nicht in Mißkredit kommen zu lassen, also ein öffentliches Interesse daran besteht, daß die vom Reich für einen bc- stimmten Zweck bewilligten und sicher auch aus- bezahlten Gelder so rasch als möglich ihrem Zweck zugeführt werden, erscheint es angebracht, diesem Verfahren doch einmal besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden."
Daten für Donnerstag, 23.Februar.
1635: der Komponist Georg Friedrich Händel in Halle a. d. S. geboren; — 1855: der Mathematiker und Anstronom Karl Friedrich Gauß in Göttingen gestorben; — 1863: der Maler Franz v. Stuck in Tettenweis geboren.
Bornotizen.
— Tageskalender'für Donnerstag: Oberhcssiicyer Kunstverein, Turmhaus am Brand- platz, 15 bis 17 Uhr, Ausstellung.
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Morgen von 20 bis nach 22.30 Uhr als 20. Vorstellung im Freitag-Abonnement erste Wiederholung des Vauernrriegsdramas „-Scr Bundschuh" von Karl Reurath. 2citung: Oberspielleiter Peter F a s s o t L Gewöhnliche Preise. — Das Theater stellt sich mit dem Spiel- plan für die vier Faschingstage bewußt auf Fasching ein. „Zirius-Kabarett" findet am Samstag, 25. Februar, 20.15 Uhr statt. Die künstlerische Lei- tung (Wolfgang Kühne) hat für diesen Abend ein richtiges artistisches Ziriusprogramm zusam- mcngestellt. Reben Tierdrcssurakten arbälen Balance- und Parterreakrobaten; Kunstradfahrer und Drahlscilkünstler stehen auf dem Programm; nicht zu vergessen die sechs Hausclowns und die Zirkusiapclle unter Kapellmeister Moehls 2ci- tung. Das gesamte Programm w.rd bestritten von den Mitgliedern des Ensembles, dem Tanzpaar Däulke und bekannten Vertretern artistischer Kunst. Das »Zirkus-Kabarett" ist zu kleinen Preisen. Ende 22.30 Uhr. — Für Faschingsfonntag verzeichnet der Spielplan eine Wiederholung der Operetten-Revue „3m weißen Röhl" als Frem- denvorstellung zu ermäßigten Operettenpreisen. Dorzugsgutscheine und Schülerkarten haben Gül-
tigkeip Spieldauer von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr. Um 22.15 Uhr steigt mit vollkommen neuem Programm unter Wolfgang Kühnes künstlerischer Gcsamtleitung ein „Rachtkabarett". Auch dieses Kabarett ist ganz aus Fasching eingestellt. Aus der reichhaltigen Dortragsfolgc seien neben Gesang, Humor und Tanz ein Sketsch und ein Zauber- und Illusionsakt eines bekannten Manipulators erwähnt, sowie daS verstärkte Jazz-Orchester unter Kapellmeister Moehls Leitung. Um jedem den Besuch der Kabarett-Beranstaltungen zu ermöglichen, gelten ebenfalls wieder kleine Preise. Ende nach 24 Uhr. — Für den Montag ist um 20 Uhr eine Wiederholung des »Zirkus-Kaba- rctts" angesetzt mit der gleichen Programmfolgc, wie am Samstag und auch zu denselben kleinen Preisen. Ende 22.15 Uhr. — Unter Heinrich Hubs Spielleitung steigt am Faschingsdienstag als 21. Vorstellung im Dienstag-Abonnement, der stimmungstolle Schwank „Da stimmt was nicht" von gram Arnold. — Die Kasse macht darauf aufmerksam, daß für Samstag vorbestellte Karten bis spätestens Freitag um 13 Uhr. für Sonntag vor- bestellte Karten bis spätestens Samstag um 13 Uhr abgeholt sein müssen. Der regen Rachfrage wegen muß von diesen Terminen ab über nicht abgeholte Karten anderweitig verfügt werden.
•
•* Die Auszahlung der Militär- Versorgungsgebührnisse (Heercsren- ten) für den Monat März erfolgt am Montag, 27. Februar, in der Zeit von 8.30 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr beim Postamt, Bahnhofstraße 91.
•• Städtische Brennholzversteige- rung. Bei der gestrigen Brennholzversteigerung in den Waldungen der Stadt Gießen (Försterei Hochwart Fernewald) wurden im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchenscheiter 1. Kl. 9,20 Mark per Raummeter, Eichenscheiter 1. Kl. 6,00 Mark, Eichenscheiter 2. Kl. 5,20 Mk., Ahornschei- ter 1. Kl. 6,00 Mk., Dirkenscheiter 1. Kl. 7,50 Mk.. Buchenknüppel 7,80 Mk., Eichenlnüppcl 4,20 Mk., Qlhornknüppel 5,60 Mk., Birkenknüppel 6,00 Mk.. Fichtenknüppcl 2. Kl. 3,00 Mk., Cichenknüppelrei- sig 1. KL 4,00 Mk., Fichtenknüppelreisig 1. KL 2,60 Mark. Buchenstöcke 5,60 Mk. per Raummeter, Duchenreisig 3. Kl. 16,00 Mk. per 100 Wellen, Eichenderbstangen 2. Kl. (Deichseln) 1,30 Mk. per Stück, Cichenderbstangen 2. Kl. 1,20 Mk. per Stück.
•• Filmvorführung in der Stadt- kirche. In der Stadtkirche wurde am Sonntagabend der Film „Sonnenglanz und Mecres- brandung" gezeigt, der von dem Leden einer evangelischen Iugendgruppe (Eichenkreuzverband) in einem Freizeitlagcr auf der Insel Borkum berichtet. Die Vorführung hatte Kaufmann Karl Schaub mit dem Apparat des DHV. übernommen. Der Film ist ausgenommen von Pfarrer D. Müller (Gütersloh), dem Herausgeber der Jugendzeitschrift „Der junge Tag". Junge Menschen aus Werkstatt, Büro und Schulstube verleben in frohem Spiel, besinnlicher Bibelarbeit und tüchtigen lörperlichen Ucbungcn köstliche Tage echter Erholung. Wundervolle Bilder vom Spiel der Sonne und des Meeres waren zu sehen und lösten mit dem Treiben der fröhlichen Jugend zusammen herzliches Lachen und staunende Bewunderung aus. Wohl in manchem der zahlreichen Zuschauer ist dabei der Wunsch lebendig geworden, doch auch einmal solche Tage bei Sonnenglanz und Meeresbrandung mitmachen zu können. Die Freizeit stand unter der Losung ..Sturmfest und zielklar", die auch besonders in den biblischen Besprechungen mit ihren symbolischen Bildern zum Ausdruck kam. In den Pausen zwischen den einzelnen Filmalten fangen Gießener Wartburger zusammen mit Lang-Gön- fer Hessenbündlern unter Leitung des Führers Boller einige schöne Lieder. Die Wartburg- jugendgruppe, welche zu diesem Qlbend eingeladen hatte, wird wohl besonders erfreut gewesen sein über den guten Besuch der Veranstaltung, und die Besucher danken ihr gewiß herzlich für diese schöne Feierstunde.
Hausbesrh und Kanalgebühren.
Der Hausbcsitzerverein Gießen hat an die Stadtverwaltung eine Eingabe zum Zwecke der Senkung der Kanalgebühren gerichtet. In dem Schriftstück, das auch den Fraktionsführern des Stadtrates in Abschrift übermittelt wurde, wird ausgcführt:
Nachdem die Grund- und Gewerbesteuern durch das Diktat der hessischen Regierung auf den Durch- schnitlssatz für Hessen gebracht worden sind und dcm Hausbesitz erneute Belastung bringen, sehen wir uns veranlaßt, der Stadtverwaltung Gießen Nachstehendes zu unterbreiten.
Durch Erkundigungen haben wir festgestellt, daß in Darmstadt, Offenbach und Mainz wohl eine höhere Grundsteuer erhoben wird als in Gießen, dafür hat aber die hessische Regierung diesen Städten eine 4pr03ent.gr höhere Miete als
Gießen zugebilligt.
In Offenbach und Mainz werden außerdem keine Kanalgebührcn von dem Hausbesitz extra erhoben, sondern diese werden aus den Eingängen der Grundsteuer entrichtet.
Wenn in Offenbach die Grundsteuer 61,57 Pf. und in Mainz 65,8 Pf. beträgt, und wenn man auf der anderen Seite Gießen in Betracht zieht, wo man von einer Grundsteuer von 34 Pf. ausgeht, dafür aber nur 112 Prozent Miete bekommt und dazu noch die Kanalgebühren e$tra bezahlen muß, bann ergibt sich folgender Satz für die Grundsteuer:
Tatsächlicher Satz 34 Pf.
4 Prozent weniger Miete ergibt 23,12 „ Kanalgebühren ergeben 9 „
zusammen 66,12 Pf. auf je 100 Mark Steuerwerk.
Mithin zahlt Gießen gegenüber der Stabt Mainz, die die höchsten Sähe haben soll, noch 1,8 Pf. mehr.
Ein Beispiel von Darmstadt ergibt ein noch krasseres Bild, wie nachstehende Aufstellung zeigt. In Darmstadt werden 42 v. H. als Grundsteuer erhoben, die Nebengebühren ähnlich wie in Gießen. Darmstadt hat ebenfalls 4 Prozent Miete mehr als Tießen, und die Kanalgebühren betragen nur 0,80 Mark für je 1000 Mark Brandoersicherungswert, während Gießen 1,— Mark erhebt und außerdem noch auf je 1 qm Grundfläche 0,01 Mark berechnet. Diese 4 Prozent Mehrmiete ergeben bei einem
Haus mit einem Drandversicherungswert von 40 000 Mark und einer Friedensmiete von 2890 Mark und einer Fläche von 500 qm 115,60 Mark oder 23,12 Pf. für die Grundsteuer. Hierzu kommt noch der Unter» schied bei den Kanalgebühren mit einem Mehr von 13 Mark oder 2,60 Pf. für die Grundsteuer. Hierzu der tatsächliche Satz mit 34 Pf., ergibt somit für Gießen für die Grundsteuer den Satz von 59,72 Pf. auf je 100 Mark Grundsteuerwert.
Mithin steht Gießen auch hier mit 17,72 Pf. über Darmstadt.
Wie aus den vorstehenden Zahlen ersichtlich ist, bedeuten diese Zahlen für den Gießener Hausbesitz einen unhaltbaren, verlu st bringenden 3 u ft a n b, dem abzuhelfen die Stadt Gießen teilweise in der Lage ift
Wir stellen deshalb den Antrag, die Stadtver» waltung möge
die Kanalgebuhren auf den gleichen Sah, wie ihn Darmstadt erhebt, also auf 0,80 Mk. je 1000 Mk. Drandversicherungswert, herabfehen, und zwar ebenfalls rückwirkend ab 1. April 19 32, da die Grundsteuer auch rückwirkend erhoben werden soll.
Schwurgericht Gießen.
* Gießen, 22. Febr. In der zweiten Sitzung des Schwurgerichts, die wiederum unter dem Bor- sitz von Landgcrichtsdireltor Cramer stattfand, waren der Landwirt A. von Ermenrod wegen Meineids und der Kaufmann L. von Heppenheim wegen Anstiftung des QL zarn Meineid angeklagt. Die Anklage vertrat Cerichtsassessor Heinrichs, die Verteidigung führte für den Angeklagten QI. Rechtsanwalt E. Schneider und für den Angeklagten L. Rechtsanwalt Köhler.
Der Angeklagte L. hatte in dem Orte Heppenheim ein Geschäft für Darlehensvermittlungen und Sanierungen betrieben. Soweit er dazu juristischen Rats bedurfte, hatte er sich des Rechtsanwalts Sch. in H. bedient. Diesem führte er auch seine Kunden als Klienten zu. Rach einiger Zeit kam es zwischen dem Angeklagten L. und Rechtsanwalt Sch. zu Differenzen und schließlich zu endgültigem Bruch. Rechtsanwalt Sch. verklagte bald darauf L. auf Zahlung rückständiger Gebühren aus seiner Tätigkeit für L. 2n diesem
Jrankenland im Schnee.
Alte Städte am Main, vom Winter verwandelt. Don Julius Maria Becker.
Ohne jene Kraft des Lichtes, das tage- und wochenlang sengend in den Weinbergen liegt, und das aus icdcm Rebcnpfahle den Zeiger einer Sonnenuhr macht, glaubt man sich Franken nicht vorstellen zu können. Würzburg, die Stadt der ungezählten Kirchen, ist hingcbreitet an langen Sommertagen wie ein von südlichem Glanz überschütteter Mittelmcerhafen: all diese Türme, Zwiebcldächer und Kuppeln ragen empor. wie Maste einer heiligen Flotte, einer schwimmenden Kirchenstadt. Qluch Bamberg ist sommerlich und trägt auf breitem Rücken seiner Klosterberge die ewigen Rachmittage des Juli und August.
Doch Franken im Winter?
Ferner und abgelegener träumt dieses winterliche Franken; es scheint hinausgerückt und abgetrennt von den Anschlüssen an die Welt. Die Horizonte sind enger gezogen, die Landschaften kleiner geworden, sind eingeschrumpft an ihren Rändern und scheinen am nächsten Wegweiser, an übernächster Wegkrümmung zu enden. Der Spessart, diese alte, in Sagen berufene Düsternis inmitten des Frankenlandcs, ist plötzlich ganz versunken in sich; erst jetzt erlebt er sein eigenes Leben: die völlig verschollenen, kurzen, beinahe arktischen Wintertage der weltverlassenen Höhen am Schwarzkopf-Tunnel bei Rohrbrunn. Die Rhön mit ihren Mooren, Hochflächen und Bergabhängen scheint ganz dem Winterschlaf ihrer Dörfer au fröhnen. Steigerwald und Hah- berge, die Höhenzüge zu beiden Seiten des oberen MaineS von Schweinfurt bis Bamberg, sind oft auch im Winter noch hell, gastlich und freundschaftlich. Man fährt mit dem Zuge am 'Ufer des Flusses entlang und weih, dah bald in Bambergs hallenden Straßen die ersten Flocken wirbeln und daß cs dann aufwärts geht, fast Stufe für Stufe, zum Fichtelgebirge zur Rechten, zur Frankenhöhe zur Linken.
Ohne Zweifel: der Winter hat dieses Land gründlich verwandelt. Er hat es hinübergenommen und einverleibt seiner Schwermut, aber dennoch gleichzeitig verschwenderisch auSgestattet mit der nur ihm verfügbaren Festlichkeit und bannenden Schönheit. Diese Kristallpaläste bereister, beschneiter Spessartwälder mit zugefrorenen Mühlenbächen in bergenden Tälern sind schön; noch schöner die klirrenden Winterparadiese der Rhön, die einsam sich dehnenden Skigelände mit traumhaft-verwunschenen Baumgestalten und schnee- beladener Dusch-Statisterie.
Würzburg, die Sommerstadt, sammelt auch im Winter noch alle ersparte Wärme auf sich, auf ihre Straßen und Plätze. Ein dünner, flockiger Stundenschnee verwandelt die Stadt und gibt dem Barock der Kuppeln der Reumünsterkirche, des Stift-Haug und des Käppele den plötzlich bizarren Reiz eines Fernen, Fremden, fast Ruffischen. Er lädt den steinernen Heiligen der »Alten Drücke" die Last eines Schneebündels auf. Eie stehen mit riesig gebauchten Gewändern da: zweifach gereiht, immer zwei sich gegenüberragend, die
Pfeiler krönend im lauten, barocken Pathos ihrer Stellungen und Gesten. Die Festung Marienberg drüben scheint hochgetragen vom kegelförmig aüfsteigenden System der QBeinberg- terrassen, mit flüchtigem Schnee des Vormittags wie mit Mehl betupft. Wenn draußen an Würzburgs Himmel die Sonne fehlt, dann wird sie im Innern behaglicher Wein- und Fischerstuben ausS neue und zehnfach geboren; hier legen die Römer aus blankgescheuerten Tisch die goldenen Kreise, die kleinen und schwankenden Sonnen, die Spiegel und Sinnbild der größeren sind, der Schöpferin des WeinS.
In Bamberg, der Stadt, die jeden ihrer Hügel mit Kirche und Turm bekrönt, hüllen die Monate des Winters die wundervolle Architektur dieser Gassen und Gäßchen, die kleine zusammengeballte Mühlenstadt am Laufe der Regniy, die Drückenhäuser und Inselpaläste mit altem, viele Wunder beschwörenden Zauber ein. Die vier majestätischen Türme deS mächtigen Doms sind doppelt so schlank in ihrer neuen Patina aus Schnee und Reif. MoraenS, zur Zeit der Frühmesse, wenn noch die hügeligen, manchmal steil zu breiteren Straßen abfallenden Gäßchen düster und voll Schlummer sind, muß man den Dom betreten, seine Dunkelheiten durchwandern und im Kerzendämmer der nahen Altäre den »Bam» berger Reiter" begrüßen, den kaiserlichen Jüngling der Salierzeit, den hier die Schatten von Säulen und Häulenknaufen umhegen.
Jede dieser Städte am Ufer des Mains und seiner Quellen liebt ihren Winter, liebt diese knappen und abgekürzten Tage, an denen früh die Lampen brennen, das Licht der Schaufenster den Schnee der Strckßen beglänzt. So viele Städte, so vielfach idyllisches Winterzuhause: Bayreuth, die strenge, feierliche und dennoch gemütliche Stadt des markgräflichen Barock mit winterlich verlassener Eremitage, wo freilich die springenden Wasser in Mäulern stampfender Tritonen erfroren; Schweinfurt mit prächtiger Rot- hauSfassade des späten 16. Jahrhunderts; Aschaffenburg, die Stadt des mächtigen Schlosses, truhig im Viereck gcquaöcrtcr Türme- giganten, die, wuchtig behelmt. Verstecken miteinander spielen wie Enaks-Kinder.
Jawohl, man muß sie im Winter besuchen, die kleineren Städte — Trabanten im weiteren Hofe um Bamberg, Würzburg und Aschaffenburg. Sie haben die alten, prächtig geformten Tore bewahrt wie Iphofen, das regellose Kunterbunt der Dächer und Winkel wie Qtt a r 11 b r e i t, daS üppig umrankte, umdornte Mauerwerk wie O ch s e n f u r t, das ganze melodische Stadtidhll wie Wertheim, wie Miltenberg. E:e schließen sich alle zum Kranze zusammen; denn keine der Städte verlangt ja die Krone für sich; sie alle sind Steine der Krone, die Franken heißt: Deutschlands Mitte, Deutschlands „Cu* famgärtkin" noch mitten im Winter...
Buntes
Kuliurschäden im afrikanischen Busch. I
Als vor 25 Jahren in Katanga im belgischen Kongo die reichsten Kupferminen der Welt entdeckt wurden, war man gezwungen, die Arbeiter aus dem innersten Afrika zu holen, und diese Eingeborenen wurden aus ihrem Urwalddorf plötzlich in den Bereich der modernsten Technik verseht. Die Stadt Elisabethville, die damals wie ein Pilz aus dem Boden schoß, war eine moderne amerikanische Stadt, die jetzt wieder langsam verödet, da in der Weltkrise der Absatz für das Kupfer stockt. Diele Minen werden geschlossen, und dieser Ort, einst die Hoffnung Tausender, dürfte in kurzem eine Totenstadt sein. Unterdessen aber hat diese Entwicklung auf die Eingeborenen die tiefsten Wirkungen ausgeübt, und diese sind nach dem Urteil, das der Asrikareisende Schorn- b u r g t in der Frankfurter Wochenschrift »Die Umschau" fällt, die denkbar schlechtesten. Er beilagt die Kulturschäden, die aus den kräftigen und stolzen Regern ein unschönes und verkommenes Volk gemacht haben. Infolge der schnellen und billigen Beförderung durch den Kraftwagen fahren die Schwarzen in die Städte, wo sie bann als Arbeitslose herumlungern, ohne wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Die Träger-Karawanen, mit denen man früher in Afrika reifte, sind so gut wie verschwunden. »Das Fahrrad, das noch zur Zeit, als ich das erstemal den Dang» wcolo-See im Jahre 1907 erreichte, ein QBun- der war", schreibt der Verfasser, »ist heute das Beförderungsmittel selbst des Primitivsten in dieser Gegend. Welch ein Anblick war es für die Wauschi am Westufer des Sees, als ich mit meinem Fahrrad durch ihre Dörfer fuhr. QITIe stürzten aus ihren Hütten, um dieses Wunder zu sehen. Heute sieht man selbst Hegerfrauen auf dem Fahrrad von Dorf zu Dors ziehen, um Besuche abzustatten. Kaum ein Dorf in Afrika, in dem eS keine Rähmaschine gibt, auf der der Dorfschneider Röcke und Blusen für die weibliche Bevölkerung näht, die aus schönen schwarzen Frauengestalten ungeschickt watschelnde schwarze Gänse macht."
Allerlei.
Auch die Höflichkeit, die stolze Haltung, die der Eingeborene früher gegen Fremde einnahm, ist hinweggewcht und flegelhafter Zutraulichkeit und grober Anmaßung gewichen.
Tanz mit zwei Damen zugleich.
Ein Wohltäter der Mauerblümchen, die beim Ueberwiegen der holden Weiblich.cck sehnsüchtigen Herzens dem Tanz zusehen müssen, ist der Präsident des englischen Rationalverbandes der Tanzlehrer, Alex Moore, der jetzt eine neue Tanzform erfunden hat, bei der jeder Herr mit zwei Damen zur gleichen Zeit auf dem Parkett die Schritte und Drehungen ausführrn kann. Der Schöpfer dieser Revolution im Dalisaal ist sehr stolz auf seinen Einfall; er behauptet, daß das Tanzen mit zwei Damen auf einmal . sehr viel schöner sei als diG frühere Art. bei der man sich mit einer Partnerin begnügte; auch die Zuschauer hätten ein viel lustigeres Dckd. Das Verfahren spielt sich nach seinen Angaben folgendermaßen ab: die beiden Damen stehen mit dem Gesicht zu dem Herrn, und er tanzt mit ihnen fast genr.u so, wie toe/in sie eine grau wären. Er legt feine rechte Hand um die Taille der ersten Dame und hält die rechten Hände beider Damen in seiner linken. Der freie Arm der zweiten Partnerin ist leicht um die Taille ihrer Gefährtin gelegt. „Es soll kein neuer Tanz sein, den ich da anrege“, erklärte Moore, „sondern es ist nur eine lustige Abwechslung bei einem Dali, die sich bereits in verschiedenen Dall- lokalen und bei privaten Festlichkeiten eingebürgert hat. Der Tanz mit zwei Damen ist besonders dann zu empfehlen, wenn viel mehr Damen als Herren anwesend sind, wie das so oft der Fall ist. Sie würden überrascht sein, ?u beobachten, wie anmutig das aussieht. Die echs Füße bewegen sich zusammen im gleichen Rhythmus, und wenn das Dreiblatt eingetanzt ist. so vollzieht sich alles in schönster Harmonie. Die Sache ist überaus leicht, und jeder Herr, der mit einer Dame tanzen kann, kann auch mit zwei Damen tanzen.“


