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23.2.1933 Frühausgabe
 
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Nr.4b Lvübausgabe

185. Jahrgang

Donnerstag, 25 Februar (955

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Cheiredakteur

Dr. Friedr. Wiih. Lange. Derontworilich lur Politik Dr Fr. Wilh. Vange; tiir Feuilleton Di H.THyc ot; für den übrigen Icd vfr ist Dlum'chein und ür 'c '?ln- zeigenteil i.D.TH.Kllmmel iämtlid) in Uüe eu

MMMMmnamMa

Amerikas Abschied vom Alkoholverbot.

Nachdem nunmehr auch das Nepräsen- tantenhaus dem Senat gefolgt ist und dem

**. zur Aufhebung der Prohibition zu- g s.im;it h t g ht in den Vereinigten Staaten vo.i -.o.bamcrita einer der lciden'chaftlichften und abenteuerlichsten inneren Kämpfe seinem Ende entgegen. Dee Draht berichtet von einem Rausch der Freude, der die Großstädte durchtobt und von einer allgcmc nen Umstellung der össentlichen Meinung. Die Vlätter f,e.)en so weit, zu behaup­ten, das) die Freigabe des Alkohols daS äugen« blial ch wichtigste Mittel in der Bekämpfung der wirtschaftlichen Depression Amerikas fei. Cs wird daran erinnert, das; dem Fiskus allein durch die Prohibition etwa 6 Milliarden Mark Alkohol­steuern entgangen sind. Diesem Ausfall standen die ausserordentlich hohen Kosten des ober- und unterirdischen Kampfes gegen den heimlichen T unk gegenüber.

Der beste Maststab für die Beurteilung der össentlichen Meinung über die Frage des Allohol- ve.botes bildeten jeweils die Präsidenten­wahlen. Roch bei der Wahlschlacht zwischen Smith und Hoover im Jahre 1928 konnte Hoover alstrockener" Präsident aus seinem .Festhalten an der Prohibition Dorieile ziehen, "während bei der vorjährigen Wahl diese seine troacne Eigenschaft ih.n zum Nachteil wurde und dernasse" Kandidat Roosevelt sich die stark angewachsene Schar der Alkohollreunde nutzbar machen konnte. Dreizehn Jahre hat das in das Privat.eben in ungewöhnlicher Weife eingreifende Bolsteadgeseh Zeit gehabt, seine Erziehungsauf­gabe du.chzusühren, es hat sich aber gezeigt, dast sich die Menschheit in ihren persönlichsten Be­dürfnissen und Neigungen keinem Zwangsgcseh unterwerfen will und dast das Verbot zu einer Verwilderung der Sitten und einem Anwachsen der Kriminalität geführt hat. das in der Welt­geschichte geradezu beispiellos war.

Ein Gesetz dieser Art war nur in einem Lande möglich, in dem starke einflustreiche Körperschaften von jeher alkoholfeindlich waren. Diese Anschauung hat sich in den Vereinigten Staaten schon seit etwa einem Jahrhundert zunächst auf kirchli^em Boden entwickelt. Die nächst der römisch-katholischen Kirche zahlenmästig stärkste Konfession, die M e t h o d i st e n , schrieb von An­fang an Alloholenthaltfam.cit für den Geistlichen und für den Kirchenvorstand vor und verbot ihren Mitgliedern Beicilignng an Alkoholgewer­ben. Andere Konfessionen folgten allmiihlici) die­sem Beispiel. In der Mitte des vorigen Jahr­hunderts setzte sich dann die groste christliche Frauenbewegung drüben für den Ver- botsgedanlen ein. Cs wurde ein regelrechter leidenschaftlicher Kreuzzug geführt, der um so mehr Eindruck machte, als die Frau auf dem Boden eines Koloniallandes, das Amerika auch heute noch in vieler Beziehung darstellt, mehr Geltung zu haben pflegt. Hinzu kam das eifrige Sportleben, das für alle Fragen der Kör­perkultur ein sehr ernsthaftes Interesse weckte.

Ehe man an das Verbot dachte, ging man in den einzelnen Staaten mit scharfen Derord- nungen zunächst gegen die Unmäfoigtcit vor. Truppen und Schulen wurden geschützt, indem für ihren Umkreis Schan.stätten verboten wurden. Von Negern und Indianern suchte man schon aus Sicherheitsgründen den Alkohol sernzuhalten. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts setzte sich der Verbotsgedanke in immer mehr Staaten durch. Viele hatten bereits das Verbot erlassen, bevor es durch den Kongreh zum Derfasfungszusatz gemacht wurde. Der Krieg hat die verbotsfreundliche Bewe­gung genährt. Der Umstand, dast die meisten Bierbrauer deutscher Abstammung waren, tourac in einer gehässigen Weise zu Pro- pagandazwcclen ausgenuht. Mitentscheidend für das Zustandekommen der Verfassungsänderung war bei Kriegsende die Befürchtung, dast die von den europäischen Schlachtfeldern zurückkeh­renden Truppen in ihrem Siegestaumel sich gemeingefährlichen Ausschweifungen hingeben würden. Man hat später erkennen müssen, dast diese siegestrunkene Alkoholfreudigkeit ein Kin­derspiel gewesen wäre gegen die organisierten Kämpfe, die die verbrecherischen geheimen Alko- hollieferanten der Polizei und den Alkoholgeg­nern geliefert haben. Betrachtet man die Pro­hibition und ihre Auswirkungen nur vom volks­wirtschaftlichen und soziologischen Standpunkt des europäischen Beobachters, so ist das völlige Fiasko des Verbotsgesetzes seit Jahren offen­sichtlich.

Sind somit die Lehren, die Europa aus dem Ex» pcriment der dreizehn trockenen Jahre in USA. ziehen kann, auch nur eine Warnung vor über­eilter Nachahmung über daS Ziel hinau^schiessen- der Rcsormversuche, bietet doch die Geschichte die­ser Versuche im einzelnen manches Interessante insbesondere auch auf dem Gebiete der alko­holgegnerischen Jugenderziehung, der Schank st ättengefehgebung und der Problematik der Altoholbesteuerung woraus auch der europäische Betrachter Nutzen ziehen kann. Die konsequente Durchführung des amerikanischen Experiments ist daher für den deut­schen Soziologen und Sozialpolitiker ein lehrrei­cher Anschauungsunterricht, dessen Nutzen auch durch die in vieler Hinsicht als Misterfolg erschei­nenden vcr erblichen Auswirkungen der Verbots- Politik niq)t aufgehoben wird.

Deutschlands Abrüstungsvorschlag in Genf.

Scharfe Auseinandersetzungen im Hauptausschuß. Der Präsident läßt Die erforderliche Objektiv.tät bei feiner Geschäftsführung vermissen.

Genf, 22. Febr. (TU.) Botschafter Ra- dolny gab Mittwoch nachmittag im Hauptaus- fchust der AbrüstungslonFrenz den allgemein mit grosser Spannung erwarteten grundsätzli­chen Standpunkt der Reichsregie­rung zu den französischen Vorschlä­gen auf Vereinheitlichung der kon­tinental -europäisch en Heere be­kannt. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Die Reichsregierung steht nach wie vor auf dem Standpunkt, dass ein Softem, das allen Staaten Sicherheit gewährt, toor Qnem in der Herabsetzung der Rüstungen der hochgc- rüsteten Länder und einem Ausgleich der Rüstun­gen bestehen muss. Sie begrüsst den Gedanken, den Heeren einen Verteidigungscharakter zu geben, sie ist jedoch der Ansicht, dast wr Verwirklichung dieses Gedankens folgende Gesichtspunkte berück­sichtigt werden müssen:

1. Der Verteidigungs- oder Angriffscharakter der Heere wird nicht so sehr durch das Wehr- systcm (i>. h. durch die Organisation und die Dienst­zeit der Personalbestände), als vielmehr durch die Ausrüstung mit selchen Waffen bestimmt, die vorwiegend einen Angrifsswert besitzen. Eine alle Staaten ohne Ausnahme in gleicher Weise tref­fende Abschaffung derAngrisfsmit- t e l (bewegliche schwere Geschütze, Kampfwagen, Luftstreitkräfte, Bombenabwurf) und ein Aus­gleich a u f dem Gebiet des Materi- a l s sind daher von ausschlaggebender Bedeu­tung.

2. Hinsichtlich der Personalbestände wird die Angriffsmöglichleit der Heere nicht so sehr durch die Einführung eines bestimmten, nicht aus den besonderen Verhältnissen der Staaten erwachsen­den einheitlichen Wehrsystems, als vielmehr durch eine namhafte Herabsetzung und einen Ausgleich der verschiedenen R ü st u n g s st ä n d e beeinflusst, der dem Recht aller Staaten auf Sicherheit entspricht. Dabei müssen bei denjenigen Staaten, die Ueberfeeftreitlräfte in der Nähe des Mutterlandes, oder Teile von ihnen im Mutterlande selb st unterhalten, diese Streitkräfte denen des Mutter­landes hinzugerechnet werden.

3. Die deutsche Abordnung ist nach wie vor bereit, in die Erörterung des französischen Planes einzutreten. Sie muss aber ihre Stel­lungnahme zu ihm von der befriedigenden Lösung der genannten Fragen abhängig machen und hat daher ihren Standpunkt in einem Antrag zu­sammengefasst, den sie hiermit unterbreitet.

Der Antrag der B e I ch » r e g I e r u n g hat folgenden Wortlaut:

Der hauptausschuh stellt fest:

a) dass nur Heere mit reinem verles- digungscharakter mit einem System der Sicherheit vereinbar sind;

b) dass es, um den Heeren einen Verteidi­gungscharakter zu geben, in erster Linie erforderlich ist, diesen die AugrIsssm11 - t e I durch Abschaffung der Waffen mit beson- derem Angrlssscharakter zu n e h m e n (Schwere bewegliche Artillerie, Kampfwagen, Luftstreit­kräfte, verbot des Vombenabwurss) und für jedes Heer die Wenge an jugelaffenem Kriegs­material sestzusehen:

c) dass es für die Schaffung eines Sicherheits­systems ausserdem erforderlich ist, eine w e - f e n 111 d) e Herabsetzung der Streit- kraste der stark gerüsteten S laa- t e n und einen Ausgleich der Streitkräfte aller Staaten vorzunehmen, hierbei müssen die Ueber'eeftreitfrälte, die sich in den in der Nähe des wutterlandes liegenden Ueberfeegebieten befinden, ebenso wie die im TUutterlanöe selbst stehenden lleberseestreitkräste als Teil der Hei­matstreitkräfte betrachtet werden.

Der hauptousschuss beschliesst daher, bevor er sich über den Grundsatz der Vereinheitlichung der hee- restypen ausfpricht:

a) selbst ohne Verzögerung die Frage der Abschosfung der besonderen Angrissswaf- fen und die Begrenzung des zugelastenen Kriegs­materials zu regeln.

b) den Essektioausfchuss zu beauftragen, die Be­stimmungen zur Herabsetzung und zum Aus­gleich der Streitfrage I m Sinne der Grundsätze des hooverptane» f e ft- zusetzen und dem hauptausschuh den Vor­schlag hierüber auf einen Zeitraum von ... lagen oorjulegen.

DieBegründung des deutschen Antrages.

Radolny gab im Anschluß an Vie Bekannt­gabe der Erklärung und des Antrages der Reichsregierung noch einige Erläuterungen. Er führte dabei u. a. aus:

Die Ausführung.'n desVerfretersFrank- r e i ch s bezüglich der Umbildung der Heere in Heere mit reinem Verteidigungscharakter scheinen nicht vollkommen überzeugend. Das Heeressystem und die Dienstzeit spielen keineswegs die ent­scheidende Rolle. Der Angriffsgeist kann ebenso

lebendig bei einem Soldaten mit langer, wie mit kurzer Dienstzeit fein.

Wenn man, wie Frankreich, jetzt den Angriss»- charaktcr der Heere schwächen will, so muss in erster Linie eine weilgch.nde Herabsetzung der essell ven Truppenbestände der schwergerüstelcn Staaten und ein zahlenmässiger Ausgleich der

Heere erfolgen.

Ohne einen solchen Ausgleich "würde eine Herabsetzung der Dienstzeit nur problematischen Wert haben. Vom Standpunkt des Angris^s» charalters aus spie.t die Frage des Zahlenver­hältnisses der Heere eine entscheidende Rolle. Im Weltkrieg haben die Kolonialtruppen eine grosse Rol.e gespielt.

Rach deutscher Auffassung wird im Kriegsfälle immer das Kriegsmaterial die entscheidende Rolle spielen.

Wahre Abrüstung und wahre Sicherheit wird daher nur zu erreichen sein, wenn das fJ.tucce

Angrissvmaterial volislünd.g ab^eschas.l wird.

Die von Frankreich gesorderten Berg.cl. s..z- lichkcitcn der Heere durch ihre Vereinhcitlii> u. z kann auf verschiedene Weise erreicht werden. Niemals darf man jedoch vergessen, dass die be­sonderen Erfordernisse eines je­den Landes sein Heeressystem bestimmen müs­sen, daS ihm seine Sicherheit verbürgt. Der Hoo- verplan ist auch ohne Vereinheitlichung der Heere durchführbar. Die Herabsei.ung der es ak­tiven Truppen muss gleichmässig auf a 11 c 6 t a n » t c n ausgedehnt werden. Das künftige 2 b- rüstungSablommcn muss die R ü st u n g c n aller Staaten regeln. Die QlTaf)nal)incn, die den Heeren einen Verteidigungscharalter geben, dür­fen sich n 1 d) t nur a u f das europäische Festland beschränken.

England, Frankreich und Polen gegen Deutschland

Die Sitzung nahm nad) den Erklärungen des Botschafters Radolny einen bewegten Ver­lauf. Im Mittelpunkt der Aussprache stand der deutsche Antrag, die französischen Hee- resvorschläge ohne sachliche Durchberatung dem C f f e k t i v a u s s ch u ss zu überweisen. Der deutsdze Qlntrag stiess jedoch aus starken Wi­derstand.

Die Vertreter Englands, Frankreichs und Polens lehnten ihn unzweideutig ab.

Der polnische Regierungsverlreler Graf Ra - czynski erklärte, die polnische Regierung sei tief davon durchdrungen, dass die Qlbrüftungä- konscrenz ihren grossen Aufgaben untreu werden würde, wenn sie irgendeinem Staat das Recht zur Ausrüstung gewähren würde. Die pol­nische Regierung behalte fld) das Recht vor, Vor­schläge jeder Macht zu prüfen und beantrage die Annahme des französischen Vor­fd) 1 a g e s.

Der englische Staatssekretär Eden stellte sich in einer kurzen Erklärung uneingeschränkt auf den Boden des französischen Standpunktes. Die Qlbrüftung müsse sich nicht nur auf die effektiven Truppenbestände, sondern auch auf das Kriegsmaterial ausdehnen. Die Abrüstungslonferenz müsse zunächst die fran­zösischen Vorschläge für die Vereinheitlichung der Heeressysteme behandeln und erst dann die Frage des Kriegsmaterials erörtern.

In einer wortreichen Rede nahm so­dann Paul - Boncour zu den Erklärungen Radolnys Stellung, die er in kühler, wenig höf­licher Form scharf kritisierte.

Die französische Regierung könne nicht zulassen.

dass das bereits festgesetzte Arbeitsprogramm der Abrüstungskonferenz öurd) die deutschen Anträge völlig umgeworfen würde. Ls fei v.llig unver­ständlich, aus roeld;cm Grunde jetzt der deutsche Vertreter plötzlich eine Bchandlung dcr Kriegs­materialfrage verlange.

Die französische Regierung begrüße es jedoch, daß Deutschland in feinem Anträge den grundsätzlichen französischen Standpunkt nunmehr an?r e.ine, dass nur Armeen mit Defensivcharakter mit der Si­cherheit vereinbar seien. Der französische Plan verlange, daß die entscheidende Hauptfrage die Vereinheitlichung der Heeres,ysteme, nunmehr auf der Konferenz entschieden würde. Paul-Boncour konnte sich den üblid-en französischen Hinweis c uf die grosse militärische Bedeutung der privaten Verbände nicht ersparen und verlangte, dass diese Organisationen bei der Bestimmung der Festlegung der Heeressysteme eine weitge­hende Berücksichtigung sInden sollten. Er schloss mit der direkten Aufforderung an den Hauptausschuh, die französischen Vor­schläge anzunehmen.

9m Verlaufe der Sitzung brachte der italie­nische Vertreter General (£ a d a 11 e r o einen An­trag ein, in dem Italien entsprechend dem heutigen deutschen Antrag eine sofortige Behand­lung der Kriegsmaterialfrage fordert. Eavallero wies entsprechend der deutschen Auffas­sung darauf hin, man brauche kein Sachverständi­ger zu sein, um die entscheidende Bedeutung des Kriegsmaterials für den Angriffscharakter einer jeden Armee zu erkennen. Somit besteht in dem taktischen Vorgehen völlige Uebcrelnftimmunfl zwi­schen der deutschen und italienischen Auffassung.

Der Präsident Übergeht den denffchen Antrag.

Die Sitzung schloß mit einem peinlichen Zwischenfall. Präsident Henderson erklärte zum Schluß der Sitzung, dass der Hauptausschuss mit den französischen Heeresvorschlägen und einem italienischen Abänderungsantrag besaßt sei, ohne mit einem Wort den deutschen Antrag als Verhandlungsgrundlage zu erwähnen. Botschafter N a d o I n y verlangte daraufhin nach­drücklichst Berücksichtigung des deutschen Antrages, der einen begründeten Gegenvor­schlag zu den französischen Heeres- Vorschlägen darstelle und daher gemeinsam mit den französischen und italienischen Vorschlägen be­handelt werden müsse.

Henderson lehnte schroff ab, den deutschen -Vorschlag als einen Abänderungsantrag zum fran- zösischen plan anzusehen und zur Verhandlung zu ffeUcn. Lr erklärte, der deutsche Antrag ginge über den französischen Heeresplon weit hinaus und könne daher bei den Verhandlungen über diese Frage nicht

mltberücksichtigt werden. (Er sei als Präsident allein für den normalen richtigen Gang der Verhandlungen verantwortlich und müsse die früheren Veschlü sc des hauptaueschusses wahren. Ohne die sofortige Wortmeldung Radolnys zu berücksichtigen, schloss Henderson die Sitzung.

Auf deutscher Seite hat dieses unkorrekte und geschäftsordnungswidrige Verhalten des Präsides- ten grosses Befremden erregt. Die deutsche Abordnung lehnt es kategorische ab, durch g e - schäftsordnungsmässige Manöver den deutschen Antrag beiseiteschieben zu lassen und kann in feiner Weise anerkennen, dass jetzt die französi­schen und italienischen Vorschläge unter Ausschaltung der deutschen Auffassung behandelt werden. Boi- schaster Nadolny wird unverzüglich gegen das alle parlamentarischen Gepflogenheiten widersprechende Verhalten des Präsidenten Henderson die notwen­digen Schritte unternehmen.

Oie Bauernpolitik der Reichsregierung.

Ankurbelung der Wirtschaft vom Lande her.

Berlin, 22. Febr. (Til.) Am Mittwoch sprach am Rundsunk der Staatssekretär im RelchS- ernährungsministe^iurn von Rohr-Demmin über die Bauernpolitik der Regierung. Er führte einleitend aus. daß die Regierung

die Heftung des Bauern und die Bettung de» Arbeiter» gleichberechtigt nebeneinandergestellt habe.

Auf dem Gebiet dec Bauernpolitik feien zunächst einige Aufräumungsarbeiten zu leisten. Dazu gehöre u. a. die Zuendeführung der Umschuldung, und zwar nicht nur im Gebiet der Osthilfe, sondern auch darüber hinaus. Eine Umschuldung fei im übrigen keine Bereiche­rung des Besitzers, sondern eine A u S z a h - lung an die Gläubiger. Es fei notwendig,

hierauf hinzuweisen, damit erkannt würde, daß der sog. Ofthilseskandal nichts weiter als ein marxistisches Wahlmanöver sei. v. Rohr kündigte hierauf an, daß noch in dieser Woche die Mög­lichkeit geschas,en würde, dem Bauern, der eine zusätzlich^ Arbeitskraft einstelle, einen Barbetrag auSzuzahlen, der dem entspreche, was die öffentliche Hand sonst für den Arbeitslosen oder WohlsahrtSempsäng r aus­zuwenden hätte. DaS, sowie der Vollstreckungs- schutz und die Hopfenanbauregelung diene aber schließlich nur dazu, die Landwirtschaft vor wei­terem Abstu» zu bewahren. Dcr fundamentale Irrtum, mit dem eS aufzuräumen gelte, fei, daß Deutschland an einer Überproduktion leide Es bestehe vielmehr nur eine ungesunde Fehlproduk­tion. Wenn die Versorgung mit Gemüse, Obst,