Ausgabe 
22.9.1933 Erstes Blatt
 
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Ein Lied vom Glück.

Roman von Anny von panhuys.

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Marlene hatte inzwischen, ohne unterwegs je­mand zu begegnen, ihr Zimmer erreicht. Sie hatte sich den Weg dorthin heute gut gemerkt. Nun rie­gelte sie sich ein und zog auch noch die Hellen Vor­hänge dicht vor das breite Fenster. Dann erst holte sie die Waffe hervor und legte sie mit spitzen Fin­gern auf eine alte Zeitung.

Sie betrachtete ihren Fund jetzt genauer. Es han­delte sich bei dem Dolch sicher um ein eigenartiges Stück, mußte sie denken. Sie mochte ihn nicht noch einmal anfassen, ihr graute davor. Der Griff aus getriebenem Silber war besonders eigenartig da­durch, daß sich eine schmale Schlange aus Gold um ihn wand. Ziemlich oben, fast da, wo die Klinge eingesetzt war, befand sich eine Stelle, als ob dort früher etwas eingelegt gewesen wäre.

Marlene versuchte ihrer ganz toll durcheinander­strudelnden Gedanken Herr zu werden. Die Form der fehlenden Verzierung prägte sich deutlich aus. Ein kleines Kleeblatt mußte dort gesessen haben. Ein Kleeblatt von der Form und Größe, wie sie eins heute nacht in ihrem seltsamen Traum gesehen. Ein Kleeblatt aus mattem Gold, dicht übersät mit winzigen grünen Funkelsteinen. Aber das Klee­blatt, das ihr der Traum gezeigt hatte, hatte eine Oese gehabt, durch die eine dünne Kette gezogen war.

Sie sank in einen Stuhl. Hatte ihr die Baronesse nicht erzählt, sie hätte von einem Dolch geträumt, den Achim von Malten ihr, Marlene Werner, geben wollte? Der Dolch hätte eine Einbuchtung am Griff gehabt, als fehlte dort etwas

Sie konnte nicht weiterdenken. Ihre Gedanken wollten streiken, weil sie sich gar nicht mehr zu­rechtfand. Wie sonderbar und verwirrend erschienen ihr jetzt die beiden Träume, der Traum der Baro­nesse und der ihre, nachdem sie heute den Dolch gefunden! Es waren keine sinnlosen Träume mehr, sondern ein ganz tiefer Sinn war in ihnen enthal­ten, den sie leider noch nicht zu fassen vermochte. Sie wußte nur das eine, das Schreckliche: sie be­fand sich jetzt im Besitz der Mordwaffe, durch die es vielleicht möglich wäre, den Mord aufzuklären. Im Augenblick aber, wo sie Achim von Malten die Waffe aushändigte, mußte er Anzeige von dem Fund machen, und gehörte ihm selbst die Waffe, dann

Furchtbare Angst überfiel sie mit einem Male, und der Atem stockte ihr vor Erregung. Sie durfte ihm den Dolch weder aushändigen noch zu jemand darüber eine Silbe äußern, denn vielleicht hatte Achim von Malten doch die Hand gegen Lila von Born erhoben. Vielleicht hatte er sie geliebt, viel­

leicht war er eifersüchtig gewesen und hatte die Tat in einem Zustand geistiger Verwirrung began­gen? Brachte sie also den Dolch zum Vorschein, und es wurde erwiesen, er war sein Eigentum, brach das Unheil über ihn herein. Tausendmal bes­ser war es noch für ihn, er blieb lebenslänglich der wegen Mangels an Beweisen Freigesprochene, als er wurde verurteilt.

Eine Stimme warnte sie: Was geht denn dich das alles an? Dich hat nur deine Pflicht zu küm­mern. Und die verlangt von dir, daß du die Waffe bei der Polizei abgibst.

Aber da war noch eine andere Stimme, die raunte: Behalte die Waffe! Verbirg sie sorgsam, bis sich eine Gelegenheit findet, sie wieder ver­schwinden zu lassen, so daß niemand mehr sie zu Gesicht bekommt. Wenigstens niemand, der auf die Idee verfallen könnte, welchem traurigen Zweck sie einmal gedient.

Wenn sie eines Tages Maltstein verlassen würde, wollte sie den Dolch mitnehmen. Irgend wo in weiter Entfernung von hier mußte sie die unselige Waffe dann vergraben oder ins Wasser werfen.

Sie betrachtete mit Widerwillen die dunklen Flecke auf dem blanken Stahl, packte den Dolch dann, ihn nur mit dem Papier berührend, in den Doppelbogen einer Zeitung und schob das Päckchen tief unten in ihren Koffer, den sie noch nicht ganz ausgepackt hatte.

Nachdem sie ihn sorgfältig verschlossen, fuhr sie sich mit dem in kühles Wasser getauchten Schwamm mehrmals über das Gesicht. Ihr war zumute, als habe sie einen weiten Marsch durch staubiges Ge­lände hinter sich, als brennten ihr die Augenlider und die Haut.

Sie bürstete rasch über das Haar und ging dann wieder hinunter in die Bibliothek. Sie mußte sich zusammennehmen die Baronesse durfte nicht merken, daß sie ein Erlebnis gehabt hatte, das sie bis ins innerste Herz erschütterte.

*

Roberta DIbers war bei Achim von Malten ins Zimmer eingetreten.

Er reichte ihr die Hand.

Nun, was gibt es Neues, Roberta?"

Er hatte Roberta DIbers schon gekannt, als sie noch ein kleines Mädel gewesen, das wildeste weit und breit. Mit zehn Jahren ritt sie wie ein alter Cowboy auf ungesatteltem Pferd; mit vierzehn wußte sie auf den Feldern Bescheid wie der beste Inspektor, und jetzt war sie so tüchtig, daß man sie schon mehrmals hatte wegengagieren wollen, mit hohem Gehalt. Sie hatte es ihm erzählt und dazu bemerkt: Als ob man mich mit Geld von hier fortlocken könnte, von hier, wo meine Heimat ist, wo ich hingehöre! Ich könnte doch anderswo gar nicht leben!

Sie antwortete auf feine Frage, was es Neues gäbe:Der Wollner ist wieder aufsässig. Sie wünschten aber immer wieder, Herr von Malten,

ich sollte es mit ihm versuchen. Nun verdirbt er lei­der alle anderen Leute."

Er bot ihr Platz an, und sie ließ sich weich und anmutig in einen Ledersessel fallen. So männlich vieles in ihrem Charakter auch schien, und so männ­lich sie sich auch bei schlechtem Wetter ober an­strengenden Ritten zurechtmachte, so graziös konnte sie wiederum sein.

Sie trug einen kurzen moosgrünen Rock und eine dazu passende kurze Joppe, auf dem Kopf eine weiße Baskenmütze, die ihren dunklen Teint, ihre schwären Haare hob. Sie sah ihn mit ihren klugen schwarzen Augen fragend an.

Er nickte:Ja, der Wollner kann anscheinend keine Ruhe halten. Seine Frau, feine Kinder tun mir leid, sonst"

Sie lächelte:Sonst wäre er schon rausgeflogen nicht wahr?" Sie dämpfte die Stimme.Wenn wir uns auch nicht mehr offiziell du nennen wie früher, als Sie oft dort zu finden waren, wo ich Wildling mich aufhielt, verfallen wir doch noch zu­weilen in den Duztvn, wenn wir uns besser ver­ständigen wollen. Also tue ich es jetzt und rate dir, Achim: laß mich den Kerl entlassen, er richtet sonst doch noch irgendein Unheil an. Höre auf mich! Du weißt, nichts liegt mir mehr am Herzen als das Wohl von Maltstein." Sie machte eine kleine Pause. Das Wohl von Maltstein und das Wohl feines Herrn!"

Er streckte ihr impulsiv, über den breiten Schreib­tisch hin, die Rechte entgegen.

Ich weiß ja, wie sehr du an allem hier, an Mutter und mir hängst, deshalb halte das mit Woll- ner diesmal, wie du willst. Du weißt, ich rede dir schon seit langem in nichts mehr hinein. Wozu auch? Du bist über alles hier besser unterrichtet als ich und dazu über die Maßen tüchtig als Inspektor.

Sie hielt seine Hand fest.

Achim, da wir heute doch einmal wieder beim vertrauten Du unserer Kinderzeit angekommen sind, möchte ich wagen, was ich sonst nicht wage, und hich bitten, dir Mühe zu geben, endlich etwas guten Willen zum Frohwerden aufzubringen. Das Böseste liegt doch nun schon lange hinter dir, und die Augen deiner Mutter sind so sehr traurig. Reiße dich ein wenig aus dem finsteren Grübeln heraus. Dein Leben kann doch noch lange dauern."

Er zog seine Hand zurück.

Du meinst es gut mit mir, Roberta, aber du ahnst nicht, wie entsetzlich schwer es ist, den Willen zum Frohwerden aufzubringen. Ich möchte auch gar nicht, daß mein Leben noch lange dauert. Wenn meine Mutter einmal für immer geht, bann ist's auch für mich aus. Ich" Er brach ab.Wollen bas Kapitel unerörtert lassen. Ich banke bir aber für beine Treue unb beine Freundschaft."

Sie blickte ihn groß an, unb es war etwas Zwin- genbes in ben bunklen Augen, was er fast körperlich spürte, so, als hielte jemanb ganz fest feine Hand­gelenke umspannt.

Du trägst durch dein Verhalten aber dazu bei, daß deine Mutter immer müder wird, du hilfst ihr. verzeih zu frühem Sterben", hielt sie ihm vor. Unb wenn bir nichts mehr am Leben liegt, darfst du doch nicht dazu beitragen, deine Mutter zu zer­mürben. Bist reich, gesund und jung kaum dreißig Jahre und freigesprochen worden. Laß doch bi« paar bösen Zungen schwatzen. Wenn erst noch ein bißchen Zeit über alles hingegangen sein wirb, denkt kaum noch jemand an das Geschehene."

Er erhob fid) brüsk; es sah aus, als wollte er das Zimmer verlassen.

Sie lächelte ihn bittend an.

Bei unserer Kinderfreundschaft beschwöre ich dich, Achim, mir zu glauben: ich möchte dick nicht kränken, dir nicht wehe tun, sondern bir nur helfen."

Mir ist nicht zu helfen", erroiberte er herbbas heißt, mir ist allerbings zu helfen, aber nur, wenn man ben wahren Mörder findet."

Sie hob leicht bie Schultern.

Du weißt ja, wie nach ihm gesucht worben ist." Sie stanb auf, trat bicht vor ihn hin unb legte ihre Rechte leicht auf seinen linken Arm.Lieber Achim, vergiß alles wie einen bösen Traum! Versuche es boch! Sonst gehst bu zugrunbe unb alles hier."

Er schüttelte ben Kopf.

Alles hier geht nicht zugrunbe, dafür sorgt schon mein tüchtiger Inspektor Roberta DIbers." Er schien plötzlich von einem Gedanken stark in Anspruch ge­nommen.Es käme übrigens gar nicht so genau darauf an, ob Maltstein ein bißchen mehr Ober weniger heruntergewirtschastet würbe, weil ja boch kein Erbe bafür ba ist."

Sie wehrte ab:Die Zeit heilt fast alle Wunben. Du wirst bich eines Tages verlieben unb heiraten unb"

Hör auf!" unterbrach er sie flüfternb.Meinen beschmutzten Namen barf ich boch keinem anständigen Mädel mehr anbieten."

Sie sah ihn lange an, bann flüsterte sie so leise, wie er, zurück:Armer Achim, warum plagst bu bich mit Eindilbungen herum? Du tust mir schrecklich leib, unb ich werbe fortan noch mehr als bisher barüber nachdenken, wie ich bir helfen kann. Irgendwie muß dir doch geholfen werben!"

Sie schloß sekunbenlang die Augen, und es schien, als suche sie auf diese Weise Tränen vor ihm zu verbergen.

Er betrachtete sie betroffen. Eben tupfte sie mit ben Fingerspitzen an ihren Augenwinkeln herum. Ihm hämmerte mit einemmal eine Erkenntnis auf. Seltsam! Daran, baß Roberta DIbers ihn lieben tonnte, hatte er noch nie gedacht. Er war bestürzt, der Gedanke quälte ihn, hatte sich auf ihn nieder­gesenkt wie eine neue schwere Last.

Arme Roberta!, mußte er in jäh erwachtem Mit­leid denken, unb ehe er noch recht wußte, was er tat, glitten ihm bie beiben Worte:Arme Roberta!" auch schon über bie Lippen.

(Fortsetzung folgt.)

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