Das Wunder
16. Fortsetzung.
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mit folgender Tagesordnung statt:
1. Wahl des Vereinsführers.
2. Satzungsänderung.
3. Verschiedenes.
Die Beerdigung findet in aller Stille in Freiburg im Breisgau statt. — Blumenspenden sind nicht im Sinne des Verstorbenen.
sofort hätte singen können. Wie sie ihn entzückte! Wie der Glockenklang ihrer Stimme ihn berauschte — iikal geradezu sang sie den Gesang der Priesterin, — aber eines fehlte doch: wenn sie auch mit tiefstem Empfinden und Einfühlen sang, — die hemmungslose, dahinströmende Leidenschaft!
Immer blieb sie in klarer, schöner, klassischer Linie.
Ungeduldig sehnte er den Oktober herbei, der sein Werk der Oeffentlichkeit schenken sollte. —
Eduard Weiser war von seiner Geschäftsreise zurückgekommen. Er sand Mogussi etwas verändert, blaß, abgespannt, verträumt. Es war, als quäle sie sein stürmisches Wiedersehensglück. Auch als er auspackte, was er ihr mitgebracht und was andere Frauen zu begeistertem Dank hingerissen — es entlockte ihr nur ein mattes, gleichgültiges Dankeswort — als ob der eigenartige Reisemantel, das Jackenkleid, der große, indische Schal gar kein Interesse für sie hätten!
Jäh packte ihn ein Mißtrauen — zum erstenmal. Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen, hielt ihn fest, daß sie nicht ausweichen konnte, und schaute tief in die strahlenden Blauaugen.
„Magussi, was ist mit dir? Glaubst du, ich fühle nicht, daß etwas Trennendes zwischen uns steht? Ist. ein anderer gekommen, der mir dein Herz entwendet hat?" —
Offen hielt sie seinen Blick aus.
„Nein, Eduard, es ist so wie immer, — ich denke an keinen andern! — Du bist mir der liebste! — Alle anderen Männer sind mir gleichgültig. Du darfst niemals mißtrauisch und eifersüchtig werden, weil kein Grund da ist. Bei dir sühle ich mich wohl und geborgen."
Sie streichelte zärtlich seine Wangen, und wie ein Kind drückte sie ihren Kopf gegen seine Brust. In seinen Armen empfand sie so, wie sie sagte — Geborgenheit! Er war der gütigste Mann, bei dem sie am besten in der Welt aufgehoben war.
Aber ihm genügte ihre stille, freundliche, wunschlose Zufriedenheit nicht; er wollte ihre zärtliche Frauenliebe, er wollte ihre Sehnsucht fühlen.
„Magussi, auf deine Musik bin ich eifersüchtig; sie nimmt mir zu viel von dir. Du bist doch keine Opern- ängerin, die den ganzen Tag studieren muß!"
Sie erschrak ein wenig. Hatte er erfahren? — Doch nein, sofort verwarf sie den Gedanken wieder; das war ausgeschlossen.
„Wenn ich nun aber eine Opernsängerin sein möchte?" fragte sie, den Kopf auf die Seite legend und ihn lächelnd ansehend.
Er strich über ihr Gesicht.
„Auch im Scherz darfst du das nicht sagen, Kind! Es tut mir weh! Du bist meine Frau, die mir allein gehört! Eine Opernsängerin als meine Frau ist für mein Empfinden unmöglich! Soll die große Menge dich begaffen? Soll sie dich kritisieren, loben oder tadeln? Soll dich heute dieser, morgen jener im Arm halten? Nein, Magussi, ausgeschlossen!"
Hierzu laden wir unsere Mitglieder freundlichst ein und bitten um zahlreichen Besuch. Der Vorstand.
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Am Freitag, dem 25. August d. I, abends 8'/, Uhr, findet im großen Saale des Cafd Leib eine
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Mahnung.
Die Zahlung der für den Monat Juli 1933 rückständigen Beiträge zu unserer Kasse wird mit Frist bis 31. August 1933 gemahnt. 5226D
Nach diesem Termin erfolgt Kostenberechnung und Zwangsbeitreibung.
Samstags können Einzahlungen nicht getätigt werden.
Gießen, den 21. August 1933.
Allgemeine Ortskrankenkasse Giehen-Land.
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J Wie bestimmt er das sagte! Wssnn er wüßte! — Zum erstenmal befiel sie doch große Angst — was tat sie hinter dem Rücken des vertrauenden Gatten? Mit Trotz wappnete sie sich: nichts, was sie nicht vor sich selost verantworten tonnte! Er hatte ihr doch volle Freiheit in ihrer Musik gelassen. Sie konnte tun, was sie wollte. Gehorsam dem Gebot der Eltern war sie ihm zum Altar gefolgt; sie hatte sich nicht geweigert, ihr eigentliches Leben ihm unterzuordnen. Nun durfte sie sich mit gutem Gewissen das nehmen, wozu es sie mit ganzer Seele drängte. Wie verzaubert war sie! Lieber wäre sie gestorben, als daß sie jetzt — jetzt noch auf ihr Vorhaben verzichtet hätte! Ein Rausch hatte sie erfaßt — Musik! Es zehrte sie förmlich auf; jeder Nero bebte in ihr. Sie dachte nur an die Rolle, mit der sie ihr neues Leben einleiten wollte — ein Leben, auch öffentlich der Musik gewidmet. Der Gatte mußte ihr die Erlaubnis dazu geben; dann wollte sie ihm die dankbarste, zärtlichste Gattin fein; Eduard würde also nur Vorteil davon haben. Er mußte sich an den Gedanken gewöhnen. Wie viele verheiratete Opernsängerinnen, die musterhafte Hausfrauen und Mütter waren, gab es doch!
Magussi war sehr einverstanden, als Eduard ihr Norderney als Sommeraufenthalt oorgefchlagen, da er dort einen Geschäftsfreund treffen würde, mit dem er wichtige Gefcbäftsbeziehungen bequem weiter ausbauen konnte; sonst wäre ihm das Salzkammergut lieber gewesen.
Der jungen Frau sagte das bequeme, lässige Strandleben mehr zu als das anstrengende Wandern, wie der Gatte es liebte — und die Hauptsache: ihrer Stimme war die reine Nordseeluft besonders zuträglich — ihrer Stimme wie auch ihren Nerven; sie fühlte selbst, daß eine Erholung und Ausspannung nach der ernsthaften Arbeit der letzten Monate ihr nur dienlich war. In diesen Wochen am Meer wollte sie sich nur dem Gatten widmen. Und nie war sie so anschmiegend und in den Grenzen ihres Wesens so zärtlich gewesen, wie jetzt. Es schien beinahe, als wolle sie ihn in voraus entschädigen für das Unrecht, das sie ihm antun mußte, — Unrecht ja nur nach seiner Ansicht, nicht nach der ihren!
Und es war merkwürdig für Magussi selbst, daß sie, aus dem Rahmen ihrer Häuslichkeit und der gewohnten Umgebung gerissen, aus dem Banne des Musikers Halling, nur auf den Gatten angewiesen, Eduard mit anderen Augen betkachtete. Ferienleben ist Sonntagsleben — jeder gibt sich gehobener, festlicher, ist ein anderer Mensch, losgelöst aus dem Banne des Alltagslebens. Freier stand sie ihm jetzt gegenüber als auf der Hochzeitsreise, wo ein gewisser Trotz gegen ihn gelebt, hervorgerufen durch den Zwang der Verlobung und Heirat. Sie hatte in den Monaten ihrer Ehe seine Güte, seine Ritterlichkeit und sein Zartgefühl kennengelernt — sie sah auch, was für eine gute Erscheinung er war: die breitschulterige, männliche Gestalt, das intelligente, rassig geschnittene Gesicht mit den klugen Augen.
„Alles fliegt aus! — Nur du, Magussi, bleibst seßhaft! Man möchte denken, — wenn es jemand anders wäre und nicht du, Magussi: der interessante Kapellmeister könnte auch ein Beweggrund zum Bleiben sein."
„Was fällt dir ein, Lilo!" rief Magussi ernstlich erzürnt, „das darfst du auch nicht im Scherz sagen! Ich verstehe dich nicht!"
Lilo hatte bei ihren hinterhältigen Worten Magussi scharf ins Auge gefaßt und deren Erröten mit Befriedigung gesehen, — gab es auch sine schwache Stelle bei Magussi? Und ihre sehr scharfe Erwiderung, — man hatte sich doch im Laufe der Jahre weidlich geneckt, ohne daß man gegenseitige Empfindlichkeit gezeigt!
Wer weiß, was da für ein Roman im Entstehen war! —
Ja, wie ein Roman verlief für Magussi der Sommer, — allerdings anders, als Lilo annahm. Angestrengt studierte sie während der Abwesenheit ihres Mannes, den sie trotz seiner Bitten nicht mit nach England begleitete. Ihre Musik war stärker als alles andere.
Bruno Halling hatte sie mit seinen Melodien ganz bezaubert, und manchmal dachte sie erschreckt: Liebst du ihn vielleicht? Aber nein — bei ehrlichster Prüfung konnte sie sich sagen, daß es nur seine Musik war, die zu ihr sprach — als Mann galt er ihr nichts. Und er verzehrte sich nach ihr. Ungeduldig beinahe machte es ihn, daß sie sein verstecktes Werben um sie gar nicht merkte, — jede andere Frau hätte spüren müssen, was in ihm vorging, — sie aber blieb ganz ahnungslos. Jedoch seine Klugheit riet ihm, diese Ahnungslosigkeit nicht zu zerstören; es wäre verhängnisvoll gewesen.
Erst seine Oper — der Erfolg, mit dem er bestimmt rechnete, mußte sie ihm in die Arme treiben. Sein Weib mußte sie werden; sie gehörte zu ihm; er brauchte sie zu seinem Schaffen — seine Muse war sie. Hatten die Lieder, die er schrieb, je so geklungen wie jetzt? Die Melodien strömten ihm nur so zu. Der andere, zu dem sie innerlich gar keine Beziehungen hatte, würde, mußte sie freigeben für ihn. Der würde hundert Frauen als Ersatz finden für die eine, die einem anderen geradezu Lebensnotwendigkeit war.
Aber er war klug und hatte warten gelernt.
Magussi hatte ihre Rolle ganz inne; so verwachsen war sie damit, daß sie sie, aus dem Schlaf geweckt,
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War sie gar auf dem Wege, sich in ihren Man- zu verlieben? Alles in ihr war gelockert und aui gewühlt durch die Musik, die unaufhörlich in ih sang und klang. Und um sie her war das Rausche, des Meeres, das ihr merkwürdig ins Blut gin° Stundenlang konnte sie am Strande sitzen und bei gewaltigen Urweltmelodien lauschen — konnte übe die ewig bewegte, unendliche Fläche in die Weit schauen, als wohne dort, wo Meer und Himmel fit vermählten, das Glück.
Ach, war es denn nicht in ihrer Nähe? Warte, es nicht darauf, von ihr erkannt zu werden? Warn» sträubte sie sich dagegen? War sie nicht ein junge« Weib mit rotem Blut in den Adern?
Sie fürchtete beinahe die sie bedrängenden Ee danken — was war nur mit ihr''
Und dann fiel ihr ein, was ihre Musiklehrerik ihr einmal gesagt:
„Liebste, halten Sie doch nicht das Letzte, bo< in Ihnen lebt, zurück. Sie, eine verwöhnte, glück, liche, geliebte Frau, können doch aus Tiefen be- Gefühls verschwenden, und daß Sie- es nicht tun'! ist das einzige, was ihren Liebesgesängen no^ fehlt. Würden Sie das noch gehen, wäre Ihre Lei stung vollendet zu nennen. Ich spreche aus, was Bruno Halling mir gesagt."
Im tiefsten Innern fühlte sie, daß die ander- recht hatte; aber ihre scheue, keusche Seele hatte fid immer dagegen gesträubt. —
Eduard Weiser war mit seinem Geschäftsfreund auf zwei Tage nach Hamburg gefahren. Wie lanz ihr doch die Stunden ohne ihn wurden! In bet kleinen fröhlichen Gesellschaft, die sich der .armen Strohwitwe' annahm, vermißte sie sein gutes, zu« verlässiges Gesicht; sie zwang sich beinahe zur Froh lichkeit; denn die üblichen Neckereien waren ihren Feingefühl peinlich. Und als ein Telegramm mel bete, daß er noch einen Tag länger bleiben muss,, überfiel sie eine förmliche Enttäuschung.
Sehnsucht, Sehnsucht hatte sie nach ihrem Manne, und die trieb sie umher — und als er dann endlich kam und sie zur Begrüßung küßte, da drängten ihre Lippen den seinen entgegen und erwiderten seinen Kuß, was sie sonst nie getan. In glücklichem Stow nen fühlte er es; fester schloß er sie in die Arme, und willig überließ sie sich seinen stürmischen Lieb, kosungen, sich ihnen nicht, wie früher, leise entziehend.
Von diesem Tage an hatte Eduard Weiser das be- glückende Bewußtsein, daß er das Herz seines Wei- des gewonnen.
Gab es einen seligeren Mann als ihn? Er fegttj nichts; aber seine Zärtlichkeit hüllte sie weich unhl wohlig ein. Nie hatte Magussi geglaubt, daß ihres! Mannes Liebes sie so beglücken konnte — ganz gc>| hörte sie ihm.
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