Ausgabe 
22.5.1933 Erstes Blatt
 
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4 Fortsetzung

Nachdruck verboten!

*

Baronesse Maria von Löbau hat in ihrem Zim­mer Besuch empfangen. Madame Lefeore ist bei ihr, sie macht der Herrin des Hauses ihre Antrittsvisite.

Die Pendüle auf dem porzellanenen Sockel schlägt die Mittagsstunde. Der fahle Schein winterlicher Sonne zeichnet zierliche Arabesken auf die Seiden­tapeten. Es ist das Zimmer von Marias Mutter. Seit ihrem Tode bewohnt sie es und hütet den

MilliklHelKeW

Ein vaterländifcherRoman vonHansDietzKe

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

Reiche Abwechslung in der täglichen Suppe

____bieten MAG Gif Suppen

Duft, den diese Wände als Vermächtnis einer edlen Frau noch immer atmen. Sorgsam pflegt sie die Möbel und kostbaren Bezüge aus dem Rokoko. Zarter Duft von Lavendel entströmt den Kissen und Spitzendecken, die schon das Entzücken der Ahnen erregten.

Kühl ruht der Blick Marias auf der Französin. Sie zwingt sich, in Aufmerksamkeit dem konventio­nellen Gespräch der Fremden zu folgen. Rur das ungeschriebene Gesetz der Höflichkeit in ihr vermag noch die Rede des Besuches zu ermuntern.

Madame Lefevre schließt den ausführlichen Be­richt ihrer Reise:Ich habe dem Freund Ihres Hauses mein Leben zu verdanken! Lassen Sie es uns als ein gutes Zeichen für künftige Tage be­trachten."

,,3d) bitte mich recht zu verstehen, Madame, aber für uns alle auf dem Boden unserer deutschen Heimat kann es keinen sehnlicheren Wunsch geben, als diese Tage fremder Invasion so schnell als möglich beendet zu sehen."

Madame Lefevre hat verstanden. Es tut ihr weh, solche Ablehnung zu erfahren von einer Frau, deren ganzes Leid sie nur zu gut begreifen kann. Jean­nette sucht mit fraulichem Takt nach der Möglich­keit weiblichen Verstehens.

Glauben Sie mir, Baronesse, das Unglück, das über Ihr Vaterland gekommen ist, hat auch in unseren Reihen Tränen und Leid gesät. Richt un­sere Nation macht den Krieg sie gehorcht nur dem Willen und Befehl von oben. Ihr Vaterland ist auf das schwerste geprüft, aber wer vermag in einer Zukunft zu lesen, die unheildrohend vor uns liegt? Das Schicksal kann sich wenden. In einer einzigen Nacht kann das Glück des Krieges aus der Hand derer wechseln, die es für immer an ihre Fahnen zu heften vermeinen. Fortuna ist launisch, und allzuviel ihrer Gaben verwirren das klare Denken. Frankreich hat auf Rußlands Boden die erste blutige Mahnung erhalten. Wird unser Kai­ser sie verstehen wollen, wird er das Einsehen, den Wunsch und noch die Kraft haben, die rasende Kriegsfurie endlich den Völkern Europas fernzu- halten?"

Maria hat sich dem Eindruck dieser Worte nicht entziehen können. Mit einem Schlage wandelt sich das Bild dieser denkenden Frau dort vor ihr. Mer noch läßt sie das Herz nicht sprechen. Der Verstand diktiert ihr die Antwort.

Ich fürchte, Madame, daß es für eine solche Geste zu spät ist! Der Bogen ist überspannt! Kein Volk der Erde läßt sich knechten, bis es verblutet am Boden liegt. Denn es gibt etwas, das größer und unberechenbarer ist, als alle Vernunft: das Gesetz der Verzweiflung! Haß und Rache, in Jah­ren der Not und Entbehrung erstanden, werden zu Furien, die keines Menschen Verstand, die keine Macht der Erde aufhalten können, wenn das Maß voll ist. Und bei Gott es ist übervoll!"

l Fortsetzung fok

ächtet, von Napoleon für vogelfrei erklärt, muß der deutscheste Mann, den unsere Zeit kennt, in Ruß­land am Zarenhofe Schutz suchen. Nur der Gedanke, daß Tausende im deutschen Vaterlande zu seiner Sache stehen, läßt ihn das grausame Schicksal er­tragen. Erweisen wir uns würdig dieses Vertrauens: Rütteln wir, Mitglieder des Tugendbundes, das Volk auf, aus Verzweiflung und dumpfer Erschlaf­fung, schreien wir ihm das Elend der Nation ins Gesicht! Dann werden sich Männer zu Männern ge­sellen und das Volk wird ihnen die Hand reichen!"

Döllnitz' Stimme bebt in erwachter Leidenschaft, wie ein flammendes Schwert drängen die Worte auf die Lauschenden ein:

Fachen wir die Begeisterung an! Mit uns geht das Volk, um Ehre und Freiheit zu erlangen; es braucht, es sucht Männer der Tat! Was Stein für Preußen am russischen Hofe in zähestem, nimmer­müdem Ausharren getan hat, können wir ihm nie­mals danken! Der Zar ist soweit gewonnen, daß sein Ja-Wort nur noch eine Sache der Form ist. Wenn unser König, wenn die Regierung will, können wir morgen marschieren. Aber wenn feige Höflinge in Warten sich verzetteln, wenn kostbare Zeit ungenutzt verstreicht, dann gibt es nur eine Parole: Ohne die Regierung! Der König wird, er muß gezwungen werden durch die Stimme des Volkes!"

Zu heiligem Gelöbnis hebt der preußische Kurier die Schwurhand:

Ich schwöre Ihnen: Nie stand unsere Sache gün­stiger als in diesen Tagen! In Rußlands Eiswüsten wurde der napoleonische Koloß zertrümmert! Es ist Gottes Kraft, die uns zu Hilfe kam. Es ist Wahr­heit, was die unterdrückten Botschaften ins Land brachten: Die große Armee ist ein Trümmerhaufen! Frankreichs Söldner starben zu Tausenden vor Moskau und an der Beresina. Und hätten preußi­sche Generale die Waffen gebrauchen können, kein Mann wäre nach Frankreich zurückgekommen! Don neuem rüstet Napoleon, unendliche Ströme deut­schen Blutes werden von neuem fließen müssen im nahen Kampf der Freiheit, um dieses unverantwort­liche Zaudern wettzumachen! Sorgen Sie, daß uns hie Stunde der Rache gerüstet finde Schlesien muß die Wiege der deutschen Freiheit werden!"

Schweigen herrscht, als Döllnitz geendet hat. Einen Herzschlag lang noch ruhen die Augen der Männer auf der hünenhaften Gestalt des Hauptmanns.

Dann strecken sich ihm spontan die Hände entgegen; schwielige, schwere Fäuste wortlos ist das Gelöb­nis der Treue.

Herrn vom Stein, der gezwungen ist, in Petersburg den Aufgang der deutschen Morgenröte abzuwarten, hat mit Unterstützung des Barons von Löbau, der Vorsitzender des Tugendbundes im Landkreis ist, in aller Eile am frühen Morgen durch reitende Boten die geheime Sitzung einberufen lassen, da er auf der Durchreise in die Hauptstadt Berlin nur wenig Zeit zu einem Aufenthalt in Schlesien aufbringen kann.

Ohne Ausnahme sind die Männer aus allen Ge­birgstälern auf verschwiegenen Pfaden, die des an­haltenden Schneefalls wegen nur schwer passierbar sind, dem geheimen Rus in das ihnen bekannte Forsthaus im Eulengrund gefolgt.

Seit langem hat man diesen Treffpunkt gewählt, weil er versteckt, unbekannt den Landfremden und abseits von den üblichen Fahrstraßen liegt.

Der kleine Raum, den das Forsthaus bietet, ist gedrängt voll. Das spärliche Licht, das von draußen kommt, ist durch eine Kienfackel in eisernem Ring über den Köpfen der Männer notdürftig unterstützt.

Eine fast unheimliche Stille herrscht. Aller Blicke hängen am Munde des Barons von Löbau, der mit überzeugender Kraft spricht:

Die Entscheidung ist gefallen! Wochen noch tren­nen uns von dem allgemeinen Aufstand der Frei­heit! Das Volk wird sprechen wenn wir handeln! Jetzt oder nie gilt: die Tat!"

Drängender, erregter wird die Stimme des Ba­rons:Erwarten wir sie nicht von Fürsten oder Königen sie haben unser Volk mit in fremdes Joch spannen Helsen, sie haben deutsche Männer zu Sklaven gemacht! Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Mut und Stolz in Taten und Worten wer­den das verblutende Vaterland erlösen! Alle deut­schen Stämme werden sich erheben wie ein Mann und mit Titanenkraft an dem eisernen Joch rütteln, daß es zerbirst! Nach Stürmen des Kampfes erst werden friedliche und gücklichere Zeiten wiederkeh­ren! Dann erst werden Bürger und Bauern in ihren Häusern und Hütten wieder sicher wohnen und ihren Kindern und Kindeskindern die blutigen und unge­heuren Geschehnisse dieser Tage erzählen. Dann wird auch diese Zeit und ihre Schande und ihr Unglück wie ein dunkler Traum hinter uns schweben und Wahrheit und Friede werden wiedek aufgehen über deutschem Land!"

Unbeweglich stehen die Männer. Die hämmernden Worte lassen ihr Blut schneller kreisen, jagen den Atem aus gepreßter Brust, Sehnen straffen sich, Augen flackern in unheimlichem Feuer, aus Not und Haß von Jahren geboren.

Hauptmann Döllnitz springt auf. Jetzt ist es an ihm, zu diesem Häuflein Tapferer zu sprechen, daß Mut zur Tat angefacht wird, bis die Stunde der Freiheit mit unaufhaltsamem Sturm über das be­drückte Land fegt.

Männer des Tugendbundes! Der Freiherr vom Stein läßt Ihnen und den Taufenden im Lande Schlesien seine Grüße entbieten Sie sind seine Hoffnung in den furchtbaren Tagen des Exils. Ge­

Dem Schmied ist der Blick des Försters peinigend. Der glaubt doch nicht etwa ...?

Die Frage Frinkmanns spart ihm die Rede.Ich habe meinen Schlitten vor der Tür. Fahre nach Hause. Hast du was fertig?"

Der Schmied wendet sich geschäftig.Du kannst eine Menge mitnehmen. Ich bringe es dir." Eilig geht er mit dem Windlicht zur Werkstatt.

Frau Weinper bittet den Förster, Platz zu neh­men.Ein Becher Kaffee gefällig, Herr Förster?"

Danke Frau! Möchte Euch nicht stören Es kommt bitterer über seine Lippen, als es ge­meint ist.

Dann wenigstens einen echten Danziger, För­ster!" Und ohne Antwort abzuwarten, gießt sie ein Glas voll und reicht es ihm herüber.

Der Förster leert es wortlos mit einem Zuge. Er kann ein Behagen nicht unterdrücken und wischt sich zufrieden den Bart.

Gib mal dem Brinkmann noch einen, Anna! Aus einem Bein kann der Mensch nicht stehen!" Da­bei wirft der Schmied, der eben aus der Werkstatt herübergekommen ist, einen Arm voll neugeschmie­deter Waffen auf den Schemel vor sich.

Drei Wochen stramme Arbeit und immer auf­passen, daß sie einen nicht erwischen, die Schnapp­hähne, die verdammten!" Er lacht sich zufrieden eins:Diesmal hat's geklappt, Brinkmann. Nun bring mir den Fang auch gut ins Haus!"

Der Förster umhüllt die Waffen mit einem alten Sackfetzen und packt sie unter den Arm.Dachte mir, daß gerade heute die Luft rein ist in der Heiligen Nacht werden die Spürhunde nicht so auf der Lauer liegen wie sonst."

Er setzte sich die Pelzmütze auf.Gute Nacht."

Draußen hört man die Pferde anziehen. Der Schlitten entgleitet in schneller Fahrt in tiefe, schwei­gende Winternacht.

5.

Am nächsten Tag, dem ersten Weihnachtsfeiertag, finbct gegen Mittag in dem einsamen Forsthaus Brinkmanns im Eulengrund eine geheime Sitzung der Vertrauensmänner desTugendbundes" des schlesischen Landkreises statt. Zu den Mitgliedern des Tugendbundes zählen patriotisch gesinnte Män­ner ohne Rücksicht auf bürgerliche Stellung und sonstigen Standesunterschied, die insgeheim seit langem an der Befreiung des Vaterlandes arbeiten.

Hauptmann Döllnitz, als Mittelsmann zwischen dieser Geheimorganisation und dem geächteten Frei­

Wilhelm Hofmann IX

im 56. Lebensjahre.

Die trauernden Hinterbliebenen:

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Heuchelheim, den 22. Mai 1933.

Die Beerdigung findet Dienstag, den 23. Mai, nachmittags 1.30 Uhr, vom Sterbehause, Brauhausstraße 36, aus statt.

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Nach diesem Termin erfolgt Kostenbe­rechnung und Zwangsbeitreibung.

Samstags können Einzahlungen nicht getätigt werden.

Gießen, den 20. Mai 1933.

Allgem. Ortskrankenkasse Gießen-Land.

Tageti^rdnung: 1. Jahresbericht

2. Rechnungslegung

3. Wahlen

4. Verschiedenes. I

Für die wohltuenden Beweise liebevoller Teil­nahme, die uns beim Heimgang unserer lieben, unvergeßlichen Entschlafenen

Frau Anna Stieber, geb. Herling zuteil wurden, sprechen wir hiermit unseren herzlichen Dank aus.

Adolf Stieber und Kinder Familie C. Herling

Gießen, den 22 Mai 1933.

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