Ausgabe 
21.12.1933 Erstes Blatt
 
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Hixmnes Geheimnis

Vornan von SNoihilde von Stegmnnn

llrheberrechfsschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale)

15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Herr Perlain hatte mit wachsendem Interesse zu- gehört. Er streifte die Asche von seiner Zigarre. Nachdenklich blickte er in Seeburgs Gesicht, in dem nur eine leichte Röte die Anteilnahme des Sprechers an diesem Thema verriet.

ßeioer, Herr Baron, kann ich vielem nicht wider­sprechen. Es nützt auch nichts, wenn ich Ihnen sage, daß das Gute sich überall nur langsam durchsetzt. Wir haben eben leider Kreise, deren Lärmen lauter ist, als es ihrer Bedeutung entspricht. Die Sorge oller derer, die dos Wohl oeider Staaten bei uie in der Verständigung sehen, ist, daß in dieser Be­ziehung bei Ihnen die Verhältnisse auch nicht sehr günstig liegen, und um zum Ausgangspunkt unse­res Gesprächs zurückzukehren: Man Hot geglaubt, daß das Verbot des Film» »Ostfront darauf zurück- zusühren ist."

Sehen wir von Vermutungen ab, und bleiben wir bei Tatsachen, Herr Direktor. Ich habe mich vorhin bemüht, Ihnen die Auffassung eines Deut­schen zu zeigen. Sie werden mir ohne weiteres zugeben, daß man Szenen, wie sie in .Dftfront* Vorkommen, dargestellt von Franzosen und Ameri­kanern, hier nicht zeigen kann, ohne Zwischenfalle und lärmenden Protest heroorzurusen. Bei aller Vorzüglichkeit der Darstellung und bei dem wunder­baren Spiel Fraulein Dumonts: Der deutsche Sol­dat und der deutsche Offizier werden hier falsch oeschildert. Die Handlungen, die vorgeführt werden, stellen Unmögliches dar, und das eine Mal, wo man diesen Rittmeister ich nehme an, um einen Ausgleich zu schaffen eine sogenannte edelmütige Handlung begehen läßt, sieht man ihn etwas tun, was zwar sehr rührselig ist, aber im Kriege dem Offizier jeder Armee die Kassation einbringen würde "

Wieder ein interessanter Mosaikstein", fügte Perlain hinzu.

Dbne Zweifel!" erwiderte Seeburg kurz.Und trotz allem: Der Kranke empfindet anders als der Gesunde. Deutschland leidet schwer, und einem Leidenden darf man, weil er leichter erregbar ist, so manches nicht sagen. Vor allem aber mutz man Dinge, die ihn reizen und erregen könnten, dann vermeiden, wenn ihre Kenntnis von gar keiner Wichtigkeit für ihn ist. Deshalb, meine Herrschaften, begreife ich ohne weiteres, aus welchen Motiven

heraus die zuständigen Stellen die Vorführung de» Fllms nicht gewunicht haben."

Perlain und Yvonne wechselten einen kurzen Blick. Auch diesmal bemerkte Seeburg chn nicht. Als er seinerseits Yvonne fragend ansah, wartete er vergeblich auf ein Zeichen des Einverständnisse» von chr.

Es mar spot geworden Erst jetzt fiel eeeburg wieder ein, datz dieser ereignisreiche Tag noch eine schöne Fortsetzung finden sollte. Und seltsam kam es ihm vor, daß er während dieses ganjen Ge- sprach» nicht einen Augenblick daran gedacht hatte, wie sehr er mit seiner Stellungnahme sich in Gegen­satz zu Yvonnes Wünschen stellte. Der magnetische Strom der Leidenschaft, der zwischen ihm und Yvonne bestanden hatte, schien unterbrochen zu fein.

Wieder richtete er feine Augen auf Yvonne. Dieder trafen ihn Yvonnes Augen mit einem rätselhaften Ausdruck, den er noch nie an ihr be­merkt hatte Wenn er sie fönst angeblickt hatte, waren ihm Leidenschaft und Hingebung entgegen- geströmt Jetzt lag der Blick kühl und prüfend auf ihm. Yvonne wandte sich an Perlain. Mit einem leichten Unterton in der Stimme sagte sie zu ihm:

Das Urteil eines deutschen Herrn über den Ein­druck des Films haben wir gehört. Nun, Herr Direktor, würde ich in unserer Angelegenheit gern noch zwei Worte mit Ihnen gesprochen haben, ehe wir ausbrechen. Ich hoffe, datz Ihr Standpunkt weniger ablehnend ist."

Mademoiselle Dumont, was mich betrifft, ich habe den Eindruck schon vorweg genommen: Wir schließen morgen ab. Und was den Herrn Baron anlangt: Man darf die Hoffnung nie zu früh auf­geben. Es ist eine alte geschäftliche Erfahrung, daß die Dinge am Morgen häufig anders aussehen als am Abend. Hoffen wir, datz trotz allem unsere Wünsche, den Film in Deutschland oorführen zu können, sich doch noch erfüllen. Ich weiß, welch große finanzielle Bedeutung das auch für Sie hat, meine Gnädige, und man hofft gern, was man wünscht."

Befremdet hatte Seeburg diesem Gespräch ge­lauscht. Täuschte er sich, oder enthielten Perlains Worte einen geheimen Doppelsinn? Ahnte oder wußte Perlain etwas von den Beziehungen zwischen Yvonne und ihm? Und wenn er etwas davon wußte von wem konnte diese Kenntnis dann nur kommen? Doch nur von Yvonne selbst. Aber Yvonne konnte unmöglich die Geschmacklosigkeit be­sessen haben, über die geheime Verabredung von heute abend zu sprechen? Keine Frau, die wahr­haft liebte, würde je so etwas tun! Falls Yvonne wirklich zu Perlain geplaudert hätte, konnte nicht wahre Liebe der Beweggrund ihres Handelns fein.

Aber welches war dann der Grund? Wie hatte Perlain gesagt? Es gäbe Dinge, die am Morgen anders aussehen als am Abend? Was hatte der Franzose damit aemeint? Und warum war Yvonne plötzlich von dieser abweisenden Kühle? Blitzschnell

waren all diese Gedanken durch Seeburgs Kopf ge» Ichojien. Er hatte |ie fortfchieoen mögen, aber es gelang ihm nicht. Doch er mußte fefifteUen, ob dieser plötzliche, häßliche Verdacht berechtigt war. Rur Ruhe jetzt und Haltung^bewahren! In be­dauerndem Ton wandte sich Seeburg an Yvonne und Perlain:

Es ist wirklich außerordentlich betrübend, daß die Ostfilmenricheidung sich für Sie beide offenbar finan­ziell ungünstig ausmirfen konnte. Aber was ich am meisten bedauere, ist meine Ueberzeugung, datz eine neuerliche Entscheidung nicht anders lauten würde, als sie gefallen ist."

Meinen Sie nicht, Herr von Seeburg, daß der für die Entscheidung maßgebende Herr doch eine Ablehnung würde vermeiden können, wüßte er, wie zum Beispiel ich persönlich finanziell durch ein end­gültiges Verbot geschädigt würde?"

Seeburg sah Yvonne, die diese Frage mit einem lauernden Blick gestellt hatte, an, als ob er ihr zum erstenmal in seinem Leben begegnete. War das die­selbe Frau, nach der er noch vor wenigen Stunden in Sehnsucht und Leidenschaft fast vergangen war? Hatte er nicht eben, als er seinen Verdacht widerlegt sehen wallte, wieder eine offenkundig doppelsinnige Frage gehört? In leichtem Plauderton erwiderte Seeburg, indem er Yvonne fauchend ansah:

Nach meiner Kenntnis des Verantwortungs­gefühls unserer Herren, die solche Fragen zu ent­scheiden haben, muß ich annehmen, daß derartige Erwägungen für ihre pflichtgemäßen Entscheidungen vollkommen unerheblich fein würden. So schade es auch natürlich fein mag, daß private, finanzielle Interessen darunter leiden mögen das läßt sich eben nicht ändern. Die Vorstellung, datz sich em gewissenhafter Beamter durch die private Kenntnis solcher Zusammenhänge ober durch persönliche Be- kanntschaft oder sogar Freundschaft mit den Be­troffenen zu einer anderen als der sachlich erforder­lichen Entschließung bewegen lassen könnte, ist etwa» völlig Unnzpgliches."

Seeburg hatte, während er diese letzten Worte langsam und betont sprach, keinen Blick von Yvonne und Perlain gelassen. Mit tiefem Schmerz sah er, daß sein Verdacht zutraf. Unverkennbar war Yvonnes Verstimmung bei seinen Worten gewesen. Der Blick und das fast unmerkliche Schulterzucken, die für Perlain bestimmt waren, ließen deutlich erkennen, daß zwischen den beiden ein geheime» Einverständnis bestand. Die beiden gaben sich auch kaum noch Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Seeburg wurde blaß. Also darauf war es hinaus- gegangen! Man hatte ihn beeinflussen wollen! Man schien also gewußt zu haben, datz er bei der letzten Entscheidung maßgebend wäre! Aus diesem Grunde hatte man ihn auch zu der Filmvorführung geladen, vielleicht sie zu diesem Zweck überhaupt nur ver­anstaltet? Man hatte ihn festlegen wollen.

Wenn dies aber alles ein abgekartetes Spiel war

wo hatte es angefangen, und wo sollte es enden' Die Empörung Seeburgs wich einer eigentümlichen flaUe, und in diese flälte mischte sich fast ein Gefühl der Erleichterung.

Seine Leidenschaft war verflogen. Lag es daran, daß er nicht mehr an Yvonne glauben konnte? Nicht mehr an die Aufrichtigkeit ihrer Liede? Wo war seine verzehrende Sehnsucht nach Yvonne? Sie schien verschwunden in dem Augenblick, als er erkannte, er sei nur eine Figur in einem abgekarteten Spiel einem Spiel, au dessen Requisiten vielleicht auch die oorgetauschte Leidenschaft Yvonnes zu ihm gehörte?!

Wohl eine Minute hatten die drei Menschen sich !LUI?m-x0e0cnübcrflcfenen. Dann erhob sich Perlain. Beherrscht und liebenswürdig wandte er sich an See- bürg und Yvonne:

Irauri0, daß uns wenig Hoffnung für unseren Cum bleibt Ader nach dem, was der Herr Baron sagte, sind die Aussichten gering. Vielleicht, daß unferc diplomatische Vertretung uns unterstützen Jonnte. Aber wir wollen das Thema ruhen lassen. Cs ist auch spat geworden. Wenn e» Ihnen recht ist brechen wir auf.'

«Ringelte dem Kellner, und die Herren beglichen ihre Rechnung. An der Tür des Lokals wandte sich Perlain abschiednehmend an Yvonne und Seeburg;

,Hch habe ja nur ein paar Schritte bis zum Hotel. * ro£r ln Falle für mich ein außerordentlich mteresianter Abend. Ich habe Gelegenheit gehabt, Herr Baron, einen Standpunkt kennenzulernen, der sich mit meinen Anschauungen zwar nicht deckt, den ich aber trotzdem achten und rdpeftieren mutz. Irre id) mich oder haben die Herrschaften einen gemein- fernen Weg?"

Mit einem etwa» bitteren Lächeln erwiderte See­burg:Sie sind, wie immer, gut informiert, Herr Direktor! Selbstverständlich sorge ich dafür, daß Fräulein Dumont gut nach Hause kommt.'

Wenn es Ihnen recht ist, Herr Baron", fiel Yvonne ein,so gehen wir noch ein paar Schritte bei diesem wunderbaren Wetter. Also auf Wiedersehen morgen, Herr Direktor?' Damit reichte sie Perlain, der einen Wagen herbeigewinkt hatte, ab'chiedneh- mend die Hand, und auch Seeburg verabschiedete sich mit einigen verbindlichen Worten.

Durch die wenig belebte Friedrichstraße gingen Yvonne und Seeburg den Linden zu Nach einem Augenblick des Stillschweigens sagte oeeburg:

(Es tut mir ganz außerordentlich leid. Yvonne, daß ich Sie habe enttäuschen müssen!" Es klang ein seltsamer Ton in ihrer Stimme, al» Yvonne zurück fragte:

Und gibt es nichts. Herr Baron, wa» Ihre An­sicht noch erschüttern könnte?"

Nach meiner Ueberzeugung hört ein Mann auf, ein Ehrenmann zu sein, wenn er sich bestechen läßt, sei es. durch was es auch sei."

,Zst bas Ihr letztes Wort, Herr Baron?"

(Fortsetzung folgt.)

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Gestern entschlief nach kurzem, schweren Leiden mein lieber Vater, Schwiegervater und Großvater

Karl Heinrich Melcher

Im Alter von 81 Jahren.

Familie Ludwig Melcher

Gießen, den 21. Dezember 1933.

Die Beerdigung findet am Freitag, den 22. Dezember, nachmittags 2' , Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt - Von Beileidsbesuchen bittet man absehen zu wollen.

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Für die Beweise herzlicher Teilnahme sowie für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrers bei dem Heimgang unserer lieben Entschlafenen sagen wir unseren herzlichsten Dank.

Die trauernden Hinterbliebeneni

Alfred Thormann

Gießen (WiisonstraBe fl\ den 21. Dezember 1983.

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Bekanntmachung.

Bett. :TieEn1eignung vonGrundcigetttnm.

Die Bekanntmachung des Hessischen Staatsministers vom 18. 12. 1933 bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntnis.

Bürgermeisterei Gießen.

I. B.: H. Bartholomäus.

vekanntmachung, betr. die Enteignung von Grundeigentn».

Die Stadt Gießen hat am 15. Dez. 1933 den Antrag gestellt, die nachverzeichneten Grundstücke Grundbuch für Gießen:

Nr. 1 Fl. III Nr. 93 1/10 Grabgarten zwischen dem kleinen und großen Steinweg vor dem Neuenwegertor, 373 qm,

9h. 2 Fl. III Nr. 93 5/10 Hofreite daselbst (Gartenstraße Nr. 1), 681 qm, »u 1 und 2)

eingetragen auf das Eigentum der Frei­maurerlogeLudewig zur Treue- in Gießen zu enteignen.

Unternehmer ist die Stadt Gießen. Die Enteignung erfolgt zum Zwecke der Uebc- lassung der Grundstücke an die Hitlerjugend und den Bund deutscher Mädchen zur Er­füllung der diesen Verbänden obliegenden Aufgaben der Ertüchtigung der deutschen Jugend.

Tie Eingabe der Stadt Gießen nebst Plan (Situation-plan mit Längs- und Querprofilen, Plan de» Unternehmen» und Grundbuchau»zug) liegt ab

TonnerStag, den 21. Dezember 1933 auf die Tauer von 14 Tagen aus der Bür­germeisterei Gießen, Stadthaus Berg, strotze, Zimmer 4, zu jedermann» Einsicht offen.

Tie Beteiligten werden hiermit ausge- fordert:

a) Einwendungen gegen den Plan bei Mcibung de» Ausschlüsse» und An- nähme der Einwilligung in die be­anspruchte Abtretung oder Beschrän- hing,

b) Erklärung auf die angebotene Ent­schädigungssumme bei Meldung der Unterstellung der Annahme de» An­gebot»,

C) Anträge auf AuSdebnuni der Ent­eignung bei Meioung de» Au»fchlufse» mtt wichen,

dj Anträge auf Aufrechterhaltung be­

stehender Lasten (Art. 19) bei Mei- dung de» Ausschlüsse» mit solchen, e) Anträge auf Einrichtung und Unter­

haltung von Anlagen, welche für die benachbarten Grundstücke gegen Ge- fahren und Nachteile notwendig sind oder notwendig werden, bei Meidung de« AuSschlufseS mit solchen, f) etwaige auch unbekannte Ansprüche

und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke bei Meldung des Aus­schlusses mit solchen, schriftlich binnen 2 Wochen nach dem Ab­lauf der OffenlegungSfiist bei dem Hessischen StaatSminister vorzubringen. Eine Tag­fahrt findet nicht Patt 7672C

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