Das Wunder
Froh war sie, daß Lilo jetzt für einige Wochen verreist war; sie wollte Ostseelust atmen und am Strande träumen; mit Verwandten wollte sie sich aus der Insel Rügen treffen; sie freue sich auf die lustige Zeit. —
„Packt man Bergstiefel und Dirndlgewand zu einer Ostseereise ein? Wie du lügen kannst!" dachte Ma- gussi.
Sie hatte zufällig bei einem Besuche in Silos offenen Reisekoffer einen Blick werfen können und hatte gesehen, daß er für das Gebirge gepackt war. Und daß Silo unterwegs nicht allein sein würde, war ihr auch klar, obwohl Kurt von Sangen schon vor einigen Tagen abgereist war — nach Scheoeningen, wie er erzählte. — „Gut ausgedacht", lächelte Magussi für sich. Doch was ging sie das an!
Sind eure Sommerpläne schon endgültig festgelegt, Magussi?" hatte Silo gefragt.
„Nein, Silo! Mein Mann muß in nächster Zeit nach England, geschäftlich — und danach werden wir unseren Entschluß treffen. Er wünscht sehr meine Begleitung; doch auf Geschäftsreisen sind Frauen immer im Wege — darum bleibe ich lieber hier!"
„Bei deiner Singerei, nicht wahr, Magussi? Du, nimm es mir nicht übel, ein wenig übertreibst du es schon. Wenn ich dein Mann wäre, würde ich bestimmt .Halt' gebieten. Du tust gerade, als bekämst du es bezahlt, als müßtest du dir deinen Sebens- unterhalt damit verdienen. Du hast es doch nicht nötig!"
„Muß alles denn einen sichtbaren Zweck oder Grund haben? Mir ist mein Singen inneres Bedürfnis — nicht Lebensunterhalt, sondern Sehens- inhalt!" betonte Magussi.
„Wäre ein Kindchen nicht größerer Sebensinhalt für dich?"
Heber Magufffs Gesicht ging ein Zug des Er- schreckens.
„Nein, das wünsche ich mir nicht!" entgegnete sie kurz, „ich habe keine Sehnsucht danach."
„Ein merkwürdiges Geschöpf bist du, Magussi! Man wird nicht klug aus dir. Ich glaube, dein öffentliches Auftreten damals hat dich aus deinem inneren Gleichgewicht gebracht und hat deine alte Sehnsucht wieder wachgerufen."
„Sie war immer da, Silo! Vielleicht hast du nicht ganz unrecht. Doch ich kann nicht anders. Ich war wohl in einem früheren Seben schon einmal Sängerin!" lächelte Magussi. „anders kann ich es mir nicht erklären, sonst hätte ich diese wahnsinnige Vorliebe nicht schon mit auf die Welt gebracht."
„Und die Fürstin bestärkt dich auch darin. Du musizierst viel bei ihr?"
„Für eine geraume Zeit hat es ein Ende; denn die Frau Fürstin ist abgereist und bleibt auch bis zum Herbst auf der Besitzung ihres Sohnes m Berchtesgaden."
(Fortsetzung folgt)
11. Kapitel.
„Ach, ob es da noch einer Ueberlegung bedurft hätte! Ja, ja, tausendmal ja — sie wollte fingen in einer Oper! — Die Romantik, das Ungewöhnliche dieses Vorschlags durchschauerte sie förmlich.
Mit leuchtenden Augen saß Magussi dem Kapellmeister gegenüber, der ihr in beredten Worten oon seinem Werk gesprochen — „Des Meeres und der Siebe Wellen" — und daß sich ihm, als er zum erstenmal ihre Stimme gehört, der Gedanke aus- gedrängt habe, — sie müsse seine Heldin, seine Hero, verkörpern, — so habe die ihm oorgeschwebt. Sie müsse seine Oper zum Siege führen, die mit Beginn der Winterspielzeit am Stadttheater ihre Uraufführung erleben solle. Den ganzen Sommer habe sie zum Rollenstudium vor sich. Gewiß, es sei ein Wagnis, er wisse es, aber wenn er ihrem Können nicht das Höchste zutraute, dann würde er sein Werk nicht in ihre Hände legen. Sie sei die geborene Künstlerin aus Genieland. Für alle ihre Gegenreden hatte er andere Einwendungen bereit, so daß sie schließlich nachgeben mußte.
Oh, es sei alles leicht zu machen, — mit einer kleinen Schiebung allerdings — offiziell müsse Asta Grellberg die Rolle studieren; aber es würde einzurichten sein, daß die Sängerin kurz vor der Aufführung zurückträte. Sie sei sehr launenhaft und nervös; Meinungsverschiedenheiten gäbe es auf den Proben immer, und wenn sie ihm dann die Nolle hinwerfe, so sei eben die gnädige Frau als gütiger Ersatz da. Gewiß, es sei nicht ganz ehrlich, — aber Kriegslisten feien erlaubt, und die Grellberg wurde auf irgendeine Weise schon vollwertig entschädigt werden. Darüber solle die gnädige Frau sich keine Gedanken machen.
Natürlich müsse alles strengstes Geheimnis bleiben!
„Nur Frau Professor Schülein muß es wissen, mit der ich die Partie studieren will!" sagte sie.
Er hatte es sich eigentlich anders gedacht; aber da er selbst einsah, daß es nicht gut möglich war, wenn er allein mit ihr die Rolle studiere, so willigte er ein; die Hauptsache war ihm, daß sie sich bereit erklärt hatte, feine Hero zu fingen. Und alle diese seltenen Begleitumstände würden auch eine große Reklame für sein Werk bilden. —
Und Eduard? — Der Gedanke an ihn fiel Magussi doch schwer aufs Gewissen. Aber sie tat ja nichts Unrechtes, — sie tat bloß das, was er ihr zuge- ftanben. Sie nahm sich nur die Freihkeit, sich künstlerisch so auszuwirken, wie sie wollte.
Nahm sie dem liebenden Gatten dadurch wirklich nichts? Ach, wie sie sich doch selbst betrog! Ihre leidenschaftliche Liebe zur Musik verkürzte Eduard doch, da ihm ihre Gedanken nicht gehörten, und ihre Ehe war kaum ein Miteinanderleben zu nennen, sondern mehr ein Nebeneinanderleben! Das, was eine Ehe erst zur wahren Lebensgemeinschaft machte, fehlte diesem Bunde. Der stille, feinfühlige Mann vermißte es wohl schmerzlich; doch er konnte dem nicht Worte geben, was kaum in Worte zu fassen war.
Lebten beide denn nicht in Harmonie? Hatte es je eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen gegeben? War Magussi denn nicht von einer sich stets gleichbleibenden Liebenswürdigkeit? Aber ihrem Wesen hastete etwas Fremdes, Automatenhaftes, Abwesendes an, so, als sei sie mit ihren Gedanken immer anderswo. Er fühlte es und litt darunter.
Das Geheimnis, das Magussi jetzt vor ihrem Gatten hatte, war sehr gefährlich. m t rr
Bruno Halling hatte selbst mit Frau Professor Schülein gesprochen, die von seinem Plan ganz begeistert war. Er hatte ihr die Angelegenheit so bart- gestellt, daß er auf Magussi im Notfall rechnen könne; denn die Grellberg sei sehr unzuverlässig, und es sei nicht ausgeschlossen, daß sie kurz vor der Aufführung versage. Um diese dann dennoch zu ermöglichen, habe er eben an Magussi Weiser gedacht. Denn ihm liege daran, daß seine Oper zum bestimmten Zeitpunkt herauskomme.
Aus dem Grillparzerschen Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen" hatte ihm em Freund, der ein bekannter Dichter war, einen wirkungsvollen Operntext geschaffen. Die Musik, die er dazu geschrieben, war von einem sehr klugen, sehr strengen und sehr berühmten Musiker, dem er die /Par^ll^r zur Prüfung gegeben, äußerst anerkennend beurteilt, so daß Bruno Halling sein Werk mit gutem Mut und mit Selbstvertrauen der Öffentlichkeit barbicten konnte. _ , .. _, .
Mit Feuereifer widmete sich Frau Professor Schu- [ein ihrer Aufgabe, mit Magussi die Rolle der Hero zu studieren. Sehr oft war Bruno Halling m der Musikstunde zugegen, und immer von neuem mit Bewunderung erfüllte ihn die außergewöhnliche Musikalität dieser holden Frau, der man nichts zu er- klären brauchte, weil sie sofort begriffen hatte; sie übertraf manche große Künstlerin von Ruf.
„Mir ist alles so märchenhaft, so unglaublich! — Wenn ich mir auch zutraue, diese herrliche Musik zu fingen — aber wird mich das Orchester nicht überwältigen? Und dann darf die Darstellung auch nicht vernachlässigt werden — und ich habe doch auch noch niemals auf der Bühne gestanden", klagte sie einmal.
„Meine liebe, gnädige Frau, Sie werden es schaffen. Bei jeder Probe werden Sie nachher mit im Theater sein, ohne daß die Künstler auf Sie aufmerksam werden. Außerdem gibt Ihnen Frau Professor Schülein später den dramatischen Unterricht. Wer eine so begabte Bühnensängerin war und ihre Rolle mit so viel dramatischem Leben erfüllte, der wird auch einer gelehrigen Schülerin eine Rolle cin- zustudieren wissen! Mir ist so siegessicher zumute; Sie sind unvergleichlich, gnädige Frau, Sie fini) em Wunder, und ich bin glücklich, daß ich Sie entdeckt habe!" r . , .
Beinahe übermütig war er und so jungenhaft in feiner Freude, daß Magussi davon angesteckt wurde. Sie lebte ja nur in ihrer Rolle; die Außenwelt war für sie versunken; das ganze Geheimnisvolle berauschte ihre romantische Seele.
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart 15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Und eine Viertelstunde später war sie froh darüber — denn der nächste Besucher, der angemeldet wurde war Kurt von Langen. Seine Ueberraschung, Lilo wieder einmal bei Magussi anzutreffen, verstand er geschickt zu verbergen. Mit einem großen Rosenstrauß bewaffnet, stand er vor den beiden Damen.
In unwiderstehlicher Drolligkeit hielt er der .großen Künstlerin' eine schwungvolle Rede .nachdem er sich vorher ein Paar weiße baumwollene Handschuhe übergestreift; den Rosenstrauß hielt er wie ein glückwünschendes Kind steif und feierlich m der ausgestreckten Hand. m
Herzlich mußte man lachen, und Magussi erwiderte in scherzender Weise.
Selbstverständlich wurde vom vergangenen Abend gesprochen.
„Wissen Sie, gnädigste Frau, was der Theaterdirektor gesagt? Vom Fleck würde er Sie als jugendliche Dramatische anstellen! Er wolle mit Ihrem Herrn Gemahl einmal ein Wort sprechen, ob er Sie aus dem mit ihm geschlossenen Vertrag nicht freigebe, oder ob er nicht wenigstens gestatte, daß Sie einen Gastspielvertrag mit der städtischen Oper abschließen — im Ernst, so begeistert war er."
Magussi atmete tief auf — was da im Scherz gesagt wurde — ach, wenn es doch Wahrheit sein könnte!
„Um Gotteswillen, Magussi, dein Mann — in seiner Verliebtheit würde er dem Direktor ja sofort eine Forderung schicken. Und was würde der gestrenge Herr Kommerzienrat sagen — seine Tochter auf der Bühne — in den Armen Lohengrins!" rief
„Der Lohengrin würde natürlich ich fein! Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen", fang Kurt von Langen leicht hinaus, „glauben Sie nicht. Gnädigste, daß ich einen famosen Schwanritter abgeben würde?"
Diese Wendung des Gesprächs war Magussi peinlich, weil das, was ihr heilig war, dadurch ins Lächerliche gezogen wurde. Und ßilos Mangel an Taktgefühl war beinahe unheimlich.
Sie begrüßte es als Erleichterung, als das Stubenmädchen wieder einen Besuch meldete — Fräulein von Forstner, eine gemeinsame Schulfreundin oon ihr und Lilo. So bewegte sich die Unterhaltung in allgemeinen Bahnen, und als Armgard von Forstner sich verabschiedete, schlossen Lilo und der Baron von Langen sich ihr an. Und Magussi war froh, als sie wieder Allein war. __________
zu nehmen.
Alten-Buseck, den 20. August 1933.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 22.August, nachm. 2% Uhr statt
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