Reichslandbund und Reichspräsident.
Berlin, 20. Ian- ($11.) Der Reichslandbund veröffentlicht nunmehr das Schreiben, das das Präsidium des Reichslandbundes unter dem 12. d. M. zusammen mck der Gegenerklärung des Re.chslandvundes als Erwiderung auf die bekannte amtliche M tteilung der Reichsregierung vom 11. d. M. an den Reichspräsidenten gesandt hat. In diesem Begleitschreiben erklärt das Prä, dium des Reichslandbundes:
„Wenn die Vertreter des Bundesvorstandes nicht auf die zuvor gefaßte und veröffentlichte Entschließung ausdrücklich hingewiesen, sondern sich auf die Wiedergabe der darin zum Ausdruck gebrachten Gesamteinstellung beschränkt haben, so geschah dies ohne jede Rebenobsicht. Der von der Reichsregierung dem Bundesvorstand gemachte Dorwurf der Demagogie und Illoyalität muh als unbegründet zurückgew esen und der von der Reichsregierung beschlossene Abbruch der Be- ziehungen als durch den tatsächlichen Hergang n cht begründet empfunden werden." Das Schreiben br.ngt weiter den besonderen Dank und die Genugtuung über das persönliche Eingreifen des Reichspräsidenten, sowie die Hoffnung zum Ausdruck, daß trotz der durch de Rech reg e.ung gegnäber dem Reichsland- fcuno ge,ch -ffer.e r außcrord.ntr chen Spannungslage der deutsche Bauer vor äußersten Ver- zweislungischritten bewah.t werde.
3m An träge des Reichspcä, denken antwortete Staatssekretär Meißner unter dem 17. Januar, daß der Reichspräs dent von dem Schreiben, sowie von der beigefügten Erklärung zu der amtlichen Mitteilung der Reichs re gie- rung über den Abbruch der Beziehungen, die dem Re chspräsidentcn vor der Veröffentlichung vorgelegen habe, Kenntnis genom-
Angelsächsisch eWirischastökonferenz
Berliner Echo der Erklärung Hoovers und Roosevelts.
Berlin, 21 Jan. (CNB. Funkspruch.) Die gestern veröffentlichte gemeinsame Erklärung Hoovers und Roosevelts über die Bereitschaft zur alsbaldigen Ausnahme von Schulden- und Wirtschaftsverhandlungen mit England wird überall als eine entscheidende Wendung in der europäisch-amerikanischen Politik betrachtet. Für Amerika bedeutet sie die lange erwartete Klärung der Absichten des neuen Präsidenten, und zwar im Sinne einer U ebernah m e der Grundsätze, die Hoover in der Schuldenfrage entwickelt hat. Für die europäischen Schuldner, vor allem für Frankreich, das sich seit Dezember ost genug um Verhandlungen mit Amerika bemüht hat, enthält sie die deutliche Lektion, daß die Vereinigten Staaten n i ch t g e w i l l t sind, sich durch einseitige Zahlungseinstellungen vor vollendete Tatsachen stellen zu lassen.
Amerika verhandelt vorläufig nur mit England und mit den übrigen Ländern, die ihren Verpflichtungen nachgekommen sind, über eine Reuregelung. die nach Lage der Umstände nur in einer durch mehr oder weniger große roirlschast- liche Zugeständnisse zu erkaufenden Herabsetzung der Kriegsschulden bestehen kann. Ob gegebenenfalls mit einer Streichung gerechnet werden kann, ist dabei die wichtigste, aber bewußt unentschieden gelassene Frage.
Anderseits sind die offenen Fragen, auf die noch vorgestern die Sachverständigen Der Weltwirtschaft resigniert hingewiesen haben, überraschend schnell geklärt worden. Amerika erkennt die Wechselwirkung zwischen Schulden und Wirtschaftsfragen an, es ist sogar bereit, sie gleichzeitig zu behandeln. Es wird, was England betrifft, auf wirtschaftlichem Gebiet über die Goldwährung und über die Einfuhrzölle verhandeln, wobei es den von der Pfundentwertung ausgehenden Preisdruck zu beseitigen und seine Ausfuhr nach England zu beleben bestrebt sein wird. Die Wichtigkeit dieser Gegenstände läßt die schon heute in englischen Blättern geäußerte Annahme begründet erscheinen, daß
die kommenden Verhandlungen mit Amerika, die gleichfalls für die nächsten Monate geplante weliwirtschastskonferenz in ihrer Bedeutung beeinträchtigen werden. Das wäre aber, trotz gewisser Lieblingspläne Macdonalds, dann kein Verlust, wenn damit die Ausgaben auf dieser Konferenz so wesentlich gefördert würden, daß sie in der Hauptsache nur noch eine registrierende Tätigkeit hätten.
Es klingt deshalb durchaus wahrscheinlich, wenn Macdonald schon jetzt die Absicht zugeschoben wird, die Verhandlungen mit Amerika persönlich zu siihren.
Oesterreich und Deutschland
Rede des österreichischen Bundeskanzlers in München.
den. Einfuhrverbote und Kontingente seien nicht der Weg, der ein Land wiedergesunden lasse. Der Bundeskanzler wandte sich dann der Frage der Arbeitslosigkeit zu. Er warnte davor, diese Dinge nur von der Fürsorgeseite aus zu betrachten. Die wichtigste Aufgabe werde sein, den Volksgenossen in Einzelbetrieben wieder Arbeit zu schaffen. Die übertriebene Rationalisierung sei eine Sünde an der Arbeit der Menschheit gewesen. Zum Schluß bat der Bundeskanzler, die Lage Oesterreichs zu verstehen.
wenn sich die Länder gegenseitig besser verstünden. dann könne man beruhigt der weiteren Entwicklung entgegensetzen.
Am Abend war der Bundeskanzler Gast des bayerischen Ministerpräsidenten. Rach einem kurzen Bierabend reiste Dr. Dollfuß wieder nach Wien ab.
Am Vormittag, kurz nach seiner Ankunft in München, hatte Bundeskanzler Dr. Dollfuß eine Unter.edung mit einem Vertreter des Conti- Rachrichtendicnstes, dem er u. a. erklärte: Oester- re chs Außenpolitik muß sich bemühen, mit allen seinen Rachbarn, mit allen Staaten Europas und der Welt in Freundschaft und Frieden zu leben. Dabei wird und muß alle Welt verstehen, daß wir uns als s e l b st ä n d i - ger deutscher Staat, bedingt durch das Blut, die Gcsch'.chte und die geographische Lage unserer Heimat der
engsten Verbundenheit und Freundschaft mit dem Deutschen Reiche
bewußt sind, einer Freundschaft, die berechtigt und verpflichtet.
Königs-Konferenz in Rumänien.
Bukarest, 23. Ian. (ERB.) Der K ö n i g und die Königin von Jugoslawien werden am Montag, 23. Januar, in Sinaja zum Besuche König Carols eintreffen. Obwohl der Besuch keinen offiziellen Charakter trägt, ist der rumänische Verkchrsminister dem jugoslawischen Königspaar bis an die Grenze entgegengefahren. Die wichtigsten Ressortsmini st er. vor allem der Ministerpräsident und der Außenminister, werden sich nach Sinaja zur Begrüßung der königlichen Gäste begeben. In unterrichteten Kreisen wird angenommen, daß zwischen den beiden Monarchen unter teilweiser Zuziehung der in Sinaja anwesenden Minister w ei t - gehende Aussprachen über die gemeinsame Politik der beiden Staaten stattfinden werden. Auch diejenigen Angelegenheiten, welche den Gegenstand der Konferenz der Kleinen Entente in Belgrad bildeten, dürften erörtert werden.
München, 20. Jan. (TU.) Der Wirtschaftsbeirat der Bayerischen Volkspartei veranstaltete heute nachmittag eine Kundgebung, zu der mit dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Dollfuß und dem Landeshauptmann R ö h r l die Mitglieder der bayerischen Staatsregierung, der Landtagspräsident, sowie zahlreiche bekannte Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens erschienen waren.
Nachdem Ministerpräsident Dr. Held auf die traditionelle Freundschaft mit Oesterreich hingewie- fen und Staatsrat Schäffer betont hatte^ daß die Einladung des Bundeskanzlers in dem Sinne zu verstehen fei: „Sine Sprache, ein Volk, ein Reich", nahm, stürmisch begrüßt,
Bundeskanzler Or. Dollfuß
das Wort zu feinem Vortrag über „W irtfchaft - liche W i e b e r a u f b a u p r o b 1 e in e". Unter Hinweis auf die Kleinstaaterei im südöstlichen Europa betonte er, daß die Erweiterung des Wirt- schastsraumes eine dringende Aufgabe der Zukunft fei Da ein Land in der Not nicht darauf warten könne, bis diese Erleichterung eintrete, so müsse sich auch Oe st erreich darauf einstellen, aus innerer Kraft den Weg zu suchen, um den Zusammenbruch des Volkes aufzuhalten.
Oesterreich lehne jede Katastrophenpolitik ab. Oesterreich habe den IDeg der Anleihe gewählt. Es sei aber nickst richtig, daß Oesterreich irgendwelche Bindungen dabei eingegangen sei. Der Bundeskanzler Dementierte entschieden, daß Verhandlungen übet eine Neutralisierung Oesterreichs geführt worden seien. Mit besonderer Betonung erklärte er, daß über solche Dinge in Oesterreich überhaupt nicht gesprochen oder verhandelt worden sei.
(Stürmischer Vc.fAt.) Der Redner fügte hinzu, daß Oesterreich dazu auch nicht bereit wäre, halte er für eine Selbstverständlichkeit. (Dal. den heutigen Artikel „Schacher um Oesterreich" im Zwei- ten Blatt. D. Red.) Mit dem Moment, wo die Oesterreicher gesehen hatten, daß die ausländische Wirtschaft Vertrauen zu Oesterreich habe, sei die ungeheuere Mihtrauenswelle langsam abgestoppt.
Auf die Zollpolitik Oesterreichs übergehend, sprach der Bundeskanzler die Hoffnung aus, daß die Verhandlungen zwischen Deutschland und Oe st erreich zu einer Erleichterung im gegenseitigen Güterverkehr führen werden. Er erwarte, daß die Verhandlungen für Oesterreich die gehegten Wunsche erfüllen und , eine neue Fundamentierung des Verhältnisses zwischen beiden Wirtschaftsgebieten bringen wer- >
men und beides dem Reichskanzler zur Erledigung we tcrgele tet habe. Der Reichspräsident w ederholt bei diesem Anlaß seine dem Bundesvorstand mündlich gegebene Erklärung, daß er nach wie vor den festen Willen hat. der schweren Rot lag e der Landwirtschaft ebenso wie der anoecer notleidender Berufsstände i m Rahmen des Möglichen abzuhelfen. Der Herr Reich-P.älident hofft, daß die von ihm vollzogene, die Verlängerung und Ausdehnung des Vol.streckungsichuhcs enthaltende Verordnung zur Beruhigung der Landwirtschaft beitragen wird.
Aus aller Welt
Tynamitexplouon in Mexiko —33 Tote.
Mexiko, 21. Jan. (WTB. Funkspruch.) Ein schweres E x p l o s i o n s u n g l ü ck hat sich in der Stadt Morelia im Staate Michoacan ereignet. Aus bisher unbekannter Urfache sind 6 0 m i! Dynamit gefüllte Kisten in d i e Luft geflogen. 33 Personen kamen dabei ums Leben.
von bet Feste Ehrenbreitstein abgestürzt.
Ein Kaufmann aus Bad Ems wurde auf der Feste Ehrenbreitstein an der sogenannten..Langen Linie" mit einem schweren Schäbelbruch t o t aufgefunden. Rach den Polizei.i..,en ^srmckckungen muß sich der Kaufmann abends im Gelände ver- irrt haben, wobei er eine etwa sechs Meter hohe Tcfef,Hunqdmaucr h e r a b st ü r z t e.
Raubüberfall auf ein Reichspostauto.
Ein Kraftwagen der Reichspvst wurde auf der Straße von Köln-Brück nach Rath-Heumar von drei Männern, von denen zwei Polizeiuniformen trugen, durch rotes Licht zum Halten gebracht. Die Räuber hielten den Posthelfer mit einer Pistole in Schach, erbrachen den Kraftwagen und erbeuteten neben einigen Briefbeuteln einen Beutel mit 480 Mk. Bargeld und einen mit
Briefmarken im Werte von 400 Mk. Die Täter sind unerkannt nach dem Königsforst entkommen.
Die Untersuchung
der jüngsten Berliner Kaufdjgiftaffäre.
Der Be n omung-r.chtec beim Polizeipräsidium hat g g n den m Z:sammenha.lg mit dein bereits gemclde.e.. ^.r^ßen M o r p h .u m s u n d bei einem Sped.teur sestce.wmmenen Kaufmann Bannasch Haftbefehl wegen Vergehens gegen das Rausch- giftgcsetz erlassen. — Der gleichzeitig verhaftete Speockeur, der angab. d.e Kisten mit dem Rauschgift schon bei der Geschäft-Übernahme vor mehreren Jahren vorgefunden zu haben, wird dagegen wieder auf fre en Fuß gesetzt.
von einem Einbrecher erschossen.
Bei einer Firma in Kanth bei Neumarkt (Nieber- fchlesien) würbe in einer der letzten Nächte ein Gelbschrankeinbruch versucht. Mehrere Feuerwehrleute stellten auf bem Hose ber Firma einen ber Einbrecher. Dieser schoß sofort auf einen Feuerwehrmann unb verletzte ihn burch einen Schuß so schwer, bah er am anberen Morgen st a r b. Die Täter konnten noch nicht ergriffen werben.
Autounglück. — Eine Tote, drei Schwerverletzte.
Auf ber Staatsstraße Ulm-Ehingen ereignete sich ein schweres 211 t o u n g I ü ck. Der mit vier Personen besetzte Kraftwagen bes Braumeisters Götz geriet vermutlich infolge Glätte ber Straße ins Nutschen unb stürzte bie Böschung hinunter, wobei er sich überschlug. Eine Frau fonb bei bem Sturz ben Tob. Die übrigen brei Insassen würben in schwerverletztem Zustanbe ins Krankenhaus gebracht.
Ucberroältigung einer Derbredjerbanbe.
Die Freiburger Kriminalpolizei hatte in Erfahrung gebracht, daß eine Cinbrecher- b a n d e einen Raubüberfall auf ein Freiburger Geschäft plante, um die zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Zentrale gebrachten Tageskassen der Filialgeschäfte zu rauben. Der Plan war bis in Einzelheiten genau vorbereitet: die Verbrecher wollten mit dem erbeuteten Geld nach Italien fliehen. Den Beamten der Kriminalpolizei, die sich rechtzeitig in dem Geschäft versteckt hatten, gelang es, den Haupträdelsführer und seine drei Komplizen nach kurzem Kampf zu überwältigen und in Gewahrsam zu bringen. Anscheinend besteht die Bande aus Berufsverbrechern, Zwei von ihnen werden von auswärtigen Strafbehörden steckbrieflich gesucht.
Feuersbrunst in einer rumänischen Stabt.
Im Zentrum ber Stabt Dorohoi in ber nörblichen» Molbau ist eine Feuersbrunst ausgebrochen, bie infolge bes herrschenben Winbes katastrophales Ausmaß angenommen hat. Sämtliche Häuser in zwei Straßen bes Geschäftsviertels stehen in Flammen. Das Feuer broht sich noch weiter auszubreiten. In ber Stabt herrscht eine unbeschreibliche Panik, da bie Feuerwehr ber Flammen nicht Herr werben kann. Bis zur Stunbe finb über 40 Häuser ein- geäschert. Der Sachschaben ist sehr groß.
Französischer Industrieller in Spanien verhaftet.
Die Entbeckung einer Bombenfabrik in Jgualaba führte zur Verhaftung bes in ber französischen Kolonie von Barcelona eine Rolle spielenben französischen Industriellen Eugene Julienne. Er .st Metallhänbler unb hat bie für bie Herstellung ber Bomben notroenbigen Materialien geliefert, behauptet jeboch, über beren Bestimmung nichts gewußt zu haben.
Kunst und Wissenschaft.
Sven hebin wieder in Ehina.
Der berühmte schwedische Asienforscher Dr. Sven H e d i n befindet sich zur Zeit auf dem Wege nach Peking, um bie Leitung der großen Zentral- asie'nexpedition wieder selbst zu übernehmen. Zur Ankunft Dr. Hedins werden sich die Leiter der verschiedenen Teilerpeditivnen, Dr. Hörner, Dr. B v h l i n unb Dr. Brexel, nach Peking begeben, um mit bem schwedischen Forscher die Durchführung der weiteren Arbeiten zu besprechen. Von Dr. Nils Ambolt, bem Astronomen unb Karthographen der Expedition, fehlt seit längerer Zeit jede Nachricht. Er wollte versuchen, von Ter- milik aus die südlich des berühmten Sees Loepnor gelegenen zentralasiatischen Wüstengebiete zu durchqueren. Er ist jetzt zwei Monate überfällig. Don Dr. Norin, einem geologischen Mitgliede ber Zentral-Asienexpebition Hebins, traf ein Telegramm aus Maschmit ein. Es ist Dr. Norin nach mehrmonatigem schwierigen Marsche gelungen, bas Künlun-Gebirge unb ben Karakorum zu burchque- ren und ein großes, bisher noch nicht durchforfchtes Gebiet kartographisch aufzunehmen. Dr. Norin kann die aussehenerregende Mitteilung machen, baß seine Karte zusammen mit ben früher von Dr. Sven Hebin unb ben in ben letzten Monaten von Dr. Ambolt aufgenommenen ein geschlossenes Kartenbild des Künlun- und des Karakorum-Gebirges, gibt.
Aus Oer Provinzialhaupistadi.
Der alte Apfelbaum.
Wer jemals aus einer Wohnung, in ber er viele Jahre gelebt hat, ausziehen mußte, ber weiß, wie wehmütig es uns ums Herz ist, wenn wir burch bie leeren Zimmer schreiten, aus benen soeben bie Möbel weggetragen würben. Wir denken noch einmal an bie Stunben, bie wir hier in Glück unb Leib verbrachten. Wir schauen zum letzten Male zum Fenster hinaus, um biefen Ausblick für immer mit» zunehmen als letztes Andenken.
Noch viel schmerzlicher aber ist ein Abschied von einem Garten, in bem wir Bäume unb Sträucher gepflanzt unb gepflegt haben. Wir können Nachbarn unb Bekannte vergessen, wir bekommen vielleicht nie Sehnsucht nach ihnen, nach unfern Bäumen im Garten aber sicher. Unb wenn wir nach Jahren roieber in ben betreffenben Ort kommen, bann führt uns unser erster Gang sicher nach bem Garten, um zu sehen, wie es ihm jetzt geht.
Die Liebe zur Scholle, zu Bäumen unb Sträuchern, tritt auf bem Lande bei Feldbereinigungen stark hervor. Mit ber Aenberung von Aeckern unb Wiesen finbet sich schließlich noch jeber Landwirt ab, wenn bie neuen Stücke gut finb. Die meisten Einsprüche werben aber fast stets bei ben Baumanlagen unb Gärten erhoben.
So erging es auch meinem Nachbar, ber einen alleinstehenben Apfelbaum auf einem breieckigen Rasenplatz in ber Nähe bes Walbes besaß. Sein Vater hatte sich einst, nach langer Wanberschaft, als Schlossernieisler in bem Dorfe niebergelaffen, sich bieses Stückchen Lanb erworben unb bann einen roilben Apfelbaum, wie pian sie in ben Wälbern findet, darauf gepflanzt. Später hatte er sich Edelreiser von seinem früheren Meister aus Württemberg senden lassen und den Baum umgepfropft. Es war eine Apfelsorte, die man hier nicht kannte, die Früchte etwas länglich, am Baume ganz grün, zur Zeit ber Lagerreife aber leuchtenb gelb. Der Geschmack bieses Apfels war hervorragenb. Man nannte ihn allgemein ben „Schwabenapfel", weil er aus Württemberg gekommen war.
Kein Baum wuchs so frei unb stolz, wie ber von meinem Nachbar. Bei Spaziergängen habe ich oft vor ihm geftanben und ihn bewundert. Im Laufe ber Jahre neigte er sich etwas, unb bie Kinber hatten beim Aepfelstoppeln leichte Arbeit. Sie konnten bequem hinaufklettern. Unb zu stoppeln gab es immer etwas, benn jebes Jahr trug er seine Früchte, einmal sehr viel, einmal weniger, aber immer boch etwas.
Diesen Baum sollte mein Nachbar nun verlieren. Ich traf ihn oben am Walb, als er vor bem Baum ftanb unb ihn betrachtete. Es sah beinahe so aus, als ob er geheime Zwiesprache mit seinem Baum hielt. Besonders ärgerlich war er darüber, daß ihn bie Kommission nur mit einigen Mark eingeschätzt hatte. Es wäre ein alter Baum, unb bas Dreieck könnte ba nicht bleiben, ba käme ein Weg hin, unb ber Baum müßte weichen.
Mein Nachbar erzählte mir bamals bie Geschichte feines Baumes, wie ihn fein Vater gepflanzt hatte, wie sie als Kinber bie ersten Aepfel geerntet hätten unb wie sie alle in ber Familie gerade an diesem stolzen Baum mit Liebe hingen. „Ich habe reklamiert", sagte er zu mir, „aber es hat nichts geholfen." Ich kannte einige ber Herren vom Schiebs- gericht unb versprach, für ihn einzutreten.
Ich hatte auch Erfolg. Der Baum blieb. Der Weg kam einige Meter weit.'r ins Felb. Wegen eines Baumes. Einige Leute schimpften, anbere roieber ließ bie Sache gleichgültig. Meinem Nachbar aber leuchteten bie Augen.
Das war kurze Zeit vor bem Kriege. Aber ber Dank blieb nicht aus Ich habe jebes Jahr von bem Schwabenbaum ein Körbchen voll ber schönsten Früchte zum Anbenken für meine „Bemühungen" erhalten unb mich immer sehr barüber gefreut. Noch größere Freube hat mir freilich bie Anhänglichkeit meines alten Nachbars — er hat schon siebzig Jahre überschritten — zu seinem Baum gemacht. M—ll.
Talen für Sonntag, 22 Januar.
1729: der Dichter Gotthold Ephraim Lessing zu Kamenz in der Lausitz geboren. — 1775: der Physiker Andre Marie Ampere in Palognieux
bei Lyon geboren. — 1788: der Dichter Lord Byron in London geboren. — 1849: der Dichter August Strmdberg in Stockholm geboren.
Gießener Wochenmar -reise.
* Gießen, 21. Ian. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Süßrahmbutter 120, Landbutter 100 bis 110, Kochbutter 80 bis 90. Matte 20 bis 25, Wirsing, grün 12, gelb 8 bis 10, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Anterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25, Feldsalat 80 bis 100, Zwiebeln 10, Meerrettich 30 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 3, Aepfel 18 bis 30, Dörrobst 35 bis 40. Honig 40 bis 45, junge Hähne 70 bis 90, Suppenhühner 60 bis 80, Rüsse 35 bis 40; das Stück: Käse 5 bis 10, Lauben 40 bis 60, inländische Eier 11, Blumenkohl 30 bis 60, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 30 Pfennig; der Zentner: Kartoffeln 2,50 Mark.
Vornotizen.
— TageskalendersürSamst a g: Stadttheater, 20 bis nach 23 Uhr, „Im weihen Rößl". — Verband zur Förderung des Volkssports in Hessen und Nassau, Offizierheim, Zeughauskaserne, 16 Uhr, Mitgliederveriammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Kiki" und „Liebe unb Weltrekorb". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Der Draufgänger".
— Tageskalenber für Sonntag: Stabt- theater, 19 bis nach 22 Uhr, „Im weißen Rößl". — Overheff. Kunstverein, Turmhaus am Branbplatz, 11 bis 13 Uhr, Ausstellung. — Goethe-Bunb, 20 Uhr, Neue Aula, Eichenborff-Gebenkfeier. — Stahlhelm, BbF. 11 Uhr, Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, Stahlhelm-Filmprogramm 1932; 20 Uhr, Turnhalle am Oswalbsgarten, Reichsgrünbungsfeier. — Safe Leib, 20 Uhr, Großes Militärkonzert. — (Bemeinbeoerein ber Lukasgemeinbe, 20 Uhr, Lukassaal, Farnilien- abenb. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Kiki" unb „Liebe unb Weltrekorb". — Astoria-Lichtspiele, Sel- tersweg. „Der Draufgänger".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Ahr, außer Abonnement zu ermäßigten Operettenpreisen „Im we hen Rößl". Dorzugsgutscheine haben Gültigkeit. — Sonntag, 22. Ianuar, 15 Ahr, zu ganz kleinen Preisen letzte Aufführung dcs Weih- nacht-.märchens: „Aschenbrödel". Ende 17.30 Ahr. — Am 19 Ahr, als Fremdenvorstellung, Wiederholung der Operettenrevue: „Im weihen Röhl". Ermäßigte Operettenpre se. Vorzugsgutscheine haben Gültigkeit. Ende nach 22 Ahr. — Dienstag. 24. Ianuar, auher Abonnement, e.nmaliges Gastspiel von Curt Götz mit seinem Ensemble. Zur Aufführung gelangt: „Dr. med. Hiob Prätorius, Facharzt für Chirurgie und Frauenleiden". Er- mähigte Operettenpreise. Abonnenten erhalten auf ihre Plätze 50 Pf. Ermäßigung. Spieldauer von 20 bis 22 Ahr. — Mittwocy, 25., 19.30 Ahr, 16. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement „Hamlet, Prinz von Dänemark", Trauerspiel von Shakespeare. Ende nach 22.30 Ahr. — Freitag, 27., als 16. Borste.lang im Freitag-Abonnement, das Lustspiel: „2:2 unentschieden" von Lichtenberg. Anfang 20 Ahr, Ende 22 Ahr. Gewöhnliche Pre se. — Samstag, 28., 20.15 Ahr: „Tanz- Abend; Tänze aus drei Iahrhunderten", Gastspiel der Solotänzer des Hessischen Landestheaters Darmstadt. Auher Abonnement. Kleine Preise. Ende 22.15 Ahr. — Sonntag, 29., 18.30 Ahr, als F.emdenvorstcUung auher Abonnement zu ermäßigten Operettenpreisen die Operettenrevue: „Im weihen Röhl". Vorzugsgutscheine haben Gültigkeit. Ende 22 Ahr.
— Stahlhelm-Filmvorführung im Lichtspielhaus. Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, Ortsgruppe Gießen, tritt am kommenden Sonntagvormittag aus Anlaß des Iah- restages der Reichsgründung in dieser Woche mit einer großen Filmveranstaltung an die Oefsent- lichkeit. 2m Lichtspielhaus Bahnhofstraße wird ein Bildstreifen vom 13. Frontsoldatentag in Berlin gezeigt, an dem nicht weniger denn 200 000 junge und alte Stahlhelmer teilnahmen und der


