Montag, 20. November 1935
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger sürGberhessen)
Nr. :»2 Zweites Blatt
Llm die deutsche Saar.
Don Or. Siegfried Brase.
Weniger als zwei Jahre nur trennen uns noch von dem Termin, an dem laut dem Vertrag von Versailles 800 000 deutsche Menschen darüber erst abstimmen sollen, ob sie heimwollen in ihr Vaterland oder in der Zwangsvormundschaft der zu vier Fünfteln fremden Regierungskommission bleiben oder gar Franzosen werden mögen. Die Antwort auf diese Frage muh aber schon heute 'als selbstverständlich gelten. Der Hintergedanke jener Bestimmung, hier machtpolitisch „assimilieren" zu können, ist an der einhelligen Standhaftigkeit der Saardeutschen ebenso zuschanden geworden wie seinerzeit der saubere Plan eines neuen Rheinbundstaates am Widerstand der Rheinländer. Denn alle natürlichen, stammhaften, geschichtlichen und wirtschaftlichen Triebfedern entscheiden eindeutig für solchen Spruch der Selbstbestimmung. Entgegen der Llemenceauschen Tendenzfabel von angeblichen 150 000 Saarfranzosen ist auf diesem schähereichen Grenzboden Sprache und Geblüt so deutsch wie nur irgendwo und von jenem Moselfrankentum, das mit dem liebenswürdigen Gleichmut des Rheinländers Züge knorriger Zähe verbindet, das nicht minder heimattr<u als wirtschaftlich rührig ist. Diese 3n- dustriebevölkerung „fluktuierte" nie; 60 v. H. der Saarbergleute sind heute noch Hausbesitzer, obwohl mit dem älebergang der Gruben an den französischen Staat die amtliche Förderung der Eigenheime aufhörte. Wer selbst nah« Familienbeziehungen zu Saardeutschen hat, weih, wie schwer sie sich bei Versetzungen von ihrem Heimatboden losreihen konnten und wie bitter diejenigen Dergbeamten leiden, die fremde Schikane zum Verlassen der Heimat und zur Trennung von ihren Familien zwang.
Sn dem letzten Jahrhundert, da das Saar- gebiet geschlossen zum deutschen Hoheitsgebiet gehörte — so wie im Mittelalter deutsche Geschichte in Staat und Kultur seine Geschichte war — hatte es sich zu einer Wirtschastsprovinz stärksten Pulsschlages entwickeln können. So kam es in Deutschland an die dritte Stelle der Steinkohlenförderung und an die zweite Stelle der Eisen- und Stahlgewinnung. Wohl hegte der Saarländer wie der Rheinländer überhaupt seine natürlichen Bedenken gegen ein allzu forsches Preuhentum. Aber dies konnte hier nie zu Entfremdungen führen, wie sie leider der falsche Kurs 1871 und 1914 im Elsaß bewirkte. An der Saar, in ihrem öffentlichen Leben, ihrer Wirtschaft war der Einheimische mit artverwandten Rachbarn mahgebend; in Saarbrücken wählte der Mannheimer Bassermann als Parteiführer seinen Wahlkreis wie dieser ihn, und hatte beim Stechen auch die meisten Arbeiter hinter sich. Bis heute blieben die Parteigegensähe im Saargebiet minder schroff als leider auf manch anderen gefährdeten deutschen Grenzposten. Sm 1922 geschaffenen Landesrat, der nur „gehört" wird, aber entgegen den angeblich demokratischen Grundsätzen der Versailler Machthaber nichts zu bestimmen hat, geben in der Kernfrage beinahe alle Parteien st e t s gemeinsame Erklärungen ab, und selbst der kommunistische Sonderspruch pflegt nicht wesentlich abzuwcichen.
Was bedeutet demgegenüber Frankreich für die Saarländer? Wohl haben in früheren Zeiten einzelne Saarmädchen Pariser Pensionate besucht, ohne deshalb aber an ihrem guten deutschen Herzen, an ihren späteren Pflichten als deutsche Ehefrauen und Mütter Schaden zu n«h- m«r. Cs ist klar, daß man sich hier bei allem kernfesten Heimatempfinden für französische Kulturerscheinungen etwas mehr interessieren mochte als in fernerliegenden Gebieten. Aber p o l i t i sch fühlten sich die Saarländer stets nur a l s leidendes Objekt französischer Begehrlichkeiten, die hier das strategische Vorfeld, den „kleinen Rhein" sahen, die in der „province de la Saare" (z. Z. der Raubkriege und Re-
Das iniereffanlesiepholo auf der Ausstellung,,DieKamera"
irichHoffmann, der Adolf Hitler auf allen Reisen begleitete zeigt auf ein Photo, das st 19 14 ausdemOdeonsplatz in M ü nchen aufnahm. Inmitten der begeisterten Hoffmann durch Zufall den jungen Adolf Hitler, der sich am nächsten Tage als Kriegsfreiwilliger meldete.
Photograph Heu er am 2. A u g u Menge entdeckte
Unionen Ludwigs XIV.) und im napoleonischen „departement de la Saare" nichts anderes als Einbrecher und Ausbeuter waren und in zerstörten Burgen und Städten ihre Spuren hinterliehen. So heiht — historisch natürlich nicht örtlich verstanden — die Losung: Saarbrücken nicht Saarlouis. Deutsche Brücke über den deutschen Fluh, dessen Tal hier eine typische deutsche Mittelgebirgslandschaft bildet, ist das Saorgebiet, vielleicht Brücke auch des Verständnisses zweier Rachbarnationen, die Anerkennung voller deutscher Gleichberechtigung vorausgesetzt, unmöglich aber eine französische Truhfeste, wie Ludwigs XIV. Baumeister sie in Saarlouis als Zwingburg aufrichtete.
Zwingburg, Einbrecher- und Ausbeutertum sind auch heute die Brandmale französischer Herrschaft. Sie gefiel sich in rücksichtsloser Ausnutzung der Bergherrlichkeit, in Ueberfremdung der Eisenindustrie, Verdrängung deutscher Ware und machte während der Amtszeit des Herrn Rault die von ihm präsidierte Saarregierung ganz zum Werkzeug französischer Machtziele, anstatt der Wohlfahrt der Bevölkerung zu dienen, wie vorgegeben war. Diese Politik — mehr Peitsche als Zuckerbrot — hat ihr Fiasko bereits besiegelt, auch wenn sich der landesverräterische Saarbund vereinzelter Französling« an Ort und Stelle und dos nicht ganz einfluh- lose Saarkomitee in Poris noch in Sllu- fiorten wiegen. Auch im französischen Zollzwangsverband blieb der deutsche Saararbeiter deutscher Gebrauchsware treu, und in der Wirtschaftskrise, die aus der Eisenindustrie das französiscke Kapital zum Teil toieaer zurückdrängte, hat sich die französische Politik der Aushungerung gegen die natürlichen süddeutschen Absatzgebiete der Saarkohle, wo dann in den noch mageren Kohlenjahren die Ruhrkohle vordrang, bitter gerächt.
Von den 75 000 Saarbergleuten von 1924 ist heute über ein Drittel er w e r b s l o s.
Ein hoher französischer Grubenbeamter hat zwar noch Ende vorigen Sahres den Saardeutschen einen französischen Magen und ein schwankendes Herz unterschieben wollen — aber ist «ttoa öcix Franzosen dort ein sicherer wirtschaftlicher Wiederaufbau gelungen? Sie vermochten ihn gar nicht, weil ihr rücksichtsloses Gewinnstreben von sozialem Empsinden und modernen Sozialeinrichtungen sich ebensoweit entfernt hielt wie von billiger Kohlenwirtschaft gegenüber der angestammten Veredlungsindustrie. So konnte man zwar das Doppelte der französischen Gruben- verluste durch den Weltkrieg und bis 1928 fast 150 Millionen Goldfranken Reingewinn heraus- holen, aber keine deutschen Menschen erobern. Sm besonderen Mähe gilt das für die französische Kulturpolitik. Trotz allen Druckes der Berggewaltigen liehen sich nur wenige Prozent der Saarkinder in die französischen Schulen zwingen, die nach dem Versailler Vertrag überhaupt nur für die französischen Beamtenfamilien bestimmt waren.
Deutschland hat im Zusammenhang mit dem Poungplan, der ja nach feierlicher Erklärung alle Kriegsrückstände ausräumen sollte, mit Frankreich eine gütige Lösung der Saarfrage anzubahnen gesucht. Aber die Franzosen sahen damals, 1929/30, auf allzu hohem Pferd. Seht steht es bei ihnen, ob sie 1935 eine gewaltige moralische Ohrfeige einstecken oder die Auf- wühlung aller Leidenschaften in dem uns auf- gedrungenen Entscheidungskampf vermeiden wollen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Denn die wirtschaftlichen Aebergangsfragen der unumgänglichen Rückgabe sind bei gutem Willen gewiß zu regeln, bedürfen aber naturgemäß sehr gründlicher Durchleuchtung im einzelnen. Hier arbeitet die Zeit nach dreizehnjähriger Fremdherrschaft nicht mehr für Frankreich. Sm Gegenteil: noch vor Einbruch der vollen Kris« hätte Frankreich bei Mähigung seiner Ansprüche wohl vorteilhafter abschneiden können als nach der allgemeinen
Entwertung, die den sranzösischen ®rubenbetri.eb trotz Raubbaues wie in dem „Spitzbubenschacht des Warndtbezirkes zur Defizitwirtschaft machte; ein Schiedsgericht, das ja bei Richteinigung vorgesehen ist, mühte das natürlich bei Bemessung des Rückkauspreises berücksichtigen.
Die Saardeutschen haben in all den Jahren viel Geduld geübt und lieber die schwere Prüfungszeit durchgeharrt als die deutsche Politik zu besonderen Rücksichten auf sie veranlassen wollen. Dah es nun in nahender Entscheidung Treu« u m T r e u e gilt, sollte sich allenthalben in deutschen Landen kräftig bekunden. Aber auch im Zeichen der angestrebten weltwirtschaftlichen Vernunft mühte die unnatürliche Ablösung des Saar^ gebietes aus seiner Verflechtung mit der Pfalz
Opfere für die Zugend
im Winterhilfswerk!
Spenden auf Postscheckkonto Frankfurt Nr. 28100 oder auf
Girokonto der Nassauischen Landesbank 6200.
seinem nächsten landwirtschaftlichen Lieferanten und verarbeitenden Kohlen- und Eisenkunden vcül wiedergutgemacht werden. Rach der anderen Seite liehe sich die Verbindung von lo» thringischem Minette-Erz (dessen Gewinnung ur. sprünglich auf dem geeigneteren Ruhrkoks fußte) und Saarkohle, soweit zweckmäßig, durch Verträge Gleichberechtigter unschwer auf- rechterhalten. Das Gleiche gilt für sonstige wirtschaftliche Beziehungen, in die das Saargebiet gegenüber Frankreich durch feinen langen Zwitte^ zustand hineingenötigt worden ist. Äimmt doch das Saargebiet mehr französische Ware auf als Stalien oder die Länder der Frankreich verpflichteten Kleinen Entente. Für die Schaffung zollfreier und zollbegünstigter Warenkontingente böte selbst während weiterer Depression das Saarzollabkommen, das sich an den deutsch-französischen Handelsvertrag schloß, Ausgangspunkte — nur daß sich eben öie Vorzeichen ändern würden, das Saargebiet als Wirtschaftsglied des Deutschen Reiches Frankreich künftig gegenüber- stünde. Dann könnte freilich nicht mehr französische Machtpolitik den Wirtschaftsbeziehungen nach Gutdünken Vorschriften machen, sondern es mühte der Grundsatz des gleichen Re ch- t e s und der gleichmäßigen Snteressenwahrung für alle endlich auch auf das langgeprüfte deutsche Saarland zur klaren Anwendung gelangen.
Drei Jahre Zuchthaus für eine ehern. KPO-Reichstagsabgeordnete.
WSN. Darmstadt, 17. Nov. Die frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Franziska Kessel aus Frankfurt a. M. hatte verbotene Druckschriften verbreitet und auch Versammlungen kommunistischer Funktionäre a n • beraumt und durchgeführt. Sie wurde vom Strafsenat des Oberlandesgerichts Darmstadt wegen Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre Der- urteilt. Drei Monate der Untersuchungshaft wurden ihr angerechnet.
Gefängnisstrafe wegen Tierquälerei.
WSN. H e s s. - L i ch t e n a u, 17. Nov. Das Amtsgericht in Hess.-Lichtenau verurteilte einen jungen Mann, der das Pferd seines Dienstherrn, als dieses nicht gehen wollte, derart mißhandelt hatte, daß es schwere Verletzungen am Maul und an der Zunge davontrug, zu drei Monaten Gefängnis, gegen die der Angeklagte Einspruch erhoben hatte. In der zweiten Verhandlung wurde die Berufung jedoch verworfen und der Angeklagte abermals zu drei Monaten Gefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.
Es mailt
Von Privatdozent Or. Franz Wolf
Es ist nicht ganz einfach, eine Peitsche so zu regieren, daß sie, anstatt nur zu zischen, wirklich knallt. Es' ist ein besonderer Kniff dabei: Währen die Auswärtsbewegung der Hand und des Peitschenstiels zum vorderen Ende der Schnur weitereilt, muß man den Stiel mit heftigem Ruck nach unten reißen, eine Bewegung aus dem Handgelenk, die geübt fein will, wie ein elegant geschla- gener „Durchzieher" beim Fechten.
Ganz die gleiche, nur noch lautere Empfindung eines Knalls haben wir übrigens auch beim Abschuß eines Gewehrs oder eines Geschützes, wenn wir uns nahe genug dabei befinden. Der Blitz eines Gewitters, der in großer Nähe niedergeht, wirkt ebenso mit mächtigem Knall auf unser Ohr, während wir sonst aus der Ferne nur immer den dumpf grollenden Donner hören können. Auch Meteore, die mit hell leuchtendem Schein durch die obersten Luftschichten gleiten, lassen mitunter einen lauten Knall vernehmen. Man sagt dann, sie seien zerplatzt. Ob das wohl richtig ist? Was mag es überhaupt sein, daß diese vielen, im Grunde gänzlich verschiedenen Erscheinungen gemeinsam haben, dah sie im Stande sind, einen „Knall" zu erzeugen, diese Empfindung, die jeder kennt, die dem Ohr schmerzlich weh tun, und die etwas ganz anderes ist als Schall, Ton, Brummen oder Zischen.
Diese Frage hat )ie Physiker schon lange beschäf- tigt. Doch war sie nicht ganz leicht zu beantworten, da es sich in allen Fällen um äußerst rasch verlaufende Vorgänge handelt, die man mit dem Auge im einzelnen längst nicht mehr verfolgen kann. Erst in diesen Tagen wurde die Antwort für die Peitsche endgültig gegeben durck sehr hübsche Laboratoriums- versuche von (Karriere.
Er machte, um den Vorgang des Peitschenknalls genauer zu verfolgen, photographische Ausnahmen von den einzelnen Stadien, die die Peitschenschnur durchläuft. Freilich handelt es sich hier nicht um fortlaufende kinomatographische Bilder eines einzigen Knallvorganges, sondern um Einzelaufnahmen, die bei verschiedenen Knallversuchen in verschiedenen weit fortgeschrittenen Stadien des Vorganges gewonnen wurden. Es muß bei der Aufnahme nur dafür gesorgt werden, daß die Peitschenbewegung bei jedem Knalloersuch immer wieder genau gleich verläuft. Dies erzielte Carriöre durch Konstruktion einer besonderen „Laboratoriumspeitsche Sie ist sehr einfach und läßt sich leicht nachmachen: ein
stark dehnbahres, kräftiges Gummiband von etwa 30 Zentimeter Länge wird mit dem einen Ende am Fußboden festgemacht, an das andere ist eine über einen Meter lange Schnur angebunden. Diese wird unter kräftiger Ausdehnung des Gummibandes in etwa 1,50 Meter Höhe über eine Schnurrolle geführt und auf der anderen Seite wieder bis fast zum Boden hinabgezogen. Läßt man ihr Ende los, so reißt der stark ausgereckte Gummi die Schnur über die Rolle zurück, und hierbei entsteht ein lauter, scharfer Knall, schöner als bei der besten natürlichen Peitsche.
Bei den Versuchen wurde zunächst der Raum verdunkelt, die Peitsche gespannt und die photographische Kamera schon geöffnet. Ließ man nun die Peitschenschnur los, so braucht man nur bestimmte kurze Zeit danach in der Nähe der Peitsche einen grellen elektrischen Funken überschlagen zu lassen um durch diese überaus kurze Beleuchtung die Stellung der Peitschenschnur in irgendeinem bestimmten Stadium des Knalloorganges scharf auf die Platte zu bannen. Freilich gehört großes experimentelles Geschick dazu, um den richtigen Augenblick für die Auslösung des Funkens zu er- fassen und um in den verschiedenen Fallen die Auslösungszeit zu variieren, daß man wirklich die gewünschten verschiedenen Stellungen der Peitschenschnur auf den Bildern erhält, die nachher eine wirkliche Uebersicht über die gesamte Bewegung der Schnur während des Knalls ermöglichen sollen.
Dies ist Carriöre glänzend gelungen. Er fand aus den Aufnahmen, daß das freie Schnürende feiner Laboratoriumspeitsche während des Knalls hoch über die Rolle hinaufsteigt und erst danach auf der Seite des Gummibandes hinabgezogen wird. Wie auch sonst beim Knallen über die gewöhnliche Peitsche eine Welle bis gegen das Schnürende lauft, so wandert auch hier die Wölbung, die die Schnur zu Anfang durch das Umbiegen über die Schnurrolle erhält, während des Knalls rasch bis ans freie Ende der Schnur hinaus. Hierbei wird gleichzeitig die Krümmung dieser Ausbuchtung immer starker. Aus der anfänglich sanften Wölbung wird schließlich ein ganz scharfer Knick, wenn die Störung das Schnürende erreicht. Das Ende wird dabei so gewaltig beansprucht, daß es. ausfasert, und daß Fetzen davonfliegen. r, ......
Auch die Hauptfrage nach den Geschwindigkeiten der Peitschenschnur in diesen einzelnen Stadien konnte der Forscher beantworten. Es ergab sich, daß die Bewegung der Peitschenschnur beim Aussteigen über die Rolle immer rascher wird, bis das Schnürende den höchsten Punkt erreicht. Dann nimmt die Geschwindigkeit wieder ab, während die Schnur auf
der Seite des Gummibandes herabfällt. Das Ende der Peitschenschnur erreicht während des Knalls die enorme Höchstgeschwindigkeit von über 570 Metern pro Sekunde, also einen Wert, der die gewöhnliche Schallgeschwindigkeit weit übertrifft!
Man hat übrigens noch in anderen Einzelfällen besonders bei eletrischen Funken zeigen können, daß ein Knall immer dann gehört wird, wenn irgendwelche materielle Bewegungen in Luft mit lieber- schallgeschwindigkeit vor sich gehen. Die Gewehrgeschosse, der Blitz, die Meteore, und was es sonst an so rasch und heftig verlaufenden Erscheinungen gibt, alle schleudern sie Luft mit derartig ungeheurer Wucht vor sich her, daß eine Welle entsteht, die sich selbst mit Ueberschallgeschwindigkeit nach allen Richtungen ausbreitet. Wird das Trommelfell des menschlichen Ohres von ihr getroffen, so erleidet es einen Stoß, den es aus der Gewohnheit des alltäglichen Lebens überhaupt nicht kennt. Denn bei keinem unserer noch so hohen oder lauten Töne muß es ähnlich schnelle Bewegungen mitmachen. Man kann demnach feststellen, daß ein „Knall" immer dann gehört wird, wenn das menschliche Ohr in den Bereich kommt, in dem eine Luftwelle sich mit Ueberschallgeschwindigkeit ausbreitet.
Oie Bäuerin als Künstlerin.
Der Ehrentag des Bauern, den man kürzlich in so großartiger Weise feierte, bringt uns die Kräfte zum Bewußtsein, die im echten Volkstum liegen. Diese sind nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern zugleich auch von höchster kultureller und künstlerischer Bedeutung. Gerade der niederdeutsche Stamm, in dessen Bereich sich das Erntedankfest vollzog, hat unvergängliche Schönheitswerte in seinen Bauten, in feinen Einrichtungen, in seinem Gerät und seiner Kleidung geschaffen und steht ebenbürtig neben der heiteren Art des süddeutschen Bauerntums. In aller Volkskunst aber spielt die Frau von altersher eine Rolle, die sie sich in der sog. „hohen Kunst" erst langsam wiedererobern muß. Die Bäuerin ist, ohne daß sie sich dessen recht bewußt wird, eine Künstlerin in den mannigfachen Arbeiten ihrer fleißigen und geschickten Hände. Die uralten Fertigkeiten der Frau, Spinnen und We- ben, Nähen und Sticken, sind in der bäuerlichen Kultur künstlerisch reich ausgebildet worden, und so manches Handwerk, das bereits ausgestorben schien, wurde durch den Krieg wieder belebt, als der Rohstoffmangel zur Wiederaufnahme des Flachsanbaues in größerem Maßstabe und damit auch ßu einem Aufschwung der Handweberei führte.
Noch heute wird in vielen Dörfern aus dem selbstgewonnenen Flachs und Hanf ein vortrefflicher Stoff hergestellt, in dessen Färben und Aus- schmückeu sich der unbeirrbar feine Geschmack und die künstlerische Begabung der Landfrau offenbart. In Niedersachsen war besonders der Blaudruck sehr verbreitet, und die hierzu benutzten Formen zeigen die Anmut des bäuerlichen Ornamentes. Solche Betriebe haben sich noch in größerer Zahl erhalten. Die Handarbeiten der Bäuerin zeigen sich in unzähligen Einzelheiten der Einrichtung und der Tracht und bringen eine lebendige Gemütlichkeit in das Leben des Alltags. Da finden sich z. B. an den Gardinen feine Häkelspitzen ober an den Decken und Bezügen bunte Perlenstickereien. Die Eigenart und Vorzüglichkeit dieser Kunstfertigkeit läßt sich nur aus jahrhundertelanger Überlieferung erklären, die aus zahllosen Versuchen das Beste bewahrte. Dieser Schatz einer reichen Ornamentik ist niedergelegt in den Stickmuster-Tüchern, die sich von der Mutter auf die Tochter vererben und bei der Hebung im Sticken benutzt werden. Im Niederdeutschen nennt man sie „Namen-" oder auch „Letter-Tücher", weil die Muster meist in Buchstaben bestehen: daneben gibt es andere immer wiederkehrende Darstellungen, wie Christus am Kreuz, Adam und Eva, Vasen, Blumen, Vogel, Eichhörnchen, Schiffe usw. Solche gestickten Tücher werden wohl auch eingerahmt als Wandschmuck aufgehängt. In dieser Kunst spielt der Kreuzstich die Hauptrolle, und es sind prachtvolle Arbeiten, die man auch vielfach auf Schultertüchern und Schürzen findet. Die seidenen Schultertücher empfangen eine besonders reiche Verzierung durch die Applikationsarbeiten mit Tüll. Der Plattstich steigert sich von seiner Verwendung in der einfachen Weißstickerei über die farbigen Muster bis zu jener Hohe kostbarer Seidenstickerei, die an den Prunkhandtüchern und Kissenbezügen das Entzücken jedes Kenners erregt. Dabei findet sich bisweilen eine Farbenfreudigkeit, aus der gesunde Lebenslust und ein prächtiges Gefühl für Harmonie strahlen. Bei den weißen, blauen und lila Strümpfen wirb Kettenstich in bunten geometrischen Mustern benutzt. Sehr luftig wirken bie Stickereien aus Glasperlen, bis Halsschleifen unb Frauenmützen zieren, unb noch einbrucksvoller ist bie Verwenbung von treisrun- ben Füttern aus Metall, bie auf einem großen Schultertuch wie ein glänzenber Schuppenpanzer wirken So vereinen sich bie verschiebensten Tech- nifen unb Kunstfertigkeiten, um ben Reichtum und bie Schönheit ber Schöpfungen hervorzubringen, in denen sich die Bäuerin als echte Künstlerin zeigt.


