Ausgabe 
20.2.1933 Erstes Blatt
 
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23. Februar 1933 verboten, weil sie in einem Artikel über Die Eislebener Ereignisse die Staats- regierung und Polizei böswillig verächtlich ge­macht und ein Bild gebracht hat, durch das der Reichskanzler gleichfalls böswillig verächtlich ge­macht wurde.

Der Landeshauptmann der Rheinprovinz. Dr. H o r i o n. ist im Düsseldorfer Rlarienhospital an den Folgen einer toxischen Grippe im Alter von 57 Fahren gestorben. Dr. Horton stand seit 1922 an der Spitze der Selbstverwaltung der Rheinprovinz.

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Auf einem in Berlin stattfindenden Kongreß Das Freie Wort" verlas der ehemalige preu­ßische Kultusminister Grimme ein Manifest des zur Zeit in Paris weilenden Thomas Mann, in dem sich dieser zur sozialistischen Republik bekennt. Als dann der frühere preußische Minister Wolfgang Heine über das ThemaDie Freiheit der Kunst" sprach, wurde die Versammlung durch den dienst­habenden ^ximinatka'mmissar aufgelöst, weil in gewissen Ausdrücken des Vortragenden eine Verächt­lichmachung der Reichsregierung und religiöser Ein­richtungen zu sehen sei. Unter ungeheurem Tumult und Absingen der Internationale leerte sich der Saal. Oberpräsiden »Gronowski bleibt im Amt

Münster, 19. Febr. (TU.) Wie die Telegraphen- Union zuverlässig erfährt, ist das i m Z u s a m m e n hang mitdenZeitungsverboten in West­falen nachgesuchte Urlaubsgesuch des Ober- Präsidenten Gronowski durch die Zurück­nahme des Verbots durch die Regierung gegen­standslos geworden so daß der Oberpräsident weiter im Amte bleiben wird.

Kunst unv Wissenschaft.

Oer Komponist Professor Arnold Mendelssohn f. Sn Darmstadt ist der bekannte Komponist Pro­fessor Arnold Mendelssohn im 78. Lebens­jahr an einem Herzschlag gestorben. Arnold Ludwig Mendelssohn, der Sohn eines Vetters von Felix Mendelssohn-Bartholdy, wurde am 26. De­zember >355 zu Ratibor geboren. Rach dem Besuch des Gymnasiums entschloß er sich, Surist zu wer­den, studierte in Tübingen die Rechtswissenschaf­ten, entschied sich Dann aber für die Musik. Er genoß an der Berliner Hochschule für Musik den Än'erricht von Haupt (O.gel), Grell, Wilsing, Kiel und Taubert, hatte von 18801883 eine Organisten­stelle in Bonn inne, war nebenbei Aniversitäts- musiklehrer daselbst und kam Dann als Musik­direktor nach Bielefeld. Sm Fahre 1885 wurde er Lehrer am Konservatorium in Köln (Theorie und Orgel), heiratete 1886 eine Tochter des Bild­hauers C a u e r und lebt seit 1890 als Gymnasial- mufiklehrer und Kirchenmusikmeister in Darmstadt, wo er 1899 zum Grotzherzoglichen Professor er­nannt wurde. Ferner trat er 1912 dem Lehrkör­per des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt am Main bei.

Mendelssohn ist ein Äachromantiker von siche­rem Formgesühl. Sein Werk umfaßt außer zahl» reichen Chorkompositionen (Abendkantate" 1881, »Der Hagestolz" 1890, , Frühlingsfeier" 1891, «Paria" 1905,Pandora" 1908) auch mehrere Opern wieElfi, Die seltsame Magd" (Köln 1896), »Der Bärenhäuter" (Berlin 1900),Die Minne- bürg" (Mannheim 1909), ferner eine Reihe geist­licher Werke, so eine KantateAus tiefer Rot", «Psalm 137, Drei fünfstimmige Madrigale mit einem Text aus GoethesWerther", eine (Sin­fonie in Es-Sur, eine Klaviersonate, ein Streich­quartett, eine Cellosonate undModerne Suite" für Klavier. Zu erwähnen ist außerdem die Reubearbeitung Der Matthäuspassion, Johannes- Passion und Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz und eine von ihm herausgegebene Aus­wahl Monteverdischer Madrigale.

Fn Anbetracht seiner Derdienste um die Be­lebung und Reugestaltung Der protestantischen Kirchenmusik toutDe Mendelssohn 1917 von Der älniversität Heidelberg und gleichzeitig Der theo­logischen Fakultät Der ülntverfität Gießen zum EhrenDoktor ernannt. Der Evangelische Kirchengesangverein für Deutschland zählt ihn zu seinen Vorstandsmitgliedern. Mendelssohn wurde ferner mit Dem staatlichen Beethoven- Preis und mit dem Hessischen Staatspreis (Georg- Büchner-Preis) ausgerechnet; Darmstadt hat ihm das Chrenbürgerrecht verliehen. Mendels­sohns Beisetzung erfolgt am Dienstagnachmittag in Darmstadt.

Aus aller Welt.

Verhaftung eines Falschmünzers in Wien.

Der aus uvurttemoerg stammende 3ijährige Kaufmann Karl Ra geh Der wegen Verbrei­tung falscherfinnischerLausendmark- noten von Den Deutschen unD norwegischen Behörden steckbrieflich verfolgt wird, ist in Wien verhaftet worden.

16 voo-Tonnen-Dampfer auf Grund gelaufen.

Der 16 000 - TonnendampserMontrose", der mit 186 Fahrgästen von Kanada nach Liverpool reiste, lies bei Aslew Spit in der Mersey-Bucht a u f Grund. Glücklicherweise geriet das Schiss auf sandigen Meeresgrund, so daß es keine

schwereren Beschädigungen erlitt. Die Fahrgäste wurden mit Motorbooten nach Liverpool ge­bracht.

Lastauto vom V-Zug erfaßt. Zwei Schwerverletzte.

An einem Bahnübergang der Strecke Berlin- Breslau bei dem Dorfe Gramschütz (Schles.) er­eignete sich ein schweres Verkehrsunglück. Ein Lastkraftwagen, der eine Fußballmannschaft aus Brostau bei Glogau zu einem Fußballspiel nach Porschütz bringen wollte, durchbrachdie heruntergelassene Bahnschranke, als der l)°Zug Breslau-Berlin heranbrauste. Das Lastauto wurde beiseite geworfen und zum Teil zertrümmert. Zwei Fußballspieler, der Sohn des Sattlermeisters Dienert aus Drostau und Der 12jährige Schüler Strauh aus Glogau, wurden schwerverletzt. Wie durch ein Wunder blie- ben die übrigen 15 Insassen des Wagens unver­letzt. Die beiden Verunglückten wurden sofort in das Glogauer Krankenhaus gebracht, doch besteht kaum Aussicht, sie am Leben zu erhalten. Das Unglück soll dadurch verschuldet worden fein, daß Der Chauffeur,. von Der Sonne geblenDet Die Schranken nicht rechtzeitig gesehen hat.

Drei Hinrichtungen in Polen.

Sn Rowogrodek verurteilte Das Standgericht drei Personen wegen Raubmordes zum Tode durch den Strang. Da Der Staatspräsi­dent das Begnadigungsgesuch ablehnte, wurde das Urteil vollzogen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Fastenzeit.

2kur eine kurze Zeit trennt uns noch vom Ende des Karnevals, vom Beginn der Fastenzeit. Carne vale heißt Abschied nehmen vom Fleisch und stellt einen wesentlichen Teil der Fastengebote dar, die die katholische Kirche für Die Wochen vor Dem Osterfest vorschreibt. Was hier vom religiösen StanDpunkt aus zur Läuterung unD Reinigung der Seele gefordert wird, das entspricht Durch­aus Dem Wunsche des Arztes und Hygienikers für die, um diese Fahreszeit besonders wichtige Beseitigung der Schlackenstoffe Des Körpers. Zwingt uns doch während Der Wintermonate Der Mangel an frischem Obst und Gemüse mehr als erwünscht. Dir Fleischkost in Den Vordergrund Der Ernährung zu stellen und Damit Die Vorbedingun­gen für eine Ueberladung des Körpers mit aller­hand Stosfwechselschlacken zu schaffen. Allerdings ist es nicht nur die übermäßige Eiweihzufuhr allein, sondern auch der Mangel an Vitaminen, &ie häufig ungenügende Bewegung in frischer Luft, die im Winter träger werdende Verdauung und das Fehlen des belebenden Sonnenlichtes, die den Boden abgeben für körperliches Unbehagen und vermehrte Krankheitsbereitschaft.

Zur Behebung solcher körperlicher Schwierig­keiten billigt auch der Arzt die Vornahme der sogenanntenFrühjahrskuren", die der Volksme­dizin entsprungen sind und im ganzen nichts an­deres Darstellen, als eine nur in ihrer verschie­denartigen Gestalt wechselnde Methode körper­licher Reinigung. Die beste Art einer Frühjahrs­kur ist die Anpassung der Ernährung an die fort­schreitende Sahreszeit. Den verschiedenenDlut- reinigungsmitteln", undBlutreinigungstees" kommt dabei nur eine, wenn auch nicht uner­wünschte, abführende Wirkung zu.

Sn manchen Gegenden Deutschlands ist in der Fastenzeit der Fischgenuß erlaubt. Auch hier be­gegnen sich Religion und Medizin in ihren An­schauungen, denn der Fisch, vor allem Der für Die breiten Massen der Bevölkerung hauptsächlich in Betracht kommende Seelisch, stellt im Vorfrüh­ling eine wertvolle Vitamin-Quelle von stets gleichbleibendem Gehalt Dar und enthält neben

vollwertigem Eiweiß noch eine Reihe lebenswich­tiger Salze.

Von Fastenkuren macht Die medizinische Wis­senschaft übrigens überhaupt bei bestimmten Krankheiten in gewissem Umfange schon längst Gebrauch, nur handelt es sich hier meist nicht um völlige Rahrungsenthaltung, sondern um eine Einschränkung oder das Verbot gewisser Rah- rungsmittel, also um die Snnehaltung einer be­stimmten Diät. Allgemein bekannt ist die Diät des Zuckerkranken, dessen Nahrung die Mehl- und Zuckerstoffe ferngehalten werden müssen. Die Diät leistet z. B. auch beim Fieberkranken, bei Typhus, beim Magengeschwür, bei Nieren-, Herz- und Gal­lenleiden oft unschätzbare Dienste, und es ist noch nicht lange her, daß die Diät-Behandlung nach Gerson-Sauerbruch für eine bestimmte Gruppe tuberkulöser Erkrankungen sich als ganz besonders geeignet erwiesen hat.

Und wenn auch in heutiger Zeit kaum mehr vor einem übermäßigen Fleischgenuß gewarnt zu wer- den braucht, so kommt der Arzt doch nicht selten in die Lage, Gesunden wie Kranken die Einschal­tung fleischloser oder mindestens fleischarmer Tage in den Ernährungsplan der Woche zu empfehlen, also gewisse Fastenperioden anzuraten, nicht nur Sur Fastenzeit, sondern zu allen Zei'en des Iahres.

D. K. G. S.

Wohttäiigkeiiskonzert für die Wmiernothilfe.

3m heutigen Anzeigenteil wird zu einem Wohl­tätigkeitskonzert eingeladen das übermorgen (Mitt­woch) abend in der Neuen Aula der Universität zum Besten der Gießener Winternothilfe stattfinden wird. Das Musikkorps unseres Bataillons wird unter Lei- tung von Obermusikmeister Krauße Mozarts Zauberflöte" zu Gehör bringen. Dabei werden als Sängerinnen und Sänger bestens bekannte Damen und Herren unserer Stadt Mitwirken. Den erläutern­den Text zu den instrumentalen und gesanglichen Darbietungen wird Studienrat Prof. Dr. Emmel sprechen. Der Konzertabend wird den Besuchern einen hohen künstlerischen Genuß bieten, Der um so höher zu veranschlagen ist, als Opern in unserer Stadt ja nicht allzu oft zur Aufführung kommen.

Der Besuch des Konzerts fei daher allen Freunden guter Musik dringend empfohlen. Um allen Mitbür- gern ohne große Opfer die Veranstaltung zugänglich zu machen, sind Die Eintrittspreise außerorDentlich nieDrig gesetzt roorDen; auch dieser Umstand sollte zum Besuche des Konzerts besonders anregen. Wer auf diesem Wege sich selbst einen Abend schmsten ^n^fri^en Genusses verschaffen und zugleich für die Winternothilfe fein Scherflein beitragen will das Musikkorps und alle Mitwirkenden stellen sich völlig uneigennützig in Den Dienst Der guten Sach«, Der versäume nicht Den Besuch dieser 23er» anstaltung.

Daten für Montag. 21). Februar.

1810: Der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer erschossen; - 1920: Der Polarforscher Rob. Peary m Washington gestorben.

Vornotizen.

Tageskalender fürMontag. Rcstau» rant Hindenburg: 20 Uhr, Vortrag über Ostpreußen mit Lichtbildern. Oberheisische Gesellschaft für Ra- tur= und Heilkunde: 20.15 ijhr, Zoologisches Institut, Bahnhofstraße 34 Sitzung. Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Kampf" undDer Hochtourist".

Der Hausbesiherverein Gießen veranstaltet am Donnerstag, 23. Februar, im Ho­tel Hindenburg seine 26. Hauptversammlung. Re­ben Der Erstattung des Jahresberichtes, Der Rech­nungsablage unD Der Ersatzwahl für ausscheiDende Vorstandsmitglieder wird man sich mit der Rot des Alt- und Reuhausbcsitzes, sowie mit verschie­denen anderen aktuellen Fragen beschäftigen. Aus die heutige Anzeige sei besonders hingewiesen.

Von Der Landesuniversität. Der ordentliche Professor an Der Landesuniversität Dr. Hi t wurde mit Wirkung vom 1. April ab in De.i Ru'-estand versetzt.

Ecne öffentliche Sitzung deS S t a d t r a t e s findet am kommenden Donners­tag, 17 älhr beginnend, im Sitzungssaale des Stadthauses Bergstraße statt. Auf der Tages­ordnung stehen u. a. Vorlagen über die Ge­bühren für die Strahenreinigung und für die Benutzung der städtischen Kanäle, die Bewilli­gung eines Rachtragskredits von 150 000 Mk. für das Wohlfahrtsamt, eine Anzahl Dau- gefuche und Schankkonzessionsgesuche.

** -Unfall beim Rodeln. Der 13jährige Adolf Thomas, wohnhaft Schisfenberger Weg 36, stürzte gestern nachmittag beim Rodeln fo unglücklich, daß er den linken Unterschenkel brach. Der bedauernswerte Iunge wurde durch hiesige Arbeitersamariter in die Chirurgische Klinik gebracht.

* Die Altersvereinigung 18 8 3 19 33 veranstaltete am Samstag im Saale deS Aquarium" ihre Februar-Monatsversammlung. Rach einer Begrüßungsansprache des 2. Vor­sitzenden, Friseurobermeister Götz, und nach Er­ledigung des geschäftlichen Teiles wurden Die zahlreich erschienenen Mitglieder durch beson­dere Darbietungen gut unterhalten. Flotte Musik der Kapelle E i n b r o d t, sehr gut zu Gehör ge­brachte Gesangsvorträge des Herrn Lust worunter sich auch einige von dem hiesigen Lokald.chter Frech gedichtete befanden und gemeinschaftlicher Gesang ließen die Stunden des Abends allzu schnell vergehen. Die Hebern ab me der Fünfziger-Fahne soll am 11. März im Cafe Leib stattfinden.

** Ländischer Abend der christlichen Pfadfinder schäft. Der StammUlrich von Hutten"°Gießen der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands vereinigte viele Freunde der Bewe- gung am Samstag zu einem Bündischen Abend im Saale des Studentenhauses am Leihgesterner Weg. Der Einmarsch der Jungenschaft des ©tarn- mesGießen und derJungenschaft aus Bad-Nauheim, sowie Schargesang der Jugendlichen, frisch oorge- tragen, leiteten den Abend ein. Dann sprach der Führer Der ßanDesmarf, Pfarrer Schäfer von Bad-Nauheim, über das sechsjährige Bestehen der

Wie sie ihn bezwang

Originalroman von Z. Schneiver-Koerstl.

Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. S.

3. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Maria Brentano bog sich trotz des Regenschauers aus Dem Fenster, von wo aus man Die Auffahrt und einen Teil der Allee überblicken konnte. Mo- torengeräusch durchbrach das Surren des Windes. Ein Aufatmen hob das Gesicht der schönen Frau, die sich wieder dem Bruder zuwandte.Sie ist Da, Rochus. Bitte, sprich nichts von Dem zu ihr, was du mir eben gesagt hast. Das KinD ist so rasch ver­schüchtert."

Harrach legte beide Hände auf Die Achseln Der Schwester und umfing ihre königliche Gestalt.Ich hatte nie gedacht, daß Du eine so mustergültige Frau unD eine so zärtliche Mutter fein könntest. Deine erste Ehe"

»War Der größte Irrtum meines Lebens, ja!"

Er ist tot, Maria."

Sie nickte unter einem Erschauern.Und als ich Dann Brentano heiratete, war.mir, als hätte man mir Ketten abgenommen. KinD!" Ihre Hände streckten sich Stephanie entgegen, die, ohne geklopft zu haben, auf sie zugelaufen kam.

Bin ich nicht prompt zurück, Mama?" Die Mäd- chenaugen strahlten. Es stand etwas in ihnen, das grau Maria nicht zu enträtseln wußte. Aber man Durfte um keinen Preis Der Well jetzt mit einer Frage kommen unD mußte Dem Kinde Zeit lassen. Es würde von selber sprechen, wenn es mit sich im reinen war.

Während draußen Blitz und Danner über den Park hinfuhren, flammten in dem großen Speise­zimmer zu Jettenbach Die Lichter auf. Zuweilen streifte Frau Maria Das Gesicht der Tochter und wurde von einer geheimen Angst erfüllt. War es möglich, daß sich Stephanies Herz für Sixtus Merlin aufgetan hatte? Sie erzitterte bei dem Gedanken und vergegenwärtigte sich den Leidensweg ihrer ersten Ehe.

Aber sie war ja da! Und sie würde über das Kind wachen, daß es nicht auch dem gleichen Irrtum zum Opfer fiel, der einstmals ihr selbst zum Verhängnis geworden war.

Man ging spät zu Bett. Stephanies Schlafzimmer, toi ches an die Räume Der Mutter grenzte, blieb immer für Diese offen. Frau Maria sah Licht' Durch Die Seide der Portieren schimmern und horchte oer» halten auf. Sonst war die Tochter immer die erste, welche im Schlummer lag. Heute leuchtete die blaue Ampel wie ein waches Auge in Das Dunkel des Parkes, und schien nicht verlöschen zu wollen.

Auf leisen Füßen, immer den Teppich als Weg benützend, schlich sich Frau Maria nach Den Por­

tieren. Stephanie saß im Nachtkleid auf Dem RanD Des Bettes und hielt etwas zwischen Den Fingern, das sie eingehend betrachtete. Dann neigte sich das Blondhaupt. Die Lippen drückten sich lange Darauf.

In Frau Marias Körper erschlaffte jeder Muskel. So weit war das also schon gediehen! So weit! Und sie war dabei gestanden und hatte nichts dagegen getan. Gar nichts! Zorn und Verachtung über Mer- lin, der das junge Wesen so zu beeinflussen ver­standen hatte, erfüllte sie.

Aber noch war es nicht zu spät. Sie würde morgen hinüberfahren und mit ihm sprechen. Das Kind brauchte gar nichts davon zu wissen. Er mußte doch einsehen, daß es ein Unding war, die Jugend ihrer neunzehn Jahre an seine Sechzig zu fesseln.

Als gegen zwei Uhr das blaue Licht noch immer aus Stephanies Zimmer floß, ging sie auf nackten Fußen hinüber, es zu löschen. Der schlanke Körper prägte sich unter der Seidendecke ab, das schmale Ge­sicht lag tief in die Kissen gedrückt. Die Hände aber umspannten ein Bild, das Frau Maria traute ihren Augen kaum, zwar einen Mann darstellte, aber einen ganz, ganz anderen als sie erwartet hatte.

Sie suchte, wo sie dieses schmale, ernste Glicht schon gesehen hatte, diese Augen, die über alle Wirk- lichkeit hinweg in Die Träume Des eigenen Innern sahen.

Und Dann kam jäh Das Erinnern. Das war Merlins Sohn! Ein Schrecken ohnegleichen ergriff sie. Sie wollte nicht Stephanie, die Reine, Unerfahrene an diesen Menschen gefettet wissen, von Dem man faate, er habe kein Herz im Leibe. Wenigstens keines für eine Frau. Dieser Mann, Der nichts als seine Ma­schinen kannte und nach nichts anderem als nach Erfolg und Ruhm jagte. Dem feine Erfindungen alles und ein Weib nichts war.

Schauermären erzählte man sich von ihm. Seit drei Jahren hatte er keinen Schritt mehr auf Ichenhausen gesetzt. Und bas war doch seine Heimat. Er zog die Frauen an, wie das Licht die Falter der Nacht. Sie verbrannten sich daran, und wenn sie Dann zu Boden taumelten, strahlte er unbeirrt weiter. Sein Herz zuckte nicht einmal, wenn ein anderes seinetwegen zerbrach.

Frau Marias Gesicht bekam einen harten, energi« scheu Ausdruck. Dann lieber noch den Alten. Er würde ihr Kind auf den Händen tragen und ihm eine Liebe schenken, wie sie kein anderer zu schenken oermoch'e.

Sie ging nach dem Tisch, auf welchem eine Zeit- schnst aufgeschlagen lag. Ein förmlicher Taumel er- frist sie.Hans Jörg Merlin, der Erfinder des Flug- Unterseebootes".

Und wieder dieses schmale, stolze Gesicht. Es^ochte em Bild aus den allerletzten Tagen fein. Die Schul­ern zurückgedrückt, die Hände in den Taschen des Rockes vergraben, lehnte er gegen die Reeling eines Schiffes. Sein Blick war nicht mehr verträumt wie auf dem Photo, das Stephanie in den Händen hielt. Strena und von bezwingendem Willen erfüllt, sah es Dem Beschauer entgegen.

Maria Brentano fror.

UnD Diesem Menschen sollte sie ihr Kind aus- liefern? Nie! Sie hatte Stephanie nicht geboren. Aber ihr ganzes Herz war von Liebe für Dieses un- schulDige Geschöpf erfüllt. Niemals, auch nicht für Den Zeitraum einer StunDe, war ein Mißton in ihrem beiderseitigen Verkehr gewesen. Das Mädchen hatte mit vollen Händen gegeben und sie. Die Mutter, hatte roieDerum mit vollem Herzen geschenkt.

Sie lag Den Rest Der Nacht schlaflos. Immer wieder grübelte sie, ob wirklich etwas zu fürchten war, oder ob der junge Merlin für Steffie nur eilten vorübergehenden Schwarm bedeutete.

Als sich das Morgenrot in satten Tönen über Schloß Jettenbach ergoß, verfiel sie in einen unruhi- gen, von wirren Träumen gequälten Schlummer, aus welchem sie gegen neun Uhr Der Kuß Der Tochter weckte.

Der SoDertfee lag in amethiftfarbenem Blau, Das gegen Die Ränder hin in weißlich graue Tönung überging. Sonntagsglocken riefen von den Ufern her. Der Säntis glitzerte mit schneebedecktem Haupt in Den Vergißmeinnichtton des Himmels, während Die Rauchfahnen Der Dampfer langgestreckte Nebelfahnen über das Spiel Der Wellen hinzogen.

»Ist die Welt nicht aller Schönheit voll Merlin?" Doktor Oehme ließ Den Kahn in das schilfbewachsene Ufer gleiten und wartete, bis der schmale Landungs- sieg in Sicht kam.Wollen wir Rast machen? Ja? Ich habe Hunaer nach Kaffee und braungebatfe- nem Kuchen und Appetit auf ein Glas Wein und eine Platte Seeforellen. Du nicht?"

Nein!" Merlin faß» zurückgelehnt und sah mit halbgeschlossenen Augen in den Sonntagsfrieden, der über Den Wassern lag.Ich bin mir immer noch nicht im klaren, irgend etwas an der Propellerord­nung stimmt nicht recht. Es stört nicht und stört mich doch!"

Heiliger Gott! Heute am Sonntag!"

Macht der Sonntag etwas aus? Du hast Die ganze Nacht geschlafen, und ich habe gegrübelt, ob es an den Schrauben liegt ober an was sonst. Nie- manb hat bemerkt, baß bas Motorengeräusch anbers klang, als ich es im Ohre hatte."

»Es hat boch alles tabellos geklappt", seufzte Oehme.

Es hat geklappt, ja! Zu toll! Immer behellige ich bich wieber mit meinen Angelegenheiten. Geh' Kaffee trinken unb Seeforellen essen. Vielleicht klügle ich's inzwischen heraus."

Du kommst mit!" Unsanft stieß ber Kahn gegen ben schwankenben Steg.Glaubst du, ich habe dich umsonst über ben See gefahren? Unb ich bente auch, ich hätte mirs oerbient, baß bu einmal, nur biefes Mal beinen Willen bem meinen unterorbneft. Fünf ^ahre lang bin ich btr untertan gewesen unb habe immer nur auf bas gehört, was bu gesagt, unb bas

getan, was bu wolltest. Nun fei bies eine Mal ein bißchen nett zu mir."

Merlins Augen erwachten. Ein tiefes Rot ließ fein Gesicht erglühen.Ich weiß, wie unleiblich ich zu­weilen bin!"

Zuweilen, ja!" Oehme sprang, als Erster auf ben Steg, hielt Das Fahrzeug an ber Kette fest und wartete, bis Merlin ausgestiegen war. Sorglich be­festigte er ben Kahn an bem Pfahl, ber weit aus Dem Wasser ragte.Kaffee ober Wein?" frug er, als sie aufwärts fteigenb einer rebenumsponnenen Laube zusirebten.

Wein! Ich trage eine solche Unruhe im Blut. Vielleicht verliert sie sich bann. Sechs Monate habe ich nichts mehr von meinem Vater gehört."

Unb wie lange bist bu nicht zu Hause gewesen?" Drei Jahre!"

Merlin las den Vorwurf in ben Augen bes Freun­des und senkte ben Blick:Ich habe keine Zeit ge°

Für Deinen Vater?"

»Ich bitte bich", fuhr Merlin auf, fühlte, baß er im Unrecht war und sprach gemäßigt weiter:Ich habe ihn mehr als ein Dutzendmal gebeten, zu mir zu kommen!"

Er zu Dir!"

«Soll ich über einen ber Felsen springen Dann kannst bu mich suchen, ba unten."

Alter!" Oehmes Arm streckte sich unter ben Ber­lins.Man muß auch einmal bas eigene Ich beiseite setzen unb an Die benfen, Die uns lieben!"

Wer liebt mich benn?" tarn es resigniert zurück.

Dein Vater!"

Der ja!"

Unb ich!"

Du auch, jawohl! Dann ist aber auch schon Schluß."

Oehme wollte etwas erroibern unb schluckte bas Wort hinab. Merlin war im Augenblick in einer ge­fährlichen Stimmung. Vielleicht machte es bie Sonn­tagsruhe ringsum, ober bas enbliche Ausruhen nach ben Jahren angestrengtester Geistestätigkeit. Nun lag bas Flugunterseeboot als fertiges Resultat unten im Hasen unb oerfünbete ben Ruhm seines Erfinbers. Man mußte Merlin Zeit lasten, sich wieber im Alltag zurchtzufinben, unb auch wieber an anberem Inter- effe zu nehmen, als nur am eigenen Schaffen.

Die kleinen Tische bes im Grün versteckten Eafös waren weiß gedeckt. Ginster, mit bunfelblutenbem Mohn vermischt, brannte in Den geschliffenen Vasen, welche Die Mitte einnahmen.

Kommst bu mit?" frug Merlin, zog Die Hand zurück unD überließ es bem Freunbe, bie Taste voll- zuschenken. Er hatte sich an bem Nickelhebel Die Finger verbrannt.

Wohin sott ich mitfommen?"

Heim, nach Ichenhausen!"

(Fortsetzung folgt.)