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19.12.1933 Zweites Blatt
 
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Nr. 297 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag. l9. Dezember 1933 ...

SJiXfpOTt

Gpielvereimgung 1900 Gießen.

1900 I Buhbach I 3:2 (1:1).

Bei strengem Frost und vor nur wenigen Zu­schauern erledigte die Spielvereinigung 1900 ihr letztes Meisterschaftsspiel in der Vorrunde. Gegner war der BfR. Butzbach. Die Gießener Els (mit vier Spielern aus der zweiten Mannschaft) war mit großem Eifer bei der Sache. Der nur knappe Sieg der Hiesigen läßt auf ausgeglichenes Können schließen. Dem war aber nicht so,. Butzbach hat das schmeichelhafte Resultat lediglich seiner körperlich stärkeren Verfassung zu verdanken. 1900 war in der ersten Halbzeit drückend überlegen. Butzbach verteidigte mit allen Mannen und ließ die Gieße­ner Stürmer nicht richtig zum Zuge kommen. Drei­mal wehrten Butzbachs Verteidiger im Torraum in bedrängter Lage mit der Hand ab, ohne daß der Schiedsrichter einschritt. Außer dem Führungs­treffer auf Flanke von Roth lenkte Günther durch Kopfball ein kam 1900 zu ungezählten Eckbällen. Die fortgesetzt heiklen Situationen im Butzbacher Strafraum führten aber zu nichts Einer der wenigen Butzbacher Durchbrüche führte zum Ausgleich. Balser war bis dahin fast unbeschäftigt. Der Platzverein drängte auch weiterhin. Das Mittel­feld beherrschte 1900s Verteidigung, es blieb aber beim 1:1

Rach dem Seitenwechsel hatte es 1900 merklich schwerer, da die Gäste jeftt den heftigen Wind zum Bundesgenossen hatten. Trotzdem war das Treffen nunmehr verteilt Die Einheimischen kamen immer sofort in Vorteil, wenn sie den Ball flach hielten und schnell abspielten. Rach einem abgewehrten Eckball ging Lipperts famoser Kopfball fast ins Tor. Ein Verteidiger rettete im letzten Moment mit der Hand. Den Elfmeter schoß Roth, wenig gut plaziert, erst im Nachschuß ein. 1900 kämpfte jetzt energisch um den Sieg, bzw. um die Ver- besserung des Resultats. Ein Durchspiel des rechten Flügels schloß der Linksaußen Jäger mit einem Treffer ab. Das Spiel stand somit 3:1 für Gießen. Es dachte wohl niemand mehr an eine Aenderung des Ergebnisses, als ein verschuldeter Eckball von Butzbach durch Kopfstoß zum 3:2 verwandelt wurde. Der Endkampf war recht aufregend. Bußbach war in der Folge recht offensiv, aber auch 1900 vergab zwei bis drei sichere Chancen.

VfB. Krofdorf-Gleiberg 1900 Gießen III 5:0 (1:0). Am Sonntag weilte die dritte Mannschaft der Spiel­vereinigung 1900 zum fälligen Verbandsspiel in Krofdorf Gleich nach Anstoß entwickelt sich ein svan- nendes Treffen, dessen Verlauf aber von Krofdorf bestimmt wurde Da Krofdorf zuerst gegen den Wind spielte, dauerte es 40 Minuten, bis das erste Tor durch den Halblinken auf eine Vorlage vom Mittel­stürmer hin errett mürbe. Nach Wiederanstoß hatte Krofdorf den Wind im Rücken, und wurde mehr und mehr überlegen. In der 7. Minute konnte Valentin auf 2:0 erhöhen Bald darauf stellte der Halbrechte durch schönen Flachschuß das Resultat auf 3:0 Krof­dorf wurde nun drückend überlegen und die Gieße­ner mußten manchmal alle Mann in die Verteidi­gung zurückziehen Trotzdem gelang es durch den Halblinken und den Mittelläufer das Resultat auf 5:0 zu stellen Daß die Niederlage nicht höher aus­fiel, war in erster Linie dem Torwart der Gäste zu verdanken

Handball ö»r Soldaten.

Führungstreffer endete. Bereits in der nächsten Minute konnte Krüger aus 20 Meter Entfernung den Ausgleich erzielen Bis zur Halbzeit mußte der sehr gute Frankfurter Tormann noch zwei weitere Bälle passieren lassen. Nach der Halbzeit drängte der FSV. nach dem Ausgleich, der jedoch von der Gieße­ner Hintermannschaft vereitelt wurde. Im weiteren Verlauf des Spieles konnten noch auf jeder Seite zwei Tore erzielt werden, so daß das Ergebnis 5:3 für die Soldaten lautete. Auch in bezug auf die Spieldisziplin konnten die Soldaten den Frankfur­tern nur ein Vorbild fein. Das Rückspiel wird vor­aussichtlich im nächsten Frühjahr in Gießen statt­finden.

OT -Handball *ür die Winterhilfe.

Garbenleich hausen komb. Gießener Turner- schafk komb. 8:7 (3:4).

In Garbenteich standen sich die beiden genannten Mannschaften gegenüber. Das Spiel begann mit forschen Angriff der Gäste, doch konnte die Hinter­mannschaft des Platzvereins immer wieder ab­wehren. Allmählich fand sich der Gastgeber und bela­gerte das Gießener Tor. Trotzdem gelang es den Gästen kurz hintereinander zwei Tore zu erzielen. Dann nahm es der Platzbesitzer ernster und konnte den Ausgleich erzielen Bis zum Pausenwechsel konnten sich die Gäste ein Tor (4:3) Vorsprung sichern.

Nach dem Wechsel ging sofort der Gastgeber mäch­tig heraus und konnte das Ausgleichstor schießen. Das Spiel wurde sehr spannend, Senn auf Führung kam jeweils prompt der Ausgleich und umgedreht. Schließlich konnte der Gastgeber am Schluß einen sicheren, wenn auch recht knappen Sieg erringen. Das Spiel wurde fair ausgetragen.

12698 Handba'lmannfchasten tp'elen . . .

Die letzten Erhebungen des Deutschen Leichtathle­tik-Verbandes (DSB.) über die an Sen gemeinsamen Spielreihen beteiligten Mannschaften ergaben 7247 Mannschaften der DT und 5451 Mannschaften der DSB Bei der Zahlenangabe der DSB. ist zu berück- sichtigen, daß die sämtlichen Mannschaften der der DIK. u. a. durch die nunmehrige Zugehörigkeit die­ser Vereine zur DSB als DSB.-Mannschaften gelten.

Jahreshauptversammlung der Sckmhengesellschaft 1926 Gießen.

Die Schützengesellschaft 1926 Gießen e. V. hielt dieser Tage bn Schühenbruder August Gisse! (Zur Stadt Lich") zum Zweck der Ein­führung Ses Führerprinzips und Aenderung der Vereins-Satzungen eine außerordentliche Iahres- hauptnerfammluna ab Nach Beorüßungsworten des seitherigen ersten Vorsitzenden Ed. G o n d n e r gedachte dieser zunächst mit ehrenden Worten des am 12. Juli in Mainz verstorbenen früheren zwei­ten Vorsitzenden und Ehrenmitglieds Reinhard Barthelmes, der einen wesentlichen Anteil an b"m Aushau der Schützengesellschaft gehabt hat. Die anwesenden Schützen ehrten den Toten durch Erbeben von den Sitzen.

Sodann wurden die vom Deutschen Schützenbund herausgegebenen Normalsatzungen verlesen, erläu­tert und einstimmig angenommen. Nachdem der seitherige Vorstand seine Aemter niedergelegt hatte, dankte der seitherige erste Vorsitzende den früheren Vorstandsmitgliedern für ihre treue Mitarbeit und übertrug den Vorsitz dem ältesten anwesenden Schützenbruder Schmidt zur Durchführung der Führerwabl. Bei dieser wurde einstimmig der bewährte seitherige erste Varstkende und Grün- h"r der SchüßengesellschaO 1926 Gießen Kaufmann Eduard Gondner als Führer auf drei Jahre ge­

1. Kompanie frblägt FSv. Frankfurt 5:3 (3:1).

Das in Frankfurt ausgetragene Spiel wurde für den Geaner und für die Svortvereinsanhänger zu einer Sensation An einen Sieg der Gießener Sol­daten hafte bei weitem niemand gedacht, ailt doch der Fußhallsportverein als eine der spielstärksten Mannschaften Frankfurts.

Schon in der dritten Minute gelang dem sehr flinken Sturm des FSV. ein Angriff, der mit dem

wählt. Als stellvertretender Führer wurde sodann Juwelier Erich B e n e r ebenfalls auf drei Jahre

und als Haffenprüfer die Herren Karl Kraft und Louis S ch m i S t auf ein Jahr gewählt.

Der neugewählte Führer Ed. G o n d n e r be­stimmte sodann seine Beiräte und zwar: Karl Schneide r, Kassierer; Konr. Becker, stellv. Kassierer; Ldg. W e h r u m, Schriftführer, Robert Gärtner jr., stellv. Schriftführer; Hans Götz, Schützenmeister; Fritz D e w a l d , Platzmeister; Willy Streifs, stellv. Platzmeister; Heinr. Ruhl, Beirat; Fritz Burk, Beirat. Als Werbewart wurde Karl Schneider und als stellvertretender Werbewart Konrad Becker bestimmt.

Zum Schluffe erinnerte der Führer an das Treue- gelöbnis, Sas der Fahne geschworen wurde, auf der geschrieben steht:Klar das Auge, ruhig die Hand und das Herz Sem Vaterland". Mit einem Treuegelöbnis zum Vaterland und zu den Führern des Reiches sowie mit dem Gesang des ersten Verses des Horst-Wesfel-Liedes wurde die Ver­sammlung geschlossen

Adolf Wogner-Abfahrtslauf im Oberammergau

Der vom Wintersportverein Oberammergau durch­geführte Adolf-Wagner-Abfahrtslauf war die einzige Veranstaltung dieser Art am Silbernen Sonntag in Bayern. Daher war fast die ganze Elite Bayerns am Start. Von 210 Gemeldeten stellten sich ins- gesamt 200 dem Starter. Die Teilnehmer fanden bei herrlichstem Winterwetter ausgezeichnete Schneever­hältnisse vor Die ursprünglich vorgesehene Strecke von 3,5 km wurde um 1 km verlängert und führte somit von der Aufackerspitze bis zum Haus des Staatsministers Wagner in Unterammergau. Die starke Beschickung und insbesondere die Anwesenheit des Protektors gaben der Veranstaltung ein beson­deres Gepräge. Ueberraschend war das Ergebnis. Der Iungmann Roman W ö r n d l e (Partenkirchen) war in 8:05,4 Schnellster des Tages und erhielt so­mit die von Minister Wagner gestiftete wertvolle Trophäe. In der allgemeinen Klasse siegte Toni Bader (Partenkirchen) in 8:08,2.

Ein O ymviakurs für Marathonläufer.

Im Programm der Olympischen Spiele ist ohne Zweifel der eindrucksvollste aller Wettbewerbe der

über 42 Kilometer führende Marathonlauf. Er wird ausgetragen am letzten Tage der Spiele und bringt den Höhepunkt der Spannung, wenn der erste ein­treffende Läufer wieder das Stadion betritt. Jedes Land hofft seinen Vertreter an der Spitze dieser fast übermenschlichen Kraft- und Willensprüfung zu sehen. Deutschlands Marathonläufer werden sich mit einer aufs Beste vorbereiteten Weltkonkurrenz aus- einanderfetzen müßen.

In dieser Erkenntnis führt der Deutsche Leicht­athletik-Verband in der Zeit vom 8. bis 13. Januar in feiner Führerschule Ettlingen bei Karlsruhe einen Fordildungskursus für Langstreckenläufer durch Zu- gelassen sind Läufer, deren Leistungsfähigkeit sich im Rahmen der30 Bestenliste" hält. Ditz Kursleitung hat Reichssportlehrer W a i tz e r, als Lehrer stehen ihm Brechenmacher und von der Platz (Potsdam) zur Seite.

Kurze Sportnotizen.

Mit 270 Siegesritten hat der amerika­nische, erst 17jährige Jockey Jackie Westrope die Re­kordserie von Gordon Richards, England, (259) be­reits übertroffen, obwohl die Saison noch nicht ganz zu Ende ist.

Die kanadische Eishockeymannschaft Ottawas Shamrocks" konnte in Paris die franzö­sische Auswahlmannschaft mit 5:1 schlagen.

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Nichtwenigerals50Aeroklubs gibt es zur Zeit in England. Von diesen Verbänden ge­nießen 18 irgendwelche Unterstützungen durch die Regierung, während sich 33 aus eigenen Mitteln er­halten. Die Zahl der Klubs spricht jedenfalls eine deutliche Sprache für den Umfang der englischen Sportfliegerei.

Eine neuesporflicheVerbinbung mit Polen dürften Verhandlungen zwischen dem Gau Schlesien des Deutschen Kanu-Verbandes und dem polnischen Kanu-Verband Herstellen. Es handelt sich um das Zustandekommen einer deutscherseits ge­planten Wanderfahrt auf dem Dunajec, einem der romantischsten Wildflüsse Europas, und auf der Weichsel, die sich bis nach Warschau erstrecken soll.

Sucher unter dem Weihnachtsbaum.

Reifen und Abenteuer.

Frhr. von Koenig-Warthausen: Weiter mit 20 P S ! Neue Abenteuer des Hin- denburgfliegers. Mit 54 selbstgemachten Photos des Fliegers und Streckenkarte. In Seinen 4,80 Mark. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin. (525) In der englisch-indischen Grenzstadt Ka­rachi hatte Freiherr von Koenig-Warthausen den ersten großen Flug mit seinem kleinen Klemmslug- zeugKamerad" mit nur 20 PS glücklich beendigt. Dort erreichte ihn die Nachricht von der Zuteilung des ersten Hindenburgpreises. Nun setzt er seinen Flug um den zweiten Hindenburgpokal fort, und er verläuft noch abenteuerlicher als der erste. Eine weite Welt steht ihm offen; das farbige Indien, Gebirg und Dschungel, Urwald und Meer, Gefah­ren und immer wieder Freunde in der Not überall; dann China und Japan. Die Ueberfahrt nach Ame­rika schließt sich an und ein ereignisreicher Flug quer durch die Staaten. Schließlich ist aber der Kamerad" am Ende seiner Kraft. Dem Flieger selbst stößt in El Paso jener Unfall zu, der welt­bekannt wurde und im Verein mit widrigem Wet­ter und anderem Pech ihm einen schweren Kamps um den zweiten Hindenburgpokal aufzwingt. Wird es am Ende doch noch reichen? ist bis zuletzt die Frage. Die Spannung läßt nicht nach. Neben die großen Anstrengungen des Fliegers und seines kleinen Vogels tritt ein noch größeres Mitgefühl des Lesers. Und es gilt wahrhaftig, was der ^,Klub der ruhigen Dogelleute", der die berühmtesten Flie­ger aller Welt vereinigt, dem deutschen Kameraden

auf die goldene Denkmünze schreibt:Er ist ein good fellow, ein rechter Kerl, dem man Freund­schaft halten muß."

Alarm! Tauchen!! U-Boot in Kampf und Sturm. Von Kapitänleutnant a. D. Werner Für» b r i n g e r. Mit 20 Aufnahmen. Im Verlag Ullstein, Berlin. (623). Ein Wirklichkeitsbericht aus dem Weltkrieg! Fürbringer gehörte zur Garde junger U-Boots-Kommandanten, die durch ihre ver­wegene Arbeit im Kanal dem Gegner schwere Schädigungen zufügten, selbst ständig bedroht durch Minen, Wasserbomben, U-Boots-Fallen, Flugzeuge und schwerarmierte feindliche Schiffe, die als harm­lose Schifferfahrzeuge getarnt waren. Die ereignis­reichsten seiner vielen Unternehmungen schildert Fürbringer in diesem Buch. Das Vorwort stammt von Korvetten-Kapitän Bartenbach, Führer der U-Flottille Flandern. Preis: reich beschildert in Ganzleinen 2,85 Mark, kartoniert 2 Mark.

Herbert Rittlinger:. Faltboot stößt vor! Vom Karpathenurwald ins wilde Kurdistan. Mit 34 Abbildunaen und 2 Karten. Halb­leinen 2,52, Ganzleinen 3,15 Mark. F. A. Brockhaus, Leipzig 1934. (616) Im Faltbooteiner -st der Journalist Herbert Rittlinger auf der Goldenen Bistritz durch die Karpathen gefahren, auf dem oberen Euphrat durchs wilde Kurdistan. Er war der erste, der dieses Wagnis unternahm und es glücklich zu Ende führte. Obwohl auf vielen Wilb- roäffern in der hohen Kunst des Faltbootfports ge­schult, sieht er sich auf diesen Flüssen oft Lagen gegenüber, die unüberwindlich scheinen. Sein hu­morvolles Buch wird jung und alt fesseln, zumal

Vom englischen Weihnochtssest

Von Di. 3 Horn, Gießen

Für den gemütstiefen Deutschen sind die Christtage Tage innerer Sammlung und beschau­licher Betrachtung. Dem Engländer sind sie mehr eine Zeit familiärer Freude und der Lustbarkeit im engeren Kreise. Die Weihnachtstage sind für Eng­land das was der Karneval für die katholischen Länder des europäischen Kontinents bedeutet Die Festfreude dauert bis Twelfth Night (6 Januar).

Zwar sind viele Sitten und Spiele der guten alten pariarchalischen Zeiten verschwunden und jetzt nur noch Gegenstände des wissenschaftlichen Streites zwischen kulturgeschichtlichen Sachverständigen Sie galten für die Zeiten, als der Mensch des Lebens Freuden, vielleicht etwas rauh und derb, aber im Geiste verschwenderischer Gastfreundschaft, herzhaft und kräftig aenoß, an den groben Kamin von Old England paßten sie wohl, aber sie paffen jetzt nicht mehr in den modernen prunkenden Salon. Doch sind viele Gebräuche noch im Schwange, die dem Christ­fest von John Bull das Gepräge geben; an Weih­nachten, am beliebten häuslichen Herd (fire-side), legt der Engländer alle Geschäftsdinge beiseite, hier wird er warm und läßt seinen sonst so sorgfältig oerfd)loffenen Gefühlen freien Lauf.

Am Heiligen Abend ziehen Gruppen von Sän­gern (waits)' burd) die Straßen, für ihre nicht immer künstlerisch hochstehenden musikalischen Darbietungen vor den Häusern klingenden Lohn erwartend Der Heilige Abend ist einer der Abende, da die Kinder früher als sonst zu Bette gehen, da ihr seliger Glaube damit den heitzersehnten Christtag zu zwin­gen vermeint, am nächsten Tage umso früher zu erscheinen. Sie hängen ihre Strümpfe am Fußende des Bettes auf in der Erwartung, daß während der Nacht der Nikolaus (Santa Claus) den Schorn­stein hernieder fahre und sie mit Geschenken jeg­licher Art anfülle

Der Weihnachtsbaum, das Symbol der deutschen Sehnsucht im rauhen Winter, ist in England wenig bekannt. Dafür ist aus Weihnachten das bescheiden­ste Heim mit Immergrün, Stechpalme und Efeu reichlich geschmückt, und Mistelzweige hängen von der Decke herunter. Vielleicht ist das ein Rest alter Heidenverehruna der britischen Vorfahren, denn der Mistel wurde van den Druiden, den Keltenpriestern, mit Verehrung begegnet Aber auch die heutige eng- lische Jugend bringt der Mistel roohlbegrünbete Wertschätzung entgegen, benn beim Tanz bars ber junge Herr feiner Dame einen Kuß geben, wenn sie unter solch einen Mistelzweig zu stehen kommen.

Auch bie ärmste Hausfrau bemüht sich, am Christ­tag ein festgemäßes Essen mit Fleisch (roast-beef) unb Pubbing auf ben Tisch zu brinaen. Der deut­schen Weihnachtsaans entspricht brühen ber Trut­hahn (turkev), unb Fleischvasteten bürten unter kei­nen Umftänben fehlen Den Weihnachtstisch vor­nehmer Häuser zierte früher ber Wilbfchweinskovf (Boars Head); in Drforb erweisen ihm noch heute bie Stubenten vom Queens Colleen banfhare Ver­ehrung wobei sie unter aflerhanb Feierlichkeiten in einem lateinisch-englischen Lieb sein Lob finaen.

Unb bann ber berühmte Pubbing! ber König bes Weihnachtsmables. Er hat sich zwar bamit abge« funben, von ber ersten Stelle beim Mahl früherer Zeiten an ben Schluß oerbränat worben ui fein, hat sich bort aber eine uneinnehmbare Stellung ausgebauf. Wenn bie Hausfrau mit «ernteten Mangen betagten Pudding, bell-m sachaemäßer H-r- stelluna ihre aanz besondere Mühewaltung aew'd- met war, auf ben Tisch stellt hält bie gante Tafel- runbe für eine Minute ben Atem an, um ihn bann um so beschwingter in allen Tonarten und Stimm- faaen zu preisen Wehe, wenn ein Gast es unter­lassen sollte ungeschriebene Gesette nicht ach­tend ben Pubbing tu kosten Er märe ein Sviel- uerherber, unb ein Frösteln üherfrime die aante Festfreude; es märe dieselbe Sünde w'der die Hausfrau, wie wenn er das Brot und Saft her russischen Gastfreundschaft anzunehmen unterlassen sollte.

Aus dem Londe und besonders in Schottland mirb fehl noch ber Fils-Klotz (vule-loeO auf dem Kamin abgebrannt. Wie bas oben ermähnte Auf­hänger! von Misteltweigen ist aurh die« ein Rest alter Heidenverehrung. Die skandinavischen Vor­fahren pffeaten an ihrem Ful-Fest, da« mit unterem Meibnachtsfest zeitlich fast zufommenfiel. tu Ehren he« fünfte« Thar aroße Freud"nfener ab'ubrennen Aberglaube umspann den Ful-Kloß: darüber weiß der amerifanifd'e Dichter M Irvina, dessen Va­ter au« hem äußersten Norden von S'hottland. den Orkney-Inseln, stammte, interessante D'noe zu be­richten. Er stöberte sogar aus dem 17 Jahrhundert einen Dichter auf, ber bes Jul-Klotzes in einem Gehickste aebenft.

Geschenke bekommen im aOaemeinen nur bie Kin- b?r, die Dienerschaft und die Versonen, die sich des allgemeinen öffentlichen Wohlwollen« in aanz be­sonderem Maße erfreuen, der Postbote und das Milchmädchen. Der Briefträger ist ber Hefb ber Weihnachtszeit, besonders erwartunasvoll darf er hem zweiten Feiertaa entaegenfehen, denn bann prüften ihn lächelnde Gelichter an den Türen, unb für seine treuen Dienste mirb ihm reicher Lahn. Der zweite Feiertag ist ein sogenannter Bank-

Holiday (fein kirchlicher Feiertag) für bie Banken unb bie großen Geschäfte. Fast alle Gäben bleiben geschlossen, unb ber Tag wirb bem Vergnügen außerhalb des Hauses gewidmet. Er heißt auch Boxing Day, weil bie Geschenke, bie man in Schach­teln (boxes) zu überreichen pflegte, auch boxes genannt werben.

Alle Theater bringen am zweiten Tag bie erste Vorstellung ihrer jährlichen Pantomime, bie häufig mit großem Aufwanb aufgeführt unb bann wochen< ober monatelang roieberholt mirb. Den Beschluß bildet ein Possenspiel, bei bem ber breite Buckel bes beliebten Lonboner Schutzmannes unheimlich viele Schläge aufzunehmen bestimmt ist, währenb sein Partner, ber Clown, mit ber Hammelkeule triumphierend davoneilt. Man lacht über ben armen bobby, ein Lachen ber verborgenen Sympathie. Sein Unterliegen im unscknilbigen Spiel bes Thea­ters ist psychologisch ein Akt ausgleichenber Gerech­tigkeit gegenüber seiner Allmacht in ber Wirklich­keit des Londoner Straßenverkehrs.

Groß ist bas Heer ber Dichter, bie bas englische Weihnachtsfest beschrieben unb besungen haben, in besonders feinsinniger Weise ber schon ermähnte Amerikaner W. Irving in seinemSketch-Book unb besonders roarrnhmia der Menschenfreund CH. Dickens in feinen Weihnachtserzählungen.

Schon in bem Namen Christmas scheint eine magisch? Kraft zu liegen. (Die Puritaner bes 17. flahrhunberts mollten in ihrem blinden Eifer das Wort Christmas durch Christtide ersehen, um das katholische Wort mas fMessel zu oernuiben.) Kleine Streitigkeiten merben vergessen; man oeraräbt seine n-vaangene Feinbseligkeit in das gegenmärtige Ge­fühl des Glückes an bem Tage, ho ber geboren wurde, ber so viel vergab Alles ist Güte unb Wohl­wollen; auch bie Arbeitshäuser und die Gefängnisse bekommen ihren Rudding Soziale Gefühle merb»n geweckt: bie Milbtätigkeit öffnet weit ihre Hänbe und lindert Sorge unb Mangel ber Kranken unb Armen.

Niemanb barf hungern unb frieren an Weih­nachten!

Ein Kuß in der Sommernacht/'

Bei ber gegenwärtig herrschenben Außentempe­ratur ist es ein rechtes Labsal, biesen wahrhaft aktuellen Sommernachtstraum ber Bavaria-Film- AG in München auf sich wirken zu lassen: ba wirb mit nackten Knien ans Kammerfenster geftieaen, ba wirb im offenen See gebabet, unb zum Schluß gibt es sogar eine Doppelverlobung als Höhepunkt btr italienischen Pacht im Garten bes Sommer- frischengasthofs in ben bayerischen Bergen. Der

Regisseur Franz Seitz, ber sich bereits mit ver- schiebenen Militärschwänken seine Sporen oerbient hat, inszeniert in behäbigem Tempo bie teils berb- komische, teils hochromantische Hanblung: bie nieb- liehe Marianne Winkel st ern, bie von ber Tanz» bühne zum Film überging, unb Joe Stöckel, ber verstänbnisvoll auf Weiß Ferbls Svuren wanbelt, spielen bie erste Geige. Außerbem: Rolf v. Goth, Manfreb K ö m p e I, Ilva (Stinten unb Abolf Gonbrell. Im Beiprogramm bringt bas Lichtspielhaus u. a. die neue Ufa-Tonwoche unb einen PuppenfilmRomanze".

Großer Kummer eines Zigeuners.

Matthias Kolompar heißt ber braune Zigeuner, ber bei ber Gendarmerie in Wiener Neustadt An­zeige gegen unbekannte Täter erstattete, man habe fein Pferb gestohlen. Der Bursche weinte babei herz» zeneißenbWas haben Sie. Mann?" erkundigte sich der Wachtmeister teilnahmsvoll.Ich schäme mich ja so unsagbar", erwiderte ber Geschäbigte heulend, baß mir so etwas geschehen konnte!"Wieso?" Bittschön, ich bin bestimmt ber erste Zigeuner ber Welt, von bem man flaut!"Ach so", lächelte ber Gendarm wohlwollend.Trösten Sie sich damit daß wahrscheinlich ein Kollege von Ihnen, b h ebenfalls ein Zigeuner, bas Pferd ent­wendet hat!" Und ber braune Bursche hörte im Nu auf, Tränen zu vergießen. Daran hatte er nicht gebucht ...

Oocbfdiulnodiriditcn.

Der Direktor ber ersten Meblzinifchen Klinik in München, Geheimrat Professor Dr. Ernst von Romberg, ist im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Ernst von Romberg, 1865 in Berlin geboren, habi­litierte sich 1891 in Leipzig, würbe bort 1895 zum Extraorbinarius ernannt unb fiebelte 1900 in glei­cher Eigenschaft nach Marburg über, wo er 1901 ein Ordinariat erhielt. 1904 bis 1912 lehrte v. Rom­berg in Tübingen, feit 1912 an ber Universität München. Bon seinen Arbeiten sei bas in 3 Auflage erschieneneLehrbuch ber Krankheiten bes Herzens unb ber Blutgefäße" hervorgehoben; ber (Mehrte war auch Mitherausgeber besDeutschen Archivs für klinische Mebizin" unb berZeitschrift für Tu­berkulose"

Der bekannte Philosoph Pros Dr. Max D e f f o i r. Ordinarius an ber Universität Berlin, ist auf seinen Antrag zum 1 Avril 1934 von ben amt» lichsn Verpflichtungen entbunden roorbbn.