Ausgabe 
19.9.1933 Erstes Blatt
 
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Kirchengemeindetag in Gießen.

Am Sonntag fand in unserer Stadt der dies­jährige Kirchengemeindetag statt, der beson­ders aus der Umgegend von Gießen stark besucht mar. Eingeleitet wurde die Tagung mit einem vor­mittags in der Stadtkirche abgehaltenen Festgottes­dienst, in dem Prof. D. Matthes aus Darmstadt die Festpredigt hielt. Die Chorvereinigung der Stadtkirche trug durch ihre Mitwirkung unter Lei­tung von Organist Simon wesentlich zur Verschö­nerung des Gottesdienstes bei.

Anschließend an den Festgottesdienst fand im Jo- Hannessaal nach einer kurzen Einleitung von Prof. D. Matthes ein Vortrag von

Schriftsteller Will). Michel-Darmstadt über das Thema:Die Stunde des Gottes­wortes" statt. Der Redner führte u. a. folgendes aus:Wir alle kommen aus einer Welt von Trüm­mern. Nicht nur der religiöse Mensch spüre diesen Schiffbruch, auch die weltliche Welt merke den Zu­sammenbruch. Der Kapitalismus habe den Menschen aus dem Volksverband gestoßen. Aufstand des Men­schen gegen den Menschen sei die Losung gewesen. Die Sachwerte triumphierten. Der Majoritätswahn, dieses aus dem Lebensoerband herausgerissene Den­ken habe Produktion ins Leere, Zollpolitik ins Leere, Zerreißung der Ehe, des Familienlebens und des Einvernehmens zwischen Arbeitnehmer und Arbeit­geber usw. gebracht. Erfreulicherweise kehre sich der Äensch jetzt seiner Heilung zu. Er höre die Wahr­heit von seiner Rettung durch das Wort Gottes. Aber nicht freiwillig; es fei die Stunde des Wortes Gottes, die Stunde des hörenden Menschen, die uns heile. Es widerfahre uns heute etwas, was Jahr­hunderte nicht vorgekoinmen fei. Heute gebe es keinen Winkel, wo Gottes Wort nicht hinkommen könne, kein Mensch könne heute vor Gott aus­weichen. Der verbissenste Unglaube müsse einsehen, daß er am Abgrund stehe. Das Wort Gottes sei wieder auf sein Urwesen zurückgekommen als ein goldklares unteilbares Kleinod. Es sei die Stunde, wo sich die volle Autorität des Wort Gottes offen­bare. In dieser Umkehr fange das Leben an zu er­starken. Es finde seine Auswirkung in der Ehe, in der Familie und auch in dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Möge die Gemeinde die Gemeinschaft fein, die recht höre und die vom rechten Hören weitergehe zum rechten Tun.

In der Nachmittagsoersammlung, die im gleichen Saal stattfand, begrüßte zunächst Prof. D. Mat­

thes die Teilnehmer, insbesondere den Vertreter des Landeskirchenamtes, Oberkirchenrat D. Wag­ner, um dann kurz auf die Aufgaben des Kirchen- gemeindetages hinzuweisen. Sodann hielt

Prof. D. Or. Cordier-Gießen

einen Vortrag überDie Bedeutung der G e - meinde für den kirchlichen Neuauf- b a u". Der Redner sprach zunächst über den kirch­lichen Aufbau der Gegenwart, zeigte in diesem Zu­sammenhang das Bestreben nach Einheitlichkeit gegenüber der seitherigen Vielheit der Landeskirchen, erwähnte die Frage des Führerprinzips, des Aus­schlusses der anonymen Kräfte, sowie die Verant­wortlichkeit des Einzelnen. Er zeigte weiter das Streben nach Volksverbundenheit, nach neuer Sprache der Kirche, neuer Verantwortlichkeit des Kirchenvolkes und neuer nationaler Bestimmtheit der Kirche. Der Redner kam dann auf die Zeit nach dem Kriege zu sprechen, wo der freien evan­gelischen Kirche und der Trennung von Staat und Kirche das Wort geredet worden sei. Der neue Staat sei positiv an der neuen Kirche interessiert, er verlange aber, daß seine nationalen Grundlagen von der Kirche anerkannt würden. In einer natio­nalen Kirche müsse sich der Staat entsprechenden Einfluß sichern. Der Redner beschäftigte sich dann eingehend mit der Frage Führer- oder Gemeinde­prinzip und wies in diesem Zusammenhang ge­schichtlich nach, daß bereits in der Zeit vor der Re­formation der Gedanke der Mitarbeit der Gemeinde am Aufbau der Kirche Fuß gefaßt habe. Später habe Luther diesen Gedanken weiter ausgebaut. Er habe dahin gewirkt, daß die Gemeinden Träger des kirchlichen Lebens wurden. Der Redner zeigte dann die Auswirkung dieser Gedanken Luthers in Straßburg und später auch in unserem Hessenland. Neben der Gemeindearbeit habe auch schon zu Lu­thers Zeiten das Führerprinzip bestanden. Nur Führer- und Gemeindegedanken zusammen könnten eine lebendige Gemeinde schaffen. Die Christliche Gemeinde solle nicht allein bestehen bei der Ver­waltung der Beamten, sondern auch bei der Ge­meinde, die Jesus liebt. Die Christliche Gemeinde solle Glaubensbewegung sein.

Zum Schluß betonte der Redner noch, daß die Kirche die äußere Einheit finde, wenn sie die innere Einheit gefunden habe, daß die Kirche volksver- bunben sei, wenn sie von der Gemeinde aufgebaut werde und daß sie die nationale Kirche sei, wenn sie die nationalen Belange auf betenden Händen

trage. Die Volkskraft vollende sich im Dienst an Christus. Wichtiger wie alle kirchenpolitischen Fragen sei, daß'Christus am kirchlichen Aufbau mithelfe.

Als letzter Redner sprach

Oberreallehrer Irank-Darmstadt, der Führer des Verbandes der Evangelischen Män- neroereinigungen, überDie männliche Dia­konie im Dien ft e der Gemeind e". Der Redner wies zunächst auf die Notwendigkeit der Be­tätigung jedes einzelnen in der Gemeindearbeit hin, um dann weiter die Bedeutung der 100-Jahrfeier des Rauhen Hauses, des 9. Diakonietages und der 100-Jahrfeier der Errichtung des ersten Diakonissen­hauses zu erläutern. Er schilderte in längeren Aus­führungen die Aufgaben der Diakonie und praktische Durchführung derselben. Bei der Beschreibung der vielseitigen Arbeitsgebiete der Diakonie betonte der Redner dis Bedeutung dieser Arbeit für die Kirche und für die gesamte Menschheit. Aus der Gemein­schaft des Glaubens sei hier die Gemeinschaft der Liebe geworden. Der Redner kam ferner auf die Entfremdung deutscher Volksgenossen der Kirche gegenüber zu sprechen und erwähnte dabei, daß diese Entfremdung teilweise auf die Zurückhaltung der Kirche der Diakonie gegenüber zurückzuführen sei. Erfreulicherweise sei inzwischen in-dieser Hin­sicht ein Wandel eingetreten. Er empfahl die Grün­dung von Männervereinen und Einrichtung von Männerheimen, in denen die Diafone ihre segens­reiche Tätigkeit ausüben sollten.

Oer Vertreter des Landeskirchenamts spricht.

Nach dem Vortrag übermittelte Oberkirchenrat D. Wagner die Grüße des Prälaten D. Dr. Dr. Diehl, der der Tagung guten Verlauf und Gottes Segen wünschte. Der Redner wies besonders darauf hin, daß der Gedanke der Mitarbeit der Ge­meinde am Aufbau der Kirche von der Hessischen Landeskirche stets gefördert worden sei. Außerdem habe die Hessische Landeskirche sich schon seit Jahren mit der Frage: W i e ist Führerprinzip mit dem Gemeindeprinzip zu vereinigen? eingehend beschäftigt. Zum Schluß erläuterte der Redner noch tuy die Stellung der Hessischen Lan­deskirche zur Verfassung der Großhessischen Kirche und der Reichskirche. Pfarrer Bechtolsheimer übermittelte die Grüße des Gesamtkirchenoorstandes und des Pfarrkollegiums.

Oer Abschluß.

Hieran schloß sich eine rege Aussprache über die einzelnen Vorträge. Es wurde eine Entschließung

gefaßt, in der die maßgebenden Stellen, die bei bee Fertigstellung der Großhessischen Verfassung Mitarbei­ten, gebeten werden, dafür Sorge zu tragen, daß das bewährte hessische Gemeindeprinzip in be< Großhessischen Verfassung erhalten bleibt.

Buntes Allerlei.

Kapernaum in Brandenburg.

Das gibt es. Es gibt, nach dem Postverzeichnis der Provinz Brandenburg, sogar noch ganz andere Namen: Anapolis, Bellealliance, Ceylon, Charte- stown, Ernstoille, Havanna, Monpläsier, Ninive und Jamaika.

Das Tierreich ist hier wohl mehr als in irgend einem andern deutschen Landstrich bei den Orts­namen vertreten: Aalkasten, Alter Gaul, Am Dam­hirsch, Aurither Schnecke, Bärenklau, Bärenschlauch, Blauer Affe, Dohlennest, Entenfang, Eselshütte, Eule, Fliegendes Roß, Goldener Löwe, Grünhirsch, Hähnchen, Hammelstall, Hecht, Hühnerholz, Hunde- kehle, Hundesdelle, Hungriger Wolf, Käuzchenburg, Kaninchenhaus, Kuckuck, Kuhbier, Bullenwinkel, Krähwinkel, Schwan, Schwarzer Kater, Schweine­pfeife, Sperlingsherberge, Uhlenhof, Wolfsluch, Zie­genhals, Ziegenwerder. \

Die großen Namen der preußischen Geschichte ' sind vertreten durch Bismarck, Blücher, Gneisenau, Nettelbeck, Zielen.

Dazu kommen noch folgende merkwürdige Orts­namen: Albrechts Teerofen, Almosen, Allzunah (das hochdeutsche Altona), Alte Hölle, Alter Kalk­ofen, Apostelgarten, Bahnwärter, Bierfäßchen, Die Ruh, Dübel, Elend, Erbenswunsch, Faulbaum, Fege­feuer, Fleckengarten, Gott mit uns, Hannemannei, Goldseelen, Holzseelen, Husar, Kiekemal, Kienäpfel­baum, Kienbaum, Kleeblatt, Kinderfreunde, Kurze Stücken, Landwehr, Letzte Groschen, Mißgunst, Paradies, Paterdamm, Pechhütte, Präsidenten­mühle, Salzkossäthen, Schrafrichterei, Siehdichum, Totengräberhaus, Totenkopf, Top, Töpferschenke, Trinkemal, V aterswille, Verlorenwasser, Weiber­werder. M. A.

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Maria Kübel

Dr. phil. Anton Wetzel

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September 1933

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