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Ur. 166 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 19. M(YZZ
Jugend und Hochschule
den
Körperliche Erziehung und Charakter.
Bon E. Indenkempen.
den Stoff zu, aus dem sich Charakter und Lebenswerk des einzelnen ernähren und aufbauen. Das ist Geist vom Geist der neuen Zeit, daß das Geistige nicht allein und für sich Mas; und Ziel der Erziehung ist, sondern daß auch der Körper erzogen und durchgebildet wird. Aus Geist und Körper gestaltet die Erziehung die Persönlichkeit und ihren Charakter.
gewachsen sind. Bezeichnenderweise stammen sie fast nie aus ärmlichen, unterernährten Volksschichten, sondern aus wirtschaftlich gut gestellten Kreisen, sind häufig das einzige Kind und regelrechte Muttersöhnchen. Verständnislose Eltern unterstützen sie noch, indem sie ihnen Defreiungszeugnisse vom Turnen durch den Arzt beschaffen. Die Schüler haben dann oft selber schwer darunter zu leiden da sie von den Kameraden verhänselt und als „Waschlappen" über die Schulter angesehen werden. Der Typ des „Bücherwurmes", der alle körperliche Leistung verachtet, ist heute kaum mehr anzutreffen.
Eine nicht minder unsympathische Kategorie als die „Drückeberger" sind die fanatischen Sportler auf den Schulen. Der brennende Ehrgeiz, es zu Rekorden zu bringen, erstickt alle guten Wirkungen, die vom Sport auf den Charakter übergehen. Unter dem Einfluß dieses krankhaften Ehrgeizes vernachlässigen sie alle anderen Gebiete, werden un- kameradschaftlich, eitel und prahlsüchtig. Diele Lehrer üben gegenüber den Sportvereinen starke Zurückhaltung. Den Schülern müssen innerhalb der Schule genügende und anregende Leibesübungen und Sportspiele geboten werden. Zwei Turnstunden in der Woche können die charakterbildende Wirkung des Sports und des Turnens nicht auswerten. Dor allem soll man den Schülern auch Wettspiele und Wettkämpfe bieten, denn in jedem Jugendlichen steckt die Lust, sich im Kampfe mit anderen auszuzeichnen.
Das kann in der Schule am leichtesten im rechten Maß geübt werden. An einigen Schulen sind solche turnerischen Wettkämpfe auch schon eingeführt und bewähren sich bestens. Sehr gut führen sich auch die Sportnachmittage ein, an denen die Schüler freiwillig teilnehmen können, hier herrscht starke Kameradschaftlichkeit, zugleich wird vom selbstaewählten Leiter darauf geachtet, daß die Körperlichkeit nicht einseitig überschätzt wird. Gemeinsame Wanderungen zu Wasser und zu Lande in den Ferien tragen dazu bei, den Jugendlichen früh den Sinn für das Praktische zu wecken.
Gerade im Wandern sind Körper und Geist innig verbunden. Jeder Schritt bedeutet aus Ra- tur und Geschichte erlebte Heimat, trägt dem Geist
nicht abgeliefert werden ober der Referendar zur mündlichen Prüfung nicht erscheint. Eine Ausnahme kann lediglich zugelassen werden, wenn der Reseren» dar durch amtsärztliches Zeugnis oder im Falle der Ladung zur Klausur oder zur mündlichen Prüfung durch lageärztliches Zeugnis dem Präsidenten d-s Landesprüfungsamtes gegenüber dartut, daß ernstliche Erkrankung ihn an der Ablieferung der Arbeit oder an dem Erscheinen zur mündlichen Prüfung gehindert hat oder ein anderer wirklich stichhaltiger Entschuldigungsgrund glaubhaft gemacht wird. Die Unsitte, gestellte Aufgaben zurückzugeben, bedeutet übrigens eine Belastung des Referendars selbst, der durch das Zuriickgeben von Arbeiten und die damit verbundene Verlängerung der Prüfungszeit ledig- lich, innerlich zermürbt in die mündliche Abschluß- Prüfung gelangt.
Neugestaltung der großen juristischen Staatsprüfung Eine allgemeine Verfügung des preußischen Iustizministers.
erhält nach Feststellung des Dorliegens aller Voraussetzungen zur Zulassung zur großen juristischen Staatsprüfung die zweite, sogenannte praktische Arbeit. Zu ihrer Ablieferung hat der Referendar drei Wochen Zeit.
3. Unmittelbar danach wird der Referendar zur Teilnahme an dem Gemeinschaftsleben in dem neu errichteten Gemeinschaftslager der Referendare geladen und hat dieser Ladung Folge zu leisten. Der Gemeinschaftsdienst dauert bis zur münblichen Prüfung. Damit ist die Zeit zum rein gedächtnismäßigen Einlernen von Einzelwissen aus unmittelbarem Anlaß der bevorstehenden Prüfung dem Referendar genommen. Er kann körperlich gestählt und geistig erfrischt durch das Gemeinschaftsleben unbefangen in die mündliche Prüfung gehen.
4. Während des Gemeinschaftslebens schreibt der Referendar auf Ladung, der er nachzufolgen hat, die auch bisher vorgesehenen Klausuren.
5. Die mündliche Prüfung, die sich an das Ge- meinschaftsleben unmittelbar anschließt, erfolgt wie bisher mit der Maßgabe, daß die Prüfungskommission von nun ab aus 4 Mitgliedern bestehen soll, wobei das vierte Mitglied in der mündlichen Prüfung vor allem volks- und ftaatskundliche Fragen stellen soll. Volks- und Staatskunde in weitestem Sinne erscheint im nationalsozialistischen Staat als ein Gebiet, auf dem vor allem der Richter und Staatsanwalt zu Haufe fein muß.
Bei Stimmengleichheit in der Beratung der Prüfungskommission entscheidet der Vorsitzende.
6. Nach Feststellung, ob und gegebenenfalls mit welcher Bewertung der Referendar die große juristische Staatsprüfung bestanden hat, werden die Akten des Referendars dem Minister zum Entschluß darüber, ob er ihn zum Gerichtsassessor ernennt, vorgelegt.
7. Mit dem Zwecke der Prüfung, die u. a. feststellen soll, ob der Referendar in der Lage ist, ihm gestellten Aufgaben sich gewachsen zu zeigen, ist das bisherige „Recht" des Referendars, Arbeiten zurückzuweifen oder Klausuren nicht abzugeben, unvereinbar. Die Prüfung gilt deshalb als nicht bestanden, wenn das rechtswissenfchaftliche Gutachten ober die praktische Arbeit nicht fristgemäß ober bie Klausuren
Neue Wege der Deutschen Stubentenschast
Oer Führer der O. St. entwickelt das Arbeitsprogramm.
Der Führer der 'Deutschen Studentenschaft, Krüger, äußerte sich gegenüber einem Der- treter des „Dolksdeutschen Dienstes" über die nächsten grundsätzlichen Arbeiten der Deutschen Studentenschaft. Zunächst betonte er im Hinblick aus den bevorstehendvM Studententag in Aachen, daß der grundsätzliche Einbau der Deutschen Studentenschaft in die gesamte nationalpolitische Arbeit erreicht werden soll. Ein hervorragendes Problem der Beratungen des Studententages werde der Arbeitsdienst sein. Der Aachener Studententag werde in stärkerem Maß Mannschaftscharakter tragen, wie ja auch die Beziehungen des Studententums zum Arbeiter besonders betont würden. Sämtliche studentischen Führer würden zunächst mehrere Tage in einem Schulungslager vereint, daran würden sich große Kundgebungen unter Beteiligung der Arbeiterschaft anschließen.
Das nächste Ziel der Arbeiten der Deutschen Studentenschaft ist, so wurde weiter erklärt, der Einbau der Deutschen Studentenschaft in das Hochschulwesen. Don hervorragender Bedeutung ist ferner der gegenwärtig behandelte Entwurf eines neuen studentischen Diszipli- narrechtes, das vom preußischen Kultusministerium erlassen werden soll. Damit soll der bisherigen formalen Zulassung des Abiturienten zur Hochschule auf Grund von Schulprüfungen entgegengewirkt werden. Der Student wird in Zukunft in erster Linie seinen Pflichten gegenüber der Allgemeinheit zugeführt werden. Entzieht er sich dieser Plicht, dann wird er auf dem Wege des Disziplinarrechts von der Hochschule entferrct werden können. Ebenso wird nach dem alten Grundsatz der studentischen Korporationen Ehrlosigkeit durch Entfernung von der Hochschule bestraft werden.
Korporationen, soweit sie sich in den neuen Geist einschalten, erhalten dadurch weitgehende Rechte gegenüber der Deutschen Studentenschaft, dafür werden sie aber auch im Sinne des neuen Hochschulideals besondere Pflichten zu erfüllen hoben, zum Beispiel durch Beteiligung am Arbeitsdienst, durch Schaffung fester örtlicher Gemeinschaften sowie u. 11. durch Schaffung von K a • merabschastshäusern. Der Anfang mit den Kamerabschaftshäusern in größerem Rahmen wirb gegenwärtig in Königsberg gemacht.
Eine besondere Neuerung in der Deutschen Studentenschaft stellt die dezentralisierte Zusammenfassung der Grenz landarbeit bar, bie künftig in folgenber Weise vor sich gehen wirb: Eine Hauptleitung in Königsberg und eine Nebenleitung in Breslau behandeln die Fragen des Ostens, Dresden, die. der Sudetendeuischen, Hamburg bie Fragen Nordschleswigs unb Greifswald die skandinavischen Fragen. Die Zentrale der Deutschen Studentenschaft in Berlin hat die Gesamtregelung dieser Arbeit nach der staatlichen Seite hin unter sich unb die Aufsicht über die einzelnen Studentenschaften. In den letzten wenigen Wochen hat der Apparat der Deutschen Studentenschaft völlig neu aufgebaut werben müssen.
der ganzen Persönlichkeit. Diesen Weg in der Schule einzuschlagen, ist schon darum gegeben, weil die Jugend die Freude an körperlicher Betätigung und Sportspielen mitbringt. Es ist sehr zu bedauern, daß sich das gemeinsame Wandern an den Schulen immer noch wenig, an den Hochschulen fast gar nicht durchgeseht hat. Beim gemeinsamen Wandern hat der Lehrer mehr denn je Gelegenheit, den Schüler in seinen Anlagen und der Charakterbildung zu erkennen, sest- zustellen, ob er wahren Gemeinschaftssinn praktisch betätigen kann und will. Die richtige Erkenntnis der Seele des Jugendlichen ist schon halbes Er- ziehungswerk.
Die Erfahrung lehrt, daß der Turner und Sportler viel mehr tätig und handelnd in das Leben eingreift, wo der körperlichen Hebungen Abgeneigte noch zehnmal überlegt und zaudert, bis es zu spät ist. Der Sport in der Jugend vermittelt scharfe Konzentration und Willen, das gemeinsame Wandern erzieht zur Initiative und tätiger Rächstenhilse.
Sehr deutlich zeigt sich die charakterbil- de nde Wirkung des Sports an eng- lischen Sportsmannschaften. Der Begriff des „fair play“, der im englischen Sport so scharf betont ist, seht sich auch im übrigen Leben durch und taucht in allen Handlungen aus. 3n England ist die Wertung des Sports als Charakterschulung weiter verbreitet als bei uns. Der Sieg im Wettspiel gilt dort nicht als die vornehmste Aufgabe der körperlichen Ertüchtigung.
Hier taucht die Frage auf: Leiden die geistigen Leistungen der Schüler nicht, wenn das Tum- fach offensichtlich wieder in eine Dorzugsstellung gerückt wird? Diele Eltern halten an den alten Bedenken fest, daß eifriges Turnen die wissenschaftlichen Leistungen vermindere. Diese Bedenken treffen nur in Einzelfällen zu, haben aber keine allgemeine Geltung. Aus der Statistik ergibt sich, daß körperlich Tüchtige auch geistig die besten Leistungen aufweisen, wahrend d^e körperlich Untüchtigen auch in den wissenschaftlichen Leistungen im Minderwertigen steckenbleiben. Die schlechten Turner sehen sich meist aus Rervosen und Schwächlichen zusammen, die den Anforderungen der Schule und später auch denen des Lebens nicht
Wie aus anderen Gebieten erleben wir Wandel der Zeiten in einer neuen Bewertung der Spannung zwischen Körper undGeist. Man hat eingesehen, daß die Erziehung nicht auf geistige Bildung beschränkt bleiben darf, sondern den ganzen Menschen erfassen muß. Reben der geistigen Erziehung fordert die körperliche ihr
Alfred Bäumler, der Berliner Professor für den neu errichteten Lehrstuhl für politische Pädagogik, hat hierfür eine eindeutige, schlagkräftige Formel geprägt: Der bisherige Typ des Gebildeten fall ersetzt werden durch den Typ des Solda- ten. Das soll nicht heißen, daß nun die Hochschulen zu Kasernen gemacht werden sollen. Und auch das ist nicht damit gemeint, was man etwa unter einem „Soldaten des Geistes" verstehen könnte. Sondern die neue Forderung bedeutet die Einreihung des Akademikers in eine geistige und auch körperliche Zucht, die ihn als Glied [eines Volkes mit feinem Volk marschieren läßt auf dem langen und schweren Lebensweg unserer Nation und Darüber hinaus der Menschheit.
Welche Konsequenz diese neue Haltung für das praktische Leben der Hochschulen haben wird, ist noch nicht entschieden. Vorläufig beginnt das Ziel sich erst allmählich klarer abzuzeichnen. Vieles, was uns bisher wertvoll und gut zu fein schien, wird auf dem Weg zu diesem Ziel hin sicherlich beseitigt werden. Wertvolleres wird bleiben müssen. Denn wie überall so ist auch hier das wirklich Neue immer nur das, was in dem Vergangenen wurzelt, es weiterentwickelt, es umformt. Wir waren bisher, nicht immer mit Recht, stolz auf unsere Wissenschaft unb unsere Hochschulen. Wir werben aber, so hoffen wir zuversichtlich, bann allerbings nur burch ernste Arbeit unb entfdjiebene Ehrlichkeit, die gerade auf diesem Gebiet vor allem anderen not tut, in Zukunft mit Recht stolz fein können auf die deutsche Wissenschaft und die deutschen Hochschulen.
Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat der Preußische Justizminister zur Frage der künftigen Gestaltung des juristischen Prüfungswesens folgende Allgemeine Verfügung erlassen:
Zweck der großen juristischen Staatsprüfung ist es, festzustellen, ob der Referendar nach Charakter, Fähigkeit und Wissen geeignet ist, ein deutscher Richter, Staatsanwalt ober Rechtsanwalt zu sein unb ob er zum Gerichtsassessor ernannt werben kann.
Die große juristische Staatsprüfung in ihrer bisherigen Form gab nicht bie genügend sichere Grundlage für die Entscheidung, ob die Ernennung zum Gerichtsassessor im Einzelfall oorgenommen werden kann.
Die große juristische Staatsprüfung wurde ferner bisher dadurch ungünstig beeinflußt, daß der Referendar in großem Umfange die Monate der Prüfung selbst zu einer nicht angemessenen, lediglich auf Einlernung von positivem Wissen abgestellten unmittelbaren Prüfungsvorbereitung verwandte. Auch das soll unmöglich gemacht werden, um den Referendar selbst zu zwingen, unbelastet von eingelern- tem Gedächtniskram körperlich und geistig frisch in die mündliche, den Abschluß der Prüfung darstellende Prüfung einzutreten.
Oie neue Prüfungsordnung.
Der Preußische Justizminister hat deshalb angeordnet, daß die große juristische Staatsprüfung von jetzt ab wie folgt verläuft:
1. Die Prüfung beginnt mit der Abfassung eines rechtswissenschaftlichen Gutachtens, das binnen vier Wochen nach Stellung der Aufgabe von dem Referendar abzuliefern ist und bereits während des Vorbereitungsdienstes, und zwar während der oberlandesgerichtlichen Ausbildungsftation anzufertigen ist.
Damit soll einmal die Dauer der eigentlichen Prüfungszeit nach dem Vorbereitungsdienst abgekürzt und zweitens ein Uebergang aus dem Vorbereitungsdienst in die Prüfung erzielt werden.
2. Danach erfolgt unter Beifügung des abgelieferten rechtswissenschaftlichen Gutachtens durch den zuständigen Oberlanbesgerichtspräsidenten die Vorstellung des Referendars zur Prüfung, und dieser
Das bisherige Schulturnen kann unmöglich als Erziehungsfach angesehen werden, wollte auch gar nicht als ein solches gelten. Es war ein rein technisches Fach, wenn es dem Schüler nur die Aufgabe stellte, ein bestimmtes Pensum von Leibesübungen zu beherrschen. Der gewaltige Aufschwung, den der Sport in den letzten Jahren genommen hat, hat aber auch insofern sein Ziel verfehlt, als die krankhafte Rekordsucht nicht mehr zur Besinnung kommen lieh, welchen Zweck eigentlich die körperliche Ertüchtigung hat. Ein Weg aber, der nicht immer bewußt auf das Ziel gerichtet ist, wird auch immer in die Irre führen.
Die Llrsache der Rekordsucht definiert ein bekannter Hochschullehrer ausgezeichnet im Jahrbuch der Leibesübungen, wo er ausführt: Richt einmal die überspannte Hochschähung des Rekordes entbehre ganz des Sinnes. In ihr komme nämlich die Angst des modernen Kulturmenschen zum Ausdruck, über aller Rervenkultur und Geistigkeit die Grundlage des gesunden, physischen Daseins zu verlieren. Richt mehr der müde und schlaffe Mensch, der heute durch das Kulturtreiben gehetzt werde, könne unsere hochgespannte Kultur weiterfördern, sondern der gesunde Mensch m i t G e i st i g k e i t.
Wenn aber die körperliche Ertüchtigung eine Derbundenheit mit der Kultur bekommen soll, ist es notwendig, sie zu vertiefen und sie in die Erziehung der seelisch-geistigen in Menschen mitein» zubauen. Die körperliche Erziehung darf nicht nur die Erlernung von körperlichen Fertigkeiten sein, soll vielmehr den Weg bereiten zur Entwicklung
Geistige Wehrpflicht.
Don £)r. Reinhard Hübner, Berlin.
Der preußische Kultusminister hat in der letzten Zeit vielfach von den großen Aufgaben gesprochen, Die Die nationale Revolution gerade von seinem Ministerium und auf Den Gebieten kultureller, wissenschaftlicher und pädagogischer Arbeiten erfordere. Nicht die geringste unter diesen Aufgaben wird die Reform der Hochschulen fein. Denn die Hochschulen haben schon von jeher im Leben der Nation eine besondere Rolle gespielt. Im Gegensatz zu den Plänen der Marxisten und ihrer Freunde, Die Die Hochschulen gern zu reinen, für Das allgemeine Leben der Nation bedeutungslosen Fachschulen herabgedrückt hätten (sie haben sich dann eben nur, wie auf so vielen anderen Gebieten, doch nicht dazu entschließen können!), sollen die Hochschulen auch im neuen Deutschland ihre bedeutsamen Funktionen für die Volkserziehung und für das kulturelle Leben behalten. Ja sie sollen. Das ist Der feste Wille Der nationalen Regierung, in diesen Funktionen noch gestärkt werden. Also nicht Abbau der deutschen Hochschulen, wie die Marxisten von ihrem Klassenkampfstandpunkt und aus Ressentiment gegenüber der „bürgerlichen" Wissenschaft forderten, sondern Ausbau, Stärkung und Kräftigung der Hochschulen ist das Ziel, das sich ba§ neue Deutschland für seine Hochschulen gesetzt hat.
Allerdings, man wird nicht alles beim Alten lassen und nur schon Vorhandenes weiterentwickeln können. Im Gegenteil, gerade auch im Interesse der Hochschulen und der auf ihnen gepflegten Wissenschaften ist ein zum Teil durchgreifender Umbau des Deutschen Hochschulwesens nötig. Aber man ist sich auch in Regierungskreisen durchaus darüber klar, daß dieser Umbau des deutschen Hochschulwesens große Schwierigkeiten in sich birgt und nur mit besonderer Behutsamkeit — nicht im Zuge einer allgemeinen Gleichschaltung — erfolgen kann. Personelle Aenderungen können und müssen nur die äußeren Voraussetzungen schaffen, Neu- und Um- Organisationen können und müssen äußere Hilfs, fteüungen geben, die eigentliche Umstellung wird aber nur von innen heraus, aus dem G e i st der Hochschulen heraus erfolgen können.
Der Geist der Hochschulen ist aber die Wissenschaft, ober besser bie Wissenschaften. Denn bie Einheit aller Wissenschaften in einem Geist ist schon seit langem verloren gegangen. Die Wissenschaften finb das Bildungsmittel, durch das die Hochschulen ihre für die Nation so fruchtbaren Wirkungen ausüben sollen. Deswegen muß im Mittelpunkt jeglicher Hochschulreform die Besinnung und Begründung des Wesens der Wissenschaften stehen.
Seit längerer Zeit schon tobt ein Kampf darum, was die Wissenschaft fein soll und was sie nicht fein kann. Wissenschaft, fo hat man gesagt, ist das freie Streben nach Erkenntnis der Wahrheit um ihrer selbst willen: ein Streben, bas seine Aufgaben, Gesetze unb Grenzen nur in sich selbst finben kann. Die Wissenschaft bürfe von niemanbem außer ihr eine Aufgabe unb eine Begrenzung empfangen. Deshalb war auch das deutsche Hochschulsystem aufgebaut auf dem für es entscheidenden Grundprinzip der „akademischen Freiheit".
Aber immer deutlicher zeigte es sich, daß die Idee, die Wissenschaft sei auf einer Insel der reinen Vernunft nur um ihrer selbst willen abseits von der Wirklichkeit, die sie doch verstehen sollte, zu betreiben, eine Fiktion ist, die niemals völlig wirksam gewesen ist, und die schließlich auch zu ihrer Zerstörung und Auflösung geführt hat. Die Erkenntnisse, Die man fand, blieben vereinzelte Möglichkeiten, die aber in ihrer Vereinzelung sinnlos wurden, ober bie, wenn man aus ihnen Forberungen abzuleiten suchte, beim Zusammenstoß mit ber Wirklichkeit etwas ganz anberes würben, als bie wissenschaftliche Erkenntnis gemeint hatte. Virtuosen ber Erkenntnis unb bes Wissens erarbeiteten spezialisierte Ergebnisse auf einzelnen Gebieten, ihrer Aufgabe verhaftet, ohne nach bem Sinn ihrer Arbeit zu fragen. Darüber hinaus wurden die einzelnen Wissenschaften zu von vielen erlernbaren Techniken, bie bei ber Vielheit ber möglichen Erkenntnisse in intellektuelle Spielereien ausarteten, währenb bie Verantwortung gegenüber ber Wirklichkeit außer Acht
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gelassen würbe. Obwohl im einzelnen Außerorbent- nches geleistet würbe, erstarrte bas Ganze in einem toten Betrieb, würbe bie Hochschule zu einem „Warenhaus bes Wissens", bas beliebig unb unoerbinb- lich abgab, was von ihm geforbert würbe. —
An bie Stelle ber „freien" Hochschulen, bie Raum unb Möglichkeit zu bem Betreiben einer „voraus- setzungslosen" Wissenschaft bieten sollten, soll jetzt bie weltanschaulich gebunbene Hochschule treten, bereu wissenschaftlicher Arbeit Aufgaben unb Grenzen von außen her, von ber Nation, gesetzt werben sollen. Gewiß, hier sind Gefahren möglich. Unb einzelne amerikanische Hochschulen, benen Trusts unb Mäzene vorschreiben können, was unb wie gearbeitet werben soll, zeigen beutlich, wohin solche Versuche führen können. Hier, wo an bie Stelle ber Weltanschauung nur schlecht verborgen bas Geschäftsinteresse getreten ist, ist bie Wissenschaft zur reinen Farce geworben.
Die neue Bewegung an ben beutschen Hochschulen geht natürlich von anberen Voraussetzungen aus. Sie will ben Nebel scheinbarer Wirklichkeit, in ben bie Wissenschaft sich gehüllt hatte, burchbrechen; sie will bie Wissenschaften unb bie Hochschulen aus ihrer Verstrickung in eine wirklichkeitsfrembe Welt ber reinen Theorie herausreißen: sie will ber Wissenschaft roieber bie Möglichkeit zu lebenbiger Arbeit geben, inbem sie sie roieber zu ber sie umgebenben Wirklichkeit in engste Beziehung setzt. Sie glaubt es nur zu können baburch, baß sie neben bas Erkennen bas Wollen, neben ben Intellekt ben Charakter stellt.


