Ausgabe 
19.1.1933 Erstes Blatt
 
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Roman von CertRolhberg.

(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)

6 itortictiung Nachdruck verboten.

Seine dunklen Augen gingen über sie hin. Waren ihre Worte anzügllch gemeint?

Da sagte sie:

Es war ein sehr netter Abend. Diese Wiener Kapelle spielte hervorrag nd. Ich habe mich schon dadurch sihr gut unterhalten."

Ra, dann ist es ja gut", sagte er zufrieden, aber Pia fühlte, daß er mit seinen Gedanken weit fort von ihr war.

Das Auto bog in den Schlohhof von Achern ein. Harry sprang heraus und half den beiden Damen. Plau.ernd schritt er dann mit ihnen die Treppe hinauf, wo Joseph Wimpert schon war­tete, um noch etwaige Befehle entgegenzunehmen. Loch man hatte keine Befehle für ihn.

Pias Hand zitterte, als sie für einen Augen­blick in der Rechten Acherns lag. Der merkte es nicht, er hörte nur immer noch im Geist ein be­zauberndes Mädchenlachen. Er sah ein schönes, stolzes Gesicht mit großen, dunklen Augen, lind doch wußte Harry von Achern auch jetzt ganz genau, daß es nur eine wilde, begehrende Leiden­schaft war, die sich seiner bemächtigt hatte. Eine große, reine Liebe war es nicht. Die würde kaum jemals in sein Leben kommen. Dazu war er auch gar nicht geschaffen. Er konnte nicht immer nur anbeten, er mußte besitzen!

Oben in Harrys Schlafzimmer wartete trotz gegenteiligen Befehls Joseph Wimpert und legte seinem Herrn alles zurecht. Harry von A.^ern lachte plö^lich. Es war ein lautes, jungenhaftes, frohes Lachen.

Ra, alter Knabe, möchten wir zwei nicht end­lich mal ans Heiraten denken? Ich meine doch, es wird Zeit für uns beide", sagte er aufgeräumt zu dem treuen Alten.

3n Joseph Wimperts ewig beleidigtem Ge­sicht verzog sich keine Miene. Er sah seinen jungen Herrn nur vorwurfsvoll an und meinte dann bedächtig:

Gnädiger Herr, von mir wollen wir nicht reden. Ich werde das lieber bleiben lassen. Ader für gnädigen Herrn wird es höchste Zeit. Eine junge Frau fehlt im Schloß. Das gnädige Fräu­lein Pia" Er schluckte und sah seinen Herrn hilflos an.

Der verstand, lieber sein soeben noch lachendes Gesicht ging ein Schatten. Doch dann sagte er gleichgültig: , . w .

Hast Angst um das gnädige Fraulern? Rein, Alter, sie würde trotzdem, ich meine, trotz meiner Heirat im Schloß bleiben, solange sie selbst es will."

Da senkte Joseph Wimpert den eisgrauen Kopf. I Er hatte auch verstanden. Rach einer Weile ging | er hinaus. Harry von Achern aber lachte ärger­lich hinter ihm her und brannte sich noch eine Zigarette an, um seine Gedanken in andere Bahnen lenken zu können.

Edelgarde!

Seltsam war es, wie sie ihn gleich von An- fang an gefesselt hatte. Sonst war er eigentlich gewöhnt, die Frauen eine Zeitlang zu studieren. Das war hier ganz fortgefallen. Sie gefiel ihm auf den ersten Blick. Warum sollte er sich das nicht unumwunden eingestehen? Wie eine seltene, schöne Blume erschien sie ihm noch jetzt. Ihre Rücksichtslosigkeit, ihn ganz für sich in Anspruch zu nehmen, hatte ihn amüsiert. S.e vergab sich nicht das geringste, aber sie fragte auch nicht nach der Meinung der Menschen! Diese Eigen­schaft war auch etwas wert. Etwas, was ihn anzog.

Er trat ans Fenster, sah in die warme Som­mernacht hinaus. Es war schon spät, trotzdem fühlte er keine Müdigkeit. Kein Gedanke ging zu Pia, die in ihrem Zimmer stand, mit großen, angstvollen Augen um sich blickte und sich ver­zweifelt fragte:

Was soll nun werden? Ich liebe Harry, wie nur eine Frau einen Mann lieben kann: er aber liebt diese dunkle Schönheit, die er bisher eben­sowenig kannte wie sie." So schnell also ver­schenkte Harry von Achern seine Liebe!

Pia Eichendorff kauerte dann noch lange in einem der tiefen Sessel und grübelte darüber nach, wie es denn werden foll?, wenn Harrys jung? Frau hier einzog. Wenn sie sehen mußte, wie lieb er sie hatte, dann würde ihr Schloß Achern zur Hölle werden. Dabei kam ihr nicht einmal der bittere Gedanke, daß sie durch seine Schuld von vielen Freuden der Jugend ausge­schlossen war. Sie wußte nur, daß sie eines Tages von Achern fort mußte. Wohin dann?

Fünftes Kapitel.

Es gab jetzt viel Arbeit in Achern und auf den umliegenden Gütern. Die G.selligkeit konnte beim besten Willen nicht des öfteren gepflegt werden. Trotzdem machte Harry von Ahern sich oft frei und ritt auf ein Stündchen nach Gollwem hin­über. Er wurde dort stets mit größter Herzlichkeit von Herrn Augsten und dessen Töchtern emp­fangen. Unb der wußte ganz genau, daß er nur um Edelgardes willen kam. Eine dunkle Glut erfüllte ihn für das schöne Mädchen. Ihre Augen lockten und glühten ihm dieselbe Sehnsucht ent­gegen, die in ihm war, doch ihr Mund sprach oberflächliche Worte. Sie machte ihn toll, das fühlte er immer mehr. Dennoch war etwas in ihm, Vas ihn warnte. Er hätte sich selbst verlachen mögen, doch es war so. Rach und nach kam eine gewisse Ruhelosigkeit über ihn. Seine großen, dunklen Augen blickten jetzt meist finster, und er

I fand daheim nur noch wenig Zeit für ein Plau- | derstündchen mit Pia und Frau Horlinger. Pia

b'mcrfte es und senkte tief den blonden Kopf. Sie streifte nun in Gesellschaft Frau Horlingers viel in der Umgebung umher. Einmal schritten sie einen schmalen, langen Waldweg bahn, und als sie aus dem Wald heraustraten, da standen sie dicht vor dem alten, schönen Schloß Hohen- brück. Die Rosen rankten sich über die hohe Mauer. Ein ';em und Jubilieren war im Park, das Zirpen der Grillen tonte herüber, und irgendwo schlug die Amsel im Gebüsch. Pia überkam ein kindliches Verlangen.

Liebe Frau Horlinger, ich mochte so gern ein­mal in diesen verwunschenen Park hineinsehen. Es ist das Besitztum des alten Herrn von Hohen- brüd. Es ist doch weiter nichts dabei, ist kein Verbrechen."

Frau Horlinger hegte Bedenken. Es konnten Hunde im Park fein. Sie würden durch ihr Gebell jemanden herbe.locken, und das würde bann sehr unangenehm für Pia fein. Am Gemäuer stand eine alte Holzbank, und Pia kletterte mühsam hinauf, wobei sie sich auf die SMtem der alten Dame stützte. Sie sah über die Mauer. Atemlos schaute sie in dieses Blumenparadies. Eine ganze Weile blieb sie so und konnte sich nicht losreihen von dem Anblick dieses blühenden, verwunschenen Gartens. Da wandte sie wie magisch angezogen den Blick nach rechts, und sie blickte gerade hin­ein in das verwitterte, böse Gesicht eines alten Herrn. Drohend hob er beide Fäuste gegen sie und bewegte den Mund, als ob er etwas sagen wolle, doch lein Wort klang zu Pia herüber. Sie blickte wie erstarrt in diese funkelnden Augen und glitt bann langsam von ber Bank herab.

Frau Horlinger sah erschrocken in das blasse Gesicht.

Was war denn, Kind? Warum sind Sie so blaß?"

Pia schob den Arm durch denjenigen Frau Horlingers, zog sie hastig weiter und sagte dann:

Ach, ich bin nur so erschrocken. Da hat mich ein alter Herr so furchtbar angesehen. Ganz ent­setzlich war dieser Blick. Herr von Achern erzählte mir einmal, daß der alte Herr alle Menschen haßt. Was mag die Welt ihm getan haben, daß er so verbittert werden konnte?"

Die alte Dame konnte ihr natürlich keine Aus­kunft geben. Pia blieb ziemlich schweigsam auf dem Rachhauseweg. ülnterwegs trafen sie bann noch den Iagbwagen aus Gollwem, ber bie brei Schwestern von ber Stabt zurückbrachte. Man sprach ein paar sreunbliche Worte miteinanber, unb bann fuhr bas Gefährt weiter.

Der neu angelegte Tennisplatz hinter bem Herrenhaus von Gollwem war der Vermittler, daß Harry von Achern jetzt meist gegen Abend herüberkam, um den Partner für Edelgarbe ab­zugeben. Sie spielte vorzüglich, und ihre schöne, schlanke Figur flog graziös über den Platz, nur feiten einen Ball durchlaffend. Sie war sehr stolz auf ihr Können unb erzählte mit glänzenden Augen, daß sie in Köln einmal der deutschen

Meisterin gegenübergestanden si 'e, all, sie zu Besuch einer Tante in der froj.n, rheinischen Stadt weilte. Ingeborg und Franziska lachten zutraulich zu Achern herüber, flüsterten sich etwas zu und huschten bann davon. Drüben tauchten nämlich die beiden Herren Brcnden auf, bie lebenslustigen Söhae des Großindustriellen Dren- den, der sich hier das alte Jagdschloß des Fürsten Ottern gekauft hatte unb befjen Söhne hier bem Iagdfport hulbigten. Seit sie aber bie beiben blonden Mäbel gesehen hatten, war für sie ber Jagdsport Rebensache geworden. Mit lauten Scherzworten wurden sie jetzt bort brühen emp­fangen.

Achern war mit Ebelgarbe allein. Wochen lagen zwischen heute unb bem Tage, an bem sie sich tcnnenlemten. Unb immer heißer, immer begehrender war in ihm bie Leibenschaft für bas schöne Mäbel emporgeloht. Schlank unb ges hmei- dig ftanb sie neben ihm, wie in leichter Derlegen- hllt auf ihren Tennisschläger blickend. Die Augen Acherns brannten auf bem schönen, bräunlichen Gesicht des Mädchens. Was hatte es denn für einen Zweck, noch länger zu werten?

Ganz tief beugte er sich zu ihr.

Gdelgarde, ich liebe Sie!"

Sie stand regungslos, ein leichter Taumel ging über sie hin. Sie hing dem Klang ber leiben» schriftlichen Männerstimme nach. Er faßte ihre Hand. Langsam hob sie die bunflen Augen zu ihm. In diesen Augen lag bie Antwort. Da küßte er den ihm entgegenblühenden Mund. Drü­ben standen sie staunend da, schrien bann laut: Wir gratulieren! unb kamen gerast, um den Verlobten bie Hänbe zu schütteln. Stolz unb strahlend nahm Edelgaroe bie Glückwür.sHe ent­gegen. Harry von Achern aber sah im Geist ein Paar seltsame, bunielblaue Augen, einen herb geschlossenen Mäbchenmur.b. Da schmiegte Ebel- garde sich an ihn, und sein Arm legte sich um sie. Langsam gingen sie bem Schlosse zu.

Herr Augsten gab natürlich gern feinen 6'gen. Sein vieles Geld und der alte Ache rusche Rame paßten sehr gut zusammen. UebrigenS hatte er das längst gewußt, daß es so kommen würde. Seine Wünsche waren im Leben überhaupt stets in Erfüllung gegangen, sogar ber, baß seine Frau ihn eines Tages verlieh, nachdem sie ihm durch ihre Launen und ihr unbeherrschtes Wesen das Leben jahrelang zur Hölle gemacht hatte. Edel­garde hatte vieles von ihr, unb es war gut, daß ihm Achern die Sorge für sie abnahm. Die anderen beiden Mädel waren gutmütige, lebens­frohe Geschöpfe, die würden ihren Weg schon machen. Die konnten auch in Gottes Ramen noch recht lange hier bei ihm in Gollwem bleiben. Herr Augsten war also ganz zufrieden, ließ Sekt aus bem Keller holen unb feine Hausbame stellte mit fabelhafter Geschwindigkeit ein Diner zu­sammen. So sah man bann in hellen Tennis­anzügen bei Tisch und feierte Dorverlobung.

(Fortsetzung folgt.)

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