Ausgabe 
18.2.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 42 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, (S. gebruar 1935

Straßenbahn-Erweiterung nach Klein-Linden und Krofdorf.

Seit 22. Dezember v. 3. verkehrt die Straßen­bahn von Gießen nach Wieseck bis zur Ortsmitte. Die Frequenz der neuen Linie hat sich bisher in befriedigender Weise entwickelt. Eine weitere Steigerung des Verkehrs dürfte mit Sicherheit zu erwarten sein, sobald die allgemeinen Wirt- schastsverhältnisse sich bessern und dadurch für zahlreiche Wicsecker Einwohner wieder Arbeits­möglichkeiten in Gießen, Weylar ufto. vorhanden sein werden. Jedenfalls hat die bisherige Ver- kchrsentwicklung schon überzeugend dargetan, daß die nach jahrelangem Streben zustandegekommene Erweiterung der Straßenbahnlinie nach Wieseck einer Notwendigkeit entspricht und auch wirt­schaftlich gerechtfertigt ist.

Die gleichen Verhältnisse find hinsichtlich des Verkehrs zwischen Gießen und Klein- Linden und zwischen Gießen und Krof­dorf anzunchmcn. Gegenwärtig ist auf beiden Strecken der Kraftpostlinien-Dienst im Gange. Die Postomnibussc sind nach unseren Beobachtungen im großen und ganzen gut beseht, jedoch ist die Zeitspanne zwischen den Fahrten zum Teil zu groß, so daß von einer ausreichenden Vefriedi- gung deS ständigen Verkehrsbedürsnisses nicht ge­sprochen werden kann. Diese Tatsache mag ihre Begründung darin haben, daß insbesondere im Nahverkehr auf der Postautolinie über Klein-Lin- den wegen der großen Fahrplanlücken die Wirt- schastlichkcit des Betriebes nicht gegeben ist. Fer­ner spielt hier, wie auch auf der Linie nach Krof­dorf, die Ungunst der Arbeitsmarktlage eine ge­wichtige Nolle. Ebenso ist die Höhe des Fahr­preises von wesentlicher Bedeutung: übrigens wird dieser Gesichtspunkt auch dann noch eine sehr bedeutsame Nolle spielen, wenn wieder mehr Ar- bcits- und Verdicnstmöglichkeit vorhanden sein wird, da der Faktor Fahrtunkosten natürlich im Nahmen eines Arbeitereinkommens immer erheb­lich ins Gewicht fällt'

N!an muß sich darüber klar sein, daß vom Standpunkt des ständigen Verkehrsbedürfnisses aus der Kraftomnibusverkehr zwischen Orten mit lebhaften Wirtschaftsbeziehungen immer nur ein . Dehelfsmittel ist. Die umfassende Befriedigung des Derkehrsbedürfnisses, d. h. die Bereitstellung von Fahrtmöglichkeitcn in kurzen Zeitabständen, wird nur durch eine Straßenbahnverbindung er­reicht werden. Von diesem Standpunkt aus hat man bisher bei den Erwägungen über die Schaf­fung von guten Vcrkehrsverbindungen zwischen Gießen und Klein-Linden bzw. Krofdorf die Auf­gabe betrachtet, und der gleiche Gesichtspunkt be­steht auch ferner zu Necht. An diesen Sachverhalt wird man sich erinnern müssen, wenn man jetzt bei der Llmschau nach guten und wirtschaftlich vertretbaren Arbeitsbeschasfungsmöglichkciten auf das Projekt der Straßenbahnerweite- rung von Gießen nach Klein-Linden bzw. nach Krofdorf zurückkommt. Das her- annahendc Frühjahr, von dem weite Devölke- rungskreise Arbeitsgelegenheit erhoffen, und die guten Erfahrungen beim Bau der Straßenbahn nach Wieseck lassen es angezeigt erscheinen, die Verwirklichung der im Projekt bereits ausgear­beiteten Straßenbahnlinie nach Klein-Linden und nach Krofdorf zur Inangriffnahme im Laufe die­ses Jahres zu empfehlen. Die Bedingungen für den Dau dieser Linien sind verhältnismäßig gün­stig, da bekanntlich das Neich die Erschließung aller wirtschaftlich aussichtsreichen Arbeitsbe­schaffungsmöglichkeiten finanziell begünstigt und auch die Wirtschaft, sowie die Arbeiterschaft gro­ßes Interesse an der Schaffung neuer Betäti­gungsfelder haben.

Für den Bau der Straßenbahnlinie nach Klein-Linden sind u. W. drei Möglich­keiten vorhanden. Die Ueberquerung der Bahn­gleise in der Frankfurter Straße ist leider nicht durchführbar, da eine Niveaukreuzung von Stra­ßenbahn und Reichsbahn gesetzlich nicht zulässig

Oie Lichisiadi zur Kriseuzeit.

pariser Brief.

Don unserem ?.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, Mitte Februar 1933.

Man merkt nicht viel von Karneoalstimmung in Paris. Dia Zeiten sind ernst eine Behauptung, die man diesmal nicht allein in der Kammer zu hören bekommt. Und ernste Zeiten spiegeln sich am ehesten gerade in denjenigen Veranstaltungen, die heiter wirken sollen: es hastet ihnen irgend etwas Gezwungenes an. Selbst diejenigen, die die immer­hin auch in Frankreich herrschende Krise nicht un­mittelbar zu fühlen bekamen, haben die Lust an lauter Unterhaltung verloren. Und die große Masse denkt überhaupt recht wenig an außergewöhnliche Zerstreuung. Die Kinos sind allerdings voll und die Krisen der Filmgesellschaften scheinen nur auf die üblichen Gründe, die der Filmindustriespezi- fisch" sind, zurückzugehen. Jedenfalls hat das Wirt­schaftsleben viel dunklere Kapitel. Die Theater kla­gen und bei der Suche nach Hilfsmitteln scheinen alle gleichzeitig auf die Idee verfallen zu sein, aus­ländische Autoren zu spielen. Alte Kenner ver- sichern, daß sie noch nie eine solche Invasion fremder Stücke erlebt haben, wie jetzt: ähnlich geht es bei den Verlegern, denen es im übrigen be­sonders schlecht geht. Schon hört manBefürchtun­gen", daß der kulturelle Einfluß Frankreichs im Auslande dadurch leiden werde.

Nichts wäre aber verfehlter, als das Leben in Paris auf Grund solcher Eindrücke beurteilen zu wollen. Theater und selbst Kinos sind der breiten Masse ziemlich gleichgültig, wenn man auch in den Dorstadtkinos vielen Gesichtern begegnet, denen es man ansieht, daß sie das kleine Vergnügen mit Spar- Sous erkauft haben.

Paris ohne Ausländer. Das Schlag­wort ist schon beinahe banal geworden, und stimmt doch wörtlich genommen nicht. Es gibt noch immer Ausländer, wenn auch ihre Zahl und dieQualität", sagen die Luxusgeschäfte sich sehr stark vermindert hat. Die Ausländer steigen dementsprechend in der allgemeinen Wert­schätzung Heiner^ oder größere Neisekara- toanen aus Mitteleuropa (selbst auf Tauschgrund­lage) werden mit einer geschäftshungrigen Freude gefeiert, mit der man in den schon fast vor­geschichtlich scheinenden guten Z: ten nicht einmal die begüterten Amerikaner ausnahm. Der früher so starke angelsächsische Einschlag ist wie verschwunden und unter der oberflächlichen Tunke kommen jetzt manche Züge des alten Pariser Lebens wieder zum Vorschein. Man stellt sich wieder mehr auf das bürgerliche Publi­kum ein, aus Luxuslokalen für Millionäre werden höchst bürgerliche Kaffeehäuser. Um das Luxus­leben steht es schlecht, auf den vornehmsten Straßen, in den schönsten Villenvierteln prangen

ist. Cs bestehen aber Möglichkeiten, den Bahn­übergang in der Frankfurter Straße zu um­fahren. Ein Vorschlag geht dahin, vom ßubtoiga- platz aus eine Linie durch die Ludwigstraße (Un­terführung der Bahnbrücke) und das Klinikviertel nach Klein-Linden zu schaffen, wobei gleichzeitig das Süd- und Klinikviertel für den Straßen- bahndienst erschlossen werden könnte. Die Be­wohner dieses Viertels würden zweifellos diese Verkehrsmöglichkeit begrüßen. Ein anderer Vor- schlag stützt sich auf die Errichtung einer Straßen­bahnbrücke vom Gelände der Alten Klinik aus über den Bahnkörper hinweg nach der Frank­furter Straße, um auf diese Weise die Niveau­kreuzung mit der Reichsbahnstrecke zu vermeiden. Man kann aber auch an einen Pendelbetrieb zwischen Klein-Linden und Ecke Frankfurter Straße, Wilhelmstraße mit Umsteigemöglichkeit

überall die TafelnZu vermieten". Selbst in den Straßen, wo man früher nur durch gute Beziehungen Wohnung oder Geschäftslokale er­halten konnte, scheut man sich nicht mehr, vor denunfeinen" Anp.e.sungen. Selbst die ewigen Feinde der Pariser, die Portierfrauen, sind höf­lich geworden, obgleich die Mieten unregelmäßig einfliehen.

Ob in Paris, oder auf dem Lande: seit einigen Wochen können dem Reisenden die zahlreichen und sich immer wiederholenden Demonstra­tionen nicht entgehen. Es sind sonderbare Kundgebungen und sonderbare Demonstranten. Es geht nicht um die Politik, sondern gegen d i e Politik. Und die Masse, die von den Po­lizisten die gleicherweise immer in Masten erscheinen im Zaum gehalten wird, sieht ganz und gar nicht umstürzlerisch aus. Es sind un­willige Steuerzahler, bald die kleinen Kaufleute und Rentner, bald Landwirte und Unternehmer. Kurz, es demonstriert diejenige Menschensorte, die früher die beste Kundschaft der Vergnügungslokale bildete. Cs gibt viele, die die sich täglich in anderer Form wiederholenden Kundgebungen unterschätzen, andere dagegen, und darunter manche besorgte Historiker, versichern, daß es in Frankreich ein schlimmes Zeichen sei, wenn die sonst friedlichsten Bürger auf der Straße demonstrieren.

Das scheint sich auch der Duc deGuise.der bourbonische Thronprätendent Frankreichs, ge­dacht zu haben. Große gelbe Plakate verkünden in Paris, daß mit der staatlichen Vergeudung nur durch die Rückkehr zur reinen Privatwirtschaft aufzuräumen sei. Um aber zu dem nationalen und ehrlichen, zu dem unabhängigen, unparteiischen und stabilen Staat zurückzukommen, müsse man den Weg der Diktatur beschreiten. Die Diktaturder Monarchie! Man ist in Paris politischen Plakaten gegenüber skep­tisch und man nimmt von ihnen wenig Notiz. Die­ses Schicksal teilten sie bisher mit den royalisti­schen Kundgebungen, die gewöhnlich nur von jugend­lichen Anhängern derAction Fran^aise veran­staltet werden. Das Plakat des Thronprätenden­ten berührt aber doch eine empfindliche Seite der französischen Bürger, man interessiert sich we­nig für Diktatur und Monarchie, aber um so mehr für bie Gleichheit vor dem Fiskus. Man klagt weit und breit, daß die Steuern par­teiisch angeseht werden, und die Kammer bei ihrer Festsetzung von marxistischen Gesichtspunkten aus­geht. Die Einkaufsgenossienschaften. die jährlich 18 Milliarden Umsatz aufweisen, sind nicht be­steuert, während der Kleinhändler unter den Steuerlasten stöhnt. Und das soll nur ein Beispiel fein... Die Politik war noch nie so unvolkstüm­lich wie jetzt, doch schließlich ist das auch nur eine Form der Politik...

beim Katholischen Dereinshaus denken, wobei allerdings was jedoch kein Hinderungsgrund fein dürfte die Schaffung eines Straßenbahn- depots in Klein-Linden erforderlich wäre. Wel­cher von diesen Vorschlägen den Vorrang ver­dient, soll in diesem Zusammenhang nicht unter­sucht werden, immerhin wird die gleichzeitige weitmögliche Erschließung des Südviertels beim Straßenbahnbau nach Klein-Linden eine hervor­ragende Rolle spielen müssen. An der Schaffung dieser Verbindung hat auch Klein-Linden sehr großes Interesse, denn für diesen Ort, der schon auf anderen Versorgungsgebieten eng mit Gie­ßen verbunden ist, wird die Tatsache einer bil­ligen und häufigen Fahrtmöglichkeit im Ver­kehr mit Gießen von weittragender Bedeutung sein. Angesichts der vorerwähnten günstigen Ver­hältnisse für den Bau der Strahenbahnverbin-

dung sollten die berufenen Vertretungskörper­schaften bzw. die Verwaltungen beider Orte nicht zögern, umgehend in eine ernstliche Prüfung der Angelegenheit einzutrcten und dabei alle Kräfte anzuspannen, um aus dem jahrelangen Projek­tieren nunmehr wie Wieseck zur Tat zu kommen.

Die gle'che vordringliche Gegenwartsausgabe besteht auch für die Verwirklichung der Krof - dorscr Ve.kchrswünsche. Rach d.eser Richtung wird die Linienführung einfach sein: sie wird wohl nur vom Marktplatz aus durch die Neustadt über d'.e Lahnbrücke entlang der Landstraße gehen können, wenn die Wirtschaftlichkeit des Betriebs nicht in Frage gestellt werden soll. Im Jahre 1927 wurde die Schaffung dieser Linie zwischen Krofdorf und Gießen bereits erwogen, leider kam es damals aber nicht zur Tat, da mancherlei Umstände der Verwirklichung der guten Absicht hinderlich waren. Falls etwa die Verwaltung der Diebertalbahn dem Projekt Schwierigkeiten in den Weg legen sollte, vielleicht unter Hinweis auf ihre von der hessischen Regierung ohne Vor- wissen des Kreisamtes Gießen und der Gießener Stadtverwaltung auf viele Jahre verlängerte Konzession, so kann man mit guter Begründung erwidern, daß der im Fahrplan und im Zustand der Verkehrsmittel mangelhafte Betrieb der Diebertalbahn als Defriedigung des Verkehrs- bedürfnifses der Gemeinden Krofdorf, Launs- bach und Fellingshausen in keiner Weise an­gesehen werden kann, ferner eine Straßenbahn- Verbindung GießenKrofdorf der Diebertalbahn auch keinen Abbruch tun wird, da kein Krofdorfer Einwohner, wenn er Gießen aussuchen will, erst nach dem Haltepunkt Krofdorf der Diebertalbahn an der Landstraße bei Rodheim wandern wird, um von dort die nicht gerade bequeme Fahrt mit dem Dieberlieschen anzutreten. Bei der hier gegebenen Sachlage ist als allein entscheidend festzuhalten, daß das lebenswichtige Verkehrs­interesse der Einwohnerschaft von Krofdorf und der Nachbarorte unbedingt den Vorzug vor einem ungenügenden Kleinbahnbetrieb haben muß. Der Betrieb einer Straßenbahn zwischen Gießen und Krofdorf wird übrigens nur dem Personenverkehr zu dienen haben. An die Möglichkeit einer Güter­beförderung. von der man im Jahre 1927 beson­ders in Krofdorf hörte, wird wohl kaum zu denken sein, da die wirtschaftlichen Voraus­setzungen für einen solchen Teilbetrieb kaum ge­geben sind. Das Schwergewicht aller Anstrengun­gen wird jedenfalls auf die baldmöglichste Her­stellung des Straßenbahn-Personenverkehrs zu legen sein. Man darf wohl hoffen, daß beide Gemeindeverwaltungen es jetzt angesichts der verhältnismäßig günstigen Llmstände an einem Vorstoß zur Verwirklichung des Projekts nicht fehlen lassen werden.

Wettervoraussage.

Die Störungstätigkeit hat sich über ganz Deutschland entfaltet und bleibt zunächst bestim­mend für unsere Wetterlage. Durch den tiefen Druck wird vom Ozean teils milde, teils auch kalte Luft nach dem Festland hingesaugt, so daß sich das Wetter wechselhaft und noch winterlich gestalten wird. Es treten dabei öfters, wenn auch teils leichtere Schneefälle auf. Die Temperaturen schwanken tagsüber um den Gefrierpunkt und kommen zeitweise darüber zu liegen, während nachts weiterhin Frost auftritt.

Aussichten für Sonntag: Wechselnd bewölkt mit zwischenzeitlichem Aufklaren, Tem­peraturen tags um den Gefrierpunkt, nachts noch Frost, zeitweise Schneefälle.

Lufttemperaturen am 17. Februar: mittags mi­nus 1,2 Grad Celsius: abends 0,3 Grad. Am 18. Februar: morgens minus 0,4 Grad. Maximum 2 Grad, Minimum minus 6 Grad. Niederfchläge 0,2 Millimeter. Sonnenscheindauer VJt Stunden. Erdtemperaturen in zehn Zentimeter Tiefe am 17. Februar: abends minus 0,8 Grad: am 18. Fe­bruar: morgens minus 0,2 Grad Celsius.

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