Doktor Grudes Ehe.
Driginalroman von J. Schneider-Zoerfil.
16. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Zuweilen merkte sie. wie ihn sein Gedächtnis im Stiche ließ. Er wurde knabenhaft verlegen, wenn er sich darauf ertappte. „Legen Sie mir einen Zettel auf den Schreibtisch, Lena! Ich werde so zerstreut!"
Aber es war nicht Zerstreuung! Es war die Wirkung des Morphiums, die ihm Körper und Geist zer- fraß.
Manchmal, wenn sie ihn unvermutet ansprach, schrak er zusammen, mußte sich besinnen, und gab eine verkehrte Antwort. Sie war immer auf der Hut! Immer in Sorg«, es könnte ihm ein Mißgriff in der Praxis passieren.
Aber wenn sie dann sah, daß er sich trotz allem wieder hochraffte und Herr seines Körpers und seines Geistes wurde, beruhigte sie sich wieder.
Zuweilen besorach sie sich mit Dick. Montrey war so ratlos wie sie selber. „Wann ich wüßt, daß es nicht gar zu schlimm ausfallt, töt ich ihn einmal in denStroß'ngrob'n hineinchauffiern", knurrte er. „So ein kleines Beinbrücheri, meintweaen auch ein großes, daß er an die zehn oder zwölf Wochen zur Er- holung braucht, fönnO gar net schad'n. Dann bringen wir ihn in eine Klinik, dort kann er sich langsam auskurieren."
Aber Lena widerriet. Man konnte nicht wissen, wie so ein Wagnis ausfiel.
Sie fuhren beide zusammen, als in dem gegenüberliegenden Schlafzimmer Madlens schrilles Organ aufgellte Ein Stuhl flog krachend an die Türe. Ein hysterisches Lachen folgte. — Dann war Ruhe.
Aber diese Ruhe war unheimlich.
Lena saß halb zusammengeduckt neben Montrey und zitterte an allen Gliedern, obwohl solche Auftritte sich in der letzten Zeit tagtäglich ereigneten, sagten sie ihr doch immer wieder den gleichen Schauder über den Rücken.
Die junge Frau nahm sich nicht einmal mehr während der Zeit der Sprechstunde zusammen. Die Patienten hatten erst die Köpfe zusammengesteckt und sich erstaunt in die Augen gesehen. Dann lächelte man. Man tuschelte im Gange und im Treppenhaus. (Eine Woche später wußte die ganze Straße davon und nach weiteren vierzehn Tagen das ganze Viertel, wie es um Dr. Grudes Ehe stand.
Wie immer ergriff man Partei für die beiden: die einen für den Mann, die anderen für die Frau! Er war dreiunddreißig Jahre und sie zwanzig! Und er hatte ihre Schwester geliebt!
Und auch das klügelte man allmählich heraus: er sollte Morphinist sein!
„Schrecklich! Mit einem solchen Menschen in Ge
meinschaft leben zu muffen! Kein Wunder, wenn die junge Frau Lärm schlug."
Und selber mußte man auch Vorsicht walten lassen. Ein Arzt, der Morphinist war! ... Man konnte nicht wissen, welche Gefahren einem dabei drohten.
Grudes Praxis begann sich zu lichten. Er merkte es nicht einmal, war nur froh, endlich etwas mehr Ruhe zu bekommen.
Aber Lena konstatierte es mit Schrecken. Richt, weil die Einnahmen zurückgingen, sondern aus Besorgnis um seinen Ruf als Arzt. Vielleicht rüttelt« sie ihn wach, wenn sie mit ihm darüber sprach.
Er hörte sie geduldig an und nickte: „Ich weiß schon, Lena, jo! ... Haben Sie noch ein bißchen Geduld mit mir! Es wird ja ohndies nicht mehr zu lange dauern!"
Nacht für Nacht lag sie nun schlaflos, biß die Zähne in die Kiffen, um nicht hinauszuschreien und war am Morgen so zerschlagen wie er selbst. Die Praxis machte kaum mehr Arbeit. Dafür häuften sich die Schuldet,.
Lena hatte Dick zum Scheine seinen Gehalt aus- bezahlt, weil es Grude so haben wollte. Aber er gab ihn ihr im Geheimen wieder zurück.
„Ich kann das nimmer mitansehen, Lena! Ich kann einfach net!" klagte er.
„Sie dürfen nicht gehen", beschwor sie ihn. „Er muß jemand haben, der das Letzte verhütet."
,Zs ja eh keine Red vom Gehen", beschwichtigte er. „Ich bleib schon und wann wir miteinander ver- hungern. Aber für das eine kann ich net garantieren, ob ich ,sie' net eines Tages über den jjauf’n knall."
Die Lena wußte, wie ernst es ihm war und wagte kaum mehr aus dem Hause zu gehen, wenn sie Dick und Madien allein in der Wohnung wußte.
Madien selber aber kümmerte sich um nichts. Sie sand es nur gräßlich langweilig in der engen Begrenztheit ihres Heimes, obwohl Grude jetzt mehr Zeit fand, sich ihr zu widmen.
Zuweilen las er ihr des Abends sogar vor. Dann lag sie in den Kissen und ärgerte sich, wenn sein Kopf plötzlich hintenüber glitt. „Wie ein alter Mann", dachte sie gereizt.
Dann sah sie nach Christas Bild an der Wand, das sie seinerzeit für ihn erbeten hatte und bekam einen bösen Ausdruck um die Winkel des Mundes.
Was hatte er nun schon davon? Was er sagen würde, wenn sie ihm eröffnete, daß die Schwester gar nicht tot sei? Sie empfand eine so grausame Lust, ihm ihren Betrug einzugestehen, daß sie ihn mit offenem Spotte fragte: „Was würdest du tun, wenn Christa lebt«?';
Er schüttelte nur den Kopf und legte ihn müde wieder zurück. „Laß die Toten ruhen, Modlen ..." Was er noch hinzusetzte, konnte sie nicht verstehen, so leise war es gesprochen.
Die Tage liefen.
Eines Abends, als Grude eben zu einer Schwer- kranke n gerufen wurde, hörte Madien auf dem Flur eine Stimme, die in ein leises Flüstern überging. Es litt sie nicht mehr im Schlafzimmer. Sie mußte wissen, wer es war. Vorsichtig schob sie den Riegel zurück und spähte hinaus.
Dor der weißen Gangtoilette stand Rolf und neben ihm eine Dame, die einen schwarzen Schleier von ihrem Haar nahm. Als dieTüre knarrte, wandte die Fremde den Kopf.
Ein gellender Schrei klang auf. Madien sprang zurück. Aber Wellenberg hatte bereits den Fuß über die Schwelle gestellt. „Das macht dein schlechtes Ge- wissen", sagte er gleichmütig. „Christa hot mit dir zu sprechen."
Feindlich tauchten die Augen der jungen Frau in die der Schwester. Dann machte sie eine Hand- beroegung, die zum Eintreten aufforderte.
Wellenberg blieb zurück und hört«, wie sich der Riegel wieder vor die Tür schob. Es war das letzte Mittel, das er mit Dick und Lena, bi« längst in Madlens Betrug eingeweiht waren, zu Grudes Rettung ausgedacht hatten.
Christa muß der Schwester ins Gewissen reden.
Madien saß auf dem Rand ihres Bettes und sah unsicher zu dem bleichen Gesicht auf, das kaum mehr eine Ähnlichkeit mit dem anderen hatte, das da zu ihren Häupten aus dem breiten Goldrahmen zu ihr herabsah. So schmal und durchsichtig war es geworden. „Was willst du eigentlich von mir?" stieß sie heraus.
„Dich fragen, was du zu tun gedenkst, um Felix* Leben wenigstens wieder einigermaßen erträglich zu gestalten?"
Madien schob die Brauen zusammen und ihr« Hand flog unwillkürlich hoch. Das war ja beinahe wie eine Vernehmung vor Gericht. Und sie saß doch hier in ihren eigenen vier Wänden.
Christa täuschte sich, wenn sie glaubte, daß sie so leicht einzuschüchtern war. Sie sagte schroff:
„Wie wir unser Geben eingeteilt haben, geht niemand etwas an! Auch dich nicht! Und so unerträglich wie du dir das vorstellst, ist es wiederum nicht. Daß ich nicht immer bester Laune bin, ist nicht verwunderlich. In dieser Zeit sind alle Frauen so. Das hat mir Felix selbst gesagt. — Außerdem ist es lad), haft, daß du dich in unsere Angelegenheiten mengst. Du irrst, wenn du etwa glaubst, daß mein Mann auch nur eine Stunde der Sehnsucht nach dir gehabt hat. Seit wir verheiratet sind, hat er deinen Namen kaum mehr erwähnt." Und als Christa zusammenzuckte, tat sie noch ein übriges, die Schwester zu verletzen. „Selbst wenn er dich sehen würde, trennte er sich nicht von mir und dem Kinde. Und was ich damals getan habe, das tat ich aus Liebe... Jawohl, aus Liebe!" schrie sie, als der Mund der Schwester sich verächtlich verschob.
„Und jetzt?" fragte Christa beherrscht.
„Mein Gott, jetzt? ... Man kann sich doch nicht gegenseitig auffressen vor Zärtlichkeit. Und das Um- schmeicheln und Süßtun wie du, das habe ich ni« gelaunt. Wenn du etwa daraus gerechnet halt, daß ich ihn freigebe, so möchte ich dir diese Hoffnung ein für allemal nehmen. — Er bleibt bei mir."
Christa ließ den Blick, der durch das Zimmer ge- wanden war, wieder zu ihr zurückkehren. „Du bist abgeschweift", sagte sic ruhig. „Ich habe Beweise, daß Felix neben dir das Leben eines Märtyrers führt. Du hast ihn zu einem Morphinisten gemacht! »eine Praxis hat abgenommen! Rolf sagt, daß er auf dem sichersten Wege ist, zugrude zu gehen. Des- wegen habe ich nicht geschwiegen, daß ich ihn der Verzweiflung in die Arme treibe. Ich habe geschwiegen, um fein Glück zu schonen! — Und das deine!... Aber nun, da es kein Glück geworden ist, habe ich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Ich werde auf ihn warten und ihm sagen, auf welche Weise du dir das Recht gestohlen hast, seine Frau zu sein. Wieviel verlangst du, wenn ich ihn von dir lostaufe?"
,»a!...“
Wellenberg, der in Grude» Sprechzimmer am Fenster stand, schrak zusammen, als er diese» häh- sich-hysterische Lachen Madien» hörte.
„Was verlangst du?" wiederholte Christa.
„Du siebst ihn wohl immer noch?"
„Hast du daran gezweifelt?"
Und bann geschah das Unerhörte: ... Christa glitt vor der Schwester in die Knie und drückte die gefalteten Hände gegen deren Leib. ,„Had Erbarmen mit ihm."
Madien fühlt« die Schwere, mit welcher der schlanke Körper gegen den ihren lag und empfand ein Gefühl erhebenden Triumphes „Da machst du nun ein solches Theater um ein Nichts!" schalt sie ärgerlich. „Was fehlt ihm denn? Er hat doch olle»! Das bißchen Streit, das wir zuweilen mitsammen haben, gibt es doch in anderen Ehen auch. Warum nimmt er auch alles immer gleich so tragisch! Da gäbe es ja gar kein Fertigwerden mit lauter Rücksichtnahme und um Verzeihung bitten. Ich sag«, wie ich's meine, und er soll es auch tun."
„Er ist anders als du", verteidigte Christa den Geliebten und streichelt« nun die Händ«, die sich vor ihr zurückziehen wollten. „Du siehst doch selbst, rote er leidet, Madien. Ich vermeinte ihn glücklich . . . und du hast ihn unglücklich gemacht. Ich wollte ihn schonen und habe ihn dem Elend preisgegeben. Ich verkroch mich, seinen Frieden nicht zu gefährden, und du schaffst ihm ein Leben der Hölle Denk doch, wenn er dir eines Tages genommen würde. Kannst du dir das vorstellen, Madien?"
Die junge Frau nagte an ihrer Unterlippe. „Mein Gott, an so etwas stirbt man doch nicht gleich. Ich weiß schon, an der ganzen Hetze ist nur Dick schuld. Dick und Rolf. Das ist der Dank, daß ich Montrey im Hause dulde."
(Fortsetzung folgt.)
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Sonntag, den 19. November 1933, abends 8 Uhr, im Lukassaal
Familien-Abend
Vortrag: »Aus dem Leben Martin Luthers« Musikalische u. gesangliche Darbietungen Mitwlrkende: Frau Landgerichtsrat Strack, Frl. Milli von der Heydt, Pianist Julius Hahn.
Per Klrchenvorietand der Lukasgemeinde. — Der Vorstand dee fiemelndevereins d.Lnkasgemeindc I Lichtspielhaus • Gießen H
Heute Freitag zum letztenmal:
Unsichtbare Gegner I
Ab Samstag: Theodor Loos und Blee Bieter in I dem herrlichen Kriminalfilm (?OisC Geheimnis des blauen Zimmers I
Vorverkauf
VON Buchen-, Hainbuchen-, Lichen- und Fichten-Stammhol; aus den Waldungen der Gemeinde Hungen.
Aus dem Wege der Submission kommen zum Verkauf: 7017t)
Vuchen-Schnitthalz: III. Klasse *15 hn, IV. Klasse 70 fm, V. Klasse 30 km.
Hainbuchen-Stämme: II. Klasse 25 fm, III. Klasse 12 fm.
Lichen-Stämme: I. Klasse 5 fm, II. Klasse 30 fm, III. Klasse 70 fm, IV. Klasse 40 fm, V. Klasse 5 fm.
Fichten-Siämme: la-Klasse 12 fm, Id- Klasse 70 fm, Ita-Klasse 100 fm, Ild-Klasse 30 fm, Ilta-Klasse 10 fm, IIId-Klasse 5 fm.
Wirtschaftsjahr 1933: Fichten-, Därr- und windfallholz: ta-Klasse 1,65 fm, Ib- Klasse 3,78 fm, Ila-Klasse 2,68 fm, Ild-Klasse 1,49 fm.
Sämtliches Holz wird nach den in Hess. Staatswald gültigen Vorschriften aufgearbeitet und ohne Binde gemessen.
Gebote sind schriftlich mit der Aufschrift „Holzverkauf" spätestens bis zum Dienstag, dem 21. November 1933, vormittags 10 Uhr, bei der Bürgermeisterei Hungen «inzureichen, woselbst anschließend die Dehnung der Gebote in Gegenwart erschiene- ner Bieter erfolgt.
Die Gebote sind nach Holzarten und Klassen getrennt einzureichen und gelten, falls nicht anders bemerkt, für ungeschältes Holz.
Zahlungsbedingungen: je / sofort nach erteilter Genehmigung, 1. Juni, 1. September und 1. Dezember 1934. Bei Barzahlung sofort nach erfolgter Ueberweisung kann ein Nachlaß bewilligt werden.
Die Holzmengen sind nur geschätzt, Verschiebungen innerhalb des Klassenanfalls können vorkommen, ein Mehr- bzw. Minderfall von 20 v. H. muß übernommen werden.
Auskunft erteilt Förster Bommersheim, Villingen.
Hungen, den 10. November 1933.
Bürgermeisterei Hungen.
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