IMMMMA.
Vornan von Helma von Hellermann.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Da sah ich zum erstenmal Frau Maloreen in Gesellschaft jenes Mannes, den sie heute als Fremden begrüßte. Sie bewohnten eine Flucht im zweiten Stock, und man nannte sie Monsieur und Madame Traillon."
Er schwieg einen Augenblick; es schien, als zögere er.
„Das — Ehepaar verkehrte ausschließlich in ausländischen, hauptsächlich französischen Kreisen. Von den Deutschen dort wurde ..." Wieder stockte er. Eine befehlende Geste Steinherrs. . wurde es gemieden!" vollendete Georg von Vandro, angestrengt den Aschenbecher betrachtend. „Es hieß, die beiden stünden im französischen Nachrichtendienst."
Das Gesicht des aufmerksam lauschenden Mannes hatte sich verfinstert, aber es blieb ruhig.
„Ich dachte mir schon Aehnliches", sagte er langsam. „Es wäre durchaus möglich, daß ... Lassen Sie mich Ihre Mitteilungen mit meinen Erfahrungen während des Londoner Besuches ergänzen."
Georg von Vandro horchte überrascht auf.
„London? Als Sie mit Madame — mit Frau .. Steinherr bejahte kurz.
„Daß der ihr also wohlbekannte Franzose mitflog, haben Sie vielleicht gehört, auch daß sie sich seiner kleinen Ritterdienste absolut nicht mehr entsinnen konnte."
Ein stummes Kopfneigen. Gespannt hingen des jüngeren Mannes Blicke an den Lippen des anderen, der nun von jener seltsamen Begegnung im nächtlichen Nebel und von dem kleinen Heft, das die Maloreen ihm so schnell entrissen, berichtete.
„Ich versuchte zu kombinieren; aber jede Lösung beruhte auf Vermutungen. Mir fehlte jeglicher klare Beweis. Immerhin, ich war mißtrauisch geworden, und von da ab auf der Hut. Sie wissen ja, daß ich nach London flog, um mir das neue, stahlhärtende Verfahren, das der in England lebende Doktor Ever- lein erfand, zu erwerben, ehe mir andere zuoor- kamen. Es gelang mir auch. Aber jene anderen hatten wohl Kenntnis vom Zweck meiner Reife. Zweimal wurde ein Einbruch ins Laboratorium nur durch die Wachsamkeit des Erfinders und feiner Helfer verhindert. Und zweimal versuchten sie es bei mir.
Ws wir — immer vorsichtshalber zu viert — auf die Bank von England fuhren, um den einen Teil der Formel auf mein Tresor zu bringen, gab es direkt vor dem Portal einen Zusammenstoß mit Fremden. Ein Kerl riß mir den Mantel auf — es gelang mir aber, ihm den Arm umzudrehen. Er schrie auf. Sofort war Polizei da. Aber die Kerls waren schon verschwunden. Unglaublich schnell ging alles."
„Und das zweite Mal?" fragte Georg von Vandro, atemlos zuhörend.
„Da beehrten sie mich im Hotel mit ihrem Besuch", lachte Steinherr kurz auf, „und zwar in der Nacht, in der sie mich im Besitz der ganzen Formel wähnten. Da ich ein wenig von Chemie verstehe, interessierte mich die Zusammensetzung des Wundermetalls, und ich hatte mir eine Kopie erbeten; wollte sie einmal durchstudieren und bann sofort verbrennen. Unterließ es jedoch, wiederum: vorsichtshalber — was durchaus kein Fehler war, wie ich später merkte.
Während ich spät nachts am Schreibtisch saß und allerlei alte Briefschaften durchsah, hatte ich auf einmal das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber nirgends war etwas Verdächtiges zu merken, so gründlich ich jede Ecke und jeden Winkel im Zimmer, an der Wand und an der Decke absuchte. Da kam mir eine Idee. Ich legte einen alten Brief in einen Umschlag, schrieb „Geheimformel" darauf, versiegelte ihn und legte ihn unter mein Kopfkissen. Ich war fest entschlossen, wachzubleiben, um einen eventuellen Besuch gebührend empfangen zu können. Doch überfiel mich gegen Morgen plötzlich eine derartige bleierne Müdigkeit, daß ich wie ein Sack in Schlaf versank. Als ich sehr spät und mit scheußlichen Kopfschmerzen erwachte, fehlte der Brief unter meinem Kopfkissen, während sich sonst alles im Zimmer in tadelloser Ordnung befand. Hoffentlich hat der Briefinhalt Freude bereitet!"
„Und jetzt?" fragte Georg von Vandro nach kurzer Pause.
„Tja — jetzt scheinen die lieben Freunde zu wissen, daß der eine Teil der Geheimformel sich in Deutschland befindet!" lächelte der andere, dem Rauch seiner Zigarette nachblickend. Er lächelte dann Vandro an: „Die Herren Franzosen sind außerordenllich geschäftstüchtig, das muß man ihnen lassen. Kommen selbst in harmlosester Absicht — und bringen sich gleich einen Kundschafter mit." Die breiten Schullern reckten sich, als Steinherr sich aufrichtete: „Aber wir wollen unhöflich sein und ihre Neugier nicht befriedigen, daher liegt das Rezept in drei verschiedenen Ländern in drei verschiedenen Tresors. Nur richtig zusammengestellt, ergibt sich das richtige Resultat.
Und diese letzte Formel befand sich für eine einzige Nacht hier. Heute früh wurde auch sie in sicheren Gewahrsam gegeben. Das wissen die Freunde meiner Tätigkeit aber nicht. Ich lasse Werk und Geschäftsräume noch Tag und Nacht bewachen. Wollen mal sehen, ob sie darauf hereinfallen und die Kostbarkeit wieder hier vermuten."
„Wer bürgt für die Unbestechlichkeit der Wächter?" fragte Georg von Vandro.
„Ihre Zahl", erwiderte Steinherr lakonisch, auf die Klingel auf seinem Schreibtisch drückend. „Einer paßt auf den anderen auf, denn es sind hohe Belohnungen für Entdeckung und Meldung jeder kleinsten Unregelmäßigkeit ausgesetzt worden, und bekanntlich gönnt man die sich selber in erster Linie. Die Post!" Zu dem an der Tür erscheinenden Boten gewandt. „In zehn Minuten soll Herr Siegel zum Diktat kommen! — Um zwölf Uhr müssen wir wieder hineinfahren; Aufsichtsratssitzung in der Deutschen Bank."
„Sehr wohl, Herr Steinherr."
Georg von Vandro sprang auf, stand rank und schlank vor dem großen Mann im Sessel, der ihm freundschaftlich zunickend die Hand bot.
Welch festen Handdruck der kleine Blonde hatte; an dem war nichts Schlappes und Halbes. Einen Augenblick lang sah Steinherr ihm nach, dann kam die eingelaufene Post, der Sekretär -- die Arbeit begann.
Müde, durchfroren, langte Georg von Vandro abends gegen neun Uhr im Gartenhäuschen an. Aber fein Gesicht hellte sich auf, als Wera ihm entgegenlief und die Arme um feinen Hals schlang. Fest drückte er sie an sich, küßte ihr Haar, ihre Wange, die sich endlich ein wenig zu runden begonnen, den Mund, der sich willig seiner Zärtlichkeit darbot.
„Ach, das tut wohl!" Er stellte sich mit dem Rücken gegen den alten großen Kachelofen, dem stetige Wärme entströmte, und rieb seine Schultern nach Kinderart Dagegen. „Und wie behaglich und reizend alles aussieht, Weralein. Es lohnt sich, fortzumüssen, um so empfangen zu werden!"
„Es war ein anstrengender Tag für dich. Lieber" — und ein einsamer für mich, fügte ihr Herz stumm hinzu; aber das durfte Georg nicht wessen. Besorgt betrachtete sie die blassen, abgespannten Züge des Gatten; aber sogleich spannten die sich zu einem Lächeln.
„Müde bin ich wohl, Schatz, aber sonst wohlauf. Ich freue mich auf den schönen Abend mit dir!"
Sie gab sich anscheinend damit zufrieden, blies ihm einen Kuß zu. „Es gibt Lende und Rotkraut!" Alsdann verschwand sie in die Küche. Aber obwohl das
Essen diesmal vorzüglich zubereitet war, vermochte Vandro nur wenig davon zu genießen. Erst als er auf Weras Nötigen einen heißen Grog gebraut und, das dampfende Glas vor sich, mit feiner jungen Frau in der Sofaecke saß, schwand endlich das Kältegefühl auf Brust und Rücken, das er den ganze» Tag gespürt.
Ganz in die wunschlose Stille des Beisammenseins versunken waren die beiden Menschen, die das Schicksal so seltsam zusammengeführt, und genossen aus tiefstem Herzen ihr Glück, als ahnten sie, daß feine Dauer nur kurz sei ...
24. Kapitel.
„Sie wollen die Hüte haben, mitzukommen zur Werkbesichtigung der Herren? Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Jenny. — Aber gewiß — vielen Dank!"
„Aber nur, wenn es Ihnen wirklich recht ist!" vernahm er die Stimme der Maloreen im Hörer. „Ich merkte gestern, daß Sie das Französisch etwas mangelhaft sprechen, und da dachte ich, es fei Ihnen vielleicht lieb, eine befreundete Seele zur Seite zu haben."
Das spottende Lächeln um des Mannes Mund vertiefte sich. „Und da will Frau Jenny den rettenden Engel spielen. Famos! Ich bin Ihnen wirklich zu außerordentlicher Dankbarkeit verpflichtet!"
Schwer war es, den Hohn aus seiner Stimme zu hatten.
„Ich werde etwas früher kommen, um bei der Ankunft der Herren zur Stelle zu fein!" versprach die Frau. Legte den Hörer langsam und sorgsam auf den Apparat zurück und wandte sich dem Manne zu, der, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf der Chaiselongue lag und ihre Bewegungen in fauler Behaglichkeit verfolgte.
„Er erlaubt es?"
Unter breiten weißen Lidern funkelten die grünen Augen ihn gereizt an — schlossen sich bann, als wollten sie einen unerwünschten Anblick ausschließen.
„Aber natürlich!"
Es klang gleichgültig und müde.
.Der Mann lachte. Unter dem kleinen dunklen Schnurrbart schimmerten spitze weiße Zähne.
„Natürlich, sagt sie und schläst beinahe ein, während wir vor Spannung den Atem .Inhalten! Meine liebe Jenny, du bist das seltsamste Wesen, das Gott je erschuf. Wenn man dich endlich genau zu kennen wähnt, gibst du neue Rätsel auf. Aber vielleicht ist es gerade das, was einen immer wieder anzieht .Du bist die einzige Frau, deren ich noch nie überdrüssig geworden bin."
l Fortsetzung folo' '
Gießen, den 17. Juli 1933.
04314
AufWunfch der Verdorbenen findet die Beerdigung in der Stille ftatt
Samstag, den 15. Juli, ift meine liebe Frau, meine gute Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwefter, Schwägerin und Tante Chriftine Diehl, geb.Hallftein im 65. Lebensjahre nach kurzem, in großer Geduld getragenem Leiden Rill in Gott heimgegangen.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Nikolaus Diehl, Gend.-Insp. i. R.
4605 D
Gießen, den 17. Juli 1933.
Danksagung.
Für die vielen aufrichtigen Beweise der Teilnahme während der Krankheit und beim Heimgang unserer lieben, unvergeßlichen
Frau Jenny Wetterhahn sage ich hiermit allen herzlichsten Dank.
Louis Wetterhahn im Namen aller Hinterbliebenen.
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Die verehrlichen Mitglieder unserer Genossenschaft werden zu der am Sonntag, dem 23. Juli 1933, nachmittags 4 Uhr, im Gasthaus „Jur Traube" bei Herrn Otto Nuhn, Lollar, stattfindenden 4602D außerordentlichen Generalversammlung eingeladen.
Tagesordnung:
1. Gleichschaltung: Vorstandswahl, Aufsichtsratswahl.
Lollar, den 15. Juli 1933.
Der Vorsitzende des Aufsichtsrats: Hofmann.
Bekanntmachung.
Betr.: Zuschüsse des Reichs für die Instandsetzung von Wohngebäuden, die Teilung von Wohnungen und den Umbau gewerblicher Räume zu Wohnungen. 4599C
Auf Anordnung des Herrn Reichsarbeitsministers wird der Zeitpunkt für den Beginn der Arbeiten bis zum 1. August d. J. und der Endtermin bis zum 1. November d. 3. hinausgcschoben.
Gießen, den 14. Juli 1933.
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Beschluß.
Der mit seiner Entlassung einverstandene Konkursverwalter Herr Eugen Rothenberger in Gießen wird aus seinem Amt als Konkursverwalter entlassen.
Zum Konkursverwalter wird mit Einverständnis des Gläubigerausschusses Herr Bürovorsteher Karl Laux in Gießen, Bahnhofstraße 76, bestellt. 4606D
Gießen, den 11. Juli 1933.
Hessisches Amtsgericht.
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