Ausgabe 
17.6.1933 Frühausgabe
 
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25. Fortletzung

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SONNTAG, DEN 18. JUNI, IN D ER VOLKS HALLE

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Rambeaux in der dunklen Kammer hört mit an- ealtenem Atem das klingende Ausfallen der inze draußen ist verhaltene Stille. Dann kommen schwer die Worte des Amtmanns:Ich warte hier auf euch bis Mitternacht Gott sei mit euch!" Schritte tappen durch den Raum, die Tür fällt zu, bann ist jeder Laut erstorben.

Seit einer Stunde liegen die Retter auf der Lauer. Sie warten im Hinterhalt auf das Signal Jeans. Karl von Löbau hat Jürgen Thorn genau über die Lage des Turmzimmers unterrichtet. Sie sehen von ihrem Versteck aus deutlich das schwach erleuchtete Fenster mit den bleigefaßten bunten Scheiben. Thorn wird an dem zähen Efeugerank hochklettern, während Karl und Wemper den Rückzug decken.

Endlich kommt das Signal: Die Wache ist ab­gelöst. Jean hat mit einem Kameraden die Posten bezogen. Sie patrouillieren die lange Strecke der westlichen Außenfront des Schlosses, immer in ent­gegengesetzter Richtung, ab.

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Die Kleinstadt

Szenen aus deutscher Vergangenheit und Gegenwart

Auf Schloß Löbau sind die Nachtwachen einge­teilt. Hauptmann Lefeore kontrolliert die Wacht- stube, der Korporal Landry ist heute Wachthaben­der: er verbürgt sür die Sicherheit des gefangenen Preußen. Der Bursche Jean ist dem Kommando zu­geteilt. Sobald er Posten stehen muß, wird er das Signal geben wie es vereinbart ist.

In dem Trakt der Familie Löbau zeigt sich nur noch in einem Zimmer schwacher Lichtschein. Es ist das Boudoir der Baronesse. Seit mehr als einer Woche liegt Maria in schwerem Fieber darnieder. Die unaufhörlichen Aufregungen haben ihre letzten Kräfte aufgezehrt, das Todesurteil hat sie schließ­lich auf das Krankenbett geworfen. Tag und Nacht muß man an ihrem Lager wachen. Pastor Krantz löst des Nachts den Baron ab, der tagsüber die traurige Pflicht übt. Was nützen Worte und Trost aus Menschenmund. Ein Aufatmen ist bei allen, wenn er­lösender Schlaf die Kranke umfängt. Ihr Fühlen, ihr Denken, alles Fragen bewegt sich nur um Döllnitz. Die fromme Lüge ihrer Pfleger verheimlicht lhr den nahen Ablauf der Frist bis zu Vollstreckung, ihr kranker Körper kennt nicht mehr die Zeit, die ihm noch zum Leben gegeben ist. Elend und teil­nahmslos liegt die zarte Frau in ihren Kissen. Das langsame Hinsiechen der Schwester hat Karl nicht mehr ertragen können es gibt nur eine Rettung für die Kranke: die Rettung Döllnitz'! Das Wagnis ist aus doppeltem Grunde des Einsatzes wert es muß gelingen ..

In der kahlen Turmstube sitzt der Gefangene. Döllnitz ist der alte geblieben. Er kennt sein Schicksal, weiß, warum man noch zögert. Die Wochen, die er hier gesessen hat, den Tod vor Augen, sind wohl qualvoll gewesen um des Mädchens willen, das er liebt, um Marias willen. Auf allen Reisen der letzten Jahre ist er stets auf der Flucht gewesen, immer der Gejagte, der Tod war Stundemm Stunde hinter ihm. Dieses Ende nach soviel Mühen ist ein bitteres Schicksal. Aber er weiß: Die deutsche Freiheit ist auf dem Marsch wenn er unter den Kugeln

Aktionen Preußens geworden. Diese Erregung über­trug sich auf das Leben der Bürger, deren Köpfe heiß waren von den kaskadenartig herniederprasseln- den Neuigkeiten und bedeutsamen Entschlüssen, die hier im Herzen des Hofes und der Regierung zu allererst Eingang und Ausgang fanden, die von Stunde zu Stunde an Größe und Tragweite der Be­deutung wuchsen. Noch war das letzte, entscheidende Wort nicht gesprochen, aber jedermann wußte, daß es jetzt kein Zurück mehr geben konnte.

Der Hörsaal im Hause des Professors Berger in der Webergasse ist gedrängt voll. Bis auf Flur und Treppen, bis aus die Straße stehen die andächtig Lauschenden. Durch die weit geöffneten Fenster bringt klar unb wuchtig die Stimme Bergers. Jetzt darf er sprechen, zu Hunderten, frei und offen das, was er und die Mitglieder des Bundes feit Jahren unter Einsatz ihres Lebens insgeheim nur verbreiten konn­ten, die Wahrheit darf er verkünden, endlich den letzten Anstoß geben zum großen, freien Bekennen.

öer Bedrücker ins Grab finkt, werden die Fanfaren aufrufen zum Sturm. Er darf nicht dabei sein aber er kann sterben mit dem Bewußtsein, als em Mann der Tat der großen Sache auf die Bahn des Sieges verhalfen zu haben. Sem Blick schweift aus dem Fenster in die nachtdunkle Ferne. Wie oft hat er hier gesessen, in den Anblick der stillen Berg­wälder versunken, fein deutsches Land vor Augen. Und dort drüben weit hinter den Bergen liegt Bres­lau, die Stadt, in der in diesen Tagen die deutsche Freiheit geboren wird ... Wer dabei sein könnte, wenn sie marschieren, wer dabei sein könnte, wenn der Sturm der Vergeltung das Land reinfegt von Willkür und Gewalt, bis endlich der Tag wahrhaften Friedens von allen Türmen verkündet wird. Eine heiße Sehnsucht nach Leben, nach Tat flammt in ihm auf Maria! Um dieser Frau willen leben dürfen, nach aller Mühsal, nach allem Kampf und Sieg, die stillen Segnungen des Friedens genießen können . .

Das knarrende Oeffnen der Tür läßt ihn aus seinen Gedanken auffahren. Der alte Diener Tobias bringt das bescheidene Abendessen, die Wache ent­zündet das Kerzenlicht. Hauptmann Lefevre läßt seinem Gefangenen alle nur denkbaren Erleichterun­gen zukommen. Er wird von den Löbaus verpflegt, bekommt Lektüre aus der Bibliothek des Schlosses, die letzten Tage sollen Döllnitz so weit als möglich etrträglich gemacht werden. Ab und zu ist es auch dem alten Tobias gelungen, eine geheime Nachricht einzuschmuggeln über den Stand der Dinge in Breslau und Grüße von den Freunden.

Als die beiden die Turmstube wieder verlassen haben, setzt sich Döllnitz zum Essen. Während er den Löffel in die zinnene Schale taucht, stoßt er dabei auf eine winzige, metallene Rohre: Geheime Nach­richt! So wurden ihm bisher alle Botschaften über­mittelt. Er vergewissert sich, daß er unbeobachtet ist und reißt die Hülse auf. Die paar Worte auf dem Stückchen Papier lassen seinen Herzschlag stocken: Bereithalten Fenster offnen wir holen Sie!"

Döllnitz lehnt sich, Halt suchend, gegen die Wand. Ein Aufruhr fliegt durch seinen Körper wenn sie ihn befreien, wenn es gelingt wenn er zum zweitenmal leben darf ... eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit überkommt ihn mit reißender Gewalt!

Ein großer Teil der Freiwilligen, die Stunde um Stunde mit Extrapost in Breslau eintreffen, vor­nehmlich aus vermögenden Ständen, die in der Lage sind, Pferd und Montur selbst zu stellen, melden sich zum Lützowschen Freikorps. Das Werbebureau im Goldenen Zepter" ist unaufhörlich überfüllt, alle Dialekte durchschwirren die Luft, auf allen Gesichtern liegt unverhehlter Stolz, dieser Truppe zuzugehören, die ihrem ganzen Wesen nach am kühnsten für jedes Auge Mut und Todesbereitschaft auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Während durch die enge Gasse die unzähligen Wagen rollen, während im Gasthof ein ewiges Kommen und Gehen ist und die Meldereiter ihren Rapport abstatten, Monturen gebracht werden, Pferde gesattelt und gefüttert auf offener Straße, bringt deutlich aus dem Hinterzimmer, wo die Wache liegt, soldatischer Gesang. Sie fingen ihr Lied, das Lied der schwarzen Jäger:

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein? Hör's näher und näher erbrausen.

Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n Und gellende Hörner schallen darein, Erfüllen die Seele mit Grausen.

Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: Das ist Lützows wilde verwegene Jagd!"

Mit aller Inbrunst schmettern sie ihren Gesang heraus, die jungen und die alten, die Haudegen, die schon Anno sechs dabei waren und die neuen, die gerade die Universität hinter sich haben alle sind der heiligen Sache hingegeben bis aufs Letzte!

Und der Funke -er Freiheit ist glühend erwacht, Und lodert in blutigen Flammen.

Und wenn ihr die schwarzen Reiter fragt: Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd!"

(Fortsetzung folgt 1

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Sonntag, den 18. Juni 1933

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Der Laternenschein des Signals ist bereits er­loschen, als die drei in Rufweite an den linken Posten herangekommen sind. Ahnungslos, noch den lebten Grand im Kopf, den er gegen seinen erbosten Kor­poral ausgespielt hat, stapft er durch die kalte Nacht.

Auf ein. stummes Zeichen springen er und Karl aus dem schützenden Buschwerk, und ehe der ver­blüffte Grenadier noch einen Laut von sich geben kann, ist er überwältigt. Wemper fesselt ihn und klemmt ihm einen Knebel hinter die Zähne, an den er denken wird.

Wie ein Wiesel steigt der junge Thorn mit seinem geschmeidigen, leichten Körper an dem Efeugerank hoch, das Seil, an dem Döllnitz sich herunterlassen soll, um die Brust geschlungen.

Jean hat den Ueberfall bemerkt und patrouilliert am äußersten rechten Ende unauffällig weiter.

In der Turmstube wartet Döllnitz gespannt. Ver­stohlen tritt er ans Fenster und späht hinunter. Dort, in halber Hohe schon, sieht er Thorn klettern. Ader plötzlich stockt sein Herz eine Gestalt taucht aus dem Dunkel auf und ruft nach dem Posten: Es ist Landry! Verärgert über den Verlust beim Karten­spiel hat er die VZachtstube verlassen, um zeitiger als sonst seinen Kontrollgang zu machen. Als er den Posten nicht vorgefunden hat, bemerkt er plötzlich, unruhig geworden, das geöffnete Turmfenster und Thorn in halber Hohe der Mauer. Er reißt seine Pistole heraus und schießt. Getroffen stürzt der Un­glückliche ab. Die Freunde eilen herzu, wollen in letzter Minute retten, ehe alles verloren ist. Aber der Alarm scheucht die anderen Posten auf, Schüsse krachen, Verstärkung eilt herbei im Nu sind die Retter umzingelt. Das Spiel ist verloren. Aufstöh­nend, machtlos hat Döllnitz das grausige Geschick mit angesehen um seinetwillen sind die drei dem Tode verfallen.

Den jungen Thorn schleppen sie als Sterbenden in die Wachtstube. Karl von Löbau und Wemper folgen unter den drohenden Bajonetten.

Eine Stunde später langt Jean atemlos im Forst­haus im Eulengrund an. Er bringt dem Amtmann Günther die Hiobsbotschaft: Das Schicksal der Vier ist besiegelt. Es gibt keinen Ausweg mehr.

19.

Seit Tagen zogen ununterbrochen die Freiwilligen von der Mark her in Breslau ein, trotz des strengen Verbots Napoleons an den Statthalter von Berlin, jede Aushebung zu verhindern. Man wagte keinen Einspruch mehr die Dinge waren hier, in der Nähe betrachtet, zu weit vorgeschritten und somit gefährlich für das eigene Wohl. Truppenmassen wur­den in Schlesien zusammengezogen, Munitions­wagen, Kanonen, Ladungen und Waffen jeglicher Art in unaufhörlichem Zuge passierten die Straßen. Breslau glich einem Heerlager. Aus der stillen Pro- vinzstadt war das im Fieber der Ereignisse pulsie­rende Zentrum aller politischen und militärischen

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