Nr 295 Erstes Blaff
185. Jahrgang
Samstag, 16. Dezember 1955
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Dolitiil Dr. Fr. Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und kür den Anzeigenteil i. D.TH.Kümmel sämtlich in (Bienen.
Oiplomaiengespräche.
Eine für die weihnachtliche Jahreszeit ganz ungewöhnliche politische Geschäftigkeit kennzeichnet die Unruhe Europas, aber auch die verheißungsvolle Lockerung der Verkrampfungen, die in wachfendem Maße den Weltfrieden bedrohten. Im Schlüssel- vunlt für eine Neugestaltung der Lage steht das deutsch-französische Gespräch. Es ist aus dem Zustand der Präliminarien noch nicht herausgekommen dank der Scheu der Franzosen vor neuen Methoden und ihrem ängstlichen Bestreuen, sich für jeden Schritt vorwärts nach allen Seiten hin Rückendeckung zu verschaffen. Der Reichskanzler hat erneut den sranzöfifchen Botschafter empfangen und in Paris hat Paul-Boncour den Besuch des deutschen Bolschasters Dr. Koester erhalten. Wenn über den Inhalt der Gespräche nichts an die Oefsent- lichkeit gedrungen ist, so beugt diese an sich selbst- verständliche diplomatische Diskretion der Gefahr vor, daß eine von der Pariser chauvinistischen Presse eifrig geschürte Nervosität in der öffentlichen Mei- nung Frankreichs vielleicht schon sich eben erst an- bahnenüe Möglichkeiten einer Verständigung zu- schütten könnte. Wie sehr man am Quai d'Orsay ohnehin jeder direkten Aussprache mit Deutschland mißtraut, zeigt ja die Informationsreise des englischen Botschafters in Paris Lord Tyrrell nach London. Tyrrell nimmt noch aus seiner Amtszeit als ständiger Unterstaatssekretär im Foreign Office her mit Recht für sich in Anspruch, im englischen Freundeskreis Frankreichs der Treueste der Treuen zu fein. Seine Londoner Reise hatte den Zweck, zu ergründen, wie weit die englische Regierung wohl geneigt sein wäre, den Wünschen Frankreichs nach Verstärkung einer Garantie des Status quo über Kelloggpakt und Locarnovertrag hinaus zu entsprechen. Denn ohne eine zusätzliche Verpflichtung Englands für die Sicherheit der französischen Ostgrenze am liebsten in Form einer Erneuerung der enteilte cordiale glaubt man in Paris, sich auf keine direkten Unterhaltungen mit Deutschland, die einen irgendwie gearteten Rüstungsausgleich zum Zweck haben müssen, einlassen zu dürfen.
Daß Lord Tyrrell sich nach seiner Rückkehr aus London erst einmal krank gemeldet hat, um der französischen Regierung tröpfchenweise die schmerz- liche Nachricht von der Erfolglosigkeit seiner Sen- duna beizubrinaen, ist ein immerhin erfreuliches Zeichen dafür, daß die englische Politik auf dem Wege ist, wieder einen eigenen Kurs zu gewinnen. Bei der fast schon traditionellen Entschlußlosigkeit der britischen Staatsmänner, die das Abwarten zum Prinzip gemacht haben, mit ihrer Schaukelpolitik aber die Gefahren für den europäischen Frieden beträchtlich vergrößerten, bei diesem ständigen Schwanken der englischen Politik ist man vor einer Enttäuschung natürlich nie sicher. Aber es scheint, als ob man unter dem Druck der öffentlichen Meinung und vielleicht auch unter dem nicht minder schweren Druck der Verantwortung für die Befreiung der Menschheit von der Geißel des Wettrüstens und für das Zustandekommen eines modus vivendi zwischen den beiden großen kontinentaleuropäischen Nationen Deutschland und Frankreich sich in London ehrlich mühe, die nötige Distanz zu gewinnen, ohne die jeder Versuch einer Vermittlung von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müßte. Erleichtert werden müßte den Engländern eine solche Politik des ehrlichen Maklers durch die ungemein kluge Haltung Italiens, dessen Vorstoß auf eine Reform des Völkerbunds hin auch in England Interesse und Zustimmung geweckt hat. Der Generalsekretär des Völkerbundes ist auf feiner Befchwichtigungsreife durch Westeuropa auch nach London gekommen. Aber Herrn A v e n o l s Plädoyer für die Genfer Institution Versailler Gepräges hat selbst bei den britischen Völkerbundsfreunden nicht ungeteilten Beifall ge- &nden. Wenn zum Weihnachtsfest der britische ußenminister Sir John Simon auf der Reife nach Capri dem Duce einen Besuch abstatten wird, wird sich zweifellos die Auffassung vertiefen, daß ohne großzügige, auf den Grund gehende Reformen der Völkerbund nicht zu retten ist. Der Berliner Besuch des italienischen Unterstaatssekretärs S u - v i ch wird ergeben haben, daß Deutschland auf Grund seiner jahrelangen sehr bitter empfundenen Erfahrungen der Auffassung Italiens restlos beistimmt. Die praktische Politik der nationalsozialistischen Regierung hat sich ja bereits ganz eindeutig auf dieser Linie bewegt. Die Entwicklung strebt wieder dem „Konzert der Großmächte" zu. Mussolinis Diererpakt und das jetzt vielleicht in Gang kommende deutsch-französische Gespräch sind Merk- Zeichen dieser Entwicklung. Der Völkerbund muß dem Rechnung tragen oder er wird nicht sein.
Es entspricht durchaus der Enstehungsgeschichte des Völkerbundes und seiner engen Verknüpfung mit dem Versailler Vertrag, daß nun, wo es um diese Institution zu wetterleuchten beginnt, alle ihre Nutznießer die sorgenvollen Blicke flehend nach Paris richten, von wo sie Rettung für dieses brauchbare Instrument einer ausschließlich auf die Erhaltung des In den Pariser Friedensverträgen geschaffenen Zustands abgestellten Politik zu finden hoffen. Es ist natürlich, daß daran vor allem die Staaten inter- essiert sind, die wie die Tschechoslowakei und Polen der Zerschlagung der alten habsburgischen Donaumonarchie und der Losreißung reichsdeutschen Grenzlandes überhaupt ihre Entstehung verdanken, oder wie Rumänien und Südflawien bei dieser Gelegenheit durch zwangsweise Einverleibung russischen, ungarischen, bulgarischen und österreichischen Gebiets ihren Besitz um ein Mehrfaches vergrößern konnten. Mit Ausnahme von Polen, das in vielem feine eigenen Wege ging und auch heute der Pariser Politik beinahe schon entfremdet seine Beziehungen zu dem Deutschen Nachbarn auf eigene Hand einer Neuord- nung zu unterziehen strebt, haben sich diese ausgesprochenen Kriegsgewinnler in der Kleinen E n -
England forciert das Abrüstungsgespräch.
Günstiger Eindruck von den Erklärungen des Reichskanzlers. — Der Gedanke eines neuen deutsch-französischen Nichtangriffspakts.
London, 16. Dez. lENB.-Funkspruch.) Der zu kurzem Aufenthalt nach London gekommene britische Botschafter in Berlin, Sir Eric P h i p p s, hat gestern den an der Abrüstungsfrage interessierten britischen Kabinettsmitgliedern über seine Besprechungen mit Dem deutschen Reichskanzler berichtet. Dieser Bericht hat, wie der in enger Fühlung mit dem Foreign Office stehende diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" in London meldet, einen ä u ß e r st gün fügen Eindruck gemacht. Es scheine, daß die Haltung Deutschlands geeignet sei, die Verhandlungen zwischen den europäischen Mäd)ten wirksam in Gang zu bringen, zumal in den beiden Fragen der Abrüstung und der Sicherheit auch Verständnis für die französische Auffassung festzustellen sei.
Die englische Regierung wird, wie der „Daily Telegraph" weiter berichtet, bis zum Donnerstag nächster Woche sich sozusagen in Permanenz mit der Abrüstungsfrage beschäftigen. Sir Eric Phipps werde das Wochenende bei Sir John Simon auf dem La ifb e verbringen. Der Abrüstungsausschuß des Kabinetts werde bis zu den Parlamentsferien und der Abreise Simons nach Italien, das heißt bis zum nächsten Donnerstag, beinahe ständig tagen. Wahrscheinlich werde die britische Regierung auch während der Abwesenheit Simons den Meinungsaustausch mit Frankreich und Deutschland f o r t s e tz e n , um mit italienischer Hilfe eine Abrüstungsvereinbarung zwischen ihnen zu fördern. Die Veröffentlichung von Einzelheiten über die jetzt hier sehr günftm beurteilten Verhandlungen wird in London abgelehnt, da man sich mit Recht auf den Standpunkt stellt, daß die Verantwortung zunächst bei den Regierungen liegt und nicht in Form ausführlicher Presseinformationen auf die Öffentlichkeit abgewälzt werden kann. Mehrere Blätter begrüßen den Gedanken eines neuen Nichtangriffpaktes zwischen Deutschland und seinen Nachbarn. Ein derartiger Pakt habe gerade als Wiederholung von Locarno augenblicklich seine besondere Bedeutung. „Daily Telegraph" erklärt, daß jetzt nur zwischen einem vertraglich gesicherten System regulierter Rüstungen und einem Chaos ungeregelter Aufrüstung zu wählen fei.
Die „Time s" geht auf die französischen Befürchtungen über die angebliche Wiederauf- rüstung Deutschlands ein und schreibt, daß
man die SA. und SS. allerhöchstens als eine „Art Miliz" betrachten könne. Wenn die Franzosen die Zahlen für ihre eigene Ist-Stärke angäben, bann ließen sie gewohnheitsmäßig bie Stärke der Mannschaften aus, die nod) nicht langer als sechs Monate ausgebildet seien. Wenn man Deutschlands Recht auf Nüstungsgleichheit anerkenne, so sei der deutsche Anspruch, daß es über bie eigenen Bedürfnisse an Verteidi - gungswaffen f e l b ft entfdjeibcn solle, burchaus gerechtfertigt unb könne nicht bestritten werben. Für bie anberen Länber sei es kaum möglich, Derhanblungen auf ber Orunblage ber beut-
schon (befenfiöen) Wieberaufrüstung abzulehnen, wenn sie s e l b st n i d) t bereit seien, bie Gleichheit burch ben viel wünschenswerteren Vorgang ber Rüstunasherabsetzung herbeizuführen. Das Ziel aller müßte es baher sein, e i n internationales System ber G l e ich - heit aus ber Grundlage eines mög» l i ch st niedrigen Rüstungsstandes herbeizuführen, bei bem eine begrenzte Wiederauf» rüftung auf ber einen Seite burch drastische Rustungsoerminderung auf ber anberen Seite gut-
gemacht würbe.
Beneschs Besprechungen in Paris.
„Mur der Völkerbund in seiner jetzigen Form."
Paris, 15. Dez. (WTB.) Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch hatte eine einftünbige Besprechung mit bem Kriegsminister D a I a b i e r. Mittags würbe zu seinen Ehren in ber tschechoslowakischen Gesanbtschaft ein Frühstück gegeben, an bem Ministerpräsibent Chautemps, Außenminister Paul-Boncour, Regierungsmitglieder unb Parlamentarier teilnahmen. Nachmittags trafen Benefch unb Paul-Boncour zu einer zweiten Besprechung zusammen.
Die Abenbpresse hebt hervor, baß Benesch a l s Sprecher ber Kleinen Entente ein be- sonberes Gewicht in bie blplomatische Wagschale zu werfen habe. Die Blätter unterstellen gemäß einem ausgegebenen Stichwort, daß auch die Ver- bündeten Frankreichs in Mittel- unb Osteuropa jebe Verschiebung b e s Gleichgewichts ber Kräfte burch eine etwaige Reform bes Völkerbunbes kategorisch ablehnen müßten. „Intransigeant" erklärt, baß Dr. Benesch gegen jebe Herauslösung bes Versailler Vertrages aus bem Rahmen bes Völkerbunbpaktes fei. „Temps" sagt, er habe von Dr. Benesch folgenbe Erklärung erhalten: „Für uns kommt nur ber Völkerbunb in seiner jetzigen Form in Betracht. Wollte man ihn anrühren, bann würbe nichts mehr übrig bleiben."
Der italienische Besuch in Berlin.
Berlin, 15. Dez. (CNB.) lieber bie Bebeutung bes Besuches bes Unterstaatssekretärs Suvich wirb amtlich barauf hingewiesen, baß ber Aufenthalt Gelegenheit zu einem Gebankcnaustausch über bie aktuellen politischen und wirtschaftlichen Fragen' in bem freunbfchaftlichen Geist geboten habe, der die Beziehungen zwischen beiden Ländern auszeichne. Es sind aber keinerlei Beschlüsse gefaßt und keine gemeinsamen Aktionen in Aussicht genommen worden. Dies war auch gar nicht der Zweck des italienischen Besuchs. Trotzdem hat der Besuch aber sehr wesentliche Bedeutung gehabt, da er bie Parallelität ber bei- beseitigen Interessen unb Aktionen aufzeigte.
parlamentarische Komödie im englischen Unterhaus.
ß o n b o n, 15. Dez. (TU.) Eine Komödie des Parlamentarismus, die in der Geschichte des altehrwürdigen Parlaments wohl einzig dastehen dürfte, fand am Freitagnachmittag nach einer 23 stündigen Sitzung des Unterlaufes ihren Abschluß. Die Aussprache über Las Neufundlandgesetz entwickelte sich zu einem harten Kampfe zwischen Opposition unb Regierung, bei dem die Regierung nach Andruck) des Morgengrauens schließlich bie Oderhanb behielt. Die Wort
tente zusammengefunden, bie unter bes tschechischen Außenministers Benesch umsichtigen Leitung zum heute stärksten Bollwerk einer kraß reaktionären Politik der Erhaltung des Status quo in Mittel- europa und im Donauraum ausgebaut wurde. Mussolinis Diererpakt und die Besorgnis, daß ber Beschützer Frankreich sich vielleicht für eine gemeinsame Politik der europäischen Großmächte im Sinne des Vorkriegs-Konzerts einfangen lassen könnte, haben die drei Staaten der Kleinen Entente veranlaßt, noch stärker aneinber zu rücken und gerade in Bezug auf eine einheitlich geführte Außenpolitik — ja man spricht auch von militärischen Vereinheitlichungen — bestimmte Abreben zu treffen.
Für die Verwirklichung des Traums von einer Balkankonföderation, die die Rolle der fünften Großmacht in Europa übernehmen könnte, liegen die wirtschaftlichen Verhältnisse zu ungünstig. Den beibeji rein agrarischen Ländern Rumänien und Südsla- roien kann bie Tschechoslowakei keinen genügenden Absatz für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse bieten unb umgekehrt vermag bie böhmische Derebelungs- inbuftrie in ben anspruchslosen Bevölkerungen ber beiben Balkanländer keinen hinreichenden Markt zu finden. Ein gesunder Ausgleich der wirtschaftlichen Interessen ist eben undenkbar in einem Wirtschaftsgebiet, bas sich gegen die natürliche Ergänzung des Donauraums durch den Anschluß an Deutschland aus rein politischen Gründen sperrt. Und man sperrt sich erst recht gegen jede vernünftige Bereinigung ber politischen Fragen, obwohl es im Gebälk des in Versailles von miserablen Baumeistern errichteten Staatenhauses schon bedenklich knistert und die Staaten der Kleinen Entente vermutlich die ersten sein würden, die vom Dache purzeln, wenn Frankreich sich mit Deutschland und Italien arrangieren sollte. Heute freilich empfindet man in Paris bei ben spürbar kühler gewordenen Beziehungen zu Polen, der reservierten Haltung Englands unb ber betonten Herzlichkeit des russisch-italienischen Verhältnisses in der durch bie beutsche Aktion vom 14. Oktober und ben italienischen Vorstoß gegen ben Völkerbund für bie traditionelle Politik Frankreichs kritisch gewordenen Lage die Freundschaft der Kleinen Entente doppelt dankbar unb wird sich nicht scheuen, Herrn Benesch, der besorgt nach Paris geeilt ist, beruhigende Versicherungen zu geben. Wie weit sie durch den Gang der Dinge einmal überholt und nichtig werden können, liegt nicht in ben Händen Paul-Boncours, bem fein starres und ideenloses Festhalten am überkommenen Sturs überraschend schnell zum Verhängnis werden kann. Das wissen natürlich auch Herr Benesch und seine Kollegen in Bukarest und Belgrad und sie geben sich über den Ernst der Lage keinerlei Täu- schung hin, zumal auch andere Kräfte sich erneut regen, die von einer Auflockerung des Versailler Staatensystems alles erhoffen müssen.
In der Front der Revisionisten hat sich Un
garn stets durch besonders rührige und geschickte Propaganda für seine nationalen Forderungen ausgezeichnet. Das stolze und selbstbewußte Herrenvolk der Madjaren hat seine nicht grabe minder- heitensreundliche Haltung im alten Reich nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges furchtbar büßen müssen. Ungarn ist von allen durch das Friedensdiktat Betroffenen am schwersten verstümmelt worden. Rumänien hat sich Siebenbürgen und Teile des Banats herausgeschnitten, Sudslawien hat Kroatien, Slawonien, die Batschka und das West- banat annektiert, die Tschechoslowakei hat die Slowakei und das sogen. Karpathorußland an sich gerissen und Italien schließlich hat den einzigen großen ungarischen Seehandelsplatz Fiume für sich beansprucht. So ist ein Rumpsungarn übrig geblieben, dessen zuckender Leib die schwerste Anklage gegen den politischen und wirtschaftlichen Wahnsinn der in Versailles zum Prinzip erhobenen Balkanisierung ist. Denn heute leben neben den sieben Millionen Ungarn im Mutterlande 745 000 in der Tschechoslowakei, 460 000 in Südslawien und 1,4 Millionen in Rumänien, ganz abgesehen von rund einer Million Deutschen, die nur ihren Herrn gewechselt haben. Es ist also begreiflich, baß der ins Mark getroffene Nationalstolz des Ungarn sich schon frühzeitig zu leidenschaftlichem Protest gegen diese Vergewaltigung aufbäumte. Die Propaganda gegen den Frieden von Trianon hat nicht nachgelassen und namentlich in England manches Interesse für die unhaltbaren Verhältnisse an der mittleren und unteren Donau geweckt So hat sich schon vor Jahren der bekannte englische Zeitungskönig Lord Rothermere für eine Ueberprüfung der Lage Ungarns eingesetzt. In diesen Tagen ist nun Graf Stefan Bethlen, nach Apponyis Tod wohl Ungarns bedeutendster Staatsmann, von einer Pro- pagandareise aus London zurückgekehrt, auf der er in Kreisen einflußreicher englischer Politiker der Erkenntnis Bahn schaffen konnte, daß die Zerstückelung Ungarns einen gefährlichen Unruheherd in Südosteuropa geschaffen habe, an dessen Beseitigung namentlich England das allergrößte Interesse habe.
Gras Bethlen lehnte jedes kriegerische Abenteuer entschieden ab, es käme ja auch für das von allen Seiten durch seine hochgerüsteten Gegner völlig eingekesselte Ungarn einer Selbstvernichtung gleich. Aber der Graf präzisierte sehr deutliche Forderungen: Volksabstimmung in den von Ungarn losgerissenen Gebieten und Autonomie für Siebenbürgen, die den Madjaren und Deutschen neben den Rumänen den ihrer höheren Kulturstufe entsprechenden Einfluß sichert. Besonders eindrucksvoll war es, daß der Führer der slowakischen Volks- Partei, Iehlicka, zusammen mit Bethlen die durch eine tausendjährige gemeinsame Geschichte erprobte Verbundenheit der Slowaken und Un
garn betonte und die Tschechen der Nichterfüllung des Vertrages von Pittsburgh beschuldigte, in dem den Slowaken die Nolle eines gleichberechtigten Staatsvolkes neben den Tschechen eingeräumt worden war.
Diese Fanfare klang den Staatsmännern der Kleinen Entente nicht angenehm in den Ohren. Der ebenso redegewandte wie gerissene rumänische Außenminister Titulesku, der dank seiner Tätigkeit als Gesandter in London und mehrfacher Präsident des Völkerbundes in Genf über ein beträchtliches internationales Renommö verfügt, hat in scharfen Worten erklärt: „Revision bedeutet Krieg!", und in Kaschau, wenige Kilometer von der neuungarifchen Grenze, versicherten sich Titulesku und Benesch der Gemeinsamkeit ihrer politischen Ziele. Ungarn ist die Antwort nicht schuldig geblieben. Der ungarische Ministerpräsident Göm - bös hat den friedlichen Charakter der ungarischen Revisionssorderung betont, ist aber in der Sache selbst fest geblieben. So suchen die Diplomaten der Kleinen Entente die Front der Revisionisten zu lockern, indem man nun 'Bulgarien schöne Worte gibt, das nach dem unalücklichen Ausgang des zweiten Balkankrieges und des Weltkrieges nicht nur alle Eroberungen des ersten Balkankrieges einbüßen mußte, sondern auch noch die Do- brudscha an Rumänien verloren hat. Nach einem Zusammentreffen mit dem rumänischen König weilte nun das bulgarische Köniaspaar zu feierlichem Staatsbesuch in Belgrad, und ein Dreikönigstreffen in Sofia soll die neue Freundschaft besiegeln. Aber die schwerwiegenden Probleme, die die letzten Friedensverträge von Bukarest 1913 und von Neuilly 1919 für Bulgarien geschaffen haben, werden von diesen recht platonischen Annäherungsversuchen kaum berührt. Mazedonien steht zwischen Bulgarien und Südslawien, die südliche Dobrudscha zwischen Bulgarien und Rumänien. Von Griechenland fordert Bulgarien einen Zugang zum offenen Meer. Hier sind Reibungsflächen, die es Sofia schwer machen, aus der betonten Zurückhaltung herauszutreten, die man sich bewußt auferlegt hat und unter Umständen die durch die Vermählung des Königs Baris mit der italienischen Prinzessin Giavanna besonders enggeftaltete Freundschaft mit Italien dem Phantom eines Balkanpaktes zuliebe vreiszuaeden» So ist also auch hier im Donauraum, der so häufig schon in früheren Jahrhunderten bis in die neueste Zeit Schicksalsland für die europäische Politik geworden ist, alles im Fluß. Die Diplomaten mischen die Karten, wann das Spiel beginnt, darüber liegt die Entscheidung vermutlich in Paris, wo geklärt werden muß, ob Frankreich den Mann herauszu- stellen vermag, der unbeschwert von erstarrten Prinzipien mutig und aufgeschlossen die großen Probleme der wahren Befriedung Europas mit neuen Methoden anpacken will.


