Ausgabe 
16.6.1933 Frühausgabe
 
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Nr. 138 Srüvaussabe

183. Jahrgang

greitag, 16 .Juni (953

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnick VN» verlas: vrühl'lche Univ-ifilälr^vuch. und Lteindruckerel R. £angt In Sietzen. rchristleitun, UN» Scschäfttttelle: Schnlftratze 7.9Si®nIeie°."mtl

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Frankfurt am Main 11686.

Weltverschuldung und Währungsabwertung die Hauptursachen der Weltwirtschaftskrise.

Oie Grundlinien der deutschen Politik auf der Londoner Konferenz.

Berlin, 15. 3uni. (TU.) Gegenüber den auf der Londoner Dcllwirlschaslskonferen; geäußerten Ansichten von Vertretern verschiedener Regierungen verweist man in Berliner politischen Kreisen noch einmal nachdrücklichst auf die Rede des Relchsauhenministers v. R e u r a t f), die ganz b c ff i m m t e positive Forderungen stellte, nämlich

1. die internationalen Schulden können nur durch Waren- und Dien ff lei ft ungen bezahlt werden.

2. (Es ist zunächst eine Lösung der J i - nanj- und ftrebitfragen ersorderllch, ehe die handelspolitischen Fragen überhaupt behandelt werden können.

Die Londoner Konferenz stand zunächst nur unter dem Eindruck der Frage der p o I i t i s ch e n Schul­den der (Bläubigerlänöer gegenüber den Bereinigten Staaten. Rach Ansicht der Reichsregierung ist das eine Angelegenheit, die Amerika mit seinen Schuldnern selbst zu regeln hat; immerhin beträgt aber die Forderung der amerika­nischen Regierung an politischen Schulden noch nicht ein Sech st et der weltwirtschaft­lichen Berschuldung insgesamt. Gerade diese ungewöhnliche Weltwirfschaftsverschuldung ist aber öle Haupfursache der wirtschaftlichen Weltkrise. Es erscheint daher gänzlich ausge­schlossen, das; die Deoisenbeschränkung, sei es in Deutschland, sei es in anderen Ländern aushören können, wenn nicht zuvor diese Frage der weltwirtschaftlichen Berschuldung g e I ö ff ist.

Aus diesem Grunde haben die Ausführungen des englischen Schahkanzlers Reoille Chamberlain in Berlin Beachtung gefunden, der nicht weniger als dreimal wiederholt hat, daß der inter­nationale Kredit wiederhergestellt werden müsse. Unter keinen Umständen aber wird man im Ausland erwarten können, daß sich die Reichsregierung noch einmal zur Uebernahme neuer Schulden fj er­geb e n würde, um auf diese weise ihre Zahlungs­bilanz auszugleichen. 3m engen Zusammenhang mit der gesamten Schuldenbereinigung steht übrigens auch hie Frage der währungsstabilisie- rung. Sie muh zuvor gelöff werden. Dum­ping, d. h. Schleuderaussuhr infolge des Abweichens vom Goldstandard ist das Handels- Hindernis, um dessen Beseitigung sich man in London so sehr bemüht.

Frankreich zahlt auch diesmal nicht.

Paris, 15. Juni. (SU.) DemEcho de Paris" zufolge hat die französische Regierung ihren Bot­schafter in Washington angewiesen, an zuständi­ger Stelle zu erklären, daß Frankreich die 3 u n i r a t c ebensowenig bezahlen werde wie die Dezember rate, solange nicht eine Gesamtlösung der Schulden­frage gefunden sei. D a l a d i e r soll dem ameri­kanischen Staatssekretär Hüll, der ihn vor sei­ner Abreise nach Paris in London aufsuchte, die­sen Standpunkt ebenfalls auseinandergeseht ha­ben, wobei er gleichzeitig auf die R o t w e n d i g - keit einer Stabilisierung des Dol­lars hinwies. Hüll soll darüber etwas erstaunt gewesen sein, woraus das .Echo de Paris" den Schluß zieht, daß Frankreich tauben Ohren p r e d i g e. Wegen dieses mangelnden Derständ- nisses in Amerika leiste Frankreich nach wie vor Widerstand gegen die Ernennung eines Ameri­kaners zum Vorsitzenden des Währungsaus­schusses der Londoner Konferenz; denn das würde einen Sieg der Inflationsfreundc be­deuten. Die Engländer, die hierin anfangs der gleichen Auffassung gewesen seien wie die Fran­zosen, schienen sich aber jetzt für diese Frage nicht mehr zu interessieren.

Wieviel Hai Amerika zu bekommen?

,2 er l in. 15. 3uni. (ERB.) Mit der vor­läufigen englisch-amerikanischen Einigung über die Kriegsschuldcnsrage ist selbstverständlich das Pro­blem der interalliierten Kriegsschulden keines­wegs gelöst. Die Einigung zwischen England und Amerika füllt nur eine provisorische Regelung dar, sie ebnet aber den Weg für .Handlungen, die das Problem der inter­alliierten Kriegsschulden einer endgültigen 2e- I rcimgung unterziehen könnten.

alliierten und assoziier­ten Machte betrugen ursprünglich 42

.n, a r t wovon im Laufe der 3ahre 18 Milliarden Mark gestrichen wurden. Auf die so verminderte Schuldsumme wurden bis Milte 1931 rund 1,7 Milliarden Mark Tilgung und rund 5 Milliarden Mark Zinsen ge­leistet. Vom 3uli 1931 bis 3uni 1932 waren die fälligen Zahlungen durch das Hoover - Mo °

r a t o r i u m aufgeschoben. Ende 1932 haben dann einige Schuldner die Zahlungen an die Ver­einigten Staaten von Amerika, den Haupt­gläubiger, wieder ausgenommen, aber da­bei zu verstehen gegeben, dah sie auf eine Rach­prüfung der Schuldverpflichtungen hoffen. Alles in allem handelt es sich noch um eine Kapitalsumme von rund 27 Milliar­de i. Mark, die von einer endgültigen Revision der Kriegsschulden betroffen werden würde.

Die ersten nach Ablauf des Hoover-Moratoriums am 15. Dezember 1932 fälligen Raten, die von den bereinigten Staaten zur pünktlichen Zahlung ver­langt wurden, find damals von Großbritan- n i e n, Italien, der Tschechoslowakei, Finnland und Litauen gezahlt worden, während Frank­reich und Belgien die vertraglich feftgelegten Zah­lungen nicht geleistet haben. Polen, Estland und Ungarn griffen damals für einen Teil ihrer Verpflichtungen auf Moratoriumsklauseln in den Schuldverträgen zurück, für den Rest wurde die Zahlung nach dem Vorbild Frankreichs und Bel­giens ebenfalls verweigert.

Nach dem Stand vom 16. Dezember 1932 haben die Vereinigten Staaten im ganzen rund 19,6 Milliarden Dollar an Kriegsschulden Z u fordern. Dieser Betrag umfaßt 10,8 Milliar­den Dollar für Tilgung und rund 8,8 Milliarden Dollar für Verzinsung.

Von den heute erwarteten Zahlungen, die einen Gesamtbetrag von 144 Millionen Dollar ausgemacht

hätten, sind bisher in Washington nur 11 148 522 Dollar eingegangen.

Vor dem Abschluß eines Währungs-Waffenstillstandes

London, 15. Juni. (TU.) Die Stabilisienings- Verhandlungen zwischen den englischen, amerikani­schen und französischen Abordnungsmitgliedern und Finanzsachverständigen haben gute Fortschritte ge­wacht. Wie verlautet, steht der Abschluß eines WährungswaffenstiHstandes" fiir die Dauer de r Weltwirtschaftskonferenz als vorläufige Stabilisierungsmaßnahme bevor. Der Währungswaffenftillstand würde darin bestehen, daß der Dollar, das Pfund und der F r a n k e n für die Dauer der Konferenz in ein ft a b i 1 e s Ver­hältnis gebracht wird, mittels des englischen oder eines kombinierten Währungsausgleichsfonds aufrecht erhalten, bzw. vor Schwankungen beschützt würde. In Konferenzkreisen glaubt man, daß das Verhältnis zwischen dem Dollar und dem Pfund auf etwa 4,10 Dollar zum Pfund festgesetzt würde.

Der Führer der amerikanischen Delegation auf der Weltwirtschaftskonferenz Eordell Hüll erklärte in einer Pressekonferenz, es sei noch kein end­gültiges Ucbereinfommen über die Frage der Währungsstabilisierung in Sicht, obgleich die Klärung des Problems von Tag zu Tag fortschreit?. Zu der allgemeinen Entwicklung der Konferenz be­merkt Hüll:Ich bin heute zuverfichtlicher als je!"

Oer zweite Tag

der Nationalsozialistischen Jühreriagung.

Berlin, 15. Juni. (ERB.) Wie die Reichs­pressestelle der NSDAP, mitteilt, wurde der zweite Tag der Führertagung der NSDAP, durch eine ein­drucksvolle Rede des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß eingeleitet. Seinen Ausführungen stellte er den Leitgedanken vorauf, daß die natio - nalsozialistische Bewegung das Rück­grat lind das Stahlgerippe des neuen Staates sei. Jeder Versuch des Marxismus, auf» neue sein Haupt zu erheben, müsse radikal unter­bunden werden. Andererseits müsse sich die ganze Organisation der Bewegung auf die positive Arbeitfürden neuen Staatein ft eilen. Der Nationalsozialismus fei dabei, den wahren So­zialismus durchzuführen, und den wahren Staat aufzubauen unter der Führung des wahren Staats­mannes.

Dr. Ley betonte dann, daß innerhalb von zwei Jahren der Klassenkampf ausgerottet und dadurch den arbeitenden Menschen der größte Schutz gegeben werden müsse. Deutschland müsse den deutschen Arbeiter haben, dann werde es groß und mächtig sein. 211s nächster Redner erläuterte Pg. Gottfried Feder neben der Behandlung einer Reihe von wirtschaftlichen Einzelfragen insbeson­dere die großzügigen Arbeitsbeschaffungspläne Adolf Hitlers. Als letzter Redner entwarf der Reichs­schulungsletter Pg. G oh des ein Bild des Auf­baues der Schulungs- und Erziehungsarbeit in der Partei..

Nachdem in der Nachmittagssitzung der Letter de» Amtes für ständischen Ausbau Pg. Dr. Frauen­dorfer das Wesen und die Grundzüge des stän­dischen Ausbaues vom allgemeinen und vom natio- nalsozialistifchen Standpunkt aus entwickelt hatte, beschäftigte sich Reichspropagandaleiter Dr. Goeb­bels mit der Gestaltung des Verhältnisses von Partei und Staat sowie mit aktuellen Propaganda­fragen. Er wies darauf hin, daß die Frage der E i n-

glieberung der neuen Parteigen off e n in die nationalsozialistische Organisation in Kürze durch einen Erlaß geregelt werde.

Es sei ein Gebot der Gerechtigkeit, und auch der Selbstwehr für die NSDAP., d i e alte Garde, die in guten wie in kritischen Zeiten zu ihr stehe, zu erhalten und ihr die Stellung zu geben, auf die sie traft ihrer ß e i ft u n g und ihres Könnens einen Anspruch habe. Die Krisen­gefahr der Partei im November und Dezember des vorigen Jahres hätte die NSDAP, niemals durch ihre Wähler überwunden, sondern nur durch die Standhaftigkeit der Parteigenossen und Kämpfer. Dr. Goebbels entwickelte sodann seine Gedanken über den Ausbau des Propagandamini- ft e r i u m 5 vom Gesichtspunkt der nationalsoziali- stischen Ideen aus, denen dieses für die Verbunden­heit des Volkes mit dem Staat so bedeutsame Mi­nisterium sein Entstehen verdankt. Er wies darauf hin, daß beispielsweise derTag der Arbeit" das Ergebnis einer Propagandaaktion gewesen sei, deren Wucht bisher in der Welt nicht erreicht wurde. Ohne den I.Mai wäre der 2. Mai nicht möglich und denkbar gewesen. In seinen wetteren Ausführungen befaßte sich der Reichspropaganda­leiter des näheren mit den aktuellen Fragen des Pressewesens, des Rundfunks, des Films, des Theaterwesens und der Kunst. Dr. Goebbels -schloß seine eindrucksvolle Rede mit der Versicherung, daß Die im Amte befindlichen Parteigenossen das große Vertrauen zu würdigen wüßten, das ihnen die Parteigenossenschaft dadurch entgegenbringe, daß sie sich mit allen ihren Sorgen und Nöten an sie wende, und warb seinerseits um verständnisvolle Unterstützung der Regierungsarbeit. Volk und Saat sollten in Deutschland eins werden, da­mit wir später einmal jagen können: Deutschland ist eine Nation geworden.

Der deutsch-österreichische Konflikt.

Habichts Ooppelstettung in Wien.

Bon der Regierung Dollfuß anerkannt.

Berlin, 15. Juni. (Telegraphen-Union.) Der ausgewiesene Presseattache an der deutschen Ge­sandtschaft in Wien, Habicht, berichtete auch vor der ausländischen Presse über seine Verhaftung in Oesterreich und seine Ausweisung. Dabei legte ihm der Vertreter der Havasagentur die Frage vor, wie es ihm möglich gewesen sei, zugleich Presse» at^achs und Generalinspekteur der NSDAP, zu fein und wie dabei fein Verhältnis gegenüber den österreichischen amtlichen Stellen war. Habicht erwiderte darauf, in der Tat sei diese Doppel st ellung etwas schwierig ge­wesen. Wenn die österreichische Regierung i h m sofort gesagt hätte, in dieser Doppel­st ellung könne sie nicht mit ihm ver­kehren, so würde er sich darüber nicht ge­wundert haben. Die österreichische Regierung habe aber weit davon entfernt, dies zu tun, meh­rere Wochen lang sehr intensiv mit i b m verhandelt. Die verschiedensten Mitglieder hätten ihn zu Besprechungen eingeladen

und alle möglichen Verhandlungen geführt. E r ft mehrere Wochen später, nachdem diese Ver­handlungen nichtzu demerhofftenErfolg geführt hätten, habe die öfterreiichsche Regierung plötzlich die bekannten Maßnahmen gegen ihn ge­troffen. Aus der Tatsache, daß alle möglichen offi­ziellen Persönlichkeiten mit ihm verhandelt hätten, ergebe sich, daß die österreichische Regierung ihnin seiner amtlichen Stellung durchaus anerkannt habe.

Rund 1250 Verhaftungen.

Wien, 15. 3uni. (TM.) Erst jetzt liegen über» sichtliche Berichte über die Verhaftungen vor, die im Zuge der Polizeiaktton im gesamten Bundes­gebiet vorgenommen worden sind. Es sind danach rund 114 0 Funktionäre der natio­nalsozialistischen Partei inHast, wo­bei abschließende Berichte aus Salzburg und Vorarlberg, sowie aus dem Burgenland noch fehlen. Den größeren Teil der genannten Zif­fer stellt Riederö st erreich mit 408 Verhaf­teten, dann die Steiermark mit 340 Derhaf- teten. 3n Tirol sind 187, Oberösterreich 200 und in Kärnten 110 Verhaftungen vor­genommen worden. Unter diesen Verhafteten be­

findet sich eine ganze Reihe von Staatsbe­amten, darunter 3 Staatsanwälte, 7 Richter, 37 Gendarmeriebeamte, 21 aktive Angehörige des Bundesheeres, 8 frühere Stabsoffiziere, 150 Leh­rer, 61 Angestellte der Bundesbahnen, 47 Landes­beamte, 37 Rechtsanwälte, 81 Bürgermeister. 47 Stadträte, 111 Gemeinderäte und 214 Funktio­näre der Bezirke.

Ein Dollfuß-Interview und seine Richtigstellung.

London, 15. 3uni. (WTB.) 3n einem In­terview mit einem Reutervertreter behauptete Bundeskanzler Dollfuß, die Rationalsoziali­sten in Oesterreich begingen gegenwärtig Terror­akte, um den Eindruck zu erwecken, daß die österreichische Regierung nicht Herr der Lage sei. Der Bundeskanzler bedauerte, daß alle Maßnahmen der Regierung gegen die öster­reichische RSDAP. fälschlicherweise als u n - freundliche Akte gegen das Deutsche Reich betrachtet würden, und betonte mit Rach­druck, dah die Haltung der österreichischen Re­gierung gegenüber der RSDAP. Oesterreichs eine Angelegenheit von rein inner- österreichischem Interesse sei. Mm die gegenwärtige Spannung zu beseitigen, fei guter Wille ton beiden Seiten nötig, und bei Oesterreich fei guter Wille vorhanden.

*

Zu diesen Ausführungen des österreichischen Bun­deskanzlers wird in Berlin erklärt: Die Behaup­tung, daß die Maßnahmen der österreichischen Re­gierung gegen ihre eigenen Staatsangehörigen hier in Deutschland als unfreundlicher Akt gegen das Deutsche Reich betrachtet würden, geht fehl. Die deutsche Regierung betrachtet diesen Teil der Maßnahmen der Regierung Dollfuß als eine innerösterreichische Angelegenheit. Als eine innerösterreichische Angelegenheit kann cs aber nicht angesehen werden, wenn die öster­reichische Regierung Reichsdeutsche in Oesterreich das Tragen des Haken­kreuzes verbietet, wenn sie Reichsange- hörige ihrer nationalsozialistischen Parteizugehörig­keit halber verhaftet oder schließlich unter Bruch des Völkerrechtes den PresfeattachL der deutschen Gesandtschaft in Wien ins Gefängnis sperrt. Hier liegt, wie eben erst von Herrn Neichsminister Dr. Goebbels den Vertretern der deutschen Presse auseinandergesetzt worden ist, die wahre Ursache des Konfliktes. Der gute Wille, diesen Konflikt zu beseitigen, den Herr Dollfuß von der deutschen Regierung fordert und als bei ihm vorhanden in Anspruch nimmt, leuchtet aus solchen Handlungen nicht hervor.

Straffreiheit im Braun­schweiger Stahthelmkonflckt.

Braunschweig, 15. Juni. (WTB.) Laut Mit­teilung des Staatsministeriums hat die Staatsan­waltschaft gegen die vier Stahlhelmführer Schra­der, Seidel, Nowack und Meineckc und gegen mehrere Reichsbannerführer und Reichsdan- nermitgüeber bei dem hiesigen Sondergericht wegen der bekannten Vorfälle im März d. I. Anklage erhoben. Das wesentliche Ergebnis der Ermitt­lungen hat die Gefährlichkeit der von den Angeklag- ten getroffenen Maßnahmen, die auf eine g e - fdjloffcne Ueberfütjrung von Reichs- bannerformationen in den Stahlhelm hinausliefen, ergeben, so daß eine gemeine Gefahr im Sinne des 8 4 Abs. 3 der Verordnung zum Schutze von Volk und Staat herbeigeführt war, die nur durch umfassenden Polizeieinsatz beseitigt wer­den konnte.

Da durch das Eingreifen des braunschweigischen Ministers des Innern, heißt es in der amtlichen Ver­lautbarung weiter, die Gefahr in der Nacht vom 27. zum 28. März beseitigt ist und durch die weiteren Maßnahmen dieRuheundOrdnung im Lande Braunschweig erhalten sind, hat das braunschweigische Staatsminifterium be­schlossen, um die Herstellung der Volksgemeinschaft weiter zu fördern, Straffreiheit gewähren, wobei aus Gründen der Gerechtigkeit kein Unter­schied zwischen den beteiligten Stahlhelmführern und Reichsbannerführern gemacht werden konnte.

Das braunschweigische Staatsministerium erklärt jedoch bei dieser Gelegenheit ausdrücklich, daß es auf keinen Fall dulden wird, daß Organi­sationen im Lande Braunschweig bestehen, die die gegebenen politischen Verhältnisse innerlich nicht anerkennen und die erlasse­nen Gesetze nicht achten.

Polizeimahnahmen gegen Agitation der Stahlhelm-Selbsthilfe.

Recklinghausen, 15. 3uni. (WTB. Funkspruch.) Wie der Polizei-Präsident mitteilt, verbreitete die .Stahlhelm-Selbsthilfe e. V." ein Werbellugblatt, in dem die Stahlhelm-Selbst­hilfe als die einzige ideale Arbeitnehmerorganil.'- tion der Selbst- und Gemeinschaftshilfe bez?ichn^t wird. 3n dem Flugblatt werden nicht nur Stah'.- helmmitglieder, sondern auch dieübrigen nationalen Arbeitnehmer und Ar­beitnehmerinnen zum Eintritt auf­gefordert. Gleichzeitig waren in Langenbo­chum und Gladbeck Werbeversammluvgen zur Stahlhelm-Selbsthilfe einberufen worden. Dcr Polizeipräsident hat sich genötigt gesehen, diese Versammlungen zu verbieten, wett die Ge­fahr bestand, dah durch eine so weitgehende Werbetätigkeit der Stahlhelm-Selbsthilfe die