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(Fortsetzung
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Am gleichen Tag, an dem der Freiherr vom Stein t Breslau eingetroffen ist, landet auch General meisenau, der nach der Entlassung Steins ins Aus- nd gegangen war, von England kommend, in Kol- berg. Mit ihm schließt sich der Kreis deutscher Männer, die Frankreichs Schicksal besiegeln.
Preußen kann marschieren!
18.
Ueber Schloß Löbau senkt sich im stumpfen Glanz der hinter Nebelschleiern vorsinkenden Wintersonne früher Abend hernieder. Grau und tot liegt das wuchtige Mauerwerk im fahlen Licht, ab und zu hallt gedämpft der Ruf der Wachen, die seit Verkündung des Todesurteils über Hauptmann Döllnitz Tag und Nacht die Tore besetzt halten. Wochen sind vergangen, ohne daß man das Urteil vollstreckt hat. Morgen abend aber läuft die letzte Frist ab, die dem Gefangenen und Todgeweihten bleibt.
Hauptmann Lesevre sitzt in seinem Arbeitszimmer. Seine Frau ist bei ihm. Kein Licht erhellt den Raum. Die beiden fühlen nicht das Hereinbrechen des Abends, die langen Schatten, die stetig über allen Dingen wachsen. Ihr Schweigen ist beredter als Worte, ihre Gedanken sprechen lauter als Stimmen es vermögen.
Frau Jeannette sitzt reglos in der Tiefe des Sessels vergraben. Ihr Herz ist voll namenlosem Leid, als müßte sie allen Schmerz der Erde tragen. Was waren das für Wochen, die hinter ihnen liegen! Auf den Knien haben Menschen, die ihrem Herzen nahe stehen, um Hilfe gefleyt, um Erlösung von furchtbarem, kaltem Todesspruch, den nichts in aller Welt hat abwenden können. Jeannette hat das Urteil, das drohend seit Wochen über Döllnitz' Haupt schwebt, nicht wandeln können — um ihres eigenen Mannes willen. Was galt hier aller Schmerz, alle Wehmut, alles Leid der anderen, wenn sie selbst dafür das eigene Liebenswerteste hätte opfern müssen? ... Sie hat es versucht mit allen Mitteln, mit allem Mut, bis an die Grenze des Möglichen. Schon damals wäre ihre Liebe an diesem Wagnis zerbrochen, um Haaresbreite hätte das Schicksal ihren Rens statt des anderen gerichtet. Ein Stöhnen entringt sich ihr, ihre Augen suchen ihren Gatten. Er hat die Hände gegen die Schläfen gestemmt, starrt schweigend vor sich hin.
Jeanette spricht zu ihm hinüber, fast erschrocken über den Laut ihrer eigenen Stimme in der toten Stille des dunklen Raumes: „Ren6 — könntest du nicht doch noch einen letzten Versuch machen, der die Vollstreckung des Urteils hinauszögert — und wenn es Tage sind, jede Stunde ist gewonnene Zeit für den Unglücklichen ..."
Lefevre erhebt sich schwer. Langsam kommt seine Antwort, voll Hoffnungslosigkeit: „Ich weiß keinen Ausweg mehr! Es ist alles umsonst. Morgen abend ist die Frist abgelaufen — wenn bis dahin der Kommissar Rambeaux nicht lebend zurück ist, muß ich übermorgen früh vor Sonnenaufgang das Urteil vollstrecken lassen." Er seufzt tief auf, sein Blick ist durch das hohe Fenster in die Weite gerichtet. „Es besteht keine Hoffnung, daß sie uns den Kommissar lebend ausliefern, wenn wir nicht ihren Hauptmann dafür herausgeben. Der Oberst in Glogau hat alle
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meine Vorstellungen auf das entschiedenste abgelehnt."
Jeannette nimmt alle Kraft zusammen, ihrer Stimme Festigkeit und Ueberzeugung zu geben: „Du mußt morgen noch einmal zum Oberkommando. Schildere ihnen die Zwecklosigkeit, was ist für die Armee gewonnen, wenn dieser preußische Hauptmann stirbt? Nichts! Solange ihr chn hier in sicherem Gewahrsam habt, ist er ungefährlich — und gibt Hoffnung, den Kommissar noch lebend in eure Hand zu bekommen!"
Lefevre tritt zu Jeannette und nimmt ihre Hände, eine tiefe Trauriakeit ist in seinem Blick. „Ich werde den Preußen nicht retten können, ch6rie — so gern ich es möchte. Er ist ein tapferer Soldat, der alles für sein Vaterland opferte. Meine letzte Hoffnung war die Frist, die bis zur Auslieferung Rambeaux' blieb, aber sie werden ihn nicht herausgeben — lebend nicht!" Mit Schaudern muß er an das Päckchen denken, das eines Morgens auf seinem Schreibtisch lag — niemand wußte, wie es dorthin gekommen war. Es enthielt alle Papiere des Kommissars und die Zeilen von seiner eigenen Hand: „Um der Barmherzigkeit willen — schonen Sie das Leben des vreußischen Kuriers! Sonst ist seine Todesstunde auch die meine."
Lefevre hält die Hände seiner Frau fest umschlossen. Er spricht vor sich hin, als spräche er Furchtbares, das nur er ertragen kann: „Der Oberst will auf die Rettung Rambeaux' verzichten — wenn nur dem Gesetz Genüge getan ist. Ich aber kann nicht noch einmal Repressalien von solcher Schwere wie damals androhen — ich habe nicht die Kraft und nicht den Mut dazu." Er macht eine Pause, fein Atem setzt aus, dann wendet er sich mit aller Zärtlichkeit an Jeannette, die voll Angst an seinem Blick hängt. „Vielleicht, chsrie, kommt dem Gefangenen das Schicksal in letzter Minute zu Hilfe. Es steht leider schlimm um unsere Sache! Was ich täglich von Breslau melden höre, läßt das Schlimmste befürchten — vielleicht müssen wir uns in Tagen schon trennen. Unsere Truppen werden das Land räumen müssen, bevor die Gefahr aufs höchste gestiegen ist. Und wenn ick marschieren muß, dann will ick dich hier in Sicherheit und Obhut wissen. Ick ersehne daher nichts dringender, als dem preußischen Offizier das Leben zu schenken — ich will um deinetwillen in Frieden von hier ziehen."
Jeannette kämpft mit den Tränen. Sie hat es geahnt, seit Tagen schon fühlt sie die bedrückte Stimmung bei Rens. Die schwerste Prüfung steht ihr bevor, es sind noch nicht genug der Leiden gewesen ...
„Du wirst es gut haben. Die Menschen hier lieben dich. Die Baronesse ist dir eine Freundin, wie du sie dir nicht aufrichtiger wünschen kannst." Renss Stimme spricht zärtlich und tröstend, wie zu einem Kinde, in das stille Weinen Jeannettes.
Im Forsthaus im Eulengrund hält man geheimen Rat. Der junge Jürgen Thorn ist dort, Karl von Löbau, Schmied Wemper und der Amtmann Günther, der seit der Festsetzung des Barons alle Obliegenheiten des Tugendbundes im Landkreis zu vertreten sucht.
Als endlich Freiherr vom Stein das Schloß verlassen kann, ist es mit seiner Kraft zu Ende. Die Erregung der letzten Stunden hat den kranken Körper von neuem aufs äußerste erschüttert. Mühsam gelangt er zu seinem Wagen zurück.
Eine neue Tragikomödie hebt an: Ueberall, wo man nach Quartier fragt, spricht man vergeblich vor. Breslau, das Zentrum der Freiheitsbewegung, ist mit Menschen überfüllt. Halb verzweifelt läßt sich der Baron zum Markt fahren. Da trifft er unvermutet auf den Major Lützow, der die Freischar organisiert. Voll Freude begrüßt ihn der Major.
Stein, kaum noch fähig sich zu rühren, reicht ihm unter Schmerzen die Hand: „Ein böses Wiedersehen, Major! Sie finden mich krank — aber dennoch froh: Meine Mission ist nun wohl für immer beendet — komme eben vom Schloß. Heute nackt noch reift Scharnhorst nach Kali^ch zum Zaren. Das Bündnis mit Rußland steht!"
Lützow starrt ihn an, als höre er Himmelsbotschaft. „Enolich! Gott habe Dank!"
„Nun möchte ich nur einen Platz haben, lieber Major, wo ich meine kranken Knochen, vielleicht zur letzten Ruhe, hinlegen kann. Nirgends ein Quartier zu finden — können Sie mir helfen?"
„Ich habe für mich zwei bescheidene Dachstuben im Gasthof „Zum goldenen Zepter" belegt — wenn Sie mit denen zufrieden sind, Herr Baron?"
Stein lächelt müde: „Hauptsache ist — ein Dach über dem Kops. Führen Sie mich hin, Major!"
Mit Mühe hat man den Schwerkranken die steilen Treppen zu seinem ärmlichen Quartier hinaufgebracht. Stein ist so entkräftet, daß er sofort zu Bett muß. Wohltätiger Schlaf empfängt bald daraus den Mann, der Preußen auf die Bahn der Freiheit gelenkt hat. Sein Werk ist vollendet. Es war mühselig und entbehrungsreich. Nun kann sein Leben zu Ende gehen, denn der Sieg ist sein!
Und während der Schlummernde ausruht, macht das Gerücht von feinem Eintreffen in Breslau die Kunde. Kurze Zeit darauf sind die Leute des französischen Gesandten St. Marfan am Werk, das Quartier des alten Erbfeindes napoleonischer Willkür auszuspionieren. In dem kleinen Hause eines Drechslers, das gegenüber dem Gasthof „Zum goldenen Zepter" liegt, mieteten die Spitzel für vieles Geld eine Kammer und beobachteten fast eine Woche hindurch die ärmliche Dachstube, in der der kranke Baron liegt. Aber nichts ist von feiner Anwesen- heit zu erhaschen.
Unten im Gasthaus ist das Werbebureau der Lützower Jäger. Ein gefährlicher Boden für französische Spione, die schließlich das Spiel verloren geben. •
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i Während Ne Männer in erregter Debatte beraten, liegt nebenan, gefesselt, in der kleinen stvck-
v finsteren Kammer der Spitzel Rambeaux. Wemper I bat für seine Sicherheit gebürgt und dem verhaßten 1 Kommissar geschworen, daß er hier nicht heraus- kommt, solange Jochen Wemper noch einen Atemzug tut. Woche um Woche ist der Kommissar als Gefangener im Forsthaus, jeden Tag dem ungewissen Schicksal von neuem ins Auge sehend. Was wird das Ende sein? Tod oder weiter das Leben als Gefangener, dem kein 'Pardon wird? Bis jetzt hat man sein Leben bewahrt, als Pfand gegen das Leben dieses anderen, den er hassen gelernt hat: Döllnitz! Der Teufel selbst muß ihn auf die Fährte dieses verfluchten preußischen Kuriers gesetzt haben, damit er hier, schlimmer als ein Hund, zwischen Angst und Hunger verreckt! Sein Gesicht ist nod) bleicher, die Falten auf seinen Zügen noch tiefer, der Blick feiner Augen stier und tot. Angst und Qualen der langen Wochen haben einen sterbenden Mann aus ihm gemacht — mon dieu, wenn es doch erst zu Ende wäre! Er lauscht angespannt, was sie dort nebenan wieder reden. Immer dasselbe: Döllnitz und er ... deutlich hört er die Stimme des Amtmanns Günther.
„Es ist unsere verdammte Pflicht, diesen Schritt genau zu überlegen — wir wollen nicht noch mehr Unheil anrichten, es ist genug!"
Erregt fährt die Stimme des jungen Thorn dazwischen: „Ich glaube, Amtmann, wir wissen genau, wie es steht! Morgen abend ist die Frist um — wenn wir bis dahin Döllnitz nicht heraus haben, ist es zu spät."
Karl von Löbau erklärt ruhig und überzeugt: „Es ist alles vorbereitet für heute abend. Wenn wir gegen acht Uhr am Schloß find, können wir auf das Zeichen des Burschen Jean warten — er ist mit uns. Haben wir den Hauptmann erst einmal draußen, dann können wir ihn auch noch so lange verstecken, bis er heil nach Breslau gelangen kann — dort werden sie nicht mehr wagen, ihm auch nur ein Haar zu krümmen."
„Für mich gibt's da nichts mehr zu überlegen —। Amtmann!" sagt der Schmied und schlägt mit der Faust auf den Tijch. „Ich könnte keine Ruhe mehr finden bis zum jüngsten Tatz, wenn die unseren Hauptmann so abknallen — verdammt nochmal! Auf den Lumpenhund da drin scheinen sie ja nun doch keinen großen Wert mehr zu legen — den lassen sie kaputt gehen, wenn sie nur den Hauptmann endlich alle machen können — diese Mordbande, diese verfluchte!"
Jürgen Thorn springt auf und zieht eine Münze aus der Tasche, die klirrend auf her Holzplatte in den Lichtschein der Kerze springt. „Machen wir Schluß mit dem Gerede! Jetzt heißt es zum erstenmal sich wirklich opfern — -wenn es uns ernst ist mit dem Bund, dann soll es die Tat beweisen! Drei Mann genügen, einer wartet hier — der Spitzel braucht eine Wache heute nacht." Er legt die Hand
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