nr.64 Kvühausgabe
185. Jahrgang
Donnerstag, 16 März |933
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wüh Lange; für Feuilleton Dr H.Tkyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil i.D.Th.Kümmel sämtlich »n Biegen.
Scharfe Zuspitzung des Versaffungskonflikls in Oesterreich.
Um Die Einberufung des Nationairais. — Das Kabinett Dollfuß im Kampf um ein ' diktatorisches Regime.
Oesterreich hinkt nach.
Don unserem D-Korrespondenten.
Wien, den 14. März 1933.
In reichsdeutschen Zeitungen wird die Lage in Oesterreich neuerdings mit Deutschlands Situation im Sommer 1932 verglichen. Die Regierung hat praktisch dasParlamentausgeschaltet, die Machtmittel des Staates sind in der Hand der beiden Regierungsparteien, der Christlich- Sozialen und des Hetmwehrblockes vereinigt, die Sozialdemokratie fürchtet Reuwahlen und unterstützt unter dem Deckmantel einer Scheinoppo- fition die Regierung Dollfutz. Mib einer Stimme Mehrheit beherrschen die beiden Regierungsparteien den Rationalrat. Der außenpolitische Kurs ist ausgesprochen lau und nachgiebig, die innenpolitische Opposition sucht man durch Polizeimatznahmen niederzuhalten, die Flut der nationalsozialistischen Bewegung aber steigt unaufhaltsam. Man hat aus der deutschen Entwicklung nichts gelernt, man sucht den Rational- soziolismus von der Verantwortung fernzuhalten, Oesterreich hinkt der deutschen Entwicklung um ein ganzes Iahr nach.
Die Christlich sozialen sind trotz der programmatischen Anjchlutzbeteuerungen wenigstens zum Teil Gegner einer deutsch-österreichischen Vereinigung. Der Heim wehrblock ist innerlich gespalten, die Richtung des Für st en Starhemberg betont zwar, daß auch sie den Anschluß wünschte, praktisch führen jedoch allzu viele Wege in das l e g i t i m i st i s ch e Lager, als daß Starhemberg als bedingungsloser Anschlußfreund angesprochen werden könnte. Der von P s r i e m e r geführte Teil der Heimatwehren, der auch organisatorisch nur noch lose Fühlung zur zentralen Leitung Starhembergs hat, vertritt die großdeutschc und revolutionäre Idee. I)ie Nationalsozialisten unter ihrem energischen Gausührer Frauenfeld bringen in immer stärkere Teile zumal der ländlichen Bevölkerung ein und arbeiten auss engste mit der Psriemerschen Heimwehrorganisation zusammen. Die Partei der Großdeutschen vergleichbar etwa mit dem reichsdeutschen Kampfblock Schwarz-Weiß-Rot, behauptet sich gut und steht in folgerichtiger Opposition zu Dollfuß.
Wer wird in Oesterreich Sieger bleiben? Doll- f u ß betreibt etwa seit einem Jahre eine ausgesprochen srankreichireundliche Politik. Zwar hat die Unterwerfung unter die Bedingungen der von Frankreich vermittelten Anleihe von 300 Millionen Schilling unserem wirtschaftlich schwergeprüften Lande bisher nicht einen Groschen erbracht. Dafür aber hat sich die Dollfußregierung auf ein zwanzigjähriges Anschlußverbot eingelassen. Deutschland, das etwa in der gleichen Zeit ein brüchiges Industrieunternehmen mit vielen hundert Millionen Mark sanierte, ließ sich uriverzeihlicherweise die Gelegenheit entgehen, maßgebenden Einfluß auf die Geschicke des österreichischen Staates zu nehmen. Es wäre ohne Zweisel mühelos in der Lage gewesen, die erforderlichen 300 Millionen Schilling nicht^nur zu versprechen, sondern auch tatsächllch dem Staate zur Verfügung zu stellen. Dies hätte automatisch die Loslösung Oesterreichs aus der französischen Verstrickung zur Folge gehabt.
Wir Oesterreicher haben oftmals den Eindruck, als würde man im Reich allzu sehr in der Innen- -politik aufgehen und die großen gemeinsamen außenpolitischen Probleme nicht erkennen. Wer weiß in Deutschland etwas davon, daß es in Oesterreich eine einflußreiche, besonders auch finanzkräftige Habsburgische Restaura - tionsbewegung gibt? Sie hat ihre Fäden nach Wien, nach Budapest und nach Prag gesponnen, sie wird unsichtbar von der rührigen Exkaiserin Zita geleitet, sie träumt davon, eines Tages alle politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des süd- osteuropäischen Raumes durch eine Wiederauf- richtung Der Habsburger Monarchie beseitigen zu können. Als vor etwa vier Wochen das gemeinsame englisch-französische Ultimatum wegen der italienischen Waffenlieferungen nach dem burgenländischen Orte Hirthenberg von Oesterreich eine schmachvolle Unterwerfung verlangte, war es der habsburgische Kronanwärter Erzherzog Otto, der persönlich in Paris' intervenierte. Das Ergebnis war, daß die Bedingungen gemildert wurden, Oesterreich sich in der Sache aber unterwarf.
Man hofft im legitimiftijdjen Lager aus das Fort- fchreiten der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Oesterreich, Ungarn und der Tschechoslowakei. Es ist kein Wunder, daß die Franzosen, denen das famose Briandsche Paneuropaprojekt ebenso gescheitert ist, wie der Tardieusche Donaustaatenblock, sich von einer Wiederaufrichtung der habsburgischen Mitteleuropamacht die endgültige Einkesselung Deutschlands erhoffen. Französisches Geld fließt in vielerlei Kanälen, dns einzig Erfreuliche ist, daß die Masse des Volkes immer mehr aus dem legitimistischen Lager wegschwenkt in die Reihe der wirklich großdeutschen Bewegungen.
So läßt sich das Schicksal Oesterreichs unschwer voraussagen. Je länger die Regierung Dollfuß in ihrer unmöglichen Lage beharrt und versucht, den Volkswillen zu unterdrücken, desto stärker wird die Macht der Nationalsozialisten, der Großdeutschen und
der Psriemerschen Heimwehren. Fürst Starhemberg wird den Rest seines Ansehens verwirtschaften, wenn er noch lange die kompromißlerische Taktik über das grundsätzliche Bekenntnis stellt. Man wird u m d i e Neuwahlen nicht herum kommen. Sie werden die jetzige Regierungsmehrheit stürzen und den Nationalsozialisten einen ungeheuren Erfolg bescheren. In Deutschland sollte man rechtzeitig die alsdann zu ergreifenden gemeinsamen Schritte vorbe
reiten. Es ist uns Deutschen in Oesterreich ein Trost und eine Zuversicht, daß Hitler gleichzeitig auch der Führer der österreichischen N a t i o n a l s o z i a l i st e n ist. So lebt in uns die glühende Hoffnung, daß der Siegeszug der nationalen Revolution, der vor der Mainlinie nicht halt gemacht hat, auch nicht Haltmachen wird vor den Zwangsgrenzen, die nicht«Staat von Staat, sondern Reichsvolk von Reichsoolk trennen.
Jas Parlament am Mmmentrelen verhindert.
Eine Warnung des Bundespräsidenten.
Straffner soll den Nationalrat nicht einberufen
Wien, 15. Marz. (WTB.) Bundespräsident M i k l a s hat an den Abgeordneten Dr. Straffner ein Schreiben gerichtet, in dem er sich gegen d i e Einberufung desRa - tionalrates durch Dr. Straffner wendet. Wenn Dr. Strasiner glaube, daß er als der Präsident, der zuletzt demissioniert habe, zur Weiterführung der Geschäfte und daher auch zur Einberufung des Hauses berechtigt sei, so handele es sich dabei um einen bloßen Analogiebeschluh, der in Verfasfungsfra- gen nicht genüge; es bedürfe vielmehr ausdrücklicher Gesetzesbestimmungen. Die Anhänger der letzteren Meinung sahen daher den einzigen unanfechtbaren Ausweg zur Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Funktion des Rationalrates in einer Rotverordnung des Bundespräsidenten, die die Lücke des Geschäffsordnungsgesehcs schließt. Da dieser Vorschlag von keiner Seite abgelehnt worden sei, sollte nach Meinung des Präsidenten dieser Weg beschritten werden. Der Bundespräsident richtete an den Abgeordneten Dr. Straffner das eindringliche Ersuchen, nicht auf der Einladung des Rationalrates zu bestehen, weil ein unnachgiebiges Beharren geeignet wäre, den inneren Frieden in schwerster Weise zu gefährden.
KnmmalpoUzei fperrt dos Parlament
Straffner führt die Litz' ng des National- rat* durch
Die von Dr. Straffner zu 15 Uhr einberufene Sitzung des Rationalrates wurde schon um 14.35 Uhr eröffnet. Die Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei und die Groß- deutschen waren in der überwiegenden Mehrzahl bereits kur; vor 14.15 Uhr im Saale erschienen. Kur; danach trafen 10 0 Kriminalbeamte in Zivil im Parlamentsgebäude ein und besetzten alle (Eingänge und die Türen zum Sitzungssaal. Straffner konnte nur durch die neben feinem Büro liegende Tür in den Sitzungssaal gelangen. Da weitere Abgeordnete von den Kriminalbeamten nicht mehr in den Sitzungssaal gelassen wurden, beschlossen die im Saal anwesenden Abgeordneten, die Sitzung zu beginnen, weder die Stenographen, noch
die Beamten des Rationalrates waren anwesend. Straffner bestimmte daher zwei Abgeordnete zu Protokollführern.
Straffner schilderte dann eingehend die Vorgänge, die zu der Krise führten und seine Rechtsauffassung über die Lage. (Er habe, so sagte er weiter, diese Sitzung einberufen, umdieAktionsfähigkeit des Parlaments herzustellen. Den Zeitpunkt der nächsten Sitzung werde er bekanntgeben. Wegen der gewaltsamen Behinderung von Abgeordneten am Betreten des Sitzungssaales werde er nach Paragraph 76 des Strafgesetzes (öffentliche Gewalttätigkeit) Anzeige erstatten. Als Straffner erklärte, daß d i e Sitzung gefchlof- f e n sei, ertönte lebhafter Beifall. Die Abgeordneten verliehen den Sitzungssaal mit Hochrufen auf Straffner und die Republik und Rufen wie: „Rieder mit der Diktatur, nieder mit den Putschisten!"
Die Opposition rüst die Gerichte an.
Präsident Straffner hatte für eine halbe Stunde nach der Rationalratssitzung eine Obmännerkonferenz einberufen, die aber nur von der Opposition beschickt wurde. Präsident Straffner wird wegen des polizeilichen Eingriffs bei den zuständigen Gerichten Anzeige wegen öffentlicher Gewalttätigkeiten gegen Bundeskanzler Dr. Doll- f u ß erstatten Zur Fortführung der parlamentarischen Verhandlungen wird Dr. Straffner eine Obmänner-Konserenz einberufen, um die Reu- wähl des Präsidiums des Rationalrats in die Wege zu leiten.
Die vom Bundeskanzler Dr. Dollfuß a n d e n Polizeipräsidenten von Wien ausgegebene Weisung hatte folgenden Wortlaut:
„Da die an den Rationalrat gerichtete Einladung, sich im Parlamentsgebäude heute um 15 Rhr zu versammeln, ungesetzlich ist,/erteile ich Ihnen den Auftrag, diese nicht nach den Vorschriften des Versammlungsgesetzes angemeldete Versammlung zu verhinder n."
Die Regierung stellt sich auf den Standpunkt, daß cs sich nicht um eine Tagung des Parlaments gehandelt hat, da nur eine Minderheit der Abgeordneten anwesend war. Der Abgeordnete Straffner habe dementsprechend auch zur Abgabe seiner Erklärung, nicht den Präsidenten st uhl eingenommen. Es handle sich um eine einfache Versammlung, die unter das Dersamm- lungsverbot falle. Diese Versaminulng habe jedoch nicht st a t t g e f u n d e n , da sie auf 15 Uhr einberufen war, die Straffnersche Erklärung aber bereits um 1 4,4 0 il fj r abge -
Oesterreichische Heimwehr bei einem Marsch durch die Bundeshauptstadt, flankiert von einer starken Polizeiabteilung. — Ein Bild, wie man es in Wien oft zu sehen bekommt.
ei-
geben worden sei. Das Vorgehen des Abgeordneten stelle sich demgemäß lediglich als Absage der ursprünglich beabsichtigten Versammlung dar.
Protestkundgebungen gegen Dollfuß.
LtarkePolizciaufgcbote imZentrum Wiens.
Die innerpolitische Lage wird in parlamentarischen Kreisen als überaus kritisch bezeichnet. Die Polizei besetzte in Alarmausrüstung mit Karabinern bestimmte Punkte, darunter auch den Burgplatz, wo auf dem äußeren Burgtor Poften mit Maschinengewehren ausgestellt wurden. Als die Ringstraße von Kraftwagen befahren wurde, in denen man Regierungsmitglieder vermutete, erschallten ihnen Schmähruse entgegen, ebenso den Kraftwagen, die mit Offizieren des Bundesheeres beseht waren. Dazwischen organisierte die Menge Sprechchöre, die „Deutschland erwache! Dollfuß verrecke!" riefen. Wiederholt wurden das Horst-Wessel-Lied und das Deutschlandlied gesungen. 3n den Abendstunden wurden die besetzten Punkte allmählich wieder geräumt und die Bereitschaft stufenweise abgebaut. (Es herrscht vollkommene Ruhe.
Das Programm der Reichstagstagung.
Baldige Vertagung bis zum Herbst
Berlin, 15. März. (DdZ.) Im Reichstagsgebäude fand unter dem Vorsitze des Reichstagspräsidenten Göring eine BesprechungderFrak- tionsführer statt, an der die Vertreter aller Parteien mit Ausnahme der Kommunisten teilnahmen. Der Reichstag wird sich nach dem Staatsakt in Potsdam am Dienstag um 17 Uhr i n der Kroll-Oper konstituieren und sogleich die Wahl seines Vorstands vornehmen. Für Donnerstag ist die Entgegennahme einer Regierungserklärung und die Beratung des E r m ä ch t i g u n st s g e s e tz e s vorgesehen. Außerdem sollen einige mternationale'Ueber einkommen und Anträge der Parteien zur Beratung kommen. Man rechnet für die Verhandlungen des Reichstags mit insgesamt drei bis vier Sitzungstagen. Im Anschluß daran wird eine längere Vertagung, wahrscheinlich bis zum H e r b st, eintreten.
In der Fraktionsführerbesprechung wurde eine Aenderung der Geschäftsordnung dahin beschlossen, daß künftig die ersten Reichs- tagssiyungen nicht mehr vom Alterspräsidenten, sondern von dem jeweilig amtierenden Präsidenten eröffnet werden. Am Dienstag wird also die Sitzung nicht vom Alterspräsidenten Litzmann, sondern von dem bisherigen Reichstagspräsident Göring eröffnet. Der bisherige Reichstagspräsident Minister Göring wird auch im neuen Reichstag wieder zum Präsidenten gewählt werden. Für die Teilnahme an dem Potsdamer Staatsakt sind an alle Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten, Anfragen ergangen, auf die im Falle der Zusagen die Einladungen folgen werden. Vom Zentrum steht schon sest, daß es geschlossen an dem Staatsakt in Potsdam teilnehmen wird. Die Sozialdemokraten haben bisher ihre Entscheidung noch nicht mitgeteilt.
Oie Mehrheiisverhälinisse in den Parlamenten.
Nach Ausschaltung der Kommunisten.
Berlin, 15. März. (DDZ.) Da nach den Dispositionen der zuständigen Stellen die Kommunisten weder im Reichstag noch im Preußischen Landtag an den parlamentarischen Arbeiten beteiligt werden, ergibt sich, daß in beiden Häusern die nationalsozialistische Fraktion allein über die einfache Mehrheit verfügt. Der Reichstag, der mit Einschluß der Kommunisten 647 Mandate umfassen würde, zählt bei Ausschaltung der 81 KPD-Abgeordneten nur noch 566 Mitglieder. Die 288 Rationalsozialisten verfügen also über die einfache Mehrheit; anders steht es jedoch um die verfos - sungsändernde Zweidrittelmehrheit. Hierfür wären im Reichstag nach Ausschaltung der Kommunisten immer noch 376 Stimmen erforderlich, während die Rationalsozialisten (288) und die Kampffront Schwarz-Weih°Rot (52) zusammen nur über 340 Stimmen verfügen. Cs müßte also für die Erreichung der Zweidrittelmehrheit die Stimmabgabe noch von anderen Fraktionen hinzukommen.
3m Preußischen Landtag bleiben nach Ausschaltung der 63 kommunistischen Abgeordneten noch 411 Mandate übrig. Auch hier haben also die Rationalsozialisten mit ihren 211 Stimmen allein die Mehrheit. Die Zweidrittelmehrheit würde im Preußischen Landtag 274 Stimmen erfordern; Rationalsozialisten (211) und Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (43) haben jedoch zusammen nur 254 Mandate, so daß für den Landtag hinsichtlich der Zweidrittelmehrheit das Gleiche wie für den 1 Reichstag gilt.


