Ausgabe 
16.2.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 40 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Donnerstag, 16. Zebruar 1933

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Berantmortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein unbfür benTln» jeigenteil i.D.TH.Kümmel sämtlich in (Siegen.

Frankreichs Kriegsindustrie iorpedieri die Abrüstung.

Warum eine Aussöhnung zwischen Paris und 2Rom nicht zustandekam.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Dom, Mitte Februar.

Ein Verhängnis will es, daß dem europäischen Frieden je. esmal, wenn er sich mühsam erheben will, von irgendeinem Tolpatsch ein Prügel zwi­schen die Deine geworfen wird. Der neue französische Botschafter in Rom hatte die besten Absichten. Er schickte einen Schwarm von Zeitungsherolden voraus, die verkündeten, daß er um jeden Preis Italien gewinnen wolle, in Minne und Freundschaft. Die ewige Reibungs­fläche müsse verschwinden. Er sagte es gern und oft, vielleicht eine Kleinigkeit zu oft. Kaum in Rom eingetroffen, noch hatte er sein Beglaubi­gungsschreiben nicht überreicht, galt sein erster Besuch der Ausstellung der faschistischen Revo- lution. Sehr klug, sehr nett, vielleicht eine Klei­nigkeit zu nett. Man merkte die Absicht.

Italien wollte an Höflichkeit nicht zurückstehen und behandelte den Professor E y d o u x . den ge­ständigen Spion, samt seiner Freundin vor dem Eondergericht mit ausgesuchter Liebenswürdig­keit vielleicht eine Kleinigkeit zu liebenswürdig.

Man war so schön im Zuge, es hieb bereits, Mussolini betrachte es als seine zweite große Po- litische Ausgabe, auch die Bersöhnung mit der lateinischen Schwester zuwege zu bringen, nachdem ihm das Unwahrscheinliche einer Aussöhnung zwischen Quirinal und Vati­kan so meisterhaft geglückt war.

In diesem Augenblick tappte der Alltag plump in das seine diplomatische Gewerbe. Jene fran- zösische Presse, die in ihrer schon abgeschmackten Sucht, alles Unangenehme, was Frankreich zu­stößt, dem Boche in die Schuhe zu schieben, als Reservesündenbock den Faschismus entdeckt hat, jene von der Kriegsindustrie ausgehaltenen Blät­ter wollten in dem Saboteur der ,Atlan- t i a u e Italien erkannt haben. Ferner habe Italien an Ungarn Bombenflugzeuge geliefert, neben den Waffen von Hirtenberg, und schließlich ließ Herriot und nicht bloß Herriot durchblicken, daß Mussolini heimlich e i n B ü n d - nis mit Deutschland und Ungarn an- gezettelt habe. Gleichzeitig gefiel es dem galli­schen Gockel, in Genf wieder einmal auf die Ab­rüstung zu krähen.

Rom antwortet nun auf eine Weise, die Auf­sehen erregen muß. Es wird der französischen Re­gierung nicht mehr und nicht weniger vorgcworfen, als daß sie den Frieden Europas aus Geldgier verrate.Mit Blindheit geschla­gen" oderAgenti provocatori liest man über den Leitartikeln der italienischen Regierungs­presse. Wir erleben, so beginnt der Leiter des offiziösen Giornale d'Italia, Birginio Gayda, seine Philippika, augenblicklich eine offene Wiederauf­nahme italienfeindlicher Kundgebungen feilens französischer agents provocateurs. Er weist di« Anschuldigungen der französischen Presse wie Her- riots und anderer Parlamentarier als Provoka­tion zurück und eröffnet seinerseits das Feuer mit peinlichen Enthüllungen, die man auch Erläute­rungen zur französischen Politik, insbesondere in Genf, nennen könnte.

Wer stehe hinter dieser Politik? Bor allem die Kriegsindustrie, das Comite des Forges. Richt zufällig ständen an der Spitze des Feld­zuges gegen Italien und für die Kriegsrüstungen derMalin", dasEcho de Paris", dasIournal des Debats" und der amtliche wie tendenziöse Tcmps". Alle diese Blätter werden vom C o - mit£ des Forges bezahlt und kon­trolliert. Sie stehen im Dienste einer Indu­strie, die ihre hohen Dividenden der Herstellung und dem Handel mit Waffen verdanke, ein Ge­werbe, das zu seinem Gedeihen die Vorbereitung einer permanenten Kriegsatmosphäre brauche. Die französische Demokratie biete damit eine Gala- vorstellung ihrer Dekadenz. Sie arbeite gegen die Abrüstung und gegen die Ruhe in Europa.

Das klingt ja nun freilich etwas anders als die honigsüßen Phrasen von dem edlen, friedlieben­den Frankreich, gegen deren Import sich sogar die Kleine Entente zu sträuben beginnt. Gayda aber bleibt bei der Anklage nicht stehen, er be­gründet sie auch:

Zusammen mit der hohen Militärbürokratie und der Hochfinanz ist das Comitä des Forges heute die wahre beherrschende Macht in F r a n k re ich und auf dec ständigen Suche nach Feinden sür Frankreich und seine Vasallen. Die Kanonenfabrikanten sind es, die aus dem fran­zösischen Projekt gegen die Abrüstung sprechen, denn die Kanonenfabrikanten verteidigen damit ihre Ware. Vergessen wir nicht, daß der Leiter des riesigen französischen Rüstungstrusts, Eugen Schneider, Ehrenvorsitzender des Comite des Forges, allein in den letzten drei Jahren 5000 Kanonen und 25 000 Tonnen Schiffspanzer für die Marine geliefert hat, eine'große Zahl der neuen Kriegsschiffe, und Chalons für Saöne, wo er gleich­falls im Aufsichtsrat der Kriegsfabriken sitzt, die neuen Rhein« und Alpenfestungen, für die bereits sieben Milliarden ausgegeben wurden. Vergessen wir nicht, das unter den 250 Gesellschaften des Comite des Forges mindestens 80 bloß von der Herstellung von Kriegsmaterial leben. Vergessen wir nicht, daß in der Generalversammlung von 1932 Eugen Schneider den Aktionären eine Di­vidende von 25 Prozent mit folgenden klaren Worten ausschüttete:Während unsere Be­

triebe für Eisenbahn und Schiffahrt zu wünschen übrig lassen, haben die Rüstungswerke zu unserer nicht geringenZusrieden- heit gearbeite t." Aehnlich erklärte in der Generalversammlung vom 31. März 1932 der Vorsitzende der Stahl- und Gußeisenindustrie von Firminy, Marcel Dumuis:Unsere Waffen- fabriken arbeiten gut, die andern unregelmäßig. Hoffen wir also, daß die Staatslieferungen zu- nehmen."

Die Skodawerke des tschechischen Verbün­det. an deren Spitze Schneider steht, werfen jährlich für Waffenexport 90 Millionen im Durch­schnitt ab. Poincare ist Rechtsberater des Comite des Forges gewesen. Herriot wird von der Dankgruppe des Credit Lyonnais gehalten, die gleichfalls mit der Rüstungsindustrie verfilzt ist. Der Marineminister Carlo Dumont, der bei der Flottenkonferenz eine Rolle spielte, sitzt im Vcr- waltungsrat der französisch-japanischen Dank, die in direkter Geschäftsverbindung mit Schneider steht.

So wird Frankreich regiert, die Kanoneninter­essen beherrschen einen guten Teil der europäischen und Weltpolitik. Daher die fortwährende Agita­tion gegen Deutschland und Italien, die Aufre­

gung um die Kleine Entente, diesen guten Äun- den daher die Torpedierung der Flottenkonfe­renz in London, der Abrüstungskonferenz in Genf. Man macht die Feinde (si creano i ne- mici) und macht die Friedensgefahr, um einen Vorwand für die Rüstungen zu haben. Der dau­ernde Gärungs- und Spannungszustand in Eu­ropa ist künstlich gemacht, weil nur unter einem solchen die Dividenden der Kriegsindustrie gedei­hen können. Schulter an Schulter mit den poli­tischen Machenschaften arbeitet die Finanzspelu- lation bald gegen dieses, bald gegen jenes Land Europas, das heißt gegen den Frieden. Der Spekulation dient die Provokation. Und so kommt es nie zu Abrüstung und Sicherheit.

... So steht das wortwörtlich da, im Gior­nale d'Italia vom 12. Februar 1933, unter­zeichnet von Virginia Gayda.

So hart wurde der Finger noch selten auf die wunde Stelle gelegt. Vielleicht gibt das in Genf doch ein bißchen zu denken. Und die französische Regierung wird nicht umhin können, zu antworten. Sollte man meinen.

Sicher ist auf jeden Fall, daß der Weg, den das heutige Frankreich geht, nicht zur Ver­ständigung mit Italien führen kann.

England schlägt einen europäischen AichtangrWpakt vor.

Genf. 15. Febr. (TU.) Im politischen Aus­schuß der Abrüstungskonferenz wurde der eng­lische Vorschlag über die Verpflichtung der Mächte, in einem Streitfall unter keinen Umständen zur Gewalt zu schreiten, er­örtert. Er entspricht im wesentlichen den Bestim­mungen der Vereinbarung der fünf Großmächte vom 11. Dezember, bleibt jedoch ausschließ­lich aus die europäischen Staat en be­schränkt. Die feierliche Verpflichtung, unter keinen Umständen bei einem Streitfall Gewalt an­zuwenden, soll gleichzeitig mit dem '21 b » rüstungsabkommen unterzeichnet werden. Der englische Vorschlag, der auf den Erfahrun­gen des japanisch-chinesischen Streitfalles aufge­baut ist, bezweckt nicht nur den Krieg, sondern auch die moderne Form der Kriegsführung ohne Kriegserklärung und ohne Abbruch der diplomati­schen Beziehungen unmöglich zu machen.

Außenkommissar Litwinow verlangte den Beitritt sämtlicher Mächte der Welt, sowie die sofortige Unterzeichnung der Verpflichtungen noch vor dem Abschluß des Abrüstungsab- kommens. Die Beschränkung auf Europa sei ge­fährlich und schädlich. In deutlicher Anspielung

auf den japanisch-chinesischen Streit erklärte Lit­winow, eine außereuropäische Macht könnte sonst ohne Kriegserklärung mit militärischen Machtmit­teln weite Provinzen eines Landes besetzen.

Botschafter Radolny cr .ü.tc. uau die deut- sche Regierung ihre uneingeschränkte Z u st i m - mu iug zu dem englischen Vorschlag erteile. Die Frage der Zuziehung der außereuropäischen Staaten könnte am zweckmäßigsten bis zur Be­handlung der die außereuropäischen Mächte be­rührenden Fragen verschoben werden. Ra» dolny beantragte, daß die feierliche Verpflich­tung erst beim Abschluß des Abrü - stungsabkornrnens unterzeichnet werde. Paul-Voncour schloß sich dem englischen Vorschlag untc- ^"m ausdrücklichen Vorbehalt an, daß diese Vers, flich ung dem von Frankreich vor­geschlagenen '^e.itag der gegenseitigen Hilfs­maßnahmen nicht ersetzen dürfe. Der eng­lische Vorschlag bilde vielmehr die Grundlage für die von Frankreich verlangten regionalen Sicherheitsabkommen. Angesichts der großen grundsätzlichen Gegensätze beschloß der Ausschuß die Einsetzung eines Redaktionsaus­schusses.

Der neue SiaateMock auf dem Balkan.

Das Abkommen der Kleinen Entente.

Genf, 15. Febr. (TU.) Die Konferenz der Klei­nen Entente wurde am Mittwochabend abgeschlos­sen. lieber das Ergebnis der Beratungen wurde eine amtliche Mitteilung veröffentlicht. Die drei Außenminister find zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Notwendigkeit einer Organisation des Frie­dens und einer Stärkung der wirtschaftlichen Be­ziehungen mit allen zentraleuropäischen Staaten für die Kleine Entente die Uebernahrne neuer Pflichten bedeutet. Zu diesem Zweck haben sie die notroenbigen Maßnahmen getroffen, um die Kleine Entente in einem vereinheitlichten internationalen Organismus umzugestalten, der für Öen Bei­tritt anderer Staaten unter noch näher zu bestimmenden Bedingungen im Einzelfalle offen- stehen soll. Zu jedem politischen Vertrag eines der drei Staaten der Kleinen Entente, jedem ein­seitigen Akt, der die politische Lage der drei Staa­ten gegenüber einem dritten Staate ändert, sowie jedem wirtschaftlichen Abkommen, das bedeutungs­volle politischen Folgen nach sich zieht, die ein- ftimmige Zustimmung d e s Rates der Kleinen Entente notwendig ist. Die gegen­wärtigen politischen Verträge eines jeden Staates der Kleinen Entente mit einem dritten Staat sol­len soweit als möglich vereinheitlicht werden.

Die drei Außenminister haben ferner bedeutungs­volle Beschlüsse auf wirtschaftlichem G e - biete gefaßt. Sie betreffen die Schiffahrt auf der Donau, Eisenbahn- und Luftverkehr, Post, Tele­graph, Telefon, Funkwesen, sowie die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Staaten im allgemeinen und die Dorzuaszollab- tommen im besonderen. Weiter ist beschlossen wor­den, daß die drei Regierungen an ihre Ernis- s i o n s b a n k e n mit der Aufforderung heran- treten sollen, einen Plan für die Zusammen- arbeit aufzustellen.

Paris hochbefriedigt.

Ein Schachzug

gegen dieitalienische Gefahr".

Paris, 15. Febr. (TU.) Die Pariser Presse ist über den schon vor längerer Zeit angetüniLiU»

festeren Zusammenschluß der Kleinen Entente sehr befriedigt. Man lobt die beteiligten Staa­ten, daß sie in Zukunft nicht nur in der Ab­rüstungsfrage, sondern auch in allen wichtigen politischen Fragen geschlossen vorgehen wollten. Die Beschlüsse der drei Außenminister, die sich in Genf zusammengesetzt hätten, um dem neuen Zusammenschluß eine feste Grundlage zu geben, bezögen sich nicht nur auf die wirtschaft­liche Lage Mitteleuropas, sondern auf den ge­samten Wiederaufbau Europas und auf die Fra­gen dec bevorstehenden Weltwirtschaftskonferenz. Außerordentlich wichtig sei es, daß Süd- slawien und Rumänien beschlossen hätten, zwischen beiden Ländern eine Brücke über Die Donau zu schlagen. DerPetit Parisien" spricht von derß i n i e Gdinge nS alo - niki", die ein Bindeglied zwischen den Staaten der Kleinen Entente und Polen darstellen würde. DasEcho de Paris" berichtet, daß die Kleine Entente in Zukunft als eine politische Einheit aufzufassen fei. Bis­her habe das Bündnis der Kleinen Entente sich lediglich gegen Ungarn gerichtet, jetzt gelte es. der italienischen Gefahr au begegnen. Die neu zu errichtende Donaubrücke schaffe einen Verbindungsweg, der ganz un­abhängig von den Verbündeten Italien, Un­garn und Bulgarien fei.

Italien ernilintertdieMzedonier

Gegen den Belgrader Zentralismus.

Rom, 14. Febr. (ERB.)Giornale d'Italia" be­faßt sich mit den Beschlüssen des Mazedonier- Kongresses und erklärt, der Schmerzensruf Der 30 000 Mazedonier dürfe bei den verantwortlichen Faktoren des zivilisierten Europas nicht unge- h ö r t bleiben. Dieser Schrei geselle sich zu dem der Kroaten, der Serben, der Mohammeda­ner von Bosnien und Herzegowina, der Monte­negriner und der A l b a n e r, die in geschlossenen Siedlungen am We strande des neuen Iu - g o s l a w i e n lebten. Zwischen Kroaten und Maze­donier bestehe Einvernehmen. Die Empörung der

bedrückten Völker sei im Begriff, fie mit Riesen­schritten einer Einheitsfront entgegenzu­führen. Die nationale Bewegung in Jugoslawien nehme im direkten Verhältnis mit den Gewalttätig­keiten und den Bedrückungsversuchen zu. Wir sehen, so schließt das Blatt, diesem historischen Prozeß der Spaltung zwischen Belgrad und der Peripherie mit der Aufmerksamkeit eines Vol­kes zu, das im Bewußtsein seiner Verantwortung für die Ordnung und den Frieden in Europa lebt.

Ernste Lage in Rumänien.

Zuspitzung des Eiscnbahncrstrciks.

Bukarest, 15. Febr. (TU.) 4000 Arbeiter der Pukarester Eisenbahnwerk statt en traten am Mittwoch erneut in den Streik, weil die Militärbehörden in der vergangenen Rächt elf Arbeiter, die in Verdacht stehen, den aufgelösten kommunistischen Gcheimorganisationen anzugehören, in Haft genommen haben. Die Streikenden fordern nicht nur Freilassung der Verhafteten, sondern stellen auch eine Reihe po­litischer Forderungen, darunter Aufhebung deS BclagerungszustanDes. Die Verhandlungen zwi­schen den streikenden Arbeitern und den Militär­behörden dauerten den ganzen Tag. In K lau­se n b u r g wurde ein Arbeiter durch Gewehr­schüsse schwer verletzt. In Constanza schoß ein kommunistischer Führer im Augenblick seiner Verhaftung den Polizeikommissar nieder und ver­übte Selbstmord. Im übrigen wurden im ganzen Lande, namentlich in den größeren Städten Ver­haftungen vorgenommen.

In den Abendstunden hat sich die Lage weiter verschärft, so daß sich die Regierung genötigt sah, stärkere militärische Kräfte ein» Ausetzen und schärfer vorzugehen. Die Presse- direktion gibt folgenden Lagebericht:In K lau­se n b u r g ist es der Polizei gelungen, in die von den streikenden Arbeitern besetzte Werk­st ä 11 e der Eisenbahn von rückwärts her einzu­dringen, worauf die Arbeiter kapitulierten. Die Rädelsführer wurden verhaftet. In Bu­karest beginnt soeben die gewaltsame Räumung der von den streikenden Arbeitern besetzten Eisenbahnwerk st ätte, wobei es bei den Gendarmen bisher zwei Verwundete ge­geben hat. Aus der Richtung der Fabriken ist zur Zeit Sirenengeheul zu hören. Alle Meldungen über eine in Rumänien auSgebro- chene Revolution sind in das Reich der Fabel zu verweisen. Ein Grund zur Beunruhigung Hegt nicht vor.

Schwere Schießerei in Bukarest.

Bukarest, 16. Febr. (WTB. Funkspruch.) Die Arbeiter, die sich in den Eisenbahn­werkstätten verschanzt hatten, haben wäh­rend der Rächt mehrere Schüsse auf die sie umzingelndenPolizisten abgegeben. Da­bei wurden mehrere Polizeibeamte verletzt. Um 6 Uhr früh richtete der Vertreter der Staats­anwaltschaft an die Arbeiterschaft den Aufruf, die gesamten Betriebsräume unverzüglich zu v e r- lassen. Dieser Aufruf wurde dreimal wieder­holt. Die Arbeiter antworteten jedoch erneut mit Revolverschüssen. Das Militär war daher gezwungen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Es folgte eine Salve, durch die Drei Arbeiter getötet und neun ver­letzt wurden. Schließlich ergab sich die Ar­beiterschaft. In allen Bukarester Fabriken ist die Arbeit bereits wieder ausgenom­men worden.

Simon sordett die Ratifizierung von Lausanne.

TerFeruost onflikt bedroht dcnBölkcrbund.

London, 15. Febr. (TU.) Der englische Außen­minister Sir John Simon äußerte sich auf einer Kundgebung für die Nationalregierung in South­ampton über die Abrüstung und das Lausanner Abkommen. Wenn auch die Einzelheiten eines all­gemeinen Rüstungsabkommens schwierig sein mö­gen, so seien doch die grundlegenden Meinungsver- schiedenheiten nicht technischer, sondern politi- scherNatur. Die englische Politik suche auch das Gefühl des Vertrauens zw.scheu den Nationen zu vermitteln, da sich hierauf jede international ver­einbarte wirksame Abrüstungsmaßnahme stutzen müsse. Die Beziehungen zwischen dem Lausan­ner Abkommen und Genf beständen darin, daß seit den Tagen der Friedensoerträge die Repa- rationen, die europäische Stabilität und selbst den europäischen Frieden bedroht hätten. Man könne es sich einfach nicht leisten, irgendetwas zu tun, was die Ratifizierung unmöglich ma­chen würde. Sollte die Reparationsfrage etwa wie­der von neuem aufgeworfen werden, so würde das Vertrauen in der ganzen Well untergraben. Die Weltmarktpreise würden scharf weiter fallen und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten würden sich wie­derum verschärfen. Das Lausanner Abkommen sei mit vollem Recht als ein Waffen st ill st and bezeichnet worden. Es komme jetzt darauf an, es durch gegenseitige Anpassung und durch eine ver­ständige Handhabung zur dauernden Grund- I a g e für die Erholung der Well zu machen.

Die Lage i m Fernen O st e n bereite jeden^ der den Völkerbund stütze, die schwerste Sorge. Eng« land habe bis zum äußersten zu einer Aussöhnung mitgewirkt, wie dies die erste Pflicht des Völkerbun- des in einem solchen Falle sei. Der Völkerbund aber sei kein Ueberftaat, der einen beherrschende» physischen Ztpang auf seine Mitglieder ausüben könne, sondern nur eine internationale Organisa­tion, die d i e Zusammenarbeit an dis Stelle von Gewalt fetze und die AussöhnunG

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