Die Kreite.
Eine Erzählung von Wilhelm Holzamer.
(Schluß.)
Das ging dem Wiesenmüller denn doch über die Hutschnur. Er band sein Halstuch um und ging ins Dorf zum Bürgermeister. Da erfuhr er, daß der Jerrisepp die Genehmigung eingeholt und alles ordnungsgemäß oorgelegt und begründet hatte. Es war freilich nicht gesagt, daß er der Wiesenmühle das Wasser schwächen werde, aber es war genug damit, daß er ihr es nicht genommen hatte. Wenn er seine Wasserverhältnisse verbesserte, so war das ja ganz natürlich. An dem Wiesenmüller sein Wasserrecht war nicht gerührt, wenigstens nach Ansicht des Bürgermeisters. Das übrige müßten dann freilich die Advokaten besorgen. Der Wiesenmüller kratzte sich hinter den Ohren. Schon wenn er das Wort Advokat hörte. Er hatte sich vorgenommen, im Leben keinen Prozeß mehr zu führen, nachdem er vor langen Jahren den ersten verloren hatte. Da hatte er gesehen, was das kostet. Es war wegen eines Aeckerchens damals gewesen: gegen den Bruder seiner Frau. Das Aeckerchen ging dabei verloren und zwei andere noch dazu.
Der Wiesenmüller besann sich unterwegs, wie er die Sache auf gütlichem Wege schlichten könne. Er dachte an den Paul Ludwig. Das war der Müller von der Ecklocher Mühle. Der muhte einmal mit dem Jerrisepp reden, ehe es zur Klage kam und das Gericht sich in die Sache mischte.
Der Paul Ludwig war ein sonderbarer Kauz. Seit Jahren war er nicht aus seiner Mühle herausgekommen. Um die Menschen kümmerte er sich gar nicht. Er hatte nur seine Mühle, das Feld, die Wolken und seine Pfeife. Er war der Wetterkenner. Morgens in aller Frühe reckte er den Kopf aus feinem kleinen Mühlenfensterchen heraus und schaute sich nach dem Wetter um. Und das geschah so noch ein paarmal am Tage. Er wußte ganz genau Bescheid. Wenn der Paul Ludwig sagte, daß es zur Kirchweih regnen werde, so konnte man ganz sicher sein, daß es eintraf. Wenn ein Verein ein Fest feiern wollte, ging man erst zum Paul Ludwig, um ihn wegen des Wetters zu befragen. Das meiste Ansehen hatte der Paul Ludwig gewonnen, als er die schlechten Weinjahre prophezeit hatte. Und sie waren alle so eingetroffen, wie er es vorausgesagt hatte. Er beobachtete alles, die Kleeblüte und den Bienenflug, die Vogelstimmen und den Nestbau der Vögel, und noch viele ganz natürliche Dinge, die er den Leuten gar nicht sagte, wenn sie ihn fragten. Außerdem putzte er die Schwarzwälder Uhren aus, wenn sie stehen geblieben waren, und ölte sie auch ein. Er konnte alles. Nichts, was er nicht hätte bosseln können. Er reparierte sogar den Musikanten des Dorfes die Instrumente, und wenn sich einer einen ganzen Tag lang abgemüht hatte, den
Stimmstock in einer Geige zu stellen und es ihm doch nicht gelungen war, so ging er eben zum Paul Ludwig, der machte es im Handumdrehen. Wie aber der Bienenstand vom Paul Ludwig aussah, so schön gab's keinen mehr in der ganzen Gegend.
Von den Umgestaltungen, die der Jerrisepp mit seinem Wasser und in seiner Mühle vorgenommen hatte, war ihm schon erzählt worden, aber so sehr er sich dafür interessierte, hingegangen wäre er nicht. Nun ihn der Wiesenmüller bat, ihm den Vermittler zu spielen, war's ihm gerade recht, das war ihm eine Gelegenheit, sich die Arbeit vom Jerrisepp anzusehen. Er stülpte also sein besseres Käppchen auf, zündete seinen Kloben noch einmal an, steckte sich ein Päckchen Tabak ein und ging zum Jerrisepp.
Der Jerrisepp zeigte ihm alles, die ganzen Verbesserungen und Einrichtungen, und der Paul Ludwig guckte ganz genau. Sagen tat er nicht viel. Höchstens mal ein „Hm, hm", oder mal ein paar tiefere Züge aus der Pfeife. Das war schon ein bedeutender Beifall. Der Jerrisepp freute sich. Wenn es einer verstand, war es der Paul Ludwig. Und er guckte ins allerkleinste und einzelnste. Alles {Heberte er aus. Aber von der Sache mit dem Wiesenmüller sagte er nichts. Die hatte er ganz über dem Neuen, was er da sah, vergessen. Und sie zählte ihm auch nicht mehr, nachdem was er gesehen hatte. Er hatte vielmehr einen richtigen Respekt vor dem Jerrisepp gewonnen. So was hätte er dem gar nicht zugetraut. Der war doch ein dicker Duckmäuser, der. Und daß er jetzt so freundlich und bereitwillig im Zeigen war, das war lauter Stolz von dem. Aber, dachte der Paul Ludwig, was fchadet's! Er darf stolz fein. Was er da gemacht hat, hat wirklich Hand und Fuß und kann sich sehen lassen. Dumm nur, daß man nicht schon früher darauf gekommen ist. Die Welt macht doch Fortschritte. Es war schon richtig düster, als er ging. Und er war schon ein Stück Wegs gegangen, da fiel ihm der Wiesenmüller wieder ein. So ging er noch einmal zurück. Aber nun wußte er gar nicht, was er sagten sollte. Es war ja alles richtig und in feiner Ordnuna.
„Du, Jerrisepp , sagte er, „der Wiesenmüller beklagt sich, er hat fein Wasser."
„Die Wiesenmühl' hat zu Lebtag noch nit viel Wasser gehabt. Und soll ich vielleicht dem Wiesenmüller Wasser hinunterbringen?"
„Ja, recht hast du, Jerrisepp."
„Die vierte Mühl war schon zu Lebtag ein Stiefkind. Immer hat da das Gefäll gefehlt. Ich wunder' mich, daß sie so lang' sich gehalten hat und das Wasser nit schon längst ausgegangen ist."
„Recht hast du eigentlich."
„Wer die da hingebaut hat, der hat auch nit allzuviel Ueberlegung und Verständnis gehabt, oder die Bach ist damals anders gelaufen."
„Das ist's, die Bach ist damals anders gelaufen. Das war alles anders. Und früher war die Wie- fenmühl' eine von den allerbesten in der ganzen
| Umgegend. Aber fett der Wiefenentwäfferung ist das anders geworden."
,Alfo müßt' der Wiesenmüller eigentlich die Gemeind' verklagen und nit mich, wenn er kein Wasser hat."
„Ja, eigentlich müßt' er das", sagte der Paul Ludwig. „Denn seit der Wiesenentwässerung, die die Gemeinde gemacht hat, geht's ihm so schlecht mit dem Wasser."
Dann ging der Paul Ludwig wieder und hatte das Gefühl, daß er die Sache vom Wiesenmüller sehr gut vertreten habe.
Der Wiesenmüller beruhigte sich aber dabei nicht. Er wollte jetzt unbedingt sein Recht haben. Und trotz seiner Scheu vor den Advokaten fuhr er nach Mainz und machte die Klage anhängig. Und legte gleich einen tüchtigen Batzen Geld auf den Tisch.
Nun kamen die Sachverständigen und prüften die neue Anlage vom Jerrisepp und den Wassermangel von der Wiesenmühle, und prüften alle Einsprüche, zum Beispiel den, daß der Jerrisepp das Wasser unterhalb der Mühle zu tief gelegt habe. Aber der Jerrisepp war sattelfest. Er hatte sich genau an die Bestimmungen gehalten.
Es war wenig Aussicht. Dazu mußten immer neue Vorlagen gemacht werden.
Der alte Müller war ganz krank. Von Bub auf an hatte er die Mühle jeden Tag klappern hören, von morgens bis abends und sogar in der Nacht, nun stand sie still. Totenstill war's, abgestorben begraben. Der Alte konnte nicht mehr ruhen, nicht schlafen. Die Stille weckte ihn. Sie verjagte ihn aus feiner Mühle. Auch der Müllerin ging's so. Als ob sie nun ohne Haus und Heimat wären, ganz verstoßen und verlassen mar ihnen. Dann und wann nur bekam das Wasser einen stärkeren Trieb und das Rad lief ein wenig, aber es war nicht der Mühe wert. Auch Stauungen halfen wenig. Wenn überhaupt etwas zu machen gewesen wäre, so hätte das wenigstens ein paar Hundert Mark gekostet. Die ganze Mühle war nun aber dem Wiesenmüller verleidet. Geld wollte er keines mehr an sie hängen. Er schickte die Eve zum Jerrisepp, fragen, wann er 3U ihm kommen könnt'. Die Eve kam zurück mit der Antwort, daß es fein könne, wann es dem Vater passe. Dabei wußte sie des Rühmens kein Ende zu finden, wie fein alles in der Reihe fei beim Jerrisepp, wie er nun mit zwei Gängen mahle, und wie er nun gar nie mehr trocken sitzen könne. Der alte Müller kraute sich hinter den Ohren. Er sah die Eve lang und durchdringend an.
„Es hat dir also gefallen?"
„Ich könnt' nit anders sagen, Vater." „Hm, hm? ’s ist fein in der Reih'?" „Ich müßt lügen, Vater."
Der Alte ging hinaus auf den Hof und machte sich da zu schaffen. Nach einer Weile kam er wieder herein.
Er fragte die Eve: „Willst ihn?" „Wen?" fragte die Eve lachend. „Hm!" — er deutete zur Mühle hinüber.
„'s ist alles fein in der Reih', Vater." „Willst ihn also?"
„Wann's Euch recht wär', Vater."
„Hm!"
Am Sonntag lag der Wiesengrund tief im Nebel. Man konnte den Nebel schneiden. Er benahm einem ordentlich den Atem.
Als die Kirche aus war, sagte der Wiesenmüller zu seiner Frau: „Mutter, es wird uns nix anders übrigbleiben. Die Wasserregulierung vor ein paar Jahr, jetzt der Jerrisepp... 's hilft halt nix. Und das ganze Geld zu oerproAeffieren, und am End' noch mit der Gemeind' anfangen... Wo ist denn mein tariert wollen Halstuch? 's ist mir, meiner Seel, kein leichter Gang..."
Die Mutter nickte.
Der alte Wiesenmüller schritt langsam und vorsichtig durch den Nebel nach der Mühle vom Serri« fepp.
„Kommt Ihr, Nachbar?"
Der Wiesenmüller sah sich um, Küch' und Keller, das Wasser, das neue Rad, den neuen Gang, den Stad, den Dachboden. Es gefiel ihm alles sehr gut. Ordentlich begeistert war er von allem, was der Jerrisepp eingerichtet hatte, und er kargte nicht mit seinem Lobe.
„Slber in der Mühle drunten bleiben wir wohnen, wir zwei Alten. Fertig!"
„Wie Ihr wollt."
„Den Kniestock sparst du dir. Fertig!"
„Wie ihr wollt", lächelt der Jerrisepp.
„Und die Hochzeit?"
„Noch vor dLr_Lüstnacht", sagte der Jerrisepp.
„Noch vor der Fastnacht? Soll mir recht ein." Dann besprachen sie noch die Mitgift, und was so drum und dran hing.
„Es trifft sich halt so", meinte nad) einer Pause der Jerrisepp, „die neu’ Chaussee hätt' auch an Euch können Dorbeigefjen, dann Hütt' ich's Nach- gucken gehabt. Freilich, mein Wasser war immer besser gewesen als Eures. Aber man muß sich zu helfen wissen. Wenn man’s Leben verkehrt anpackt, nur an einer Stell’, dann bleibt’s verkehrt für fein Lebtag."
Der alte Wiesenmüller klopfte ihm auf die Schulter: „Du brauchst dir nix einzubilden. Wenn ich's nit gewollt hätt', dann roär’s nit geschehen. Und man weiß noch nit, roer’s von uns zwei am längsten ausgehalten hätt'. Fertig!"
Dann ging der Wiesenmüller wieder seinen Weg zurück. Der Heimweg war ihm ein gut Teil leichter. Es wär' aber gar nit notwendig gewesen, daß die Freierei so viel Geld gekostet hätt', der Jerrisepp hätt's nur gleich richtig anpacken sollen. Na, was vorbei war, war vorbei. So dachte er.
Am Sonntag drauf wartete der Jerrisepp auf der Kirchentreppe auf die Eve und führte sie heim. Da wußte das ganze Dorf, daß die Heirat ausgemacht war. Trotz Prozeß, man hatte sich's ja freilich immer gedacht. Denn was ein rechter Müller ist, freit in einer Mühl'. Das war zu Lebtag so.—
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