Doktor Grudes Ehe.
Originalroman von 3- Schneider-Zoerftl.
13. Fortjegung Nachdruck oerboienl
Die Kranke horchte auf. „Ein Grund mehr, daß ich rasch nach Hause komme und sie im Auge behalte. Ich lasse ihn nicht zugrunderichten durch Madien. — Ach Mutter! — Mutter!" Ihre Arme streckten sich hilfesuchend nach der leidgeprüften Frau. „Wie soll ich das Leben weitertragen?"
„Es wird alles wieder gut werden, mein Kind", tröstete die Geheimrätin.
„Nie wieder!" dachte Christa, legte den Kopf in die Kissen zurück und schloß die Lider. Träne um Träne rieselte darunter hervor.
Grudes sonst so stilles, friedliches Heim, in das nur zur Zeit der Sprechstunde Unruhe getragen wurde, glich nun Tag für Tag einem summenden Bienenschwarm.
Madien hatte auf einmal über Einsamkeit und Langeweile geklagt und sich Gäste geladen. Zum Mittagstisch zum Tee, zum Abendbrot. Mochte Grude hein..ommen, wann er wollte, seine Frau war immer in Gesellschaft.
Line kunterbunte Gesellschaft. Meist junge Leute aus Film- und Theaterkreisen. Sie drängten sich in den Zimmern und verwandelten sie in eine Art Heerlager. Er fand auf dem Gardcrobeständer kaum noch ein Plätzchen für seinen Mantel.
Das Lachen der Gäste hallte sogar durch die Dop- peltür seines Ordinationsraumes, so daß Lena mehr als einmal erschrocken auffuhr und sich verwunderte, mit welcher Ruhe er das ertrug. Er schüttelte nur den Stopf.
Zwei- oder dreimal hatte er sich sogar beherrscht und sich an den Tisch gesetzt, an welchem seine Frau ihre Gäste bewirtete. Er kannte die Leute kaum dem Namen nach. Dann empfand er, daß seine Schweid' samkeit eine gewisse Depression schuf und aß für bie Folge allein.
Nur wenn das Mädchen meldete, die gnädige Frau habe keinen Besuch, kam er in das Speisezimmer und nahm seine Mahlzeiten mit ihr ein.
Sie war dann sehr ungnädig und verdarb ihm den Appetit mit Sticheleien. „Den ganzen Tag läßt du mich allein. Und wenn ich mir Freunde lade, ist es dir auch nicht recht. Für jeden bist du da. Aber ich bin ja nur deine Frau, nicht wahr!"
Er war zu müde, sich mit ihr in ein Wortgeplänkel einzulassen. Er haßte allen Streit. Aber sie ließ nicht locker und quälte ihn mit Vorwürfen, wie verlassen sie sei.
„Da hast ja immer Gäste um dich", wehrte er apathisch, erhob sich und ging nach seinem Sprechzimmer.
Denn er früher eine schwere Operation vor oder hinter sich halle, war Lena immer darauf bedacht gewesen, daß alles um ihn voll Ruhe und Frieden war. Sie halle die Rolladen des Schlafzimmers her- abgelassen und die Klingel im Flur nach ihrem Zimmer umgestellt, damit er nicht gestört wurde, wenn es nicht dringend notwendig war.
Nun aber ging es rücksichtslos treppauf, treppab, Tür auf und zu. Und wenn Madien schlechter Laune war, krachten sie nur so in die Schlosser.
Grude fand kaum mehr eine Stunde ruhigen Schlafes und schrak schon auf, wenn nur das Telephon surrte.
Zum erstenmal war es ihm gestern passiert, daß ihm bei einer schweren Darmoperation die Hand unsicher geworden war. Das durfte nie wieder Vorkommen.
,Lch werde nervös, Lena! Können Sie mir ein bißchen Ruhe verschaffen?" Er zeigte auf die Chaiselongue in feinem Sprechzimmer.
Als er sich nach einer Weile vom Schreibtisch erhob, hatte sie bereits Kissen und Decken zurecht- gelegt. „Ich werde alt, Lena! Finden Sie nicht auch? --Nein? — Sie sind sehr rücksichtsvoll, Lena! Wissen Sie vielleicht, woher ich einen Chauffeur nehmen könnte?"
Verwundert blickte sie zu ihm auf.
In seinem Gesichte stand ein verlegenes Lächeln. ,^Jd) wäre heute beinahe dem Auto des Polizeipräsidenten in die Flanke gefahren. Er hat mir nur mit dem Finger gedroht. Das nächste Mal werde ich ausgeschrieben."
Sie erhob sich und stand nun im Schattenkegel der grünbeschirmten Schreibtischlampe. So konnte er nicht sehen, wie sehr ihr Gesicht vor Schrecken erblaßt war. „Soll ich eine Annonce aufgeben, Herr Doktor?"
„Eine Annonce?" Er war mit feinen Gedanken schon wieder weit fort gewesen.
„Wegen eines Chauffeurs."
„Ach, ja!--Ich weiß aber doch nicht, Lena —*
„Oh, bitte!" drängte sie. „Das bedeutet sicher eine große Entlastung für Sie, Herr Doktor. Und dem Wogen wird es auch gut tun."
Er streckte sich auf dem Diwan aus und hatte eine Spur der Schelmerei im Auge, die sie früher so sehr an ihm erfreut hatte. „Also dem Wagen zuliebe", sagte er lächelnd. Aber er muß ein sicherer Fahrer fein. Betonen Sie das ausdrücklich! Ich kann keinen brauchen, der nicht Wien bis in den letzten Winkel kennt, und dem ich erst die Straßen und Plätze zeigen muß, nach denen er mich bringen soll."
„Natürlich, Herr Doktor."
„Und nehmen tzie mir die Vorstellung ab", bat er, während er den Kopf bereits in die Kissen drückte. „Sie haben so einen guten Blick für Menschen. Trinken soll er womöglich auch nicht viel. Am besten gar keinen Alkohol. Sie wissen ja selbst, Lena! — Gute Nacht!"
„Gute Nacht!"
Im Flur wurde Lena von Madien abgefangen. Aus dem Herrenzimmer kam das Kreischen eines Lautsprechers und das Lachen von einem halben Dutzend angeheiterter Menschen. „Wo ist mein Mann?"
.Herr Doktor sind eben weggefahren."
,Lch hörte ihn aber gerade noch mit Ihnen sprechen."
„Dor ein paar Minuten, ja. Er wurde rasch zu einer Operation gerufen."
„Gott, wie ärgerlich! Immer, wenn ich ihn brauche, ist er nicht da." Sie schlüpfte wieder ins Zimmer zurück und ließ die Tür heftig ins Schloß fallen.
Lena war empört. So weit war es also schon, daß man ihn verleugnen mußte, wenn er einer Stunde ungestörter Ruhe bedurfte.
Sie halle vergessen, das Telephon nach ihrem Zimmer umzuschallen und schlich sich noch einmal in das Sprechzimmer hinein. In rastloser Verblüffung starrte sie nach Grude, der vor dem Instrumentenschrank stand und eben eine Spritze aus seinem Oberarm zog.
Er fühlte sich gleichfalls betroffen und bekam ein hilfloses Lächeln um den Mund. ,Hch konnte absolut nicht einschlafen, Lena."
Sie drückte die Tür leise hinter sich zu und kam zu ihm herüber. Gegen die Wand gelehnt, flehte sie: „Tun Sie es um Gotteswillen nicht wieder, Herr Doktor!"
Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick von ihr ab.
Sie nahm die Spritze an sich und legte sie mit spitzen Fingern in die Vitrine zurück. „Sie müssen unbedingt das Licht löschen, Herr Doktor. Ich habe der gnädigen Frau gesagt, daß Sie weggefahren sind."
„Sie sind sehr gut." Einen Augenblick zögerte er, dann nahm er ihre schmale Linke hoch und legte seine Stirn dagegen.
„Sie müssen sich mehr Ruhe gönnen", beschwor ihn Lena. „Sie sind zuviel in Anspruch genommen gewesen in letzter Zeit."
„Und es reicht trotzdem nicht", wehrte er müde. „Haben Sie in den Büchern nachgesehen?--Wir
haben Schulden."
„Kaum von Belang! — Bille, schlafen Sie jetzt, Herr Doktor!"
Er hielt sich nur noch mühsam auf den Füßen. Noch ehe sie das Licht gelöscht halle, lag er wieder in den Kissen.
Das Mädchen, welches in der Küche mit Schüsseln und Tellern hantierte, horchte auf, als sie den Be- scheid bekam: „Ich habe noch einen Gang zu tun, Luise. Wenn das Telephon schellt, geben. Sie Bescheid, daß der Herr Doktor nach auswärts gerufen wurde."
Auf dem Gang horchte sie nach den Zimmern Madlens, schlüpfte dann in ihren Mantel und überlegte: Tram ober Auto. Und entschied sich für das
letztere. Dien konnte endlos fein, wenn man Elle hatte.
Dick Montrey war eben nach Hause gekommen und hatte cs sich bequem gemacht, als ihm ein Klopfen wieder vom Stuhle aufipringen lieh. „Lena Sie?" fragte er und nahm schnell feinen Rock vom Tisch. Es war nicht eben feudal bei ihm. „Ist etwas passiert?" war die nächste Frage.
„Noch nicht, Herr Hauptmann!--" Mit hasten-
den Worten berichtete sie.
Er iaß ihr gegenüber und hielt das Kinn trotzig vorgeschoben. „Also, einen Chauffeur braucht der Felix?"
„3a! — Ich bitte Sie recht herzlich darum, Herr Hauptmann."
Er zog ihre gefalteten Hände herab und sah sie kopfichuttclnd an. „Das geht doch net, Fräul'n Lena! Sehn's denn das net em? Ich kann doch net mit meinem Brotherrn auf du und du stehn. Das wäre ja g'lachl."
„Das ist doch völlig nebensächlich."
„Nebensächlich? So! Bitte schon! Und wann ich bann ben Wag'n putzen will und was halt sonst noch alles zu bem G'schäft gehört, dann ist der Felix der erste, der bas nicht bulbct."
„Sie werben Ihren Wagen bestimmt putzen bürfen, Herr Hauptmann." Und als er noch immer ein ab- weisenbes Gesicht machte, legte sie bie Stirn auf ben Tisch unb weinte lautlos.
„Ja, aber Fräul'n Lena! Bitt schon, wann's benn in Gottes Namen gar net anbers geht, bann komm ich hall."
„Dor einer halben Stunbe", sie hob bie Stirne unb beherrschte sich so weit, sprechen zu können, „habe ich ihn überrascht, wie er sich Morphium einspritzte" unb, Montreys Erschrecken gewahrend, gc- stand sie: „Ich vermute, daß es nicht das erstemal gewesen ist."
„Iesias, na! Morphium! Selber hab ich's ja noch net probiert — ober ja — ein einzigs Mal. Eher aus Uebcrmut. Aber ba ist mir so schlecht darauf word'n. Zwei Tag lang hab ich mich nimmer auskennt, vor lauter Uebelfein.“
„Bei Ihnen hat es eben anders gewirkt, Herr Hauptmann. — Sie kommen also?"
„Ja, fteilich! — Und ich mach meine Aug'n schon auf, Fräul'n Lena. Da durf'ns Gift drauf nehmen. Und der Madien, der muck ich was^ Grad schuun muß sie wann ich in der Mariahilfer Straß'n Einzug hall."
„Unb Sie mclben sich sofort, Herr Hauptmann, wenn ich heute bie Annonce einrücken lasse?"
„Gleich, ja! — So ein Angebot wie bas meinige, kriegt ber Felix kein zweites Mal nimmer."
Die große Hoffnungslosigkeit, mit ber sie hierher- gekommen war, fiel non ihr ab. Er begleitete sie noch bie Treppe hinunter unb brachte sie bis an die Haltestelle der Trambahn. „Nur ben Kopf hoch hall'n, Fräul'n Lena, bann wirb's schon roieber!" sagte er beim Abschieb. (Fortsetzung folgt.)
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Gießen, den 13. November 1933.
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