Ausgabe 
14.3.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Taten für Dienstag, 14. März.

1803: der Dichter Friedrich Gottlieb Äloopstock in Hamburg gestorben: 1804: der Komponist Johann Strauß (Baler) in Wien geboren. 1854: der Mediziner Paul Ehrlich in Strehlen in Schlesien geboren: 1879: der Physiker Albert Einstein in Ulm geboren, 1891: der Politiker Ludwig Windt- horst in Berlin gestorben: 1916: die Deutschen erstürmen die HöheToter Mann".

Bornotizen.

T a g e s k al e n d e r für Dienstag: Alice-Schule. Turmhaus am Brandplatz. 10 bis 13 Uhr. Ausstellung der Schülerinnenarbeiten der Kurse und Fachschule.

Aus dem S t a d t t h e a t e r - 2 ur e a u wird unS geschrieben: Heute 20 Uhr zum ersten­mal Bruno Franks KomödieRina" mit Edith Perger in der Titelrolle unter der Spielleitung von Karl H e h s e r. Gewöhnliche Preise. 23. Vor­stellung im Dienstag-Abonnement. Ende 22 Uhr. Morgen. Mittwoch, 22. Vorstellung im Mitt­woch-Abonnement mit einer Wiederholung des SchauspielsVor Sonnenuntergang", von Ger­hart Hauptmann mit Intendant Dr. P r a s ch in der Volle des Geheimrats Elausen. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 19.30 bis 22.15 Uhr. Die drittletzte und vorletzte Aufführung der Opc- retten-RevueIm ipeißen Röhl" findet am Samstag. 18. März, 20 Uhr, und am Sonntag, 19. März, 18.30 Uhr, auher Abonnement zu klei­nen Opercttenpreisen statt. Dorzugsgutscheine ha­ben zu beiden Vorstellungen Gültigkeit. Schüler­karten auch Samstag.

** Eine Fünfundsiebzig jährige. Frau Liesa P röscher Ww., Rodheimer Straße 27, begeht heute in bester körperlicher und geistiger Frische ihren 75. Geburtstag.

** Fundsachen-Verzeichnt s. Das Ver- zeichnis über die im Monat Februar gefundenen bzw. abgelieferten Gegenstände kann an der An- schlagetaiel im Flur des Polizeiamts, Landgraf- Philipp-Platz 1, eingesehen werden. Die Empfangs­berechtigten werden oufgefordert, ihre etwaigen Rechte innerhalb zwei Monate beim Fündbüro wäh­rend der Dienststunden geltend zu machen.

* Fahnenübergabe bei den Fünf­zigern. D.e Fünfziger-Dereinigung 18831933 hatte am Samstagabend in das Cafe Leib zur Uebernahmc der 50er»Fahne die dem Iahrgang 18791929 als Symbol von einem Alterskame­raden der erwähnten Vereinigung gestiftet wurde, eingeladen. Rach einigen schneidigen Musikstücken

eröffnete der 1. Vorsitzende, Alterskamerad Ober- reallehrer Rich. Appel, die Feierstunde mit einer Begrüßungsansprache an die zahlreich er­schienenen Altcrskamcraden der seit 1929 ge­gründeten Alters-Vereinigungen, in der er aus den S.nn der Fahne als Symbol hinwies. Mit einem dreifach ausgenommenen Hoch auf das deutsche Vaterland schloß die Ansprache, die star­ten Beifall fand. Hierauf wurde das Deutschland­lied, anschließend das LiedBrüder reicht die Hand zum Bunde" geiungen. Sodann marschierte unter den Klängen des Fahnenmarsches di« Fahnendeputation der Alters-Vereinigung 1882 bis 1932 und derjenigen von 18831933 in den Saal ein, bis zum Podium, auf dem sich die Vorstände der seit Stiftung der Fahne gegrün­deten Altersvereinigungen befanden. Hier fand die feierliche Uebergabe mit bekräftigenden Wor­ten der Treue zum Danner durch die beiden Vor­sitzenden der jüngsten Vereinigungen statt. Der erste Vorsitzende, Alterskamerad Appel, über­nahm die Fahne in seine Obhut und gab sie dann dem Fahnenträger. Alterskamerad Schneid- müller, der ebenfalls gelobte, die Fahne in Ehren zu halten. Rach gemeinsam gesungenen Liedern folgten noch einige Ansprachen der Vor­sitzenden der Altersvereinigungen 18791882, der Herren Mohr, Marr, Balser und D i r - l a m. Zum würdigen Abschluß des offiziellen Teils gedachte man der toten Helden des 'Welt­krieges. Die Kapelle Einbrodt spielt« das Lied vom guten Kameraden.

** Seefisch s ü r Erwerbslose und Wohlfahrtspfleglinge. Vom Reichs- Seefisch-Ausfchuß wird uns geschrieben: Auch im Monat März können von Erwerbslosen und Wohl- fahrtspfleglingen auf Reichsverbilligungsscheine für Lebensmittel, und zwar aus Abschnitt 11, zwei Pfund frischer Seefisch oder ein Pfund Fischfilet bezogen werden. Durch reichliche Seefischanlan­dungen zeigen sich überall müßige Preise, so daß der genannte Abschnitt 11 im Werte von 30 Pf. vorteilhaft für den Seefischcinkauf ausgenutzt wer­den kann. Die Bezugsberechtigten seien darauf aufmerksam gemacht.

Einer der Sprengstoffdiebe verhaftet.

MSR. Mainz, 11.März. Heute um 2 Uhr ge­lang cs der Kriminalpolizei Mainz, einen der wegen des Sprengstaffdiebstahls in Budenheim gejuchten Täter in der Person des Karl Wilhelm St eigner aus Gonsenheim in einer Wirtschaft in Mainz-Kastel festzunehmcn. Der Verhaftete gehört dem Ver­nehmen nach der KPD. an.

Siaaispräsideni Pros. Dr. Werner in Gießen.

Eine eindrucksvolle Massenkundgebung der Gießener Nationalsozialisten.

Die RSDAP. in Gießen veranstaltete aus Anlaß der gestrigen hessischen Staatspräsi­den t e n w a h l, bei der vgl. den Landtags­bericht im politischen Teil unserer heutigen Aus­gabe der bisherige Landtagspräsident und Äbg. der RSDAP. Prof. Dr. Werner zum Staatspräsidenten gewählt wurde, gestern abend einen F a ck e l z u g und eine Kundgebung der SS., SA., der Hitlerjugend und der übrigen Parteiangehörigcn.

Die Veranstaltung hatte, obwohl sie erst im Laufe des gestrigen Tages bekanntgeworden war, eine jo gewaltige Menschenmenge auf die Beine gebracht, wie sie bei einer rein lokalen Kund­gebung auch der RSDAP. bisher hier noch nicht zu sehen war. Der Londgraf-Philipp-Plah und ein großer Teil des Brandplahes waren dicht- gefüllt von Parteiangehörigen und von der Zu­schauermenge. Ferner waren in den Marsch­stroßen des Zuges, vor allem aber auf Oswalds- garten schon lange vor der dort stattfindenden Schlußkundgebung, an der Staatspräsident Prof. Dr. Werner teilnahm, sehr große Menschen­ansammlungen festzustellen.

Gegen 20.30 Uhr setzte sich der Fackelzug, der hinsichtlich seiner Teilnehmerzahl alle frü­heren derartigen Veranstaltungen weit übertraf, vom Landgras-Philipp-Platz aus in Bewegung. Dom Stahlhelm nahm der Spielmannszug daran teil. Der Marsch ging in ausgezeichneter Marschordnung durch die Ostanlage, Wolltor­straße, Kirchenplatz. Marktplatz. Schulstrahe, Reuen Baue, Gartenstraße, Ludwigstraße. Bleich- strahe, Südanlage. Reuen Baue. Reuenweg, Sei- tersweg. Westanlage. Bahnhofstraße, Rcustadt zum Oswaldsgarten. Hier marschierten die Kolonnen in einem großen Rechteck aus. Kaum war der Aufmarsch beendet, so durchbrach die begeisterte Menschenmenge die polizeiliche Ab- sperrungslinic und drängte nach der Mitte des Platzes, der im Handumdrehen von einer Kopf an Kopf gedrängten Volksmasse über die ganze Fläche des Oswaldsgarten und der angrenzenden Fahrbahnen gefüllt war.

Die Kundgebung wurde eingeleitet mit fol­gender Ansprache von

Kreisleiter Abg. Or. Harth Allendorf:

Was schon lange fällig war, ist heute geschehen: wir haben eine rein nationaljozialisti- scheRcgierunginHessen bekommen. (Leb­hafter Beifall.) Als Staatspräsident ist der Mann gewählt worden, der hier in Oberhejsen und in ganz Hessen die Liebe und das Vertrauen der Bevölkerung besitzt. Er hat nun das Wort.

Staatspräsident

Prof. Or. Werner,

mit stürmischen Heil-Ruten begrüßt, sagte in sei­ner Ansprache u. a.: Deutsche Volksgenossen, liebe oberhessischc und hessische, insbesondere aber Gießener Landsleute! Es ist an diesem Abend für mich ein besonderes Gefühl, hier in Gießen auf Oswaldsgarten zu Ihnen sprechen zu können. Die Gefühle, die mich dabei überkommen, sind in Worte nicht zu kleiden, denn mit der Geschichte dieser Stadt ist auch die Geschichte meines privaten und meines politischen Lebens auf6 engste ver­bunden. Von hier aus ging mein Weg hinaus ins politische Leben, und ich denke dabei heute an die kleine Schar, die mit mir zusammen vor 33 Jahren den Deutschen Verein zu Gießen grün­dete. Der damalige Freundeskreis wurde der Wegbereiter der völkischen Bewegung, er ist als ein Vorläufer der großen königlichen Bewegung Adolf Hitlers anzusehen.

Dieser Tag ist für mich die Krönung einerlan­gen und sauren politischen Lebensarbeit. Wenn man nach langem und schwerem Kampfe sagen

kann, daß man einen Gipfel erstiegen hat, so scheint cs, als sei das letzte Bollwerk gefallen und als röte sich derTag, nachdem die Rächt uns lange genug bedrückt hat. Dann ist es ein Glück f ü r einen OKann, der die Höhe des Lebens schon überschritten hat. aber stark und jung im Herzen geblieben ist, daß er das Letzteher- geben soll f ü r Deutschlands Wieder­geburt und Deutschlands Auferstehung.

Wenn sich am 30. Januar deutsche Volksgenossen in Hindenburg und Hitler, wenn sich deut­sches Alter und deutsche Jugend die Hand ge­reicht haben, wenn sich zwei Welten mit- einanderverbandcn und durch ihr Zusam­mengehen das große Sinnbild der Zeit gaben und den anderen zeigten, wie in Deutsch­land die Einigkeit durch den Willen zweier großer Menschen geschaffen ist, dann muß man sagen:

Das war Deutschlands große Stunde, das war der deutsche Aufbruch, die deutsche Revolution, das deutsche Auferstehn!

Heute ist nicht die Zeit, von Rache zu reden, oder kleinliche Rache zu nehmen. Die Bewegung, in der wir stehen, ist so edel und rein, wie keine andere in der Welt. Diese Bewegung darf durch feine Torheit geschändet, durch kein Verbrechen entehrt und durch keine kleinliche Rache in ihrer Würde gestört werden.

Je disziplinierter, je entschlossener und je ruhiger und bedachter wir unseren weg gehen, um so besser wird es sein.

Diese alte Stadt Gießen ist eine starte Stütze im Kampf um Deutschlands Befreiung geworden. Schon früher hat diese Stadt, hat dieser Wahl­kreis dem Marxismus sieghaft widerstanden. Da­von heute zu reden, geziemt sich einem Kämpfer, der lange einsam gestanden hat. Als das schwere Schicksal an die Pforte unseres Volkes tlvpste, als die Rot kam, ging der Himmel über Deutsch­land wieder auf, und je mehr Lichter von ihm heruntergrüßen, desto stärker wurde die Hoff­nung. daß es doch ein einiges Deutsch­land geben möchte, das sich ermannt hat und nicht niedergerungen werden kann, weil der Kern zu gut ist.

Dieser Abend, diese Feier mit den ungezählten Fahnen, ist ein deutsches Bekenntnis. Heute vor 13 Jahren marschierte Die Brigade Ehrhard mit dem Haien.reuz am Stahlhelm in Berlin ein. Wenn wir sehen, daß dieses uralte, heilige Symbol des Hakenkreuzes jetzt durch den Erlaß des Reichspräsidenten in Verbindung mit den lieben alten Farben des Deutschen Reiches kommt und damit den tiefsten Sinn offenbart hat. dann kommen wir zu der Meinung, daß' diese Farben in ihrem tiefsten und letzten Sinn aus­gedeutet werden können mit dem Zeichen des Eonnenradcs. und daß sie ihre Kraft ausstrahlen können auf Mann und We«b und Kind in Stadt und Land, wenn Schwarz-Weiß-Rot und Haken­kreuz verbunden sind- Vor zehn Jahren habe ich in Frankfurt auf einer Tagung, in der der deutsche Kultusminister von den schwarz-rot- goldenen Farben sprach, gesagt, die schwarz­weiß-rote Fahne werde doch wieder aufgezogen. Heute flattert sie wieder über allen Straßen mit den Hitlerfahnen, als ein wundervolles Zeichen dafür, daß

Deutschland sein Ostern, seine Auferstehung feiert und wieder zurückgcfunden hat zu den

Quellen feiner Kraft.

Das ganze Deutschland soll es sein, nicht ein zerstörtes Deutschland. Wir haben die Main 1 inie endlich zerschnitten. (Lebhafter Beifall.) Die Bayerische Volkspartei hat einsehen müssen, daß der bayerische Löwe nichts vermag gegen die Kraft unserer Bewegung. Wenn es einen

großen Triumph für den Führer gegeben hat, den er erleben konnte, jo war es der, daß seine Bayern ihm den Treugruß brachten. Wenn wir nun des deutschen Glaubens so voll geworden sind, jo lassen eie uns ein Bekenntnis oblegen zu den hohen und heiligen Eigenschaften der deutschen Seele. Die Waf­fen des Deutschtums, die Waffen der schaffenden Ar­beit werden schöpferisch sein für die deutsche Frei­heit gegenüber den internationalen Kräften des raf­fenden Kapitals.

Wir empfinden in tiefster Seele den Kröfteaus- bruch dieser Stunde. Je mehr wir diese Kräfte aus uns wirken lassen, desto schneller und schöner wird aus dieser Zeit ein neues Deutschland aufsteigen.

Deutschlands Auferstehung, wir grüßen dich auch von Gießen aus. Und wir richten den Blick von unserem kleinen Ackerfeld auf den großen deutschen Ackerboden, über den zwei Pflüger und Säer gehen und säen die deutsche (Ernte: der Greis und der Mann in den besten Jahren, Hindenburg und Hitler. Mir grüßen in ihnen die deutsche Einheit, die deutsche Kraft und die deutsche Größe.

Dem Lande Hessen, dem deutschen Vaterland und seinen beiden Führern ein dreifaches Sieg-Heil!

Begeistert stimmte die Menschenmenge in den dreimaligen Ruf ein. Anschließend wurde der erste Vers des Deutschlandliedes gesungen.

Kreisleiter Abg. Or. Harth

hielt hierauf eine kurze Schlußansprache, in der er sagte: Wir Nationalsozialisten haben jetzt in Hessen die Regierung übernommen. Diese Tatsache ver­

pflichtet alle Nationalsozialisten zn strengster Disziplin und unbedingten Gehor­sam gegenüber den Anordnungen der Führer.

E» ist jeht keinerlei Grund mehr für Sonderaktionen.

Wir geloben unserem Staatspräsidenten, daß wkr ihn immer mit aller Hingabe und Treue unterstützen wollen bei der (Erfüllung seiner schweren Ausgabe. Unserem Staatspräsidenten Pros. Dr. Werner ein dreifaches Heil!

Mit großer Begeisterung stimmte die Tlcngc in die Ruse ein. Mit dem gemeinsamen Gesang des Horst-Wessel-Liedes sand die denkwürdige Kund­gebung ihren Abschluß.

Staatspräsident Pros. Or. Werner Ehrenbürger von Laubach.

Laubach, 14. März. (Eigener Drahtbe­richt.) Der Gemeindcrat unserer Stadl be­schloß gestern in einer eilig zusammenberufenen Sitzung einstimmig, den neugewähltcn bes- sischen Staatspräsidenten Prof. Dr. Werner zum Ehrenbürger von Laubach zu er­nennen. Staatspräsident Prof. Dr. Werner gehörte mehrere Jahre lang dem Lehrkörper des- früheren hiesigen Gymnasiums an und erfreut lich bei der gesamten Einwohnerschaft unserer Stadt größter Wertschätzung. Seine Beziehungen zu Laubach hat er auch nach seinem Wegzuge immer aufrechterhalten und das gute Verhältnis zu unserer Einwohnerschaft stets sorgsam gepflegt.

Prozeß um eine Ameise.

Ein merkwürdiger Rechtsstreit vor dem Berliner Arbeitsgericht.

Die Arbeitsgerichte haben in den letzten Jahren oft genug Gelegenheit gehabt, Rechtsstreite schlichten zu müssen, die beinahe schon eines Salomo würdig gewesen wären. Der Prozeß, der aber in diesen tagen vor dem Berliner Arbeitsgericht geführt wird, und in dem es im Wesentlichen um eine Ameise oder besser gesagt viele Ameisen geht, dürfte auch in den Annalen der Arbeitsgerichte nicht seines­gleichen haben.

Die Ameise, um die es sich hier handelt, führt den romantischen Namen Pharao- Ameise. Und wenn man den Sachverhalt erfahrt, der diesem Pro­zeß zugrunde liegt, wäre man fast geneigt, ihm ein neues Kapitel in dem mystischen SchauerromanDie Rache der Pharaonen" einzuräumen. Mit jener Rache der Pharaonen, die angeblich so zahlreichen an der Ausgrabung des vor einigen Jahren ent­deckten großen ägyptischen Phgraonengrabes 'Betei­ligten das Leben gekostet haben soll, hat die Pharao- Ameise freilich nichts zu tun. Aber dafür wird sie von einem Berliner Arzt, der im Jahre 1928 als Volontärarzt im Virchow-Krankenhaus eine Stellung antrat, beschuldigt, ihn mit Tuberkulose infi­ziert zu haben. Der Arzt, der nach einem halben Jahre seine Stellung wegen dieser gefährlichen Er­krankung wieder aufgeben mußte, behauptet, daß das Virchow-Krankenhaus von Pharao - Ameisen wimmele, und daß diese Infekten die Tuberkelbazil- len auf dem Umwege über Lebensmittel, an die sie sich herangemacht hatten, auf ihn übertragen hätten. Außerdem sei er bei seiner Anstellung nicht genü- ijenb sorgfältig untersucht worden, sonst hätte man eststellen müssen, daß er besonders leicht infizierbar ei, so daß die Anstellung überhaupt hätte unter- bleiben müssen. Für den ihm durch seine Krankheit erwachsenen Schaden verlangt der klagende Arzt von der Swdt Berlin erstens 17 000 Mark und außerdem Wwdergutmachung der schädlichen Folgen.

Man kann sich vorstellen, daß das Berliner Ar­beitsgericht bisher mit Pharao-Ameisen nicht viel zu tun hatte, obwohl es ziemlich einwandfrei feststeyt, daß diese goldbraunen Insekten sich in der Tat seit einigen Jahrzehnten sehr häuslich in Berlin ein- gelebt haben. Der als Sachverständiger vernommene Direktor des Virchaw-Krankenhaujes, Professor Dr. Friedmann, vermochte nicht allzu viel über die Pharao-Ameisen zu sagen, die ja schließlich auch nicht gerade zu seinem engsten Arbeitsgebiet gehö­ren. Jmerhin stellt er sich auf den Standpunkt, daß

es sehr» zweifelhaft sei, ob erstens die Pharao- Ameise überhaupt Tuberkelbazillen übertrage, und ob zweite,- b:? Gefahr der Uebertragung, wenn sie überhaupt Wtjanbeu ist, bei den Pharao-Ameisen größer ist als bei ihren Artgenossen. Allerdings mußte Professor Friedmann zugeben, daß die Mög­lichkeit einer Uebertragung von Bazillen auf Lebens mittel durch die Pharao Ameisen nicht ohne weite res von der Hand zu weisen ist. Daraus ergibt sich aber noch keineswegs die Befürchtung einer Infek­tion für erwachsene Menschen, denn innerhalb des Magen-Darmkanals seien Tuberkelbazillen unschad lich, während der Kläger allem Anschein nach die schädlichen Bazillen eingeatmet habe.

Als zweiter Sachverständiger kam der Chemiker Dr. Franke vom Gesundheitsamt der Stadt Ber­lin zu Gehör, der sich zur Frage der Bekämpfung der Pharao-Ameisen äußern sollte. Er betonte die außerordentlichen Schmierigkeiten, die dieser Be­kämpfung im Wege stehen, denn bis heute kenne man zu diesem Zweck nur ein wirklich unbedingt sicheres Mittel, und das sei die Vergasung m i t Blausäure, die in Krankenhäusern, wie über Haupt in großen Gebäuden ähnlicher Art, nicht durchzuführen sei, weil sie eine völlig luftdichte Abjchließung der gesamten Bauten erfordert.

Wie der Prozeß weiter verlaufen wird, läßt sich noch nicht sagen, da von beiden Parteien die Ladttng weiterer Sachverständiger beantragt wurde. Schade, daß der große Schweizer Natursorscher Professor Forel nicht mehr unter den Lebenden weilt, der früher einmal Spezialist für Ameisen war und sich auch mit dem Problem der Pharao-Ameise beson­ders beschäitigt hat. Schon er stand allerdings der Frage der Ausrottung dieser Insekten, deren Brut­stätten auf kleinstem Raume Platz finden, ziemlich ratlos gegenüber. Als vor einigen Jahrzehnten die Pharao-Ameisen in den Schweizer Hotels zeitweilig zur Plage wurden, konnte er jedenfalls den Ho­teliers keinen besseren Rat geben als den, sie sollten alle nacheinander jeder ihr Hotel, einen ganzen Winter lang unbewohnt und unbeheizt lassen, damit die Ameisen und ihre Brut durch die Kälte zerstört würden.

Heute beschäftigt man sich im Dahlemer I n st i - tut für Schädlingsbekämp ung mit dem gleichen Problem aber auf einer mehr Wissenschaft lichen Grundlage. Hoffen mir, daß diese Arbeiten zum Erfolge führen werden.

Buntes

Das Buch in aller Welt.

Das größte Buch der Welt ist ein anatomischer Allas, der seit geraumer Zeit in der Staatsgewerbe- ichnle in Wien ausbewahrt wird. Das Buch hat eine Höhe von 1,90 Meter und eine Breite von 90 Zenti­meter. Sein Druck dauerte von 1823 bis 1830. Das kleinste Buch der Welt mißt 10 zu 6 Millimeter. Dieses Buch wurde 1897 zu Padua gedruckt und enthält auf 208 Seiten u. a. einen noch nicht ver­öffentlichten Brief Galileis vom Jahre 1615. Das ältesteBuch" der Welt dürfte der Prifse-Papyrus sein, der sich in der Nationaibibliothek zu Paris be­findet. Dieses Buch stammt aus dem Jahre 3350 v. Ehr. und wurde von dem Gelehrten, nach dem es seinen Namen führt, in einem Grabe bei The­ben gesunden. Das vertreitetste Buch der Welt ist nach wie vor die Bibel, die in etwa 50 Millionen üremplaren ihren Weg zu den Völkern gefunden hat und in 630 Sprachen und Dialekte übersetzt wurde. Das schwerste Buch der Welt ist dieGe­schichte von Ithaka", die ein habsburgischer Erzher­zog am Anfang dieses Jahrhunderts unter dem TitelParga" veröffentlich hat. Es wiegt 48 Kilo­gramm. Die höchste Auflage aller Bücher der Welt hat der chinesische Almanach, der in sechs Millionen Exemplaren jährlich gedruckt wird. Die ersten Druilerzeichen wurden 1472 von Koelhos in Köln eingeführt. Der älteste Roman der Welt ist ein orientalisches Werk aus dem Jahre 1004 v. Ehr. Er wird gegenwärtig von einem Bibliothekar des Britischen Museums in London übersetzt, und dieser Roman wird, wenn man ihn druckt, voraussichtlich zwölf dicke Bände füllen. Das älteste bekannte Lei­nenpapier in Deutschland stammt vom Jahre 1239. Es ist ein vom Grafen Arthur von Schaumburg unterschriebenes Dokument, das jetzt in Rinteln (Weser) aufbewahrt wird. Der berüchtigste Bücher­narr aller Zeiten war Tinius, der um 1800 bei Weißenfels. (Saale) lebte. Er soll 10 Raubmorde auf dem Gewissen haben. Musiknoten wurden zum ersten Mal im Jahre 1473 in Eßlingen am Neckar von Conrad Fyner gedruckt. Die erste Partitur auf einer Notenschreibmaschine hat man im Jahre 1931 getippt Die größte Bücherei der Well ist die des Britischen Museums zu London, die über vier Mil- 1 lionen Bände enthält. Danach folgt die vatikanische

Allerlei.

Bibliothek in Rom, die als älteste Bibliothek der Welt gilt. Die Weimarer Bibliothek, die Goethe viele Jahre verwaltete, umfaßt, was vergleichshal ber angeführt sei, rund 400 000 Bücher. Die um­fassendste Goelhebibliothek hat die Staatsbibliothek in Weimar, die seit Goethes Tod alle Werke von Goethe und über den Dichter lückenlos gesammelt hat, ohne Unterschied, in welcher Sprache das Buch gedruckt war.

Ein Meisterwerk für ein paar Stiefel.

Unter den neuen Kunstwerken, die seit kurzem sich im Kronprinzen-Palais zu Berlin befinden, ragt ein Gemälde des großen nordischen Malers Munch hervor, die Hauptarbeit seiner noch impression,',tischen Frühzeit, das BildMusik auf der Carl-Johcm--Straße" vom Jahre 1889. Das Gemälde, das eine Stiftung des bekannten Kunst­historikers und Munch-Biographen Curt Glaser ist, beruht durchaus auf dem Studium der fran­zösischen impressionistischen Malerei, die der Ror- toeger bei seinem Aufenthalt in Paris 1885 kennen gelernt hatte. Aber die Stimmung ist ganz unfranzösisch, zeigt die kalte Helle Luft des Rordens und in der Leere der Straße, in der scharfen Profilierung der Gesichter schon die un­heimlich-beklemmende Stimmung, die später in den Werken Munchs zum Durchbruch kam. Das Bild hat eine eigene Geschichte, die von Alfred Henhen imMuseum der Gegenwart" erzählt wird: Der junge Maler befand sich, wie auch noch lange Zeit später, in großer Rot. Er hatte sich b<ei einem Osloer Schuster kurz vor Vollendung des Bildes ein Paar Stiefel ge­kauft. diese aber nicht bezahlen können. Auf Drängen des Weisters gab er ihm schließlich das eben fertig gewordene Bild in Zahlung, und der Schuster ging wohl oder übel auf den Handel ein, da er bares Geld doch nicht bekommen konnte. Das Bild stellte er bann ins Schau­fenster. und dort entdeckte es zufällig der Wiener Maler Oskar Moll, er es für ein Butterbrot erwarb. Später tauschte er bann bas Werk gegen ein Bild des französischen Meisters Matisse um. und so kam dieses hervorragende Beispiel von Munchs frühem Stil in den Besitz von Glaser.