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14.1.1933 Erstes Blatt
 
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Samstag, U. "Januar 1935

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr.!2 Zweites Blatt

Mmelland-Kundgebling der Berliner Sludenienschast

Aus dem Berliner Hegelplatz fand anläßlich des 10. Jahrestages der Besetzung des Memellandcs hllrL ntmiifdie ^reiickärler eine eindrucksvolle Kundgebung der Berliner Studenten statt bei der die Grüße des Heimatlandes an das entrissene Land im hohen Nordosten entboten wurden.

für die Weltwirtschaf tskonferenz ist, der Nach­druck muß auf der Schuldenfrage un wer­testen Sinn liegen, und darin w'.eder nicht auf theoretischen Erwägungen und Sachverständigen- ouiachten der Wirtschaftler, fonbern auf dem politischen Entschluß der Staatsmänner und unter diesen wieder in erster Linie der Amerikaner.

Die sogenannte außerordentliche "3 öl- kerbundsversammlung lauft daneben weiter. Sie wird nur Praktisch unterbrochen. Jederzeit kann der Präsident sie e:nberu°en, wenn ihre Abgabe, die Beilegung des fern­östlichen Konflikts, das erfordert Erne Verhandlungskommission" arbeitet an diesem friedlichen Ausgleich. Die Heranziehung Amerr- kas und Rußlands dazu ist bisher nicht gelun- ^Jnzwischen geht Japan weiter in seinem Bestreben, im G.b et der südmandschur ichenBahn mit ihrer industriellen Zone sich endgültig fest­zusetzen. Es will und es kann in dieser Politck nicht mehr zurück. Dabei sind die Wirtschaft und der Staatshaushalt Javans in schwerer Krise Bauernnot, Rot des Handels (weil das Ch.na- Geschäft gestört ist), schlechter Stand des QJen, Japan geht auf einer gefährlichen Dahn. Dabei muh das Berhältnis zu den Bereinigten Staaten immer schlechter werden.

Diese können ihre gegenwärtige Passivität gar nicht aufrechterhalten. Daher kann man sich auch nicht denken, daß sie tatsächlich die Philippi- n e n so aus der Hand geben wollen, wie die Ge­währung der Unabhängigkeit an sie in der jetzt an­genommenen Bill es vorsieht. Versprochen ist das längst, schon 1916 durch Wilson. F ü r die Gewäh­rung der Unabhängigkeit sprechen zwei Gesichts­punkte in Amerika: damit könnten die der gelben Rasse angehörenden Philippinos ebenso wie Ja­paner und Chinesen von der Einwanderung fern- gehalten werden, die ihnen jetzt als Bürgern der Bereinigten Staaten freisteht. Ferner geht ein Hauptprodukt der Philippinen, Rohrzucker, heute zollfrei in Amerika ein. Dagegen sind die amerika- I Nischen Zuckerproduzenten, und gegen die unab-

Sowohl diese, wie namentlich Frankreich haben Rumänien in der schweren Frage des Nichtangriffs­paktes mit Rußland im Stich gelassen, es hat allein in seiner Ablehnungspolitik gegen Rußland stehen müssen. Die Finanzhilfe aber, die Rumänien drin­gend braucht und die nur von Frankreich kommen Fann, ist gleichfalls an ein Genfer Protokoll ge­knüpft das eine glatte Finanzkontrolle Frankreichs über Rumänien enthielte und gegen das Rumänien deshalb kämpft. Der Vertrag zwischen Rumänien und Italien ist zunächst nur auf sechs Monate, bis zum Juli 1933, verlängert. Das heißt wohl, daß die Kernfrage aufgefchoben worden ist.

In dieser ZeU wird eine lebhafte diplomatische Tätigkeit vor sich geben, an der auch Frankreich in Rom sich beteiligen wird. Frankreich will mit Italien in ein anderes Verhältnis kommen. Das hat Herri ot angelegt, dafür geht jetzt Henry de Iouvenel als Botschafter nach Rom. Er legt sein Senatsmandat nicht nieder, wird daher nur sechs Monate sein Botschafteramt wahrnehmen, d h. er will eine Sondermission für die französisch - italienische Verständigung durchführen, über die er sich ja auch öffentlich schon geäußert hat. Er stößt dabei auf die alten unüberwindbaren Schwierigkeiten, am einfachsten in der italienischen Formel ausgedrückt: daß sich Frankreich der Kleinen Entente und Italien gegenüber gleichverhalten müsse, also nicht die Kleine Entente gegen Italien bevorzugen dürfe. Das ist sehr diplomatisch-schach­brettmäßig ausgedrückt, aber ganz klar, und ist vor­läufig für Frankreich nicht möglich. Erst recht ist eine Verständigung in Flotten und Kolonialfragen nicht wahrscheinlich. Wir glauben darum, daß Herr de Iouvenel ohne praktisches Ergebnis wieder in den Senat zurückkehrt. Das diplomatische Hin und Her dieser Vertragsoerhandlungen bedeutet reell wenig, gegenüber den eigentlichen Nöten des süd- osteuropäischen Raumes. Wobei wir natürlich gar nicht leugnen wollen, daß eines Tages die ita­lienisch-jugoslawische Spannung ex­plodieren kann und Entwickelungen auslöst, die man auf beiden Seiten weder voraussehen kann, noch im Grunde will. Denn einen derartigen Krieg könnten beide Länder ganz und gar nicht brauchen.

AeilMgsslächen der WellpolM.

Außenpolit sche Umschau.

Don Dr. Otto Doehsch, ö. Pros, der Geschichte an b r unioerfifät Äerlin

Am 26. Januar kommt wieder der D ö l ke r - bundsrat zusammen. Sein wesentlichster Punkt ist die Vorbereitung der Weltwirt s ch a ft s - konf erenz. Der vorbereitende Ausschuß ist eben zusammen gewesen, und gleich in der ersten Sitzung ist die K r i e g s s ch u l de n f r a ge ge­teilt worden, die in der Rovemberkonferenz nicht Mir Sprache kam, weil Englund und Amerika das Kriegsschuldenproblem auf der Weltwirtschafts­konferenz noch nicht behandeln wollten. Jetzt hat der englische Vertreter (genau wie voreimger Zeit der Generaldirektor der DIZ.) die Sc^ilden- frage an eine wesentliche Stelle für diese Konfe­renz gerückt. Das ist immerhin ein sortschrltt. Die zweite wichtige Frage soll sein die Stabilisie­rung der W ä h r u n g e n aus der Grundlage des Goldes. Ferner sollen behandelt werden der freie Kapitalverkehr, d. h. Deseitigung der De­visensperre und' Ordnung des Kreditwesens, schließlich die Zollpolitik im Sinne einer Herab­setzung der Zolle. _ ... , ,,

Das ist ein Riesenprogramm. Zunächst sachlich, die Dereinigunq der Kriegsschuldenfrage ist wie der englische Vertreter mit Recht formuilerte. Vorbedingung für jede Wiederherstellung der Weltwirtschaft. Damit ist schon gesagt, daß die Konferenz, wenn sie bald zusammentritt, sicher­lich nichts erreichen kann. Denn die Kriegs­schuldenfrage hängt ab, wie bekannt, vom Prasi- dentenwechsel in den Vereinigten Staaten, von dessen Entschlüssen, von der Haltung des Kon- gresses und ist vom nächsten Fälligkeitstermin, 16. Juni, zeitlich begrenzt. Innerhalb dieser Zeit Würde die Frage auf einer Weltwirtschastskonfe- renz nicht vorwärts zu bringen sein.

Die Stabilisierung der Währungen aus der Grundlage des G o l d e s ist allerdings auch Vor­bedingung der Ordnung. Denn die Goldwährung ist der Ausdruck internationaler Finanzverpslich- tungen, über den man zunächst einig Jein muß, wenn man weiterkommen will. Damit hängen zwei äußerst schwierige Fragen zusammen: die Reuverteilung der Goldvorräte, die heute namentlich in Frankreich und Amerika weitgehend .gehortet" sind, und die Rückkehr der 21 Lander, die den Goldstandard verlassen haben, vor allem Englands, zu ihm. Voraussetzung wiederum da­für wäre, daß die gewaltige Last kurzfristi- gerSchulden konsolidiert würde, ohne die eine gemeinsame Gold- und Stabilisierungspolitik nicht recht denkbar ist. So britt die eigentlich wich­tigste Frage an den Schluß: die Zoll-und ^ans- politik, Ein- und Ausfuhrverbote, Kontingente und alle anderen Außenhandelsschranken ein­schließlich der Frage der europäischen Präferenz.

Die Weltwirtschaftskonferenz ist wichtig: Deutschland muß an ihren Vorbe­reitungen und an ihr selbst sehr entschieden mit- arbeiten. Das bleibt unser Standpunkt. Aber wie soll sie wirllich etwas zustande kriegen? All­mählich sind immer mehr Hoffnungen auf sie ge­setzt worden, was die Staatsmänner benutztem um lästige Entschließungen aufzuschieben. Deshalb drängt man, daß sie bald zusammentrate, nament­lich Macdonald drängt. Der Termin aber 0t tote gesagt nach der Schuldenseite in anderer Weise bestimmt. Ist sodann die Dorbei^itung für die Rückkehr zur Goldwährung und Währungsstabi­lisierung auch nur annähernd ausreichend? Auch nur theoretisch, zumal die Silber frage auch noch auf die Konferenz kommen soll? Wie will die Konferenz die Goldverteilung wirtschaftlich verständig durchsetzen?

Tstesmal sind im vorbereitenden Ausschuß lehr bestimmte und scharfe Worte gefallen: alle wur­den zugrunde gehen, wenn die Regierungen ihre Pflicht nicht erfüllten, alle begreifen, daß die Schuldner nur mit Ware bezahlen können und die Gläubiger also ihre Handelspolitik andern müssen, durchgreifende und entscheidende En^ schlüsse seien notwendig. Wobei man praktisch nicht die üblichen theoretischen Empfehlungen sich xu denken hat, nach denen keiner sich n^tet, Ion- Lern verpflichtende Staatsverträge. Alles gang richtig! Aber wie soll eine solche Konferenz auch nur zu radikalen und durchgreifenden Empfehlun­gen kommen, geschweige denn zu Staatsvertiagen? älns scheint, daß die dafür letzt in Genf getane Arbeit Sisyphusarbeit ist! Jedenfalls: die ge­samte Energie muß zunächst einmal darauf ver­wendet werden, daß die Schul d e n s r a g e m Ordnung kommt, endgültig, sowohl die deutsche Reparation, wie die interalliierten Schulden, uno Laß Entschlüsse gefaßt werden, die Riesenlast der sogenannten privaten Schulden mindestens zu kon­solidieren, besser noch der jetzigen Situation an­zupassen, d. h. abzuwerten. Denn der General­direktor der DIZ. hatte ganz Recht mit dem Satze:Hm die Achtung vor den (Schulden-) Verträgen aufrecht zu erhalten, muß man diese Verträge erst so anpassen, daß sie überhaupt noch geachtet werden können." Dieser im Mittelpunkt des internationalen Kreditwesens stehende Mann sieht daß, wenn man zwischen Gläubigern und Schuldnern nicht in Ordnung kommt, die einseitige Auflösung der Schuldenverträge unvermeidbar

hängigen Philippinen würde eine aussperrende Zollpolitik möglich sein. Aber im ganzen sind der Handel, noch mehr aber Militär und Politik gegen eine derartige Schwächung des amerikanischen Ein­flusses im fernen Osten. Denn das würde Japan die Türe öffnen; die nördliche Insel der Philippi­nen ist ja bloß 100 Kilometer von der japanischen Kolonie Formosa entfernt.

Behalten aber die Amerikaner ihre Position auf den Philippinen, so werden sie einen Flot­tenstützpunkt dort brauchen. Die Flottenfrage verbindet fick ja durchaus mit diesen 3nterefien. Japan hat sie mit seinen Seeabrüstungsvorschla- gen gestellt. England ist (Fsottenbasis Singapore!) daran auch interessiert. England ist wieder in Schwierigkeiten mit Amerika wegen der Schulden. Kurz, wie sind hier die Fäden bis zum Reißen gespannt! .

Das heißt nicht etwa an einen baldigen Krieg zwischen Amerika und Japan denken, oder gar an eine gefährliche Gegensätzlichkeit zwischen England und 'Amerika. Vielmehr ist diese Situation ge­radezu eine weitere Versuchung für Japan, sein gewagtes Spiel nicht zu unterbrechen. Es kann bis zu einem gewissen Grade meinen, die tm Wa­shington-Vertrag von 1922 ihm angelegten Sesseln hätten sich infolge der Wirtschaftskrise und der Schwäche der amerikanischen Politik so gelockert, daß es ein gut Stück ungebunden vorwärts kom­men könne, um seinen Einfluß nicht nur in per Mandschurei, sondern auch in Rordchina im Sinn der 21 Forderungen aus dem Jahre 1916 auszu­dehnen. Darüber aber kann es in den offenen, völlig unabsehbaren Krieg mit Chma geraten.

Am 20. Januar läuft der i t a l ien i s ch - ru - mänische F r e u n d s ch a f t s v e r t r ag ab Heber die Erneuerung ist schon kärger verhandelt worden. Italien verlangte eine Erklärung Ru­mäniens. daß es im Falle eines italiemsch-jugv- slawischen Konflikts neutral bleiben wurde. Das hieße die Auflösung der Kleinen Entente deren Sinn ja in der gegenseitigen Stützung im Kriegs­fall besteht, falls die Ordnung der Pariser grie- densverträge in Frage gestellt würde. Run ist die Kleine Entente überhaupt nicht mehr viel wert.

Mit dem Ruhrkampf ist der Name Albert Leo Schlageters für immer unaus- löfchlich verbunden. Wir entnehmen die folgende Darstellung der bei der Hanseati­schen Derlogsanstalt Hamburg erschienenen Schlageter-Biographie Rolf Brandts.

D. Red.

Schon während der Konferenz von Spa hatten die Franzosen mit dem Ruhreinmarsch gedroht. Der &e> werkschaftsführer HuL und Stinnes hatten sich an den Konferenztisch der eleganten Villa Frameuse hingestellt und hatten beide übereinstimmend erklärt: die Franzosen könnten ja das Gebiet entgegen Ver­trag und Recht besetzen, aber der Reichtum des Ruhrgebiets läge nicht nur in der Erde, sondern in der Arbeitskraft der Männer, die aus dieser Erde ihre Schätze hoben. Beide Männer, so verschieden in ihrer Stellung und Auffassung, erklärten: die Besetzung des Ruhrgebietes wird nichts bedeuten als ein endgültig ruiniertes Europa.

Trotzdem gelang es nur im allerletzten Augenblick durch eine Nachgiebigkeit, die von den Vertretern der Wirtschaft verurteilt wurde, den Einmarsch zu verhindern. Lloyd George faß in.der Stunde, da man annehmen durfte, daß der Befehl gegeben würde, die französische Rheinarmee in Bewegung zu setzen, dem deutschen Außenminister Simons gegenüber Er sagte wörtlich, indem er die Emp- inöungen eines Deutschen bei diesem Krieg gegen Wehrlose zusammenfaßte:I in my heart, I would never forget it!"Ich würde es IN meinem Innern niemals vergessen!"

Inzwischen bereitete Frankreich durch politische Schwierigkeiten, die es England im Orient machte, durch Auspeitschung der französischen öffentlichen Meinung und der Propagierung der Idee, daß es nur darauf ankomme, das Gold von der Ruhr nach Frankreich zu tragen,feinen siegreichen Ruhrfeld­zug" vor.

Französische Artillerie brach von Düsseldorf auf, im grauen Licht eines grauen Morgens zogen die Offiziere an der Grenze des besetzten Gebietes die Degen und marschierten nach Westfalen hinein.

Infanteriekolonnen, Tanks, Panzerwagen, Ar­

tillerie, Kavallerie, Radsahrpatrouillen, ein Heer­wurm zog in das waffenlose Land.

Die politische Richtung Poincares war richtig; die englischen Kronjuristen traten zwar zusammen und erklärten, daß der Einmarsch ein Rechtsbruch wäre, die deutsche Regierung fügte zu ihren hundert Protesten einen neuen, aber selbstverständlich geschah nichts, den Schlag in das Gesicht des Völkerrechts aufzuhalten. Italien hatte die Verlogenheit, eine Schar italienischer Ingenieure nach Essen zu ent­senden, denn dies war ja die politische Phrase, mit der man den Friedensbruch zudecken wollte: die französischen Truppen seien nichts anderes als die Begleitmannschaften zum Schutz einerInteralli­ierten Ingenieur-Kommission" ...

Soweit also war, um es zu wiederholen, die Rech- nung von Poincare durchaus richtig. Aber falsch war seine psychologische Berechnung. Die Besetzung des Rheinlandes war nach einem Vertrage erfolgt, nach einem Erpresseroertrage, aber die Rheiw lande sahen ein, daß es sinnlos gewesen wäre, sich den Folgen des Bubenstreiches von Versailles zu entziehen. Anders lagen die Dinge jetzt in Westfalen, anders stand die Bevölkerung des Ruhrgebietes der französischen Besetzung gegenüber. Aus der Mitte der Bevölkerung heraus wurde der Gedanke des passiven Wider st and es geboren. Die Bergmänner, die Hüttenleute, die Eisenarbeiter, die Landbevölkerung, der Bürgerstand der Städte, alle nahmen den Kamps mit beispielloser Verbissenheit auf. Die einrückenden Truppen sanden nicht mehr Behörden vor, die protestierten, aber nachgaben, sie fanden keine gedrückten, ausweichenden Einwoh­ner, sondern sie fanden eine Flamme der Verachtung und des Hasses, die ihnen schier das Gesicht verbrannte. Geschäfte und Läden schlossen lieber, als daß sie den Franzosen Waren verkauften. Auf der Straßenbahn verließen sämt­liche Mitfahrenden den Wagen, wenn Franzosen einstiegen. Der Führer weigerte sich zu fahren, die Gastwirte weigerten sich, Essen zu geben, die Hotels verweigerten Zimmer.

Wenn von den großen Werken bie Zehntausende von Schichtwechsel tarnen, zogen sie an dem fran­zösischen Posten vorbei. Zehntausende, grau, stumm,

ungeheuer mächtig in ihrer Masse. Die Eßgeschirre tlinferten in der Hand. Dunkler Ton der wandern­den Füße, sonst Stille. Reihen zu Vieren, zu Fun­sen, zu Sechsen, unübersehbar. Einer spie aus, einer in der zweiten Reihe, in der dritten, immer stumm, immer dies furchtbare Drohen in den Augen, Naß, der aus der liefe kommt. Da warf der französische Posten sein Gewehr fort und rannte davon. Non dieu! Dies Land ist die Hölle, dies Westfalen ist unerträglich! _ . . ..... ,

Jetzt bekamen die Generäle Befehl, rücksichtslos durchzugreifen. Ungeheuerliche Terrorakte, Beftialt» täten und Gemeinheiten spielten sich mitten im Frie den in einem unter Rechtsbruch besetzten Lande ab. Junge Mädchen wurden mit der Reitpeitsche ge schlagen, wenn sie auf dem Bürgersteig gingen. Hotels wurden evakuiert, indem man in die Zimmer drang und die deutschen Reisenden mit dem 'Bajonett aus den Betten trieb. Das Stadttheater zu Reckling hausen wurde während der Vorstellung vonWll heim Tell" von einer Horde von französischen Offi­zieren unter Reitpeitschenhieben geleert. 'Bor ba* Essener Stadttheater fuhren Tanks auf, als die deut schen Zuschauer den Rütlischwur mitsprachen:Wir wollen frei sein wie die Väter waren, eher den -LoD ah in der Knechtschaft leben.Wir wollen trauern auf den höchsten Gott und uns nicht furchten vor der Macht der Menschen."

Es würde einen Band füllen, die beschichten der Untaten zu erzählen, die sich das französische Mil» tär während der Ruhrbesetzung zuschulden kommen

Erinnerung an den Ruhrkampf

Von iRolf Brandt

ließ ...

Aber Entbehrung, Terror und die Zeit taten ihre Wirkung. Die deutsche Mark begann als Zahlungs­mittel nahezu wertlos zu werden. Die Eisenbahn kam in die Hände französischer Beamter. Die Hasen des Ruhrgebiets, die Dampfer, die Schiffe waren in französischem Besitz. Die Bevölkerung war durch die unerhörten Grausamkeiten zur Ruhe des Kirchhofs gezwungen worden. Wer sehen wollte, konnte er­kennen, daß man von dem 'Bürger, der mit Familie dort lebte, nichts verlangen konnte, was das Maß pflichttreuen Ausharrens überschritt. Man konnte merken, daß die französischen Truppen das Ruhr- abenteuer gründlich satt hatten, aber es war not wendig, stärker noch auf sie einzuwirken um den Versuch PoincarLs, einen franko westfalischen Puf­ferstaat zu gründen, endgültig scheitern zu machen. Die Berichte der französischen Generäle, Ingenieure und Agenten durften keine Siegesberichte mehr fern. Diese ganze Armee mußte sich fühlen, als faße sie auf einem Pulverfaß, dessen Lunte schon 9* Z) hieß, zu dem passiven Widerstand der Be­völkerung mußte das aktive Eingreifen entschlossener Männer kommen, die bereit waren, ihr Leben aufzuopfern für die Freiheit ihres Landes.

Gegenüber dem Hauptbahnhof von Essen hatten die Franzosen am Tage nach ihrem Einrücken eine französische Buchhandlung eröffnet. Hier log die ganze französische Propagandaliteratur und die Hetz­schriften der rheinischen Separatisten im auffallend ften Laden der Stadt zur Schau. Wenn Deutsche an diesem Laden vorbeigingen, bekamen sie ein rotes Gesicht, so trieb die Empörung das Blut in die Wangen. Eines Tages flog plötzlich einPf läster- stein durch die große Scheibe in die 2Ius age. Wah- rend des Krachens und Splitterns des Glases eilten eine Anzahl junger Leute auf den Laden zu. Es entstand ein Auflauf, und in dem' plötzlichen Ge- dränge enttarn der Täter. DieRh-inifch Wcst- fälifche Zeitung" brachte diesen Vorgang in einer Form, die äußerlich der Zensur genügen mußte und nur für den deutschen Leser die Ironie ahnen ließ:

Gestern rutschte einem der vor dem Hauptbahnhof beschäftigten Pflasterarbeiter ein großer Pflasterstein aus der Hand und flog unglücklicherweise m die Schaufensterscheibe der französischen Buchhandlung. Eine Bretterwand verdeckt jetzt die Aussicht auf die Bücher ..."

Am nächsten Abend fand im französischen Ossi- zierskasino in der ersten (Stag? des Essener Handels- Hofes ein großes Liebesmahl statt. Gegen 23 Uhr schlichen dunkle Gestalten durch das Gäßchen am Christlichen Hospiz. Je ein Mann nahm vor einer der großen, hell erleuchteten Scheiben im ersten Stock Aufstellung. Eben erhoben sich die Herren in allerbester SektlauneVive le France!" Ein Pfiff auf der nachtdunklen Straße, und eine Salve mächtiger Steine prasselte gegen bie Schei­ben. Mit gewaltigem Krach brach das Glas und klirrte auf die Straße. Oben im Saale sprangen

wird. , , , . ,

Daneben zeigt eine neue Untersuchung des deutschen Instituts für Konjunkturforschung sehr eindringlich, tote sich die w e l t w i r t s ch a s t- lichen Verhältnisse verlagern, und zwar dauernd. 1928 (als ICO gerechnet) stand die 3n6uStufHon U C8M1 1929 auf 10Z 1932 auf 74, dem Stand von 1913 IhreSchrumpfung war am stärksten in den alten Industrieländern wie Deutschland, England, Oesterreich, Polen und den Vereinigten Staaten. Dagegen sind die jun­gen Industrieländer, toie Autz^nd. Japan, In­dien, weit über ihren S and von 1913 h_nauS° aelanat Die landwirtschaftlich e We l t Produktion aber ist von 1929 bis 1931 nur um 6 Prozent gesunken, also eine Vergebung auch fm RchMui- von Industrie und Land- Wirtschaft' Dagegen ist die Welt ton nage in de?Handelsschiflahrt heute 62 Prozent großer als die von 1913, der Güterverkehr aber in ihr 7 Prozent unter d.esem Stand. Von /0 Millionen Tonnen der gesamten Welthandels lotte ^gt im Augenblick ein volles Fünftel st.lU Das sind, wie man mit Recht sagt,strukturelle Versch-.e- bungen, maßgeblich für eine koiflerenz, namentlich unter dem Gesichtspunkt, inwieweit eine volle Rückbildung m die früheren Verhältnisse überhaupt denLar sei. Aber um Ls noch einmal zu sagen; so wichtig die,e Arbeit I