Doktor Grudes Ehe.
Originalroman von J. Schneider-Zoerstl.
12. Fortsetzung. Nachdruck oerbotenl
„Deswegen brauchst du doch nicht so aufzufahren!" Es entging ihr nicht, wie blaß er geworden war. „Ich meine nur: Ich liege da herinnen in meinem Bett und höre euch auf dem Gange tuscheln, und die Lena sagt bittend: Herr Doktor, nehmen Sie doch einen warmen Mantel über! Es ist so kalt heute. — Und ich höre dich dann gehorsam nach der Garderobe gehen und einen anderen Mantel aus dem Schranke holen. Und wenn ihr dann nach Hause kommt, geht das Getuschel wieder weiter. Was macht ihr denn da immer in der Küche?"
„Die Lena braut mir einen Tee! Nichts weiter!" Er war am Ende mit seiner Ruhe und hielt ihre Arme von sich ab, als sie ihm dieselben auf die Schultern legen wollte. „Laß, ich habe keine Zeit mehr. — Ich dachte, du würdest dankbar sein, wenn ich dich nicht aus dem Schlafe reiße und bitte, mir diesen Liebesdienst zu erweisen. Ich friere in der letzten Zeit so sehr. Du kannst aber beruhigt sein. Ich werde mir meinen Tee in Zukunft selber anbrühen."
„Das wäre sehr rücksichtsvoll von dir, mein Lieber!"
Er hörte ihr Lachen noch, als er schon über den Gang zurückschritt. Daß sie ihm mit dem Finger nachschnippte, konnte er nicht sehen.
Sie war sehr zufrieden, setzte sich wieder an den Spiegel und nickte ihrem Bilde zu. Merkwürdig. Man konnte alles mit ihm machen, was man wollte. Zuerst hatte sie es durchgesetzt, daß die Lena nicht mehr mit am Tische aß, — und von heute an —, das wußte sie todsicher, würde er sich auch seinen Tee selber brauen. Was brauchte seine Assistentin auch immer und immer vom Morgen bis zum Abend um ihn rumzutanzen.
Die Friseuse kam und fand die junge Frau in bester Laune. Während sie ihr das Haar ordnete, plauderten sie zusammen. Halb Wien, von Schönbrunn bis zur Mariahilfer Straße wurde durchhechelt. Der Klatsch aus allen Häusern, zweifach auf- gebrüht, wurde von der Friseuse zum Besten gegeben.
In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte Grude auch davon zu profitieren bekommen, bis er sich eines Tages die Ohren zckhielt und bat: „Verschone mich damit, Madien! Ich habe genug mit mir selbst zu tun."
Er war eben ein Stoffel. Man muhte doch wissen, was in der Well vorging.
Einmal hatte Grude sogar gemahnt: „Es wäre mir lieb, wenn du nicht so intim mit deiner Friseuse verkehren würdest. Ich habe das nicht gern."
Aber da war er böse angekommen. ,Hntim heißt du das? — Und du und Lena?"
Er war einen Augenblick verblüfft gewesen über ihre Unverfrorenheit. Dann hatte er sie angeschrien und gleichzeitig den Tisch gerüttelt, daß die Frucht- schale mit einem Hellen Klirren umkippte. „Es ist heute das letzte Mal, daß ich eine derartige Anspielung vertrage. Ich arbeite seit fünf Jahren mit Lena Hand in Hand. Sie ist mir unentbehrlich. Hüte dich, daß du ihr das Dasein hier verleidest!" Gleich darauf schmetterte er die Tür hinter sich ins Schloß.
Sie war erst maßlos verdutzt gewesen, dann brach sie in ein hysterisches Lachen aus. Das war ja neu! Das wurde ja immer schöner! Von dieser Seite hatte sie ihn noch gar nicht kennengelernt. Er schien Temperament zu haben. Aber sich von ihm unterkriegen lassen? Nein!
Beim Mittagstisch fehlte sie. Und als sie bann ad) Hause kam, war er bereits wieder in sein Sprechzimmer gegangen.
Als er am nächsten Abend von seinen Patienten zurückkehrte, stand sie in großer Toilette in ihrem Schlafzimmer vor dem Spiegel und schien die Szene von gestern völlig vergessen zu haben. „Kommst du mit, Felitsche? — Die Kommerzienrätin Gody hat mir ein Billett für „Die Meistersinger" geschickt, weil sie selbst verhindert ist, hinzugehen. Es ist also absolut keine Auslage." Sie konnte sich diesen Hieb nicht versagen.
„Ich bin sehr müde", dankte er apathisch.
„Aber ich kann doch nicht allein gehen, Felix. Das ist dir sicher wieder nicht recht."
Beinahe verschlug es ihr die Sprache — es war ihm recht. „Soll ich die Lena einladen?"
„Du kannst dir ein .Nein' ersparen", sagte er ruhig. „Sie ist so müde, wie ich." Er sah nach der Uhr und taxierte, daß noch reichlich zwei Stunden Zeit bis zum Theaterbeginn waren. „Kann ich vielleicht vorher noch etwas zu essen haben? — Ich bin mit irgendeiner Kleinigkeit zufrieden."
Sie stampfte verärgert mit dem Fuße auf, als er die Tür hinter sich zumachte. In der Küche schrillte die Klingel auf. Aber niemand kam. Möglicherweise war das Mädchen gerade weggegangen, Einkäufe zu machen, und sie konnte sich nun selber an den Herd stellen und ihm ein paar Eier kochen. Zornig raffte sie die Zipfel ihres Kleides zusammen und lief nach der Küche.
Gleich darauf gellte ein heller Schrei. „Felitsche!"
Grude riß die Tür seines Sprechzimmers auf. Aus dem Laboratorium kam Lena gesprungen. Die Köchin mochte beim Oeffnen des Fensters ausgeglitten sein. Sie lag auf dem gepflasterten Boden, der ringsum mit Blut bespritzt war.
Madlen hielt sich die Hand über die Augen. „Ich kann das nicht sehen, Felix! — Ist sie tot?"
Er warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Mädchen hörte sicher alles. Lena hatte schon Verbandzeug und ein Desinfektionsmittel herbeigeholt.
Madlen sah, daß sie überflüssig war und raffte ihr Kceco zu,ammen. Was brauchte man da noch einen Dritten?
Das Mädchen lebte. Für alles weitere würde Felix schon Sorge tragen.
Daß er nun tein Abendbrot mehr bekam, mußte er eben mit in Kauf nehmen. Sie konnte sich unmöglich jetzt noch darum kümmern, wo die Zeit ohnedies schon lehr fortgeschritten war. Die Lena würde ihn schon nicht verhungern lassen.
Mit einem flüchtigen „Auf Wiedersehen!" drückte sie sich hinaus. Es war ärgerlich, daß es gerade an solchen Tagen, an denen sie ein Vergnügen haben wollte, eine Störung gab.
Ein paar Minuten später saß sie in einem Miet- wagen. „Schnell!" rief sie dem Chauffeur zu und schenkte ihm ein ermunterndes Lächeln. ,Zch will zur Oper."
„Das hat noch Zeit, meine Gnädige!"
Es schien heute alles und jedes die Absicht zu haben, sie zu ärgern.
Dor der Oper standen die Wagenreihen in langen Kolonnen gepaart. Einer der Chauffeure zog die Lederkappe und nickte ihr zu. Sie errötete bis an die Schlafen. „Das war doch Dick gewesen! Dick als Führer eines Mietautos! — Unerhört! Man mußte sich schämen, wie vertraulich er gegrüßt hatte. Das konnte er nächstens bleiben lassen. Unter solchen Um- ständen verzichtete sie auf seine Freundschaft.
Montrey hatte gut gesehen: Ihre Verblüffung zuerst, dann das Erröten, gepaart mit dem offenen Unwillen, der über ihr Gesicht glitt. — Wenn das die Christa gewesen wäre? Ha! — Die wäre trog des elegantesten Abendkleides zu ihm an den Schlag gekommen, hätte eine Minute mit ihm geplauscht und ihm eine „Gute Nacht!" gewünscht. Aber von der Madlen war es nicht anders zu erwarten.
Sie taxierte die Menschen nur nach dem Rock. Da konnte einer inwendig jein, wie er mochte. Ein Lump ober ein Falschspieler ober sonst etwas, wenn er nur einen Smoking trug.
„Armer Felix!" Vor ber Stunbe war ihm heute schon Angst, wenn bieser einmal von bem Betrug erfuhr. Unb einmal mußte er ihn erfahren.
„Abenb, Dick!" Wellenberg, ben Mantel tnöpfenb, klopfte ihm von rückwärts aus bie Schultern. „Kannst bu mich nach bem Theater heimbringen? — Wir trinken bann, vor bem Nachhausefahren noch eine Flasche Wein zusammen."
„Du willst wohl burchaus umgeschmissen werben." Montrey griff bedächtig in bas Silberetui, bas ihm ber Freunb reichte. „Sakrisch viel Schneib hast, Rolf."
Wellenberg gab ihm Feuer unb sah ihn bann fragenb an.
„Die Frau Dr. Grube hat sich g'schämt, weil ich als Taxichauffeur einen Nicker zu ihr hing'macht hab."
Wellenberg zog bie Brauen zusammen unb zeigte ein finsteres Gesicht.
„Stimmt was nicht mit dem Felix?" fragte Mon- frei) besorgt.
„Nachher, Dick! — Um elf Uhr ist bie Oper zu Enbe. Du bist doch da! — Oder nicht?" sagte er, Dicks Zögern bemerkend. „Ich bezahle dir den Wagen wie jeder andere. Du brauchst dich nicht mit dem Gedanken abzuquälen, daß ich dir etwas schenken will. Du bekommst keinen Groschen mehr."
Dick gab einen unverständlichen Laut von sich und drückte Wellenberg die Hand, daß dieser die Zähne aufeinanderbiß. „Aus Wiederjchau n, mein Alter!"
Lor dem Eingang sah der Doktor noch einmal nach Montrey zurück. „Herrgott, gab es denn gar keine Möglichkeit, bem armen Kerl zu helfen?"
Eine Dame, deren extravagante Toilette einen auf- dringlichen Rosenduft ausflrömte, huschte an ihm vorüber. Er zog Schultern und Arme em unb verhielt für Sekunden den Atem. — Madien.
Einen großen dicken Herrn als Deckung benutzend, ging er nach seiner Loge. Er verspürte absolut kein Bedürfnis, mit der Schwester zusammenzutreffen.
Nun wußte Christa Wellenberg, daß Felix Grude verheiratet mar.
Es war nicht mehr zu umgehen gewesen, ihr da- von Mitteilung zu machen. Die Gcheimrätin hatte vor dieser Stunde gezittert, wie vor dem jüngsten Gericht. Nun fühlle sie sich gewissermaßen beschämt durch die Ruhe, mit welcher die Tochter diese Eröffnung ausgenommen hatte.
Christa lehnte mit bleichem Gesicht in den Kisten und bat: „Sage mir alles, Mama! Ich will versuchen, gerecht zu sein und ihn zu begreifen."
Als bie Geheimrätin ihr von Madlens Betrug sprach, richtete sie sich steil in die Höhe „Das ist unmöglich! So kann eine Schwester nicht an der anderen handeln."
„Es ist so, mein Liebling!" Sie sah, wie der ab- gemagerte Körper der Tochter sich krümmte, hörte bas Wimmern, das aus deren Munde kam und schlang die Arme um bie Jtranfe. „Christa — bu darfst ihn nicht verdammen. Er weiß nicht, daß du lebst."
Das Mädchen wurde ruhiger. „Ihr müßt es ihm sagen!"
„Niemand hat den Mut dazu!" sträubte sich die alte Dame. „Ich habe Rolf darum gebeten, ich habe auch mit Dick gesprochen, auch mit Lena. Keiner tpill es tun und ihn davon verständigen."
Christa hielt die Finger über ber Decke gefaltet unb buchte nach. „Dann muß ich selber zu ihm gehen."
„Um Gott, nein!" fuhr die Geheimrätin auf. „Es gibt ein Unglück, Kind!"
„Weshalb, Mama? Einmal muß er es ja doch erfahren. Ich kann doch nicht ewig von Wien weg- bleiben. Unb wenn er mit Mablen glücklich ist —"
„Er ist es nicht, Christa!"
(Fortsetzung folgt.)
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