Ausgabe 
13.9.1933 Frühausgabe
 
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über dem der Veranlagung zugi mindestens aber um 10 0

Aus der Provinzialhauptstadt

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düng auch dann gewährt werden kann, wenn die Einkommensminderung etwas weniger als ein Fünftel des früheren Einkommens beträgt.

Wer also jetzt noch Vorauszahlungen leistet, die auf seinem im Jahre 1931 erzielten Einkom­men fußen, während er gegenwärtig ein um un­gefähr ein /Fünftel und um mindestens 1000 Mark niedrigeres Einkommen hat, kann sich den ent­sprechenden Teil der Vorauszahlungen stunden lassen. Häufig wird es zum Beweis des Ein- kommensrückgangs in diesem Falle schon genügen,

** E i n Fahrraddieb verhaftet. Die Kriminalpolizeistelle Gießen meldet: Am Montag gegen 18 Uhr fiel einer Polizeistreife auf dem Marktplatz ein in seiner Kleidung stark herunter- aekommener Wanderbursche auf, der im Besitz eines säst neuen Fahrrades war. Er wurde zur Kriminal­polizeistelle gebracht und gestand dort, das Fahrrad im Pirmasens gestohlen zu haben. Es handelt sich um den -14jährigen Gerber Ernst Löwe aus Lübbecke (Westfalen). Er wurde dem Amtsgericht zugeführt und kam in Untersuchungshaft.

"Der gestrige Derkehrsunfall am Hindenburgwall - Ecke Goethe st raße. Unserem gestrigen Bericht über diesen Unfall ist be- richtigend nachzutragen, daß der bei dem Zu­sammenstoß mit dem Lieferwagen des Hofgutes Winnerod verletzte Motorradfahrer, der Dresch­maschinenbesitzer Karl Wagner aus Mainzlar, einen Unterschenkelbruch und einen Kieferbruch er­litten hat. Der bedauernswerte Mann befindet sich in der Chirurgischen Klinik in Behandlung.

"Konzert auf der Bergschenke. Von herrlichstem Herbstwetter begünstigt fand am Sonn­tag auf der Bergschenke das Konzert der 40 Mann starken Kapelle der städtischen Bürgergarde Well­burg statt. Die zahlreich erschienenen Besucher spen­deten der vorzüglich geleiteten Kapelle reichen Bei- sall. Einen schönen Genuß boten die schneidigen Militärmärsche, sowie die ausgezeichneten Darbie- tunqen_ der vier Fanfarenbläser, der beiden Pau­kenschläger und das Solo des Kapellmeisters Hup­feldGrün ist die Heide". Es wäre zu wünschen, daß die Bergschenke öfters solchen Kunstgenuß bie­ten würde, dessen Besuch nur jedem empfohlen werden kann.

3n den nächsten Wochen erhalten die meisten Einkommensteuerpflichtigen ihre neuen Veranla­gungen, die bekanntlich auf Grund des im Steuer- fahr 1932 bezogenen Einkommens vorgenommen werden. Diese Veranlagungen bestimmen jedoch nicht nur die für das Jahr 1932 zu entrich­tende endgültige Einkommen st euer, sondern auch die im Jahre 1933/34 zu lei­stenden Vorauszahlungen auf die Einkom­mensteuer für das lausende Steuerjahr. Hierin liegt für manche Steuerpflichtige eine Schwierigkeit, Senn die Einkommen sind bei manchen zurückge- gangen. Veranlagungen, die auf Grund der Ein­kommen des Vorjahres erfolgen, legen den Steuer­zahlern häufig Vorauszahlungen auf, die mit ihrem heutigen Einkommen nicht in Einklang zu brin­gen sind. Eine noch größere Härte ist es, wenn in Denjenigen Fällen, in denen die neuen Veranla­gungen noch nicht ferttggestellt sind bzw. sich aus irgendwelchen Gründen verzögern, noch die alten, auf Grund der Einkommenshühe im Jahre 1931 festgesetzten Vorauszahlungen von den Steuerzah­lern eingeforbert werden. Es hilft dem Steuerpflich­tigen dabei wenig, daß er diese überzahlten Beträge später bei der endgültigen -Abrechnung wieder zu- rückerhält.

was kann der Steuerpflichtige tun, um sich vor Vorauszahlungsforderungen, die feinen heutigen Linkommensverhältniffen nicht entsprechen, nach Möglichkeit zu schuhen?

Es bleibt ihm in der Regel in diesem Falle nichts anderes übrig, als zinsfreie Stundung des zu hohen Borauszahlungsbetrages auf Grund des 8 100 des Einkommensteuergesetzes zu beantragen. Einen solchen Antrag kann der Steuerpflichtige jederzeit stellen, wenn er glaubhaft zu machen vermag, daß sein Einkommen in dem Steuer­abschnitt, für den er Barauszahlungen leisten soll,

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sunken ist. In biesem Falle muß ihm ber zuviel veranlagte Borauszahlungsbetrag zinslos geftunbet werden. Das Reichsfinanzministerium hat außer­dem in einem früheren Erlaß (vorn 5. März 1932, entgegenkommenderweise bestimmt, daß die Stun-

für die oerkehrspolitische Aufschließung der deut­schen Kolonialgebiete eingesetzt habe.

Die Kolonialbahnen seien wider Erwarten sehr rentabel gewesen. Kolonialbahnen seien die geeig­netsten Mittel zur Förderung einer zielbewußten vernünftigen Kolonialpolitik. Die wirtschaftliche Er­schließung Afrikas stehe ober falle mit ber Bewäh­rung ober dem Versagen der Eisenbahnen. Die un­mittelbare Wirkung der Kolonialbahnen sei in der Verbilligung des Personen- und des Güterverkehrs zu sehen. Ein afrikanischer Güterzug leiste in zehn Stunden ebenso viele Tonnenkilometer, wie mecha­nisch 15 000 Träger zusammen in zehn Tagen. Die Trägerkarawane verschlinge dabei das 30fache ber Betriebskosten. Durch die Entlastung ber Träger­kolonnen könne der Anbau gefördert werden, der Handel werde intensiviert, es gäbe vermehrte Zoll­einnahmen, Erträgnisse aus Steuern, Sicherung und Erleichterung der Landesverwaltung, Steigerung der Wirksamkeit ber Schutztruppe im Falle eines Auf­standes und eine Verbesserung ber gesundheitlichen Verhältnisse bes Lanbes.

3n seinen anschließenden Worten erinnerte der Redner an den Heldenmut der deutschen Kolonial­truppen im Weltkrieg, die sich gegen eine gewaltige Uebermacht und gegen eine,auf das beste ausge­rüstete Streitmacht zu behaupten hatten. In nach- drücklichen Worten widerlegte er schließlich noch die fünf Punkte, mit denen im Versailler Diktat der Raub der deutschen Kolonien bemäntelt wurde. Lebhafter Beifall dankte dem Redner.

Rach Erledigung der Tagesordnung schilderte Kolonialfreund Mohr einen selbsterlebten Pa- trouillenritt gegen Witbois. Musikalische Darbie­tungen (Herr Sievers) verschönten den Abend.

VornoLizen.

Tageskalender fürMi11woch. Palast- Lichtspiele: 9 bis 21 Uhr, Zinnsoldaten- Truppen­schau. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Ein Lied geht um die Welt" mit Joseph Schmidt.

roenn der Steuerpflichtige auf seine inzwischen ab­gegebene Steuererklärung für das Jahr 1932 ver­weist. Ist aber im laufenden Jahre das Einkommen gegenüber dem Jahre 1932 noch weiter zurück- gegangen, so müssen hierfür die nötigen Nachweise erbracht werden.

Ls empfiehlt sich, wenn die neue Steuerver­anlagung noch nicht vorttegt, baß ber Steuer­pflichtige bei seinem Finanzamt beantragt, auch in bem zu erteilenden Veranlagungsbejcheide die inzwischen erfolgte Einkommensminderung bei der Festsetzung der Vorauszahlungen für das laufende Steuerjahr zu berücksichtigen.

Werden dabei die erforderlichen Unterlagen für die Einkommensminderung eingereicht, so wird auch diesem Anträge stattgeyeben werden, denn ein anderer Erlaß des Reichsfinanzministers ordnet ausdrücklich an, daß die Vorauszahlungen nicht schematisch, sondern unter Berücksichtigung der für jeden einzelnen Steuerzahler maßgebenden Verhältnisse festgesetzt werden sollen.

Ist dagegen die Veranlagung für das Jahr 1932 schon erfolgt, die festgesetzten Vorauszahlungen aber zu hoch, weil das Einkommen in der Zwischenzeit ungefähr um ein Fünftel, aber mindestens um 1000 Mark pro Jahr gesunken ist, so kann der Steuerpflichtige auch eine entsprechende Her­absetzung der Vorauszahlungen bean­tragen. Zum Nachweis der Einkommensminderung genügen allerdings allgemeine Angaben und Be­hauptungen nicht. Der Antragsteller muß vielmehr feine im laufenden Jahre erzielten monatlichen (Ein- nahmen genau angeben, evtl, auch eine Zwischen­bilanz auf Grund feiner Bücher einreichen. Außer dem Antrag auf zinslose Stundung ist ein Antrag auf Herabsetzung der Vorauszahlungen auch dann möglich, wenn in den für ihre Festsetzung maß­gebenden Steuerjahren einmalige Einnah­men, z. B. aus ber Veräußerung von Gewerbe­betrieben, aus anberen Deräußerungsgeschäften, Entschäbigungen, Abfinbungen usw., im laufenben Steuerjahre nicht in Betracht kommen.

Ist die heradsehung der Vorauszahlung bewil- llgf, so kann der Steuerpflichtige becftifprucfjen, daß die im laufenden Steuerjahre bereits ge­leisteten zu hohen vorauszahlungsbelräge auf die künftigen Vorauszahlungen ongerechnet werden.

Denn die Vorauszahlungen sollen insgesamt nicht höher sein als die zu erwartende Jahressteuerschuld. Wird ein Antrag auf Herabsetzung ober zinslose Stunbung ber Vorauszahlungen vom Finanzamt abgelehnt, so kann hiergegen nur Beschwerbe beim Landesfinanzamt erhoben werden.

Heist der Wöchnerinnenhilse!

Der Alicefrauenverein vom Roten Kreuz bittet die Gießener Frauenwelt um r e g e r e Beteiligung an ber Wöchnerinnenhilfe. Je mehr Meldungen eingehen, desto geringer ist die Belastung. Essen spendende Frauen, die es sich zur Pflicht machten, Augenschein zu nehmen von den jeweils versorgten Wöchnerinnen, schildern die Verhältnisse als sehr traurig und hilfsbedürftig. Der Verein hofft, keine Fehlbitte zu tun! Anmel­dungen an Frau W. Kramer, Ludwigsplatz 10J, Briefkasten.

«.Hrer spricht Hitler-Jugend!"

Jeder gesunde deutsche Junge muß heute in dieHitler-Jugend"!

WarumHitler-Jugend"? Warum muß der be­rufstätige Junge in die Hitler-Jugend? Warum muß der Schüler in die Hitler-Jugend?

Alle diese Fragen behandelt das Thema:Jugend im nationalsozialistischen Staat". Darüber sprechen auf dem ersten öffentlichen Sprechabend des Ban­nes 116 der H I. am Freitag, 15 September, 20.15 Uhr, im Cafö Leib der Sozialreferent im Oberbann, Pfarrer Rühl, und der Oberbann- schulungsleiter Ruder.

Wir rufen alle (Eltern, Erzieher, Arbeitgeber, Par­teigenossen und Vertreter der Behörden zum Besuch dieses Sprechabends. Eintritt frei!

Heil Hitler!

Der Bannführer 116: Rudolf Buß.

Kolonien und Koonialbahnen.

Die Vereinigung für koloniale Wie­dergewinnung Gießen hielt dieser Tag? ihre September-Versammlung ab. Ein dreimaliges Sieg-Heil!" auf das Vaterland, das Vereinslieb und ein Vorspruch leiteten bie Versammlung ein.

Der Rebner bes Adenbs, Herr Erich Tetzner, sprach sodann über das Thema .Koloniale Ver- kehrspolittk, insbesondere Kolonialbahnen in den ehemaligen deutschen Kolonien". Er führte u. a. aus, Afrika sei das Land der großen (Entfernungen. Es fehlten aber die großen Verkehrswege, insbe­sondere die Landstraßen. Das Reit- und Saumtier könne unter dem tropischen Klima auf der Land­straße keine Verwendung finden. Die Arbeit der Güterbewegung müsse von den (Eingeborenen ge­leistet werden. Durch die Verpflegung und Unter­bringung der großen Trägerkolonnen sei aber bas Lanb belästigt, zudem - sich biefe Art bes Güter- Verkehrs durchaus nicht immer reibungslos voll­ziehe. Eine gedeihliche Entwicklung für die Ein­geborenen zu eigener geordneter Tätigkeit im An­bau des Landes und zur Schaffung wirtschaftlicher Werte sei unter den bestehenden Verhältnissen un­möglich. Aus diesen Erwägungen heraus sei Deutsch- lanb zum Bau von Kolonialbahnen geschritten. Bis die ersten Bahnen gebaut worden seien, sei aber viel Zeit vergangen.

An Hand von Zahlenmaterial und graphischen Darstellungen legte der Redner den Baufortschritt der Kolonialbahnen bar. Mancherlei Umftänbe, nicht zuletzt auch eine gewisse Interesselosigkeit des Heimatlandes, hätten den Bau der Bahnen etwas erschwert. Erst der blutige Aufstand im Jahre 1904 habe Wandel geschaffen. Es sei damals zu befürchten gewesen, daß der ganze koloniale Besitz verloren gehe. Eine Preisgabe der Kolonien sei aber angesichts der großen Opfer edlen Blutes nicht tragbar gewesen. Der Reichstag habe deshalb Mittel zur Niederwerfung der Aufständischen be­willigt. Das Kolonialamt sei geschaffen worden, an dessen Spitze der Kolonialstaatssekretär Dorn­burg berufen wurde, der sich in der Folge aus eigenen reichen Erfahrungen in den Kolonien sehr

Schrotschüffe auf -as Fuhrwerk eines SA-Mannes.

Groß-Gerau, 12. Sept. (WSN.) Als am Samstagnachmittag der 27jährige Landwirt und S A. - M a n n Wilhelm Raas aus Trebur die Landstraße von Trebur mit seinem zweispännigen Fuhrwerk befuhr, fiel plötzlich aus einem benach­barten Felde ein Schu ß. Raas wurde von Schrot-

kugeln am linken Auge verletzt, ebenso wurden die beiden Pferde von dem Schrot getrof­fen. Der Schuß war von einem Arbeiter abgegeben worden, der die Jagd gepachtet hat. Es wird ver­mutet, daß ein politischer Racheakt vor­liegt. Raas wurde in das Mainzer Krankenhaus gebracht, wo feftgefteUt wurde, daß das Auge glück­licherweise nicht verletzt wurde. Die Gendarmerie ist mit der Aufklärung der Sache beschäftigt.

Roms schwerster Kampf.

Der Untergang des römischen Weltreiches am Bevölkerungsschwund.

Äon Dr. $. Karsten.

Spengler nennt die größte Stunde Roms die Schlacht bei Cannae. Das steht nicht im Wider­sprach zu der vernichtenden Niederlage, die die Römer Dort von ihrem stärksten militärischen Geg­ner H a n n t b a l empfingen, eine Niederlage, die der Vernichtung gleichzukommen schien. Aber die unerhörte Fastung, die stahlharte Einheitlichkeit, mit ber sich ohne bas geringste Schwanken, ohne das geringste Zeichen von Schwäche Volk und Führung gegen diese Niederlage stemmten und sie überwan­den, Zeigt, daß dieses Volk damals von einer inne­ren Geschlossenheit war, die schwer Überboten wer­den kann. (Eine Niederlage wird nur bann zu einer Nicberlage, wenn man ihr seelisch unterliegt. So wie Rom bie Nieberlage von Cannae ausgenommen hat, würbe sie sein berounberungsroürbigfter Sieg.

Bauern waren Homs Kraftquelle.

Aus welchen Menschen schöpfte bamals Rom seine unüberwinbliche Kraft? Bauern waren es, bie im Dienst bes Staates ftanben, Bauern, bie seine Heere bilbeten. Das war ber Born ber römischen Kraft. Aber bie unaufhörlichen Kriegszüge Roms trennten ben Bauern von feinem ßanbe. Seine Wirtschaft verfiel. Die römischen Ritter, reich geworden durch Lieferungen für Heeresbedarf, durch Verroaltungs« und Geldgeschäfte benutzten das, um das Land der Bauern aufzukaufen. So bildeten sich an Stelle des kleinen und mittleren Bauerntums riesige Güter, die als Latifundien zu einem feststehenden Begriff geworden sind, jene Latifundien, von denen man im späten Rom wußte und sagte, daß sie am Untergang Roms schuld seien.

So wurde mit dem Untergang des Bau - ernftanbes aus bem Bolksheer ein Söldner­heer. Es waren immer noch starke Heere. Ader ber Krieg war ihnen zum Beruf geworden, nicht mehr Mittel zur Verteidigung bes Vaterlanbes. Es fehlte ihnen bie innere Verbindung zum Staat, für den sie kämpften: ihre eigene Sache war ber Kampf geworden, ihre Ehre. Es stand nicht in Widerspruch mit dieser Ehre, wenn sie gegen den Kaiser meu­terten, wenn sie Kaiser ein- und absetzten, wie es ihnen gefiel, wenn sie Partei ergriffen, statt der Gesamtheit zu dienen.

Landflucht schwächt das Weltreich.

Die verarmten Bauern aber, vor allem aber ihre Nachkommenschaft, der es durch die Bildung der riesigen Latifundien an Raum zur Neuansicolung fehlte, strömten in die Weltstadt Rom, wo sie zum Pöbel herabsanken. Brot und Spiele bot man ihnen dort. Die Führer, die im gegenseitigen Kamps um die Gunst der Massen buhlten, wetteiferten darin, diese in untätige Schlaffheit versunkenen Massen an sich zu ziehen, öffneten ihnen weit die Kornspeicher, um durch unentgeltliche Speisung chren Beifall zu finden.

Diese Heere, diese in dem Bevölkerungsgemisch der Weltstadt herumlungernden Massen bildeten natürlich keine Grundlage, aus der sich die ur­sprünglich römische Lolkskrast durch Nachwuchs ergänzen konnte. Wie sah es damit auf den großen Gütern aus? Die Latifundien waren gewaltige Selbstoersorgerbetriebe. Nicht allein die landwirt­schaftliche Tätigkeit, zahlreiche andere Berufe hand­werklicher und sonstiger Art wurden auf ihnen be­

trieben. Es gab Latifundien, die 20 000 und mehr Menschen in sich beherbergten. Die Berufe auf ihnen wurden nach einer feststehenden Verteilung ausge­übt. Es gab auch bei der landwirtschaftlichen Arbeit keine Bindung an die Scholle, son­dern sie wurde fabrikmäßig ausgeübt.

Zerstörung -cs Familienlebens -urch die Latifundien.

Da die reichen Besitzer darauf sahen, möglichst nur Menschen zu haben, die sie zur Arbeit verwen­den konnten, lag ihnen nicht das Geringste an der Bildung von Familien. Die strenge Aussicht, unter der diese Arbeiter standen sie schliefen z. B. auch in gemeinsamen Räumen zerstörte das Familien­leben vollständig. So wurde die fiatifunhie zum Feind der Familie aus dem Lande und untergrub die Grundlage des Nachwuchses. Alle diese Entwicklungslinien, die Vernichtung des Bauernstandes, die Loslösung der Heere vom Bolkskorper, bie Bilbung großstädtischer Pobcl- massen, bie Vernichtung der Familie durch die Lati­fundien, mußten zu einem außerordentlich fühl­baren Bevölkerungsrückgang der ursprünglichen römischen Bevölkerung führen.

Rom sah dieser Entwicklung nicht tatenlos zu: die Einsicht war vorhanden, daß hier der Grund zum Untergang gelegt war. Zwei Wege waren es vor allem, auf denen man diesem Bevölkerungs­schwund entgegentreten wollte; die Zuteilung von Land an die Veteranen der Armee und sehr strenge Ehegesetze. Aber die Land­zuteilung an die Veteranen nützte dem Stammland selbst nichts, weil dort die Latifundien den größten Teil des Boden mit Beschlag belegt hatten.

Augustus schafft Gesetze gegen Kinderlosigkeit.

Die Gesetzgebung aber, die der große Kaiser Augustus zur Förderung der Ehen und zur Bekämpfung der Kinderlosigkeit mit der Lex Julia et Papia Poppaea im Jahre 9 nach Christi zusammenfaßte, ist ein klassi­sches Beispiel dafür, wie auch vom besten Willen geleitete gesetzliche Maßnahmen eines weisen Herrschers nichts ausrichten, wenn sie nicht ein bestehendes Uebel an seiner Wurzel fassen. Dieses Gesetz setzte für ehelichen Kinder­reichtum besondere Prämien fest. Es bestimmte fer­ner, daß jeder Mann zwischen dem 25. und 60. und jede Frau zwischen dem 25. und 50. Jahr ver­heiratet sein sollte. Die Unverheirateten erwar­ben aus bem Testament eines ihnen nicht nahe verwandten Erblassers überhaupt nichts, die Ver­heirateten ohne Kinder nur die Hälfte dessen, wo­mit sie bedacht waren.

Das waren harte Bestimmungen, aber sie brach­ten keinen neuen Bauernstand, sie be­endeten nicht bie Ansammlung der Pöbelmassen in ber Hauptstadt, sie griffen nicht in die Latifundien ein, sie berührten also nicht die Grundlagen, aus denen ber Bevölkerungsrückgang entstanden war. Die Gesetzgebung hat Rom beshalb nichts helfen können unb es ist an ber Beoölkerungsfrage zu- grunbegegangen.

Buntes Allerlei.

Die schönste deutsche Stimme.

Die schönste deutsche Stimme wird von der Tele- sunken-Schallplatte durch einen allgemeinen Wett- bewerb gesucht. ®ö muh eine Stimme sein, ganz ein­fach, schlicht und ungekünstelt, die das deutsche Lied mit ihrem Ton fr-sch und natürlich zu erfüllen ver­mag. Die in den engem Wettbewerb kommenden Stimmen werden probeweise akustisch ausgenommen, und die besten werden für die Schallplatten aus- gewählt und die Sängerinnen erhalten dafür das übliche Honorar. Dieser Wettbewerb verdient durch­aus Beachtung. Wir haben uns vom Dolkslied weit genug entfernt und an seiner Stelle die albernsten Schlager geduldet. Eine Annäherung an die volks­tümliche Musik soll mit allen Mitteln gefordert wer­den.

Das Meisterwerk auf dem Speicher

Aus England wird über die Entdeckung eines Gemäldes von van Dyck berichtet, für das die glückliche Besitzerin ganze 10 Mark bezahlte und das ihr Zehnlausende, vielleicht Hundertlausende einbringen wird. Die Eigentümerin, Mrs. Bendall aus Birmingham, hat ihren Fund durch Zufall gemacht. Sie befand sich vor einigen Jahren mit ihrer Tochter zur Erholung in einem kleinen Best Bishops Stortford und ging an einem Trödelladen vorbei, in besten Schaufenster ihr ein Silberteller auffiel. Als sie hineinging, um nach bem Preis zu fragen, bemerkte sie das Bild, das ganz Der- schmutzt in einer Ecke hing.Die Augen zogen mich an," sagte sie.Eie waren der einzige Teil des Bildes, den man deutlich sehen konnte, und hatten einen eigenartigen Ausdruck." Sie bot dem Händler in deutsches Geld umgerechnet 5 Mark, aber er wollte mehr, und so gab sie ihm schließlich 10 Mark. Er sagte, daß er vor kurzem einige Sachen von einer Familie holländischer Abstammung gekauft habe, und daß das Bild wohl dazu gehöre. Aach Hause zurückgekehrt, wußte die Dame mit dem Erwerb nicht viel anzufangen. Das Bild war ihr viel zu schmutzig, es in einem bewohnten Baum ausgehängt zu werden, und so verbannte sie es auf den Speicher. Als sie aber vor einiger Zeit ein paar Bilder rahmen lieh, sah der Glaser das Bild in der Bodenkammer und erbot sich, es zu reinigen, so gut er könne- Das Ergebnis erschien ihm so interestant, daß er das Gemälde photographierte und dem Direktor der Kunstgalerie von Birmingham, Kaines Smith, zeigte. Der war von ber Schönheit des Werkes betroffen unb holte das Urteil verschiedener Sach­verständiger ein. Diese find der Ansicht, daß es

sich uth einen echten van Dyck handelt, und das Bild ist vorläufig als Leihgabe in dem Museum mit der BezeichnungBildnis eines Herrn. Don van Dyck" ausgestellt.

Das abergläubische England.

Daß der Aberglaube auch noch in unfern auf­geklärten Zeiten üppig blüht, kann man alle Tage feststellen. Wahrsagerinnen finden noch immer einen großen Kundenkreis, und es gibt viele, die sich nicht zu 13 zu Tisch sehen und am Freitag nichts Wich­tiges unternehmen würden. In England herrscht augenblicklich eine besondere Dorliebe für Amulette, Talismane und Zaubermittet aller Art, wie der Berichterstatter eines Londoner Blattes auf Grund vieler Beobachtungen und Erkundigungen mitteflt. Es gibt Fabriken, die sich mit der Herstellung bil­ligerFetische" beschäftigen, und die Einfuhr orien­talischer Talismane ist ziemlich bedeudent.Niemals seit dem Kriege war eine so starke Dachfrage nach glückbringenden Symbolen aller Art", erklärte der Dertreler einer solchen Firma.Besonders ist die Astrologie im Publikum stärker verbreitet denn je; bie Leute, die Horoskope stellen, haben sehr viel zu tun, und wir verkaufen eine Unmenge billiger Amu­lette, bie astrologische Zeichen tragen. Auch die Juweliere machen mit Schmuckstücken, bie mit bem Aberglauben in Beziehung gebracht werden, gute Geschäfte. Echte altägyptische Skarabäen werden hoch bezahlt, und billige Dachahmungen aller Arten von Talismanen finden reihenden Absatz. Ebenso werden Maskotten für Kraftwagen in großen Mengen ver­kauft, und diese Mode hat sich auch auf Flugzeuge erstreckt. Wie verbreitet diese Dorstellungen in wei­ten Dolkslreisen sind, dafür ist die Auskunft einer Aerztin bezeichnend, die an einem großen Londoner Krankenhaus angestellt ist.Man macht sich gar keine Dorstellung davon", sagte sie,wieviel Amu­lette von Personen aller Klassen und jeden Alters getragen werden, während früher unsere Kranken mit Dorliebe religiöle Symbole bei sich führten, sind es jetzt fast nur solche Zauberdinge, von denen sie sich unter keinen Umständen trennen wollen, und auf deren glückbringende Kraft sie bauen." Ein Schul­arzt in einem Londoner Armenviertel schätzte, daß 40 Prozent aller Kinder, die er untersucht, irgend­ein solchesZauberding" tragen.Die Kinder selbst wissen meist gar nicht was es bedeutet", meinte er. -Die Sachen sind ihnen von ihren Eltern angehängt worden, die nicht gern darüber sprechen, auch nicht immer fest an die Wirkung glauben, aber jedenfalls der Ansicht sind, wenn es nichts nütze, könne es nichts schaden."