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Gießener Anzeiger iGeneral-Anzeiger für tvberheßen-
Mittwoch, 15. September 1933
Nr. 214 Zweiter Blatt
Herbstbegmn.
Von Hermann Hesfe.
Während vor den Fenstern eine kühle, schwarze Regennacht liegt und mit stetig leisem Rhythmus aus den Dächern tönt, tröste ich mein unzusriedenes Herz mit farbig lockenden Herbstgedanken, mit Gedanken an reine, lichtblaue, goldklare Himmel, silberne Frühnebel, an blaue Pflaumen und Trauben, rote Aepsel, goldgelbe Kürbisse, an herbst- farbige Wälder, an Kirchweih und Winzerfeste. Ich hole mir den Mörike her und lese seinen mild leuchtenden „Septembermorgen":
Im Rebel ruhet noch die Welt, Roch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt. Den blauen Himmel unverstellt. Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fliehen.
Leise lese ich die Verse des Meisters vor mich hin und lasse sie in mich bringen wie einen langsam geschlürften, klaren, alten, milden Edelwein Sie sind schön und sie tun mir wohl, und der Herbst, den sie malen, ist etwas Schönes, unvergleichlich Zartes, Gesättigtes — aber ich freue mich nicht auf chn. Er ift die einzige Jahreszeit, auf die ich mich niemals freue.
Und er ist schon da Es ist nicht mehr Sommer Die Felder sind leer, auf den Matten liegt ein leichter, kühler, metallener Dust, die Rächte sind schon kühl und die Morgen neblig, und gestern war es. dah ich aus einem schönen, fröhlichen Berg» ausfluge an den steilen Wiesenhängen die ersten blassen Herbstzeitlosen sand. Seit ich sie sah, ist mein Sommerübermut gebrochen: das, was für mich das Schönste im Lause eines Jahres ist, ist wieder einmal vorüber.
Roch find die Tage warm und die Bäume grün, man kann im See noch baden und in Hemdärmeln im ©arten sitzen. Und doch ist die Höhe des Jahres überschritten, man fühlte es, noch ehe man es sah. Die letzten echt sommerlichen Tage und Rächte, für mich die köstlichsten des Jahres, tragen den Duft des Flüchtigen, rasch Vergehenden in sich, und vielleicht macht eben dieser Duft sie so schön. Diese Tage sind ein Fest, ein Abschiedsfest, und solche Feste dürfen nicht lange dauern.
D diese letzten Spätsommertagei Sie machen
nicht fröhlich, aber sie machen dankbar, milde und nachdenklich. Man legt sich ins Oehmdgras und nimmt teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunden. Man fühlt die Neige der Jahreszeit: die ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt weich und müde über, man fühlt sich vorn stillen Glanze umgeben und man weih zugleich, daß schon bald, viel zu bald, aus den Wegen rote Blätter liegen werden Man schwelgt im Anblicke dieser Tage wie im Genüsse einer heißen, erregenden Musik, von der man weiß, dah sie plötzlich ad- brechen wird, und wie im Genuh eines Tanzes, der uns mit sehnlichem Drängen mitreifet, während wir bei jedem enteilenden Takte sein rasch nahendes Ende fürchten. Zärtlicher und inniger ist das bräunliche Spiel der Schatten und Lichter an den Waldrändern, füfeer der Regenbogenduft über dem glatten Seespiegel, die Abende sind goldener und die Sonnenuntergänge purpurner als sonst
Vorüber, oorüberl Ein paar kühle Nächte, ein paar Regentage, ein paar dichte Morgennebel, und plötzlich hat das Land Herbstsarben bekommen. Die Lust ist- spröder und durchsichtiger, das Blau des Himmels lichter geworden. Vogelschwärme rauschen über die kahlen Felder und rüsten zur Wanderung, morgens liegt das erste reife Obst im nassen Gras, und die Zweige sind von den feinen, blitzenden Gespinsten der kleinen Spätjahrspinnen bedeckt. Bald wird das Schwimmen im See und das Liegen im Gras ein Ende haben, und die Abende im Boot, die Mahlzeiten im ©arten, die Waldmorgen und die Seenächte! Und draußen rinnt der zähe Regen, kühl und unerbittlich, die ganze unfreundliche Nacht. Jedes Jahr dasselbe Lied vom Herbst, vom Altwerdenmüssen, vom Sterbenmüssen! Mifemutig schließe ich das Fenster, stecke eine Zigarre an und gehe fröstelnd im Zimmer auf und ab.
Wie jedes Jahr um diese Zeit steigen wieder verlockende Reisepläne vor mir auf. Warum nicht dem Herbst entrinnen und den Winter kürzen, ba es doch wärmere Länder, Eisenbahnen und Schisse gibt? Nachdenklich hole ich den Globus und dann eine Karte von Italien her, suche den Gardasee, die Riviera, Neapel, Korsika und Sizilien. Da ließe sich die Zeit bis Weihnachten verbringen! Sonnige Felsenstrandwege am blauen Meere, laue Stunden auf süditalienischen Küstendompsern und in Fischerbarken, ernste Palmenwipfel in der tiefen Mittagsbläue ruhend! Es wäre nicht Übel, immer einige
Meilen vor dem Herbste her südwärts zu fahren und mitten im Winter sonnverbrannt in die heimische Ofenbehaglichkeit heimzukehren. Die Landkarte wimmelt von schönklingenden Namen schöngelegener Städte und Dörfer, die ich noch nicht kenne und die mir Tage des Wohlseins und Schwelgens versprechen, und die ganze Reise ist, sobald ich sie auf dem Globus ausmesse, sehr klein und bescheiden. Vielleicht könnte ich, der Wärme nachreisend, noch einen Aufenthalt in Afrika machen, vielleicht in Konstantine oder in Biskra Kameltouren unternehmen, türkischen Kaffee trinken und den Faltenwurf an den Gewändern der Beduinen betrachten?
Wie schön solche Pläne einen leeren Abend füllen! Eine Landkarte, ein paar alte Kursbücher und ein Bleistift, wie man sich damit die Zeit vertreiben, einen Aerger vergessen und sich die Phantasie mit lauter lichten, farbigen, frohen, reizenden Vor- fteUungen füllen kann!
Wie jedes Jahr um diese Zeit suche ich die Karte nach warmen, köstlichen Gegenden ab, studiere die Schiffslinien und die Fahrpreise. Und wie jedesmal bleibe ich hier und reife nicht. Was mich zurückhält, ist ein sonderbares Schamgefühl. Es will mir unrecht scheinen, den rauhen Tagen zu entfliehen, nachdem ich die schönen genossen habe. Vielleicht ist es auch nur ein gesetzmäßiges Bedürfnis der Natur, daß sie nach Monaten der Wärme und Farben, nach dem Ueberflusse an Behagen, Schönheit und starken Eindrücken müde wird und nach Kühle, Rast und Beschränkung verlangt. Es ist nun einmal nicht das ganze Jahr Sommer, so soll man ihn auch nicht ohne Not künstlich verlängern wollen.
Ein paar unentschiedene und unzufriedene läge, bann haben biese Erwägungen Macht gewonnen, unb ber Herbst beginnt mir merfroürbig lieb zu werben. Wie konnte ich ans Fortreisen benken, da ich doch von so viel Dingen, die mir lieb sind unb denen ich Dank schulde, Abschied nehmen mufe! Die letzten Gartenfreuben, bie letzten Wiesenblumen, bie Schwalben unter meinem Dache, bie letzten, satt unb taumelnb übers Lanb wehenden Schmetterlinge. Man achtet schon wieder jeden einzelnen und fürchtet, es möchte der letzte seiner Gattung sein. Auch unsere altmodischen kleinen Dampfschiffe, meine einzige Verbindung mit der Welt, werden in Bälde rar werden. Dom Oktober an kommt nur
noch eines im Tag, und im tieferen Winter bleibt auch bas zuweilen aus. Sie alle, Schwalbe und Feldblumen, Schmetterling und Dampfschiff, sind mir lieb unb haben mir viel Freuben gebracht biesen schönen, allzu flüchtigen Sommer hinburch; ich möchte sie alle noch ein wenig halten unb noch einmal recht zu eigen haben, ehe sie bahingehen. Was für ein Narr bin ich gewesen, wie viel schöne Sommerstunben bin ich trotz allem im Hause und am Büchertische gesessen, wie viel Abende unb Morgenfrühen habe ich versäumt! Abe auch ihr, ungenossene Tage, bie ihr nun schöner unb köstlicher scheinet als alle anberen!
lieber bem Abschiebnehmen kommt benn auch bas Neue zu Ehren, bas ber unwillkommene Herbst gebracht hat: silberne Nebelschleier, braune unb lachenb rote Farben, reifenbe Trauben, volle Obst- körbe, beginnenbe Abendunterhaltungen im Hause bei Lampenlicht, ferner rounberfame aufregend herrliche Sturmtage, an denen See und Lüfte tönen unb die ganze stumme Schöpfung Stimme erhält. Jetzt kommt auch als täglicher andächtiger Genuß an jedem Vormittag der spielende Kampf der Sonne mit dem Nebel, das trüb ringende Hin und Her und der feierliche königliche Sieg des Lichtes. Und wenn der Oktober und die Weinlese kommt, wollen wir uns einen Tag und einen Taler nicht reuen lassen, und bei einem großen Krug vom Neuen dankbar ber vielen unoerbienten Freuben benken, bie bas altembe Jahr uns gebracht hat.
Oer Komiker.
Wissen Sie, warum Hans Albers, den Sie ja vom Film her gut kennen, Komiker geworden ist? Früher mal war er, wie jeder Schauspieler, jugendlicher Held. Trieb sich als solcher an verschiedenen Schmieren herum und spielte einstmals den Valentin im „Faust" Natürlich in einem Saaltheater mit Restaurationsbetrieb. Unb währenb er sich, nachdem er auf seine Schwester Margarete verschiedene nicht unbekannte Flüche ausgestoßen hatte, in Todes- zuckungen wand, scholl es aus einer Hinteren Reihe: „Zwei Helle, ein Paar Würstchen, ein Butterbrot!* Da richtete sich der „sterbende" Albers auf den Ellenbogen auf und verhauchte mit dem Ruf „M i r a u ch!" sein junges Leben. Unb es erscholl ein solches Gelächter, daß er beschloß, fortan nur noch komische Rollen zu spielen.
In gemz Deutschland wurde am Sonntag das Fest der Deutschen Schule abgehalten, das unter dem Protektorat des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland stand. In gemeinsamen Gesängen und in turnerischen Vorführungen zeigte die Jugend ihr Bestes und entbot allen Volksgenossen jenseits der Grenzen ihren Gruß. — Unser Bild zeigt den Einzug der Fahnen in das Stadion Berlin-Grunewald.
RoosevellSAWiffausdieWittschastskttsis
Ist der Wendepunkt in Sicht?
Bon unserem He.«Äerichterstaiier
das ein schöner unb großer Erfolg, besten psychologische unb politische Bebeutung nicht verkannt werden soll.
Unb so wäre es denn auch verfehlt, wenn man nach einer Enttäuschung über bas Richterlichen bes ursprünglichen Zieles in ber amerikanischen Oeffent- lichkeit suchen wollte. Davon kann keine Rebe sein. Schwarzseher sind, wie anderswo, so auch in USA. unbeliebt, und bie Volkstümlichkeit bes Präsidenten i st weiter im Steigen begriffen. Seine Schmeichler behaupten, daß kein amerikanischer Präsident seit Lincoln so beliebt gewesen sei, und man kann nicht bestreiten, daß das bis zu einem gewissen Umfange richtig ist. Die große Masse des amerikanischen Volkes sieht, daß etwas getan wird. Sieht, daß auch Erfolge erzielt werden, und sie fragt daher nicht viel danach, ob die Dinge von Dauer sein werden, oder ob benn tatsächlich alles genau nach dem Plan verläuft. Eine gewisse leichte Teuerung, bie einsetzt, tragen bie Massen mit Ruhe, ja mit einer gewissen Opferfreu- bigteit. Besonders, da man ihnen gesagt hat, daß das Besserwerden sich gerade tn einer gewissen Teuerung auswirken werde.
Anders denken im Grunde nur die Unterneh -
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Neuyork, Anfang September 1933
Wie ein General, der sich die Eroberung einer Stellung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt vornimmt, hat sich auch Roosevelt für die Durchführung seines Wirtschaftskampses bestimmte Termine gestellt. Einer von diesen lag Anfang September Bis dahin sollte, so hatte er vor etwa einem halben Jahr erklärt, die Arbeitslosigkeit zur Hälfte beseitigt sein, von den zwölf Millionen Arbeitslosen, die es nach den amtlichen Schätzungen in den Vereinigten Staaten gibt, sollten bis dahin also etwa sechs Millionen wieder in Lohn und Brot st ehe n. Das hat Roosevelt natürlich nicht geschafft. Das Problem der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist eben nicht so einfach, wie er das ursprünglich angenommen hatte — aber das hindert auch nicht, anzuerkennen, wieviel in Wirklichkeit erreicht wurde. Vielleicht sind es nur drei bis vier Mil- Honen, die wieder, alles in allem genommen, in den Produktionsprozeß eingegliedert worden sind, also etwa zwei Millionen Menschen mehr als saisonmäßig zu erwarten gewesen wäre — aber auch
Unser Bild zeigt den Wagen bei Solingen, mit dem SA.-Leute des Reservesturms III der Standarte 17 einen Abhang hinunterstürzten, wobei zehn SA.-Männer getötet und vierzehn schwer verletzt wurden.
Das Fest der Deutschen Schute.
Die AntomoMaiastrophe bei Solingen.
merschaft unb bie Kapitalisten, bie sich feit einiger Zeit ernstlich darüber Gedanken zu machen beginnen, wohin Roosevelts „neues Spiel" führen werbe. Das liegt nicht nur an ben bekannten Vorgängen an ber amerikanischen Börse, sondern vor allem daran, daß die Lasten der neuen Mafe. nahmen, insbesondere der neuen Bestimmungen für bie Inbustrie, auf bie Unternehmerschaft abgewälzt worben sind. Die durchweg erzwungene Erhöhung der Löhne unb bie gleichzeitige Verkürzung ber Ar- deitszeit haben ben Unternehmern überall neue Kosten aufgebürdet, bie in manchen Industrien soweit gehen, dafe sich der Unkostenfaktor um fast ein Viertel erhöht hat. Das macht natürlich auf die Dauer sehr viel Betriebe unrentabel. wenn nicht eine entsprechende Vermehrung des Absatzes erfolgt. Mit anderen Worten: die In- buftrie beginnt nach einer Steigerung bes Verbrauchs zu rufen unb verlangt entfpre- chende Maßnahmen ber Regierung. Roosevelt hat sich beshalb entschließen müssen, bie Krebitschraube roieber zu lockern, unb hat bie Banken angewiesen, wieber höhere Krebite zu geben. Er wirb, barübeu hegt man hier nicht ben geringsten Zweifel, auch bie Inflationsmöglichkeiten ausnutzen müssen, bie ihm vom Kongreß gegeben worben finb, wenn er nicht von neuem ben Prozefe ber Wirtschaftsschrumpfung eintreten lassen will.
Ieboch sieht man bas offenbar sehr viel weniger gefährlich an, als bie Macht, bie durch bie neuen Gesetze ben Arbeitern gegeben wird. Der amerikanische Arbeiter, ber bis jetzt kaum so etwas wie eine Organisation kannte, wirb burch bie neuen Maßnahmen gerabezu in eine Arbeitnehmer-Organisation von Staats wegen hineingezwungen — unb bamit, bas zeigen jebenfalls eine Reihe kleinerer Streiks sehr beutlich, in einen Gegensatz zum Unternehmer gestellt, ben er bislang nicht kannte.
Während es bisher Roosevelt möglich war, fast kampflos seine Jnbustrie-Bestimmungen der Wirt- schäft aufzuzwingen, beginnt sich daher jetzt geaen ihn ein Widerstand ber Unternehmer zu regen. Am bezeichnenbsten hierfür sind bie Vorgänge b e i Forb, ber immer noch in USA. bie höchsten Löhne zahlt und daher die Uebernahme der Industriegesetze für bie Automobil-Industrie ab lehnt. Ihm geht es zweifellos dabei weniger um bie Lohnerhöhung. Er zahlt ja mehr, als er verpflichtet ist. Er befürchtet, baß bie Arbeiterschaft ihm entfremdet wird, und daß
In Berlin wurde die bisherige Friedrich-Ebert- Strafe zu Ehren des ersten Lustfahrtministers des Reiches und ersten nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Preußens in Hermann-Göring- Str a ß e umbenannt.
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bie neuen Gesetze hierzu bie Handhabe bieten. Wenn aber Ford das Jagt, so versteht man es, daß mehr als ein Unternehmer in den Vereinigten Staaten ben Kopf schüttelt unb sich fragt, wohin ber Weg gehen soll.
Dazu kommen bie Sorgen der Kapita- liften um ihr Geld. Welchen Weg wirb bie


