Ausgabe 
13.6.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 135 KeübauSsabe

183. Jahrgang

Dienstag, 13. Juni 1933

Erscheint täglich, außa Sonntage und Feiertag« Beilagen: Die Illustriert« (Biefeener Familienblättei Heimat im Bild Die Scholl« monats-Beiagspreis.

Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgebühr. . -.25

Auch bei Nichterscheinen oon einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.

Zernsprechanschlüsse anler Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach» richten Anzeiger Sieben.

Postscheckkonto: fironffuri am Main 11686.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vnr<k und Verlag: vrühi'sche Untverfttätr-Vuch- enö Steinörnderei R. Lange in Sietzen. Schriftleitnng und Seschäflrftelle: Schulstrahe 7.

Annahme oon Anzeigen für die lagesnummer bi» zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärt» 10 Reichspfennig; für Re» klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°, mehr.

Thefredakteur

Dt. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr fj.Ibgnot ; für den übrigen Teil Ernst Llumschein und für denAn. zeigenteil i. B.Th.Kümmel sämtlich in (Bieben.

Die Eröffnung der Weltwirtschastskonferenz.

Die Ansprachen des Königs von England und Macdonalds.

schaftsausschuß, einzusetzen. In diesen bei­den Ausschüssen wird jedes Land, daS an der Konferenz teilnimmt, vertreten sein.

Besprechungen des Reichsbankpräsidenlen.

London, 12. Juni. (WTD.) Der König von England eröffnete heute 14.56 Uhr die Weltwirtschastskonferenz mit einer Rede, in der er erklärte:

Zu dieser Zeit der weit verbreiteten Wirtschafts­not heiße ich Sie mit einem Gefühl tiefer Berant- wortlichkeit in diesem Lande willkommen Ich glaube, daß es das erste Mal in der Weltgeschichte ist, daß irgendein Souverän den Dorsitz bei der (Eröffnung einer Konferenz aller Nationen der Welt geführt hat.

Ich wünsche meiner Genugtuung Ausdruck zu verleihen, daß eine solche Versammlung möglich Ist, und mein vertrauen auszudrücken, daß dieses gemeinsame Bestreben zu einem nützlichen (Er­gebnis führen werde».

Ich heiße die Vertreter der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes willkommen. Ich bin immer dem Werk des Völkerbundes mit der größten Würdigung und dem größten Interesse gefolgt. Der Völkerbund hat die Konferenz einberufen uno hat den Weg für sie durch die wertvollen Dienste des Sachverständigen - Ausschusses vorbereitet. Ich zweifle, ob ohne den Völkerbund und ohne die Ideale des Völkerbundes diese große Versammlung jemals hätte ftatlfinben können. Ich bewillkommne nicht weniger herzlich die Vertreter derjenigen Staaten, die nicht Mitglieder des Völkerbundes sind. Ich erkenne den Geist der hilfreichen Zusammen­arbeit an, der sie dazu veranlaßte, an den Diskus­sionen teilzunehmen. Ich wünsche ferner ein beson­deres Willkommen an die Vertreter meiner Domi­nions und meines Indischen Reiches hinzuzufügen.

Der König fuhr in französischer Sprache fort: Die Welt ist in einem beunruhigten Zustand. Für Sie, meine Herren, die heute die Arbeit des Wiederauf­baues beginnen, ist die Arbeit schwer. Sie wird nicht erfüllt werden, es sei denn durch guten Willen und aufrichtige Zusammenarbeit.

Ich reiche Ihnen die Hand, und mit meinem gan- zen Herzen wünsche ich, daß Ihre Anstrengungen zu einem glücklichen Ergebnis gebracht werden, das die Hälfet der Welt mit Ungeduld erwarten.

In englischer Sprache fortfahrend, sagte der Kö­nig: Alle Rationen leiden an einem gemein­samen Hebel. Dies wird nur zu klar durch das An st eigen der Arbeitslosenzif­fern. Die Bedeutung dieser Ziffern, ausgedrückt in menschlichem Leiden, ist in den letzten Jahren dauernd Gegenstand meiner Sorge gewesen, wie es auch die Sorge eines jeden von Ihnen, meine Herren, war, auf dem die Verantwortung der Regierung lastet.

Angesichts einer Krise, die alle einsehen und anerkennen, appelliere ich an Sie alle, zum

Wohle der ganzen well zusammenzuarbeiten.

Es kann nicht über die Macht der Menschheit hin- ausgehen, die ungeheuren Hilfsquellen der Welt zu benutzen, um einen wesentlichen Fortschritt der Zivilisation sicherzustellen. Keine Verringerung dieser Hilfsquellen hat stattgefunden. Im Gegenteil haben Entdeckung, Erfindung und Organisation die Möglichkeiten in einem solchen Ausmaß vervielfältigt, daß das Heber- maß der Produktion selbst neue Probleme geschaffen hat, und zusammen mit diesem erstaun­lichen, wesentlichen Fortschritt ist eine neue A n - erkenn ung der gegenseitigen Abhän­gigkeit der Nationen und des Wertes der Zusammenarbeit unter ihnen eingetreten.

Jetzt ist die Möglichkeit gegeben, diese» neue Bewußtsein der gemeinsamen Interessen in den Dienst der Menschheit zu stellen.

In diesem festen Glauben, daß gegenseitige Beratung ein erster Schritt aus dem Wege zur richtigen Handlungsweise ist, eröffne ich diese Kon­ferenz. Ich werde Ihre Erwägungen mit dem groß- ten Interesse und Aufmerksamkeit verfolgen und ich bete, daß die Ergebniste Ihrer Bemühungen die Welt auss Neue auf den Weg des Wohlstandes und geordneten Fortschrittes bringen.

Nachdem der König geendet hatte, entbot

Macdonald

als Präsident der Konferenz unter den Beifalls- kundgebungen der Delegierten den Willkommens- grüß. Ich hoffe, führte Macdonald aus, daß Ihr Aufenthalt hier nutzreich in feinen Er­gebnissen sein wird, und daß Sie wenn S e London verlassen, den Ramen der Londoner Wirt­schaftskonferenz unter die großen internationalen Zusammenkünfte eingraviert haben werden, die der Menschheit Segen gebracht haben. Die Zwecke un­serer Versammlung sind von der größten Bedeu­tung. Seine Majestät selbst hat die Konferenz mit einer glutvollen Rede eröffnet, die seine lebhafte Würdigung unseres Werkes und seine tiefe Sorge um unseren Erfolg zeigt, und ich schlage vor. in Ihrem Ramen unsere Dankbarkeit für die uns an- actanc Ehre und für das Interesse, das er an unserem Werk nimmt, auszudrücken. Diese Bemer­kung Macdonalds fand allenthalben Beifall.

67 Regierungen, fuhr Macdonald fort, sind ein­geladen worde, zehn Staaten sind nicht Mitg.ie- der des Völkerbundes, und die Bedeutung, die unfern Zielen beigemessen, wird, .wird durch die Tatsache anerkannt, daß praktisch jete Regierung, bie eingeladen wurde, die Einladung angenommen hat.

Die wirtschaftliche Seite der Welt hat seit Jahren an einem Rückschritt gelitten, der einige Staaten an den Rand de» Bankrott» brachte und ver­schiedene andere mit Staatshaushalten belaste! hat, die nicht balanciert werden können. Die Maschinerie des internationalen handel», oon dem die Kraft und da» menschliche Leben der Welt sowie der Wohlstand der Rationen ab­häng', ist ständig verlangsamt worden. Die Märkte sind da, die Arbeit, sie zu beliefern, ist da. Aber die Arbeit wird nicht benutzt, und die

Märkte sind nicht aufgefüllt.

In seinen wetteren Ausführungen betonte Mac­donald mit Nachdruck die unbedingte Notwendig­keit, die Frage der Kriegsschulden zu klären, was ohne Verzug von den beteiligten Nationen ge­schehen müsse. Lausanne, fuhr Macdonald fort, muß vollendet und diese leidige Frage ein für alle Mal im Lichte der gegenwärtigen Grundbedin­gungen erledigt werden. Wie erinnerlich, hat die Lausanner Konferenz nach Beendigung ihrer eige­nen unmittelbaren Arbeit festgelegt, daß für die Be- feitigung der Weltkrise eine umfassendere Konfe­renz zusammenberufen werden sollte. In den da­zwischen liegenden Monaten der Vorbereitungen und Verhandlungen ist die Arbeit, die uns zugewie­sen worden ist, nicht erleichtert worden. Niemand, der die Tatsachen übersieht, und ihren Fortschritt be­wacht hat, kann nur einen Augenblick bezweifeln, daß die Erfahrungen der letzten Jahre bewiesen haben, daß eine rein nationale Wirt­schaftspolitik in dieser modernen Welt eine Politik ist, die durch Verarmung der anderen Na­tionen diejenigen verarmt, die sie verfolgen.

Selbstgenügsamer Ratianalismu» in der wirt­schaft ist die Totenglocke fortschreitenden Wohl­stände». 3e eher wir die Welt zu einer Wirt­schaftseinheit machen, desto besser wird e» für jede Ration (ein. Auf jeden Fall ist internatio­nale Zusammenarbeit unser bester weg zu nationaler Erholung.

Macdonald dankte dann den Sachverständigen für die mühevolle Arbeit der Aufstellung der Tagesordnung. Wir beraten hier, betonte Mac­donald, was in erster Linie zu den Verant­wortlichkeiten der Regierung und zu gemeinsamer Aktion gehört. Danach müssen die einzelnen Regierungen ihre eigenen Probleme der industriellen Politik in Angriff nehmen.

Ich bin sicher, erklärte Macdonald. daß wir alle von den schweren Verantwortlichkeiten wissen, die aus uns lasten. Der Zustand einer Generation kann durchaus von dem Mut und der Auf­richtigkeit und der Weite der Ansichten ab- hängen, die wir während der nächsten Tage und Wochen an den Tag legen.

Eine kleinliche Politik wird diese Krisis nicht lösen, wenn wir hier zusammenkommen in dem Bewußtsein, daß der dauernde Ruhen eine# jeden abhängt oon dem dauernden Ruhen aller, und entschlossen sind, bei einem Abkommen mit­zuarbeiten, da» eine Erneuerung de» Wohlstan­des möglich macht, dann werden wir (Erfolg haben, und die Erwartung der Welt wird ge­rechtfertigt fein. wirdürsenkeinenMih- erfolg erleiden. Männer, die (Erfolg haben wollen, müssen ihre Arbeit im Geiste von Män­nern aufnehmen, die bereits gesiegt haben, wir geben der Welt al» Grundton unserer ersten Ver­sammlung daß wir zum (Erfolg ent­schlossen sind. Auch können wir keine Verzögerung zulassen. Schnelligkeit bei den

Abkommen ist für den (Erfolg wesentlich.

Lassen Sie die Welt wissen, daß wir Entschluß zei- gen und Führer sein können. Unter Programm ist verwickelt und wirst Fragen auf, über die wir bis­her Ansichten gehabt haben, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Trotzdem sind die Notwendigkeiten des Tages so drin­gend, und die Erfahrungen dieser letzten paar Jahre sind so erleuchtend gewesen und gleichzeitig so tragisch, daß wir gewißlich unsere Arbeit mit beweglichen und biegsamen Sinnen beginnen müssen.

Macdonald schloß: Lassen Sie diese Londoner Konferenz der Welt neuen M u t und neues Vertrauen einsloßen, und lasten Sie sie das Ende der Jahre der Ungewißheit und jener Politik bedeuten, die über uns alle Not ge- bracht hat. Lasten Sie uns dafür Sorge tragen, daß, bevor wir auseinandergehcn, wir Hoff­nung, Energie und Mut wieder zum Leben erweckt haben. Darauf wartet die Welt, und es liegt in unserer Macht, sie zu geben.

Nächste Sitzung Dienstag.

London, 12. Iuni. (WTD.) Rach den Er- öffnungsansprachen des Königs und M a c b o naldiZ hat sich die Weltwirtschaftskonferenz, nachdem ein Ausschuß die Beglaubigungsschreiben geprüst hatte, bis 16.23 älhr vertagt. Rach Wie­deraufnahme der Sitzung schlug Macdonald die Schaffung eines Bureaus vor, in dem je ein Vertreter von Deutschland, Argentinien. China, Tschechoslowakei. Frankreich, Ungarn, Italien, 3a- pan, Mexiko. Holland. Spanien, Schweden, Sow­jetunion, Kanada und Amerika sitzt. Die Sitzung

wurde bann auf Dienstagvormittag 10.30 Tlhr vertagt.

Oie Organisation der Konferenzarbeit

London, 12. Iuni. (WTB.) Das Büro der Weltwirtschaftskonferenz wird Premierminister Macdonald führen- Die Delegierten des Büros beschlossen, noch einige Tage Plenarsitzungen abzuhalten, an de­nen alle Delegierten teilnahmen.

Das Büro hat beschlossen, die Redezeit jede- einzelnen Delegierten in der allgemeinen Aus­sprache, die am 15. d. M. ihren Abschluß finden soll, auf 15 Minuten zu beschränken Das Büro hat weiter beschlossen, zwei Ausschüsse, einen Währungsausschuß und einen Wirt-

Hamburg, 12. Juni. (ENB.) DasHambur­ger Fremdenblatt" veröffentlicht mit seiner Montag- abenbausgabe eine Sonderbeilage zur Wirt- schaf(skonferenz in London, für welche führende Politiker und Wirtschaftler Geleitworte bdgefteuert haben.

Der Reichsaußenminister Freiherr v. Neurath schreibt, die deutsche Delegation sei sich bewußt, roif schwierig es ist, die großen Finanz- und Wirt­schaftsfragen zu meistern, die sich diese Konferenz gestellt hat. Wir sind zu ehrlicher Mit­arbeit mit anderen Nationen bereit, wie wir auch durch die gerade jetzt erteilte (Ermäch­tigung zur Unterzeichnung des Mussolini-Paktes be­wiesen haben, und wir werden alle Kraft d a - für ein setzen, der Konferenz zu einem (Er­folg zu verhelfen, damit nicht nur die Notlage Deutschlands behoben, sondern auch die Finanz- Unb Wirtschaftskrise der Welt überwunden werde.

Dr. W a g e n e r, Reichskommissar und Leiter des Wirtschaftspolitischen Amtes der NSDAP., erhofft als Ergebnis der Weltwirtschaftskonferenz einen Weltkongreß der Staatsmänner der Kulturvölker der Erde. Die Londoner Kon­ferenz möge den politischen Führern der Volker die Augen offnen. Alle wirtschaft- lichen Beschlüsse seien nur dann von Wert, wenn die große Tat der Bereinigung der po li­tt ( d) e n Mißverständnisse und Miß­verhältnisse geschehen sei.

Der nationalsozialistische Wirtschaftssachverstän­dige Gesandter Werner D a i tz schreibt, nicht nur in politischer, sondern auch in handelspolitischer Be-

London, 12 Iuni. (DU.) Rcichsbankpräsi- bent Dr Schacht hatte am Montag eine Untcr- rebung mit Monlague R o r m a n, bem Gouver­neur ber Bank von Gnglanb. Hierbei hat, so­weit seststellbar. Montague Rorman seinen deut­schen Kollegen von dem Stand der zwischen Eng­land. Frankreich und Amerika schwebenden Ver­handlungen über die Stabilisierung und vielleicht auch über die Kriegsschuldcn- frage unterrichtet, während Dr- Schacht in Vorbereitung der am Dienstag in der Martins- Bank beginnenden Gläubigerverhandlungen hie deutsche Schuldensrage angeschnitten ha­ben soll. Pressemeldungen zufolge hat auch her amerikanische Staatssekretär Hüll mit Dr. Schacht eine Unterredung gehabt.

Ziehung anerkenne Deutschland die- selbe Freiheit, die es für sich beanspruche, auch bei seinen Kontrahenten. Es lei gewillt, seinen Außenhandel auf der freien Freundschaft von Volk zu Volk und auf einen gerechten wirtschaftlichen Interessenausgleich aufzubauen.

Gesandter E i f f e , der Leiter der Vertretung Hamburgs bei der Reichsregierung, präzisiert drei Richtlinien, denen jeder Wirtschaftler zustimmen müsse: Arbeit wird auf die Dauer nur geschaffen durch unternehmungslustige Männer, nicht durch Programme. Unternehmungslust gedeiht nur im Frieden. Wer die Maschinen zerschlagen will, macht aus der bestehenden Verteilungskrisis eine Erzeugungskrisis.

Generaldirektor Marius Boger von der Hapag schreibt, die deutsche Schiffahrt erwarte oon der Konferenz, daß sie helfe, die Handels- hemmnissesoschnellwiemöglich zube­seitigen, damit wieder ein Güteraustausch in dem Maße vor sich gehe, wie es für eine gesunde Weltwirtschaft notwendig fei. Geschehe das, bann werde die deutsche Schiffahrt von selbst gesunden.

Wir müssen Vertrauen haben!" überschreibt der Ehrenpräsident der Internationalen Handelskam- mer Frowein seinen Beitrag. Es gehe in Lan­don darum, zu handeln, und zwar ganz be­schleunigt zu handeln, denn die Lage sei heute weit ernster als bei früheren ähnlichen Kon­ferenzen. Vertrauen zueinander sei eine Hauptoorbedingung. Man müsse mit Ernjt und Entschlossenheit darangehen, vor allem die Ursachen der heutigen Krise zu erkennen und zu beseitigen.

Deutschlands Erwartungen.

Stimmen führender Politiker und Wirtschafter.

Oie Lage Hessens.

Ein Sanierungsplan für Hessen ausgearbeitri.

WSR. Darmstadt, 12. Iuni. Der Herr Staatssekretär und stellvertretende Staatsminister Iung teilt folgendes mit:

Die Regierungen des .Systems" sind von der Auffassung ausgegangen, daß es zweckmäßig sei, das Volk zu täuschen und zu belügen. Innen- und außenpolitisch wagte man nicht, die Wahr­heit zu sagen. Diejenigen, die es doch taten, sperrte man in die Gefängnisse ein. Man er­wartete Wunder, wirtschaftete in den Tag hinein, hatte hie und da vielleicht richtige Erkenntnisse, doch fehlte der Mut zur Ausführung.

Das System scheiterte so an seiner Entschluh- losigkeit, seiner Feigheit und seinem gänzlichen Mangel an Ehrlichkeit. Vielfach nannte man das Staatsklugheit, was in Wirklichkeit nur Politik der Llnwahrhastigkeit und des Fortwurstelns war.

Ein Muster dafür bieten die hessischen Voranschläge der letzten Iahre und die dazu gehörigen Denkschriften des Finanzministers. .Der Voranschlag ist ausgeglichen", das ist die Behauptung, wie sie in den Denkschriften enthal­ten ist und immer wiederholt wurde, eine Be­hauptung, die der Wahrheit nicht entsprach und die nur ausgestellt werden konnte, weil man in vollkommen unzulässiger Weise mit Zahlenauf dem Papier jonglierte, deren fiktiven Wert man aber durchaus kannte.

Ich erachte es deshalb bei Llebernahme der Ministerialabteilung I, zu der auch daS ehemalige Finanzministerium gehören wird, als meine Pflicht, festzustellen, was wir bei Llebcrnahme der Regierung angctroffen haben und wie die Lage des Landes zu werten ist.

Der Fehlbetrag im Voranschlag für bas Jahr 1933 beträgt mehr als 6 Millionen Mark. Dieser Fehlbetrag ist nicht nur auf bas Rachlassen ber Steuerquellen zurückzuführen, sonbern auch auf gesetzlich organisatorische Maßnahmen ber oer- f(offenen Regierungen in ben letzten 14 Jahren, die als burchau» fehlerhaft bezeichnet werben müssen.

Der Objektivität halber sei jedoch festgestellt, daß es offenbar an Warnungen einzelner, aus der alten Schule stammender früherer Regierungs- beamter nicht gefehlt hat, doch konnten diese sich nicht durchsetzen und hatten auch nicht die Kraft, zu erklären, daß sie es ablehnen müßten, die

Verantwortung für das Treiben und Dumm­heiten einer liberalistisch-parlamentarischen Par­lamentsclique zu übernehmen- Dazu kam, was allerdings auch gesagt werden muh, das Be­streben. das eigene Ressort möglichst auszubauen, ihm einen besonderen ilmfanq zu geben, um das Ressort und damit auch sich in seiner Be­deutung zu heben.

Eng damit verbunden war eine, sich wenigstens in den Ansängen zeigende schamlose Be­reicherung im Staate. Wenn es Vor­kommen konnte, daß hochgestellte Kommunal­beamte sich neben ihrem mehr als sürstlichen Gehalt noch erhebliche Rebeneinnahmen ver- schasften, ohne zu erröten, wenn es vorkommen konnte, daß ein Beamter mit ungewöhnlich hohem Gehalt für zwei Konferenzen im eigenen Dienst­gebäude und am gleichen Tage sich Sitzungs- gelder in einer Höhe auszahlen ließ, wofür ein Arbeiter fast eine ganze Woche arbeiten muß, dann kann man verstehen, wenn dieses System mit seinen Lügen- und Korruptionserscheinungen zu einem Riederbruch der Finanzen führen muhte.

In dieser Lage wirb man e» billigen, wenn wir, gestützt durch da» dankbar empfundene ver­trauen des Reichsstalthalter», entschlossen sied, den rücksichtslosen Kamps, unbeeindruckt durch sentimentale Erwägungen, für die Gesundung der Finanzen de» Lande» und der Gemeinden zu führen. Da» Ziel ist klar: Beseitigung de» Fehlbetrag» im Voranschlag. Der weg wird vor­geschrieben durch den obersten Grundsatz de» Rationalsozialismus: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Dem Wohle der Gesamtheit ^at sich alle» unteriuordnen.

ftetl Zweifel soll darüber gelassen werden, daß die Wege, bie wir gehen müssen, st e i l erscheinen. Es wird mit alten Ueberlieferungen und Gewohn­heiten gebrochen werden müssen; Kirchturm­politik scheidet bei unfern (Erroägun» gen aus. Auch kann nicht von Einfluß (ein, ob die Interessen Einzelner getroffen werden.

Der Plan des-Herm Reichsstatthalters, eine w c fentlidje Vereinfachung und damit eine fühlbare Verbilligung der Verwal­tung Hessens herbeizuführen, wird und muß zur Tat werden. Widerstände kennen wir nicht. Der Sajüerungsplan liegt dem Herrn Reichsftatthalter