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13.4.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Neubildung des Provinzialtags und des Giehener Kreistages.

3m neuerten Amtsverkündigungsblatt der Pro- vinzialdirektion Oberhessen und des Kreisamts Sieben werden die Bekanntmachungen über die Aleubildung des Provinzialtags der Provinz Oberhessen und des Provin­zialausschusses, sowie des Kreistages und des K r e i s a u s s ch u s s e s des Krei­ses Sieben veröffentlicht ^ür den Pro - vinzialtag kommen künftig 25 Vertreter, für den Piovinzialausschub 8 Mitglieder und 8 Stellvertreter in Betracht Wahlvorschläge find bis spätestens Dienstag, 18. April, 18 Ufor. bei dem Provinzialdirektor der Provinz Ober- Hessen einzureichen Die Kommunisten bleiben unberücksichtigt. Wählergruppen, die keine Wahl­vorschläge abgeben, erholten keine Sitze. Der Kreistag des Kreises Sieben wird künftig aus 20 Mitgliedern bestehen, für den Kreisausschub des Kreises Sieben kommen 6 Mitglieder und 6 Stellvertreter in Betracht Auch hier bleiben, wie überall, die Kommunisten unberücksichtigt, ebenso erhalten Wählergruppen, die keine Wahlvorschläge abgeben, feine Sitze. Die massgebenden Stellen des politischen Lebens in unserer Provinz seien aus die Bekanntmachun­gen, aus denen weitere Einzelheiten des Ver­fahrens ersichtlich sknd, besonders hingewiesen.

Oie Llmsahsteuer-Doranmeldungen.

Von zuständiger Seite wird uns geschrieben: Sämtliche umsahsteuerpslichtigen Personen hatten am 10. April ^lmsahsteuer-Doranmeldungen über die Umsätze im abgelaufenen Dorauszahlungsab­schnitt (Monatszahler: Für den Monat März, Vierteljahrszahler: Für die Zeit vom 1. Januar 1933 bis 31. März 1933) abzugeben. Die Abgabe der Voranmeldungen kann bei den Finanzämtern ohne Rechtsnachteile noch bis zum 17. April 1 933 erfolgen. Die Finanzämter sind streng angewiesen, bei später eingehenden Vor­anmeldungen wegen verspäteter Abgabe oder we­gen Richtabgabe von Voranmeldungen neben der Steuer Zuschläge bis zu 10 Prozent dec Steuer festzusehen. Diese Zuschläge werden unabhängig von den etwa wegen verspäteter Zahlung der am 10. April 1933 (Lchonsrist bis 17. April 1933) fäl­lig gewesenen ^Umsatzsteuer-Vorauszahlungen ent­standenen Verzugszinsen erhoben.

Das Werkhalbjahr für Abiturienten beginnt.

3m Auftrage des Reichskommifsars für den Arbeitsdienst beruft jetzt der Bezirkskommifsar für den Bereich des Landesarbeitsamts Hessen

die Abiturienten zum Werkhalbjahr ein mit dem Hinweis, daß sie mit Dienstantritt verpflichtet sind, bis zur ordentlichen Entlassung am Werk- Halbjahr teilzunehmen. Die Meldung beim Lager­führer des von den Teilnehmern auSgewählten Arbeitsdienstlagers hat am 19. April zu er­folgen. Es werden nur Abiturienten des 3ohr° gangs 1933 eingewiesen, im Bereich des Bezirks Hessen insgesamt 250 junge Männer und 50 Mäd­chen. Von andern Bezirken kommen 70 Abi­turienten nach dem Bezirk Hessen, 160 gehen aus dem hiesigen Bezirk nach außerhalb. Semeldet haben (ich Abiturienten aus Darmstadt 31, Frank­furt 46, Fulda 14, Hanau 20, Sieben 24, Kassel 80, Limburg 38, Marburg 38, Offen­bach 19, Wiesbaden 30, Mainz 28.

Taten für Donnerstag, 13.April.

1598: Heinrich IV. von Frankreich gewährt den Protestanten Relegionsfreiheit: 1848: der Afrikareisende Oskar Lenz in Leipzig geboren.

Taten für Freitag, 14. April.

1927: der Derlagsbuchhändler 3oh. Klasing in Bielefeld gestorben! 1931: Spanien wird Re­publik, Abdankung König Alfons XIII.

" Ernennung. Der Regierungsbaurat Friedrich Kuhlmann zu Sieben wurde vom 1. April 1933 ab zum Vorstand des Hessischen Hochbauamts Sieben unter Beibehaltung seiner bisherigen Amtsbezeichnung ernannt.

Dienstjubiläum. Am 15. April kann die Direktrice in der Srobwäscherei Edelweib (3nh.: Friedrich Wörner) Frl. Helene Dreyer auf eine 25jährige Tätigkeit als Direktrice dieser Firma zurückblicken. Die 3ubilatin hat an der Entwicklung des Unternehmens regen Anteil. Bei der Geschäftsleitung und bei allen Mit­arbeitern und Mitarbeiterinnen erfreut sie sich bester Wertschätzung. Vom Deutschen Wäscherei­verband wurde ihr anläßlich des 3ubiläums ein entsprechendes Diplom übermittelt.

" Autofahrt zum Besuch der Schlachtfelder im Westen. Vom Volks­bund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Bezirks­gruppe Sieben, wird uns mitgeteilt: Durch Ver­mittlung der Ortsgruppe Heidelberg des Volks­bundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge findet vom 4. bis 11. 3uni eine Kriegsgräber- und Schlacht­felder-Fahrt mit modernen Fernreisewagen statt. Von Heidelberg geht die Fahrt über Metz ent­lang der ganzen Westfront bis an die flandrische Küste. Rähere Auskünfte erteilt die hiesige De- zirksgruppe.

Oer Vogelsberger Höhen-Club wirbt für die Heimat.

Don Ludwig Oern, Offenbach, Vorsitzender des Werbe- und preffeausschusses des DHC.

Schon seit seiner Gründung vor mehr denn 50 fahren hat der VogelsbergerHöhen-Club neben der eifrigen Förderung des finnigen Wan- derns vor allem auch die Liede zur ange­stammten o b e r h e s s i s ch e n Heimat in sei­nen Reihen gepflegt und gefordert. Ein weitver­zweigtes Retz von wohlbezeichneten Wanderwesten führt den Fremden durch die schönsten Gebiete Oberhessens und des Vogelsbergs, verbindet die menschengefüllten verkehrsreichen Städte mit dem ruhespendenden, einsamen und waldreichen Ge­birge, Unteriunftshäuser wurden als Rast- und Gaststätten geschaffen, saubere schmucke Verbergen für die wandernde Fugend errichtet, in der Vereins­zeitschristFrischauf" wurde von berufenen Kennern immer wieder auf die stillen Schönheiten der Hei­mat hingewiesen und aufmerksam gemacht.

Das ist Betätigung der heimatliebe in wahr­stem Sinne des Wortes, wenn immer und im­mer wieder den leider noch gar zu häufig auftretenden Vorurteilen gegen unseren schönen Vogelsberg in Wort, Bild und Schrift mit allen Mitteln entgegengetreten wird.

Denn wenn auch heute das Werturteil über dieses rauhe oberhessische Sibirien" in weiten Kreisen schon ein weit günstigeres geworden ist, wie vor 50 Jahren, so begegnet man leider noch gar oft ganz unglaublichen Äußerungen und Einsichten über unser Heimatgebiet sogar in geographischen Wer­ken neuerer Zeit die unbedingt zum Widerspruche reizen und weitere Aufklärungen geradezu heraus fordern. Diese Aufklärungsarbeit, verbunden mit einem zielbewußten Werben betrachtet der AHE. als feine vornehmste Pflicht.

Wenn der Vogelsberger Höhcn-Club gerade in dieser Zeit eine großzügige Werbung für die Heimat aufs eifrigste betätigt, so leiten den Vorstand dabei ganz besonders gewichtige Gründe. Einmal sind ihm fast alle umliegenden Gebirge in dieser ^Tätigkeit zur Hebung des Fremdenverkehrs ein gut Stück vor aus. Rhön, Spesiart, Odenwald, Taunus, Wester­wald machen schon seit Fahren die größten An- strengungen, auf die Schönheiten ihres Gebietes mit allen Mitteln hinzuweisen. Zeitschristen werden wer­bend benützt, Plakate in allen Teilen des Reiches ausgehängt, Pressefahrten werden veranstaltet und Sonderzüge mit Hunderten von Ausslüglern nach den schönsten Punkten gelenkt. Und da soll unser Vogelsberg zurückstehen? Kann er sich mit seinen Schwestergebirgen nicht messen an intimen Reisen und stiller Schönheit ?

Zum andern sind gerade jetzt, in dieser Zeit wirt­schaftlicher Rot mit ihrer leidigen Geldknappheit, die Erholungssuchenden und Wanderer gezwungen, ihrer krankhaften Sehnsucht nach dem Auslande not­gedrungen Zügel anzulegen und dem Rufe

Deutscher, roanbre und erhole dich in Deutschlands"

wohl oder übel Folge zu leisten. Gar mancher, der früher nur in der Schweiz oder in Tirol, in den Dolomiten, Italien oder an der Adria, glaubte sei­nen Urlaub verbringen zu müssen, ist jetzt genötigt, inderHeimatzu bleiben. In diesem Falle sagen wir: Gott sei Dank. Vielleicht lcrnt_6ann mancher endlich sein Vaterland mit all seinen Schön­heiten kennen, schätzen und lieben. Darum ist es aber doppelt nötig," für das Heimatgebiet tatkräftig au werden und feine Vorzüge weiten Kreisen vor Augen zu führen.

Zuletzt muß gerade jetzt kein Versuch gescheut werden, den Fremdenverkehr zu heben, um der Bevölkerung des von uns betreuten Heirnat-

gebietes möglichst viel Einnahmen zuzuführen. Die besonders in unserer Gegend bei den Bewohnern weit verbreitete Meinung, daß alleindic Gast- wirte einen Vorteil von starkem Freindenbesuch hätten, ist grundfalsch. Das haben die Leute in Tirol, im Allgäu, im Schwarzwald und seit wenigen Fahren auch im Westerwald längst herausgefunden, daß das von den Sommerfrischlern und Erholungs­suchenden ins Land gebrachte Geld allen zugute kommt. Heute gilt auch für den Vogelsberg der Grundsatz:

hebt den Fremdenverkehr und ihr dient damit in einer Zeit, da so viele Einnahmequellen für Landwirtschaft, Handwerk und Industrie zu versiegen drohen, eurer Heimat und deren Bewohnerni

Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich der Vogels­berger Höhen-Club unter Aufbringung großer fi­nanzieller Opfer zu einer großzügigen Werbung für Oberhesfen und den Vogelsberg entschlossen. So wurde zu Beginn des Winters allerorts ein Win­tersportplakat zum Aushang gebracht, um die Sportbeflifjenen auf die glänzende Möglichkeit zur Ausübung des Wintersports in unserem Vogels­berg hinzuweisen. Der Hunger nach Ausübung des Ski-Sports wächst in den Städten und bei unserer Jugend von Fahr zu Fahr, und so eröffnen sich einem schneereichen Gebirge, wie unserem Vogels­berg mit seinen idealen Hängen, für künftige Win­ter ungeahnte Möglichkeiten zur Heranziehung von Wintersportlern. Daß der VHC. im vergangenen Winter mit feinem Werben nicht auch den nötigen Schnee herbeizaubern konnte, war ein Jammer und bedauernswerter Mißstand, der die durch das Win­tersportplakat geschaffene Wirkung vielfach ver­puffen ließ. Aber das darf uns nicht abhalten, auch künftighin für den Vogelsberg als treffliches Win­tersportgebiet die Trommel zu rühren.

Zum andern geht jetzt in den lagen des Früh­lings ein künstlerisch ausgesührtes Werbeplakat in einer Auflage von 10 000 Stück hinaus in die deut­schen Lande und ruft allen Wanderern und Er- holungssuchenden zu:

kommt in den Vogelsberg!

Möge der Ruf nicht ungehört verhallen, möge die Werbung des VHC., wie in anderen deutschen Mit­telgebirgen, ihre Wirkung nicht verfehlen! Mögen aber auch die Sommerfrischen und Hotels, mögen auch die Gast und Raststätten das Ihre dazu bei­tragen, den Fremden den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, damit sie gerne wiederkommen und den Vogelsberg bei Freunden und Bekannten weiter empfehlen.

lieber den außerordentlich wichtigen D i e n ft am Fremden wäre gar viel zu sagen, doch wollen wir uns dies für später Vorbehalten. Eins aber sei schon heute hervorgehoben: Die Konkurrenz auf dem Gebiete des Fremdenverkehrs ist gerade jetzt aus leicht begreiflichen Gründen außerordentlich groß. Darum beachtet die Angebote aus anderen Gebieten, vergleicht Preise und Leistungen ähnlicher Unter­nehmen und st eilt euch demgemäß ein. Rur dann kann unser Werben für euch, ihr lieben Landsleute, den gewünschten Erfolg haben.

Ein vornehmes Werbemittel ist die jetzt vom VHC. herausgegebene Werbeschrift, ein von dem Presfeausschuß des Clubs mit viel Liebe und Mühe erarbeitetes Heimatbuch. Reich mit Bildern geschmückt, bringt es auf 120 Seiten neben einem kurzen Vorwort das Wichtigste über unseren schonen Vogelsberg und läßt jeden Ort selbst zu Worte kom­men. Die Schrift wird an alle Reisegesellschaften, Verkehrsbüros, Verkehrsoerei'ne, Bürgermeistereien

ujw. zur Verteilung an Interessenten gesandt. Dem Büchlein liegt ein Verzeichnis aller Gaststätten bei, das neben zwei Skizzen über Bahn- und Autopost­linien in Oberhesien alles Wünschenswerte über Untertunftsmöglichkciten enthalt.

Alle diese Werbemittel des VHC. sollen aber neben der Hebung des Fremdenverkehrs noch einen weiteren Zweck haben. Sie sollen den Beweis brin­gen, wie der Vogelsberger Höhen-Club in uneigen­nützigster Weise bestrebt ist, seine Heimatliebe praktisch zu betätigen zum Wohle seiner Heimat ?;enoflen. Aus dieser Tatsache erwächst aber auch ür alle die unabweisbare Pflicht, den VHC. in seiner selbstlosen Arbeit für die Heimat tatkräftig zu unterstützen.

Helft dem vhE. seine ideale Hochziele zu errei­chen, indem ihr Mitglieder werdet als Einzel­personen oder als Körperschaft wir betteln nicht für unseren Bund, wir arbeiten in ehr­lichem Mollen für unsere Heimat.

Kein Kreis, keine Stadt, keine Gemeinde, kein Hei­matverein dürfte es versäumen, körperschaftliches Mitglied des VHC. zu werden diesen kleinen Bei­trag erträgt auch noch die schlechteste Finanzlage und kein guter Oberhesse darf fehlen in den Reihen unseres Vogelsberger Hohen-Clubs. Ihr Zweig oereine, frischauf an die Arbeit zum Wohle und zum Segen für Volk und Land!

Buntes Allerlei.

Hanuffens Ende.

Der Hellseher Erik 3an Hanussen alias Her­mann Steinschneider hat ein trauriges Ende ge­funden, das weder er selbst noch andere seiner Zunftgenosscn für ihn vorausgesehcn haben mögen. Man fand, wie bereits gemeldet, vor einigen Ta­gen in einer Schonung unweit von Berlin eine männliche Leiche, die schon lange dort gelegen haben mußte. Der Berwesungsprozeß war durch den Frost der letzten Woche zwar aufgehalten, aber das Sesicht war durch Wildfraß völlig un­kenntlich gemacht. Die Leiche wurde nach Berlin geschafft und festgestellt, daß sie mit Hanussen identisch ist. Roch vor zwei Wochen trat der Hellseher im Berliner Wintergarten auf Eine Rachmittagsvorstellung hatte er noch absolviert, zur Abendvorstellung tarn er nicht mehr. Sein

plötzliches Fernbleiben wurde mit einem Rerven- zusammenbruch entschuldigt. Seit dem Tage war er verschwunden, und niemand wußte wohin, un> da diese Zeit andere Sorgen hat, war er bald vergessen.

So endet ein abenteuerliches Dasein, wie es in so schwierigen und dunklen Zeitläuften nicht ver­einzelt ist. Hanusfen war ohne Zweifel einer der Erfolgreichsten in der Zunft, ein Mann, der das Hellsehen im Srohcn betrieb, es gewifsermaßen industrialisiert hat, so daß er zeitweise das Selb in Scheffeln sammeln konnte, ein Mann, der den Hang zum Mystizismus, wie er mit dieser Zeit verbunden ist, mit amerikanischen Geschäfts- und Propaganda-Prattiken ausgebeutet hat. Wenn in späteren Tagen einmal die Kulturgeschichte un­serer Epoche geschrieben werden wird, dann wird Hanussen nicht übersehen werden können.

Im Kriege hieß Hanussen Hermann Steinschnei­der. Seine telepathischen Fertigkeiten verschafften ihm viele Urlaubsreifen zu Experimenten in der Wiener Hofgesellschaft. Aus dem Karst betätigte er sich, angeblich mit Ersolg, als Wünschelrutengänger. Als der Krieg zu Ende war und die Zukunft noch dunkler über Europa lag als während des Krieges, erkannte er die große Chance, die Volksrednern und Propheten sich in solchen Zeiten bieten. Er wurde der Prophet der Salons und der großen Welt. Die Basis seiner Existenz waren nicht selten Skandale und Sensationen. Es mag wenig Männer geben, die soviel Ehen zerstört haben. Wie sein Beruf, war sein ganzes Leben auf Tricks und Ueberrafchungen eingestellt. Hanusfen war zuletzt ein wohlhabender Mann geworden: er bezog Riesengagen, und Pri vatpersonen, die ihn auffuchten, zahlten ihm für jede Sitzung und Beratung meist erhebliche Honorare. Das ermöglichte ihm ein Leben auf großem Fuß. llebrigens hatte er auch eine Zeitschrift gegründet, die von Provinzlern abonniert, in Berlin auf den Straßen verkauft wurde und ungewöhnlich hohe Auflagenziffern erreichte. Wer die Privatsprechstun den nicht bezahlen konnte, dem prophezeite er im Briefkasten seiner Zeitung. Hanussen machte eben alles, er war zu jeder einschlägigen Arbeit bereit, wenn sie ihm nur Geld einbrachte, lieber Hanussens hellseherische Fähigfeiten sind Ansichten geteilt. In verschiedenen Prozessen wurde er als hellseherischer Sachverständiger vereidigt, auch war er beeidigter Sachverständiger des Königlich-Niederländischen Ge richtshofes im Haag.

Geschichten aus aller Welt.

Rachdruct, auch mit Quellenangabe, verboten!

Tcr Goldfisch.

o. Montreal.

Wir alle wissen, daß das Leben oftmals viel unwahrscheinlichere Geschichten erzählt, als die lebendigste Phantasie des Schriftstellers sie er­findet. Zu diesen gehört auch die Geschichte von dem Goldfisch, einem richtigen kleinen blanken Goldfisch in einem runden Glasbassin, der seiner Besitzerin das Leben rettete...

3n der Rühe von Montreal in Kanada lebte die siebzigjährige Mary Gibson. Sie hatte dort ein kleines Haus, unter dessen Fenstern ein Bach hinfloß. Wegen ihrer Freundlichkeit, tätigen Hilfsbereitschaft und herzlichen Gutmütigkeit war die alte Frau bei ihren Rachbarn sehr beliebt. Der Besitzer des Rachbarhauses, ein gewisser 3ohn Higgins, hatte die alte Frau besonders in sein Herz geschlossen. Er besorgte für sie die Einkäufe in der Stadt und plauderte mit ihr oftmals stundenlang über alle möglichen Fragen des Lebens. Frau Gibsons besondere Liebe aber galt ihren beiden Kanarienvögeln und dem schö­nen stattlichen Goldfisch, dessen Bassin auf dem Fensterbord stand, unter dem der Bach dahin- plätscherte. An der Seite des Fensters hing der Käsig mit den Kanarienvögeln, und hier war der Lieblingsplatz der Greil in.

Eines Tages nun wollte Higgins einige Forellen greifen. Er ging zum Bach, und nach wenigen Mi­nuten stutzte er, seine Augen öffneten sich weit, und er erschrak sehr in dem Wasser schwamm Mary Gibsons Goldfisch. Mit geübter Hand griff ihn Hig­gins, warf ihn in den Wassereimer, der hinter ihm stand, und rannte zu dem Hause der Greisin hinüber. Er kam gerade zurecht, um die erschöpfte und fast schon bewußtlose Frau aus den Händen eines Ein­brechers zu befreien. Bei dem Kampfe der Greisin, die auf ihrem Lieblingsplatz am Fenster gesessen hatte, mit dem Räuber war das Goldfischglas aus dem Fenster gestürzt und in den Bäch gefallen. Glücklicherweise kam die alte Frau ohne ernsthaften Schaden davon.

Abfuhr.

d. Hollywood

Richard Wills war in letzter Zeit, vom Glück begünstigt, in einigen Chargen-Rollen beim Film tätig gewesen und glaubte mit der ihm inne­wohnenden Anmaßung, er sei schon fast 3ohn . * rrymore. Er mietete sich ein für seine Ver­hältnisse viel zu großes Appartement, kleidete sich stutzerhaft und pflegte unter anderem auch feinen Lebensmittellieferanten, Mr Baker, der ihm in der Anfangszeit oftmals gutwillig aus­geholfen hatte, nicht mehr zu grüßen. Er nahm durchaus die Gewohnheiten der großen Stars an und hoffte dadurch, den Unterschied auszuglei­chen, der ihn von ihnen noch trennte. Mit allen anderen früheren B.kannten war auch Herr Baker über dieses protzcnhaste Benehmen des jungen Schauspielers sehr verärgert

Es kam die Zeit der Bankenkrise in Amerika. Auch Hollywood, das reiche, glänzende Holly­wood, stand eines Tages ohne Geld da. Da nun auch ein soberühmter * Schauspieler wie Richard Wills Hunger bekommt, wenn er nichts zu essen hat, so rief er seine Wirtschafterin, nahm eine Visitenkarte von sich, schrieb darausGut für zehn Dollar, Richard Wills" und trug der braven Frau auf, bei Baler dafür Lebensmittel ein­zukaufen.

Der gutmütige Herr Baker besah sich diese Karte eine Weile recht nachdenklich, dann glitt ein ver­schmitztes Lächeln über sein Gesicht, er nahm von sich eine Geschäftskarte und schrieb darausGut für ein Brot, ein Pfund Butter, zwei Pfund Schinken, zehn Eier, einen Hummer in Mayonnaise, Baker". Lächelnd gab er diese Karte der Wirtschafterin, und diese brachte sie mit einem rätselhaften Lächeln Herrn Richard Wills zurück, der nun, ob er wollte oder nicht, cinfehen mußte, daß niemand so hoch steigen kann, daß er nicht die Hilfe anderer Men­schen braucht.

Tcr schlaue Bauer.

i.. Helsingsors.

Der brave Dauer Aaro Hämäleinen weilte seit vier Tagen schon in Helsingsors, wo er

auf den Gerichten zu tun hatte Wider afles Erwarten hatte sich sein Aufenthalt in der Hauptstadt des Landes verzögert, so daß die mitgenommene Geldsumme schließlich nicht wehr ausreichte, um die Fahrt nach seinem über dreißig Kilometer entfernten Heimatorte Lado zu decken. Er war in Verzweiflung und suchte krampfhaft nach einem Auswege, der ihn aus der schwie­rigen Lage herausführen möchte. Schließlich hatte er eine großartige 3dee. Er rannte mehr als er ging auf den an der Peripherie der Hauptstadt täglich stattfindenden Pferdemarkt. Man muß wissen daß der Auftrieb an Pferden, daß also die Zahl der täglich zum Verkauf ste­henden Pferde bei weitem diejenige der Rachsrage übersteigt. Die Händler aber haben für jedes Pferd tägliche Futterkosten, Standgelder und Unterkunft aufzubringen: sie sind also sehr oft mehr als froh, wenn sie irgendeinen besonders klapprigen Gaul gegen ein paar Mark abgeben können.

Aaro Hämäleinen entsann sich nun in seiner Rot dieser Tatsache. Als er auf dem Marktplatz ankam, schritt er prüfend durch die Koppeln, während ihn die Händler flehentlichst beschworen, ihnen doch ein Pferd abzukaufen. 3e länger Aaro hinging und prüfte, desto niedriger wur­den die Forderungen der Händler. Schließlich erstand er sich für seine letzten sieben Mark (finnische) ein immerhin noch ganz brauchbares Pferd. Eine Vietelstunde später schon ritt er seinem Heimatdorfe zu, wo er den eben erstan­denen Gaul einen Tag später für zwanzig fin­nische Mark weiterverkaufte. Er stellte bei diesem Verkauf fest, daß er dieses wundervolle Pferd nur aus Freundschaft für den Käufer so billig abgebe. 3n Lado und den umliegenden Dörfern betrachtet man den Dauern Hämäleinen zur Zeit mit immer mehr ansteigender Hochachtung, denn er reitet jede Woche zweimal nach Helsing- fors. Riemand weiß, warum. Er weih es aber.

Tasgrotzc" Los.

rt. Berlin.

Auf einer der letzten Veranstaltungen der nun verklungenen Wintersaison trug sich folgende tat­sächliche, wie ein modernes Märchen klingende Begebenheit zu: 3n dem großen Gesellschastsfaal eines bekannten Berliner Hotels hatten sich die Festteilnehmer versammelt. Eine bevorzugte Ka­pelle spielte zum Tanz auf. Letzte Modeschöpfun­gen wurden bestaunt, bekannte Männer aus Kunst und Gefellfchaft waren anwesend. An einem Tisch saßen mit ihren Damen u. a. auch der General­direktor und der Personalchef eines großen 3nbu- striewerkes. Das Fest stieg auf feinen Höhepunkt, und die bunt gekleideten Losverkäuferinnen für die Tombola, deren reiche Beschickung lebhaften Ein­druck gemacht hatte, schwirrten anbietend von Tisch zu Tisch. Unter ihnen auch eine gewisse Margot. Das Lächeln der Zwanzigjährigen, mit dem sie ihre Lose anzubringen suchte, war etwas gequält, ihre Augen blickten müde, und als sie an den Tisch des besagten Generaldirektors trat, fragte dieser lustig scherzend:Aber kleines Fräulein, Eie müssen doch heute fröhlich sein. Sie machen ja ein ganz trauriges Gesicht, na, geben Sie mal her." Dabei kaufte er ihr einige Lose ab und reichte sie feiner Tochter zu, die mit zwei darun­ter vorhandenen Gewinnen fröhlich zur Tombola hin eilte. Die kleine Losverkäuferin allerdings wußte auf des Direktors Frage keine Antwort. Tränen fliegen ihr ins Auge, und als sie erstaunt gefragt wurde, vergaß sie auf einmal Fest und Pflicht und Fröhlichsein, sie war nur die kleine stellungslose Stenotypistin, die schluchzend um eine Anstellung bat und von der Rot sprach, die hin­ter ihr stand. Mit verlegenem Lächeln wehrten die Herren ab, als in überstürzter Freude die Tochter des Generaldirektors zurück kam und ju­belnd verkündete, daß einer Der Gewinne das große Los war.

Sofort bat der Direktor den Personalchef, die Glücklosverkäuferin wieder herbeizuschaffen. Rach wenigen Minuten stand sie wieder am Tisch und hörte wie im Traum die Sähe:Menschen, die mit Glück bringen, habe ich mein Leben lang festge­halten. Sie sind angestellt, kleines Fräulein, mor­gen können Sie beginnen. So hatte die Große- losverkäuferin noch ein größeres Los gezogen.