Ausgabe 
13.3.1933 Frühausgabe
 
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Der Volkötrauertag in Gießen.

In eindrucksvoller und würdiger Weise wurde am gestrigen Dolkslrauertag auch in unserer Stadt der im Weltkrieg gefallenen deutschen Brüder wieder gedacht. Der Lorstand der Gießener Ortsgruppe des Lolksbunües Deutsche Kriegsgradersürsarge Halle, wie alljährlich, am 116er«Denkrnal auf dem Land- Saf-Philisip-Platz und auf den Ärieaersriedhöfen ranze nledergelegt. Viele Prioathäuser und die öfsenllichen Gebäude trugen die Fahnen Schwarz» Weih-Rot und Rot-Weih, sowie Hakenkreuzfahnen halbmast. In den vollbebesetzten Kirchen wurde der gefallenen Brüder in den Predigten und im Gebet voll Ehrfurcht und Dankbarkell für ihr großes Opfer für Volk und Vaterland gedacht. An dem Gottes­dienst in der Iohanneskirche nahm unser Bataillon teil, ferner bemerkte man Abteilungen der SS. und der SA. in ihren Uniformen. Um 13 Uhr erklang von den Türmen unserer Kirchen feierliches Glocken­geläute zum ehrenden und dankbaren Gedenken an unsere Gefallenen.

Oie Gedenkfeier in der Aula.

Die Ortsgruppe Gießen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräbersursorge veranstaltete, wie alljährlich, um 12 Uhr in der Neuen Aula der Universität eine Gedenkfeier zu Ehren unserer Gefallenen. Der Be­such dieser feierlichen Veranstaltung war so stark, daß ein großer Teil her zu dankbarem Gedenken versammelten Gemeinde in den Gängen stehen mußte.

Unsere Gießener Militärkapelle unter Leitung von Obermusikmeister Krau he leitete die Feier mit der Ouvertüre zu Collins TrauerspielCorio- Ian" von Beethoven ein Hierauf fang Frau Emma Schudt unter Begleitung der Militärkapelle die Totenklage aus dem Oratorium Samson von G. F. Händel. Sodann folgte die

Gedenkansprache

von Prof. Lic. Or. Adolph.

Der Redner sagte u. a.: Wenn wir an einem Tage im Fahr unserer Gefallenen au« dem Kriege gedenken, so soll die« nicht heißen, daß sie die übrige Zeit hindurch vergessen wären. Niemals kommen sie uns aus dem Sinn. Niemals reiht das geheimnisvolle Band, das uns mit ihnen verkettet. Immer schattet ihr stille«, der Zeitlich­keit enthobenes Sein in unser Leben herein und zwingt uns zur Auseinandersetzung und zur Frage. Aber an einem Tage wie dem heutigen wollen wir uns klarer zum Bewußtsein bringen, was unS unsere Toten bedeuten, was uns mit ihnen vereint, was sie von uns fordern.

Unter deutsche- Volk hat nach dem Krieg den Fehler begangen, daß es glaubte, irgend etwas Großes in der Geschichte könne ohne letzte per­sönliche Einsatzbereitschaft errungen und behaup­tet werden. Es glaubte, man dürfe es sich nach den schweren Fahren des Krieges leicht machen, man dürfe nicht nur mit den Waffen, sondern auch geistig abrüsten: das Glück und die Harmonie und Die Volksgemeinschaft kamen sozusagen von selbst. Man vergaß und wir hatten es mehr oder weniger alle vergessen, daß die Volks­gemeinschaft eine ungeheuere Aufgabe ist, die nur aus tiefster sittlicher Entscheidung aller Einzel­nen, aus leidenschaftlicher Anteilnahme der Vesten, auS nimmermüdem Derantwortungswil- len der Führer bewältigt werden kann.

Aber wir haben erkannt, daß es so nicht geht. Daß die erhabenste Gestalt, die es für uns auf Erden gibt, die unseres Volkes, mit rein formalen Mitteln nicht erbaut werden kann. Daß der bloße parlamentarische Vetrieb, die bloße Dürokratie, daS bloße Veden von Freiheit nicht genügt, Volk zu schaffen, sondern daß mehr dazu gehört: radikaler persönlicher Einsatz.

Jlur aus innerster Hingabe und Entschlossen­heit heran» kann das Reich der Deutschen gebaut werden.

Und die unS dies lehrten und zeigten, das waren vor allen anderen unsere Toten.

Auch unsere toten Brüder ersehnten die Har­monie und den Frieden und das Glück: vielleicht sehnsüchtiger, als es satte Menschen ahnen können, die immer im Glücke saßen. Sie standen des Nachts auf ihrem Posten, und vor ihrem Geiste tauchte das Bild der Heimat auf. Die Sehnsucht nach der Heimat brannte in ihren Herzen, es ward Licht für sie in der Nacht des Schützen­grabens und die Träne quoll. Ein goldener Schimmer leuchtete in daS Dunkel ihres Posten- standS, und die Hoffnung schwellte ihr Herz. Aber obwohl sie das Bild des Friedens und des Glückes und der Harmonie geschaut hatten, ließen sie nicht ab von ihrer Pflicht. Sie standen auf ihrem Posten. Sie boten die Brust den Geschossen. Eie traten zum Sturme an gegen den Feind und starben: und ihr Leib sank in eine kalte fremde Erde und in die Einsamkeit.

Dieses Sterben, diese radikale Entscheidung, dieser restlose Einsatz, das ist das höchste, was ein Mensch vermag.

Das gibt ihm den Adel, das macht ihn groß und verehrungswürdig. Denn in dieser Entscheidung wird- er wahrhaft frei und dem Göttlichen ver­wandt.

Auch unsere Toten waren von Hause aus keineswegs lauter Helden. Fede romantische Schönfärberei lehnen wir ab. Sie waren Men­schen wie wir alle, mit schwachen und starken Stunden, mit Zweifel und Glauben, mit Frietens- sehnsucht und Opferbereitschaft. Aber sie waren ergriffen vom Geist der Front, wuchsen über sich selbst hinaus und besiegelten chr Werk mit dem Tod. Dieser Gift der Front, der war es, der sie hielt, der sie stark machte, der sie zum Einsatz befähigte. Dieser Geist speiste sich aus zwei Quellen. Einmal aus der alten deut­schen Soldatentradition. Aus dem gt^M reiner sachlicher Hingabe, unbedingter Pflichterfüllung und innerer Disziplin. Dieser so.o-l.iche Geist, wie er sich immer wieder in überragenden Führern verkörperte, kannte kein 3ch Er kannte nur den Dienst an der Sache, die Hingabe an den Befehl und die Fürsorge für die, die der eigenen Obhut anvertraut waren. Dieser Geist, der so vielfach verkannt und miß­verstanden worden ist. den die Ausländer bis heute nicht begreifen können, dieser hehre, ge­waltige. eherne Gei st von Potsdam, der war Die eine Schwinge, die jene Männer über sich selbst hinauStrug und höher hob und zum letzten Entichluh befähigte. Und dazu kam jenes gewaltige Weben, das 1914 aus dem Grunde der Nation hervorbrach und alle trug:

Das Bewußtsein einer ganz liefen verbunden­heil mil dem eigenen volkslnm.

Niemals zuvor hatten deutsche Menschen die Ur­gewalt und Wesensmacht chreS Volles so erlebt, wie damals im Anfang des Krieges. Man hatte dem Staat gelebt und dem Herrscherhaus, sich an der nationalen Macht berauscht und der Wirtschaft gedient. Aber daß der deutsche Mensch in einem Volksgrund wurzelte, der sich jetzt machtvoll auS der Tiefe hob und sich als über­wältigende Wirklichkeit offenbarte das war etwas ganz NeueS. Und diese Erkenntnis volk- hafter Verbundenbeit, dieses Gefühl, Glied eine« Ganzen zu sein, das mächtiger, heiliger, ewiger ist als wir das war die zweite Schwinge, die jene Männer beflügelte und sie über ihr eigenes Dasein hinaustrug. Und aus der wunder­baren Vermählung von preußischem Soldaten- tum und Vollhafter Verbundenheit, die das eigene Geben gering erscheinen läßt gegenüber dem Ganzen, aus diesem tapferen völkischen Lebens­gefühl sind jene Taten erwachsen, sind jene Opfer gezeugt, ist jene heldenhafte Bereitschaft geboren, die größer war als alle persönliche Sorge. Und erst als dieser Geist im Laufe der Sabre bei der Masse erlosch, da ging es mit dem deutschen Schicksal zurück. Wir aber haben die Pflicht, das Vermächtnis unserer Toten zu bewahren, an das Heldische im deutschen Men­schen zu appellieren und die Ehrfurcht vor dem Opfer wachzuhalten. Wir lehnen jede Welt­anschauung Der großen Worte und des kleinen Mutes ab.

Das zweite Vermächtnis unserer gefallenen Brü­der ist der Geist der echten Gemein- schäft. Fene Männer an der Front waren sich näher gerückt durch das gemeinsame schicksalhafte Erleben. Sie sahen gemeinsam dem Tod ins Auge und waren von dem gleichen Grauen gepackt. Sie lagen Seite an Seite im Kampf und glühten auf in der Lust des gemeinsamen Sieges. Sie ver­traten einander, halfen sich aus in den vielen e" :n und kleinen Nöten des Schützengraben-

s: sie teilten das letzte Stück Brot, und manch einer rettete dem andern das Leben. Diese Männer kamen sich menschlich ganz nah und be­rührten sich mit dem innersten Kern ihres Wesens. Und das Grundgesetz, das alle verband, war die unbedingte Treue. Oft formten sich solche Schüt­zengrabengemeinschaften um einen Führer als lebendige, Mitte: oft waren es gleichgestellte Ka­meraden: manchmal bildete ein schlichter, aber kernhaster Mensch die Seele dieses Bundes. Aber wie es sich im einzelnen auch verhalten mochte:

hier im Schützengräben wuchls die Volks­gemeinschaft im kleinen, wie wir sie für das Ganze ersehnen, hier keimte die Urform der neuen Deu^chheit, wie sie heule wieder durch­bricht aus der liefe, um sich greift, Raum gewinnt und uns die Zuversicht gibt, daß die deutsche Ration noch nicht verloren ist, sondern nach langer, schmerzlicher Zerrissenheit zu­sammenwächst und zu ihrer geschichtlichen Ge­stalt und Bildung kommen wird.

Und es war eine Front, die alle diese Ge­meinschaften umschloß und zu einem Ziele einte. Es gab nur einen Schützengraben, nur eine Front und eine todverbundene Genreinschaft der Kämpfenden. Und wir sehnen uns wieder nach dieser einen Front aller Deutschen, nach dieser einen Gemeinschaft, die alle umspannt, diesem einen Gesetz der Treue, das alle bindet. Wird sie kommen, diese deutsche Volksfront, die alle umschließt, die alle zusammenführt zum Dau des Reichs, zur Bemeisterung des deutschen Schicksals, alle, die durch die Geschichte zusam- mengehören, im gleichen Geiste leben, die gleiche Sprache sprechen? Wann steigst du auf, lebendige Volksgestalt, heiliges Veich, zukünftige Nation? Wir warten auf dich!

Und diese Gemeinschaft des Schützengrabens umfaßte auch die Gefallenen. Das gab ihr viel­leicht den tiefsten Halt. Das war ihr festester Kitt. Die Gefallenen waren nicht vergessen, son­dern den Uebriggebliebenen merkwürdig nah. Man sprach von ihnen, erinnerte sich zahlloser gemeinsamer Erlebnisse. Sie gehörten, wenn auch abwesend, mit dazu. Ach, wie bald konnte man wieder mit ihnen vereint und verbunden sein, mit ihnen gemeinsam im gleichen Acker liegen, mit ihnen zusammen jenes Heer von der an­deren Seite bildey, das immer mitzog, mitkämpfte, mittoirttc. Nein, die Gefallenen waren nicht fern. Wenn ein geliebter Führer dahingegangcn war: sein Geist wirkte fort in seiner Truppe: es war. als durchflösse sein Lebensblut alle Adern, als sei ein jeder angehaucht von seinem Wort unb Befehl. Es war eine Gemeinschaft fürs Leben und fürs Sterben. Und gerade diese Gewißheit gab Kraft. Feder einzelne wußte: wenn ich falle, die anderen gedenken an mich: ich bin darin in ihren Veden und Taten: ich bin ihrer Gemein­schaft unverloren. Und so ist es geblieben bis heute.

Die loten sind magisch und geheimnisvoll da: unvergessen, unverloren.

Heute gedenkt das Volk, je mehr es zur wahr­haften Volksgestalt zusammenwächst und den Zu­sammenhang mit den Grundlagen seines Wesens gewinnt, wieder seiner gefallenen Söhne. Es ahnt, welche Kraftquelle ihm aus der inneren Verbun­denheit mit denen zuwachsen könnte, die für es gestorben sind. Fede Gemeinschaft ist unüberwind­lich, die Tote in ihrer Mitte trägt, die sich für sie geopfert haben. Von jeder heldischen Tat strahlen machtvolle Wirkungskräfte aus und jede reine Hingabe zeugt weiter in der Geschichte. Das empfindet das Deutschland von heute wie­der. Deshalb besinnt es sich auf feine Gefallenen, nimmt ihr Werk auf, kennt die Verpflichtung, beugt sich dem Opfer, hebt sich zur Tat.

Das Dritte, das uns die Gefallenen zurücklie- hen, ist das Ziel. Unsere Brüder schauten ein Ziel, an das sie glaubten und für das sie starben. Sie sanken dahin, ohne das Ziel verwirklicht zu haben. Wir aber haben es mit ihnen geschaut und kämpfen für es weiter, mit ihnen zusammen Schulter an Schulter im gleichen Geist. Ob wir es erreichen werden, wir wissen es nicht. Andere werden kommen und das Werk aufnehmen und vorwärts treiben. Aber wir geben dem Ziel entgegen, so lange wir leben, und es kommt auf uns zu. Es gibt uns Spannung und Kraft und Mut zur unbedingten Entschlossenheit. Fch brauche Euch dieses Ziel nicht zu nennen. Noch haben wir vielleicht nicht alle den gleichen Na­men dafür. Aber jedem deutschen Menschen ist es tief ins Herz geschrieben.

Das Deutschland, das wieder frei in der Dell stehl, das aus der Kraft des Ursprungs lebt und eine Schicksalsgemeinschaft aller darsteül

onb die soziale D^.,<lgkeik verwirklicht. Vas Deutschland, das den Klassengegensatz über­windet und die Arbeilerschasl einordnet und die Enterbten zur großen Mutter bringt Da» Deutschland, das über eine ungeheure Fülle von Kräften verfügt und die Menschen gelten läßt nach ihrer Eigenart und ihrem wert und ihrer Leistung. Da» Deutschland der strengen Sachlichkeit da» nicht danach fragt ob sie alle genau die gleichen politischeu Begrisfvschottie- rungen haben, sondern ob sie von ehrlicher Arbeitslust und reinem willen für das Ganze beseelt sind, das keine Tyrannei ausrichtet, sondern die Versöhnung bringt Das Deutsch­land der wahren Volksgemeinschaft

Für jenes Deutschlcnd, das knospenhaft in ihrer Seele keimte, haben unsere gefallenen Brüder gekämpft, für jenes Deutschland kämpfen auch wir. Wir werden müde, aber wir wanken nicht. Denn wir sind ergriffen von dem Ziel. Wir grüßen das Ziel.

Unsere Toten sind nicht vergessen. Sie ruhen im Schoße unseres Volkstums. Wir wissen unsere Toten nicht nur aufgehoben in der lebendigen Wesensgestalt unseres Volkes mögen sie auch in fremder Erde ruhen, sondern in der Hand Gottes, aus der alles Leben hervorgegangen ist und in der es ruht. Gott liebt die Menschen, die einer letzten Entscheidung fähig find, in echter Gemeinschaft stehen und glauben können. Deshalb wissen wir unsere Toten in Gottes Hand. Man

spricht so oft von einem Umsonst kann bei der Ewigkeit irgendetwas umsonst sein? Werden nicht diese abgebrochenen und zu früh beendete» Leben ihrer Erfüllung entgegenreif en? Sin tiefe* Sehnen kündet, ein letzter Glaube spricht: nicht* ist verloren bei Gott.

Dir stehen im Kampf. Solange wir Icbei^ werden wir aufgerufen fein zu immer neuer Ent­scheidung, immer neuer Bereitschaft, immer neuem Einsatz.

wir müssen un» treu bleiben und den Kampf­genossen und dem Ziel.

Aber Ruhe gibt es nicht. Auch an den ge­fallenen Brüdern vorbei reißt es unS vorwärts. Der Kämpfer hat keine Zeit zu verwetten. Etz kann dem dahingesunkenen Kameraden nicht ein­mal die Hand reichen: denn er muh laben, strei­ten, stürmen. Aber er kann ihm auS tiefstes Seele heraus ein Abschiedswort zurufen: .Bleib du im ewigen Leben, mein guter Kamerad". 3a, bleibe und ruhe, wackerer Streiter: bleibe und warte, bis auch wir ausgekämpft haben und kommen. Bleib du im ewigen Leben, mein gute! Kamerad.

Oer Abschluß.

Nachdem Frau S ch u d t die ArieO hör mein Flehn" aus dem Oratorium Samson von G. F. Hän­del gefunden und die Militärkapelle den Irauer- rckbrsch beim Tode Siegsrieds aus der Göttcrdäm- merung von R. Wagner gespielt hatte, schloß die eindrucksvolle Gedenkstunde mit dem gemeinsamen Gesang des Niederländischen Dankgebets.

Meisterschaft im pflügen.

Alljährliche Wettkampfe in englischen Grafschaften.

Das Eindringen der Technik und ihrer Ma­schinen in das Tagewerk des Landmanns hat doch das Gefühl der besonderen Erdverbunten- heit gerade dieses Berufes und der segnenden Sorgfalt, die der Bodenbestellung mit der eige­nen Hand entquillt, nicht auslöschen können. Ur­alte Gebräuche begleiten noch immer den Fahres- kreislauf bäuerlichen Lebens. So haben sich z. D. in den englischen Grafschaften Northumberland und Durham die alljährlichen P f l u g » Wett­kämpfe erhalten, die Hunderte von Menschen aus einem Umkreis von 50 Kilometer als Zu­schauer herbeilocken.

Sieben Kämpfer um den Ruhm der Meister­schaft im Pflügen treten diesmal in die Schran­ken, und dreimal müssen sie sich bewähren, mit dem Schwingpflug, mit dem Väterpflug und mit einem Pflug, bei dem ein kleines Rädchen in der Mitte aufgesetzt ist. Es ist der Stolz des nordenglischen Landinanns, daß er die schwierige Kunst, den Schwingpflug zu führen, sich bewahrt hat: gerade in dieser Landschaft, wo der schwere Boden mit seinen verborgenen Felsen den tief­schürfenden Rädern eines Pfluges zuviele Hemm­nisse entgegenstellt, muhte sie lebendig bleiben. Durch das Los wird jedem der Pflüger ein Strei­fen Landes im Ausmaß von 90:14 Meter zu- geteilt. Die Pflüge dürfen nicht mehr als 1,20 Meter von der Spitze der Schar bis zum Ende des Streichbrettes messen. Dies bedeutet für die Landleute, die meist an größere Pflüge ge­wöhnt sind, eine Erschwerung ihrer Aufgabe.

Die Regeln, die bei diesem Wettkampf gelten, sind einfach und wenig zahlreich. Feder Tett- nehmer muß seinen eigenen Pflug führen, und sechs Stunden sind für das Umpflügen des zu- gewiesenen Landstrichs festgesetzt. Unter den dies­jährigen Bewerbern um die Meisterschaft sind zwei Veteranen, die schon seit einem Viertel- zahrhundert auf diesem Sportgebiet Preise ge­wonnen haben. Einer, der Meisterpslüger, ist ein Mann von 56 Fahren, dessen gerötetes Ge­sicht von manchem auf dem Feld bestandenen stür­mischen Arbeitstag zeugt. Sein schärfster Rivale ist um zwei Fahre älter; obwohl er in den letzten fünf Fahren den Wettkämpfen fern geblieben ist. beweist er, daß er in dieser Zeit nicht ge­feiert und nichts von seiner Geschicklichkeit ein* gebüßt hat.

Die beiden Männer, die ältesten der Schar, führen den Pflug Stunde um Stunde mit erstaun­

licher Ausdauer und handhaben unermüdlich die fdjtoere Pflugschar, unberührt von dem strengen Wind, der sie erbarmungslos peitscht. Aber einen Vorteil vor Wettkämpfern auf anderen Gebieten können die Pflüger für sich in Anspruch nehmen. sie brauchen sich nicht zu Hetzen, denn die Zeit ist ihnen reichlich zugemessen. Schon zeitig am Morgen werden die Facken abgeworfen und die Aerrnel bochqekrempelt, denn im Eifer der Ar­beit merken die Landleute nichts von dem kalten Wind, der die Zuschauer erschauern macht. Ob­wohl sie sich langsam vorwärts bewegen, sind sie doch in beständiger Tätigkeit, halten bald rechts, bald links Ausschau nach Zeichen, um die ge­rade Richtung ihrer Furche zu bewahren. Un­ausgesetzt ermuntern sie die Pferde durch Zu­reden: es besteht ein wundervolles Einverständ­nis zwischen Tier und Mensch, und dis klugen Pferde gehorchen jedem Zuruf einer Sprache, die für den Uneingeweihten völlig sinnlos klingt.

Da es die Aufgabe des Pflügers ist. den Bo­ten so aufzubrechen, daß ein tadellose« Bett für die Saat bereitet wird, ist es der Stolz eines jeden, schnurgerade, ungebrochene Furchen mit messerscharfen Graten, aber einem starken Boden zu ziehen, die auch unter dem Gewicht von Schnee und Regen nicht einstürzen.

Ob dies erreicht ist, das beweist die Prüfung der Schiedsrichter. Aber ehe sie noch vor sich geht, vergnügen sich die Kundigen unter den Zu­schauern, etwa eine Stunde bevor die Entschei­dung fällt, aus den gezogenen Furchen den Sieger vorherzusagen. Die Jküfung der gelei­steten Arbeit geht in ter Weise vor sich, daß die Schiedsrichter mit schweren Schritten auf den Graten zwischen den Furchen einherschreiten, um dadurch den Widerstand, den die geleistete Ar­beit dem Wetter entgegenstellt, zu messen. Es ist traurig, wenn da- Werk so viele/ Stunden in wenigen Minuten zerstört wird: aber diese Art der Probe ist untrüglich. Gerade in dem Augen­blick, da die Männer die letzte der gezogenen Furchen abgeschritten haben, bricht noch einmal die schon tief stehende Sonne zwischen den Wol- iken hindurch und segnet das neu umbrochene Feld mit einem Strahle goldenen Lichte-, als freue auch sie sich, daß die uralte Kunst des Pflügens treu von ter heutigen Generation be­wahrt wird ... B. R.

Buntes Allerlei.

Das verlorene Gedächtnis.

Ein merkwürdiger Fall von Gedächtnisschwund hat sich in Frankreich ereignet. Ein Medizin­student an ter Hochschule von Toulon, ter sich vor seiner Prüfung befand, war plötzlich auf ge­heimnisvolle Weise verschwunden, und die ver­zweifelten Eltern waren bereits überzeugt, daß er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. Nachdem man seit dem Tage, an dem er vom Besuch einer Vorlesung nicht mehr in feine Wohnung zurück- gekehrt war, nicht das Geringste von ihm gehört hatte, ist jetzt ein Brief von ihm an feinen Vater aus Saida in ter Nähe von Oran eingetroffen. Gr teilt mit, daß er plötzlich fein Gedächtnis mie­tererlangt hat und sich als Soldat in der Frem­denlegion vorfand.Fch bekam meine Fähigkeit der Erinnerung heut Morgen plötzlich wieder", heißt es in dem Schreiben,und ich bin furchtbar verwundert über alles, was mich umgibt. Wie bin ich hierher gekommen? Warum kam ich hier­her? Fch habe das Gefühl, als wenn ich aus einem entsetzlichen Traum erwache, in dem mich ein grausiger Albdruck plagte. Die letzten Wochen sind ein vollkommen leeres Blatt in meinem Ge­dächtnis. Noch vor kurzer Zeit war ich in Tou­lon und arbeitete mit Aufbietung aller meiner Kräfte für mein medizinisches Examen. Heute bin uh in Afrika in ter Fremdenlegion. Das ist mir unerklärlich. Wie kann es nur geschehen fein, daß ich fast drei Monate meiner selbst vollkom­men unbewußt in einer Art von Dumpfheit dahin-

Eine Ausstellung belegter Brötchen.

Der Verband der ungarischen Köche hat kürz­lich eine eigenartige Ausstellung veranstaltet, die großen Anklang sand. Nämlich eine Schau be­legter Brötchen Aber nicht nur das Auge, son- dern auch der Gaumen wurde dabei ergötzt, und die Ausstellungsgegenstände fanden so reißenden Absatz, daß noch eine zweite Veranstaltung für bte stattfindet, die nicht hereinkamen Die »Chefs" ter führenden Hotels, Sanatorien und Restau­rants hatten die schönsten Kunstwerke geschaffen, die sie auf dem Gebiet des belegten Brotes zu- ftantebringen konnten. Da konnte man . Beläge"

bewundern, die die Bildnisse der Minister unb anderer berühmter Personen, Spielkarten, Wap­pen ter ungarischen Landschaften und andere kühne Ornamente barftellten. Während ein ge­ringer Eintrittspreis die Möglichkeit gewährte, diese Kunstwerke zu bewundern konnte ein wei­terer Obolus den Bewunderer in den Stand sehen, den kulinarischen Wert des Kunstwerkes mit seinem Gaumen zu erproben. Sachverständige Führer teilten den Besuchern, die sie von Tisch zu Tisch führten, die Geheimnisse ter Herstellung mit.

Ein Naturschutzpark in der Ukraine.

3m Herzen ter Ukraine gibt es eine Sehens­würdigkeit, die ihresgleichen in Europa suchen dürfte: Es ist der große Naturschutzpark Ascania Nova, ter die verschiedensten Tierarten beher­bergt und ein ausgezeichnetes botanisches Ver­suchsfeld darstellt. Bedeutende Zoologen und Bo­taniker sind für das bereits vor dem Kriege von einem Privatmann begründete Unternehmen ge­wonnen Worten. Eine weite Fläche Steppenland ist ausschließlich botanischen Versuchen Vorbehal­ten. Der den Tieren zugewiesene Vaum ist groß genug, daß sich seine Bewohner völlig frei wäh­nen^ können, was die genaue Beobachtung ihrer ur- Ibrünglidjen Lebensgewohnheiten ermöglicht. .Wo bin ich?'' schreibt ter Berichterstatter einer russi­schen Zeitung, ter sich in Ascania Nova umge­sehen hat.Eine Schar wilder Antilopen jagt an mir vorbei. Ein großer schwarzer Strauß be­gegnet mir. Wilde Pferde und Zebras ergreifen bei meinem Anblick die Flucht. Mitten in ter Steppe hat man einen herrlichen Park angelegt. Man wandert aus kühlem Schatten über blumige Wiesen; hier ist das Paradies ter Vögel. Ulan glaubt, die gefieberten Bewohner tropischer Ur­wälder zu sehen. Dor mir flattert ein feuerroter Dogel auf. Auf dem von Bäumen umgebenen See schwimmen schwarze Schwäne. An den Nor­den mahnen nur große Scharen von Wildenten. 3n ter Ferne sieht man die Flamingos in ihrer typischen Ruhestellung. An bem Seeufer haben sich ganze Scharen von Ratten eingenistet, gegen die ein erbitterter Kampf geführt wird. Trotzdem vermehren fte lich mit unglaublicher Schnelligkeit