Die stummen Gäste von Zweilinden
Roman vonAnny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
15 Fortsetzung Nachdruck verboten >
So kam es, daß der einstige Schloßherr von Wiesental viele Stunden tagsüber und am Abend bunte Perlenketten aufreihte und bunte Stofs- und Papierblumen zusammensetzte. Da saßen sich denn Vater und Tochter am Küchentisch gegenüber und arbeiteten. Sie unterhielten sich dabei unwillkürlich über manches, an das sie vorher nie gedacht. Angela konnte vom Vater leidlich Deutsch, er hatte von je etwas in seiner Muttersprache mit ihr geredet, jetzt aber übte er mit ihr regelmäßig. Er, der früher gar nicht daran gedacht hatte, wollte jetzt, sie sollte mehr lernen als die Mädchen, die in dieser Gegend wohnten. Seine Frau hatte nicht einmal schreiben können. In ihrer Jugend gab es hier noch keinen Schulzwang. Er suchte Angelas Schulbücher hervor und fand, er wußte mehr, als in den Büchern stand. Er erzählte ihr auch während der Arbeit viel von der großen Welt draußen, und sie lauschte atemlos.
„Du weißt furchtbar viel, Vater", lobte sie ihn, und er gab sich Mühe, sich vor ihr keine Blöße zu geben. Er fegte die letzten Fetzen seiner einstigen Gymnasialbildunb zusammen und brachte sie Angela bei. Als Landwirt verstand er ziemlich viel von Botanik, die noch dazu einmal sein Steckenpferd gewesen, und Angela lernte alles, was der Vater wollte. Sie war wissenshungrig.
Eines Tages sagte fie zu ihm, was sie schon einmal zur Mutter gesagt: „Manchmal denke ich, unsere Blumen sind nicht richtig, sie sind viel zu groß und viel zu grell!"
Aber der Vater antwortete nicht wie die Mutter, sondern er riet: „Versuche doch einmal, sie anders zu machen, so wie du sie dir denkst!"
Sie war gleich voll Eifer.
„Ich möchte die Blumen so fertigbringen, wie sie in der Natur wachsen. Ich will mir die natürlichen Blumen in der Markthalle genau ansehen und mir Mühe geben, solche Blumen zu machen."
todjon acht Tage später erstanden unter ihren geschickten Händen Nelken von solcher Natürlichkeit, daß man sie für lebende Blumen halten konnte. Diese Nelken hielt sie feil in der Nähe der Markthalle, und man kaufte ihr die Blumen überschnell ab, kein Blümchen brachte sie wieder mit nach Hause.
Sie fiel dem Vater glückstrahlend um den Hals.
„Zwei Frauen haben noch große Sträuße bei mir bestellt", jubelte sie, „ich habe ihnen unsere Adresse gegeben, sie wollen sie bei uns abholen." Sie klapperte mit Geld. „Vater, wenn ich nur ein paarmal wöchentlich so gut wie heute verkaufe, wird es
uns bald besser gehen. Schnell, komm, Vater, hilf mir, wir wollen Blumen machen!"
Die gute Einnahme, die Aussicht, etwas mehr zu verdienen, feuerte die beiden an, sich mit größtem Eifer an die Arbeit zu setzen.
Auch jetzt noch mußte Angela zuweilen vor der Ordnungspolizei die Flucht ergreifen; und so fand sie sich denn eines Söormittags mit ihrer Fluchtgefährtin, der Zigeunerin Miguela, wieder unter der Bahnüberführung, über die die Züge nach Madrid ratterten.
Sie sahen sich beide ein bißchen atemlos an.
Angela seufzte: „Das Davonlaufen ist doch das Unangenehmste. Ich verkaufe so gern, aber wenn der Rote auftaucyt, komme ich mir wie eine Diebin vor."
Die Zigeunerin lachte: „So komme ich mir nicht vor, aber ich meine, du müßtest viel Geld verdienen, deine Blumen bist du doch im Handumdrehen los."
Sie handelte jetzt mit Tomaten, verkaufte auch gut, weil sie fabelhaft billig war, was chr ja leicht fiel, da „alles frisch geklaut" war, aber sie bewunderte das schnmle Mädchen aufrichtig, das ihre Blumen selbst machte und beinahe jeden Vormittag mit einem neuen Riesenstrauß anrückte. Sie fuhr fort: „Du müßtest dir Mühe geben, ein feststehendes Geschäft aufzumachen. Wenn ich das könnte, was du kannst und keine Zigeunerin wäre, mit der Unruhe unserer Rasse im Blut, dann würde ich mich hier in der Nähe der Markthalle nach einem Lädchen umsehen. In jedem Hause sitzt eine Pförtnerin, die auf alles im Hause aufpaßt, und wenn der Flur breit ist, dann sängt ihr Mann in einem kleinen, vorn im Flur eingebauten Holzkiosk irgendein Geschäft an oder treibt sein Handwerk darin. Entweder verkauft er Schmuck oder Stiefel oder repariert Uhren und Brillen. In den Häusern der Innenstadt sehen die Kioske im Hausflur oft wie schöne Läden aus. Wenn du zum Beispiel ein Stückchen Hausflur bekommen könntest, dürftest du deine Blumen in Ruhe verkaufen. Erlaubnis bekommst du, und die Steuer für so was ist gering. Den Verkauf muß natürlich b^in Vater anmelden, aber du führst ihn."
Angela hatte mit immer größer werdenden Augen zugehörk. Ihr Kops faßte kaum, was ihre Zigeuner» freundin ihr als Plan entwickelte.
Sie stammelte: „Und du meinst, Miguela, das wäre wirklich möglich, du glaubst, man würde mir so ein Stückchen Hausflur vermieten?"
Die Zigeunerin zuckte die Achseln, um dann zu antworten:
„Das kann ich nicht bestimmt fagen, aber ich meine, es wäre möglich. Jedermann hier in der Gegend kennt dich. Frage doch einmal herum. Mußt dreist sein und drauflosgehen. Mußt selbstbewußt auftreten, hast ja ein Recht dazu. Wieviel verdienst du denn ungefähr täglich?" setzte sie hinzu.
„Zwischen fünf bis zehn Peseten", gab Angela zurück. „Vater hilft mir beim Blumenmachen, er ist sehr geschickt. Aber ich glaube, wir werden bald noch
mehr verdienen, in letzter Zeit haben die Frauen immer öfter Kränze bei uns bestellt und große Sträuße für die Heiligen in der Kirche. Wir haben auch schon Lilien gemacht. Vater erzählte mir, solche hätte er früher in seinem Garten gehabt."
Die Zigeunerin fragte neugierig: „Weißt du jetzt schon, was dein Vater gewesen ist?"
Angela nickte. Sie überlegte, ob sie es sagen sollte. Aber warum nicht. Es war doch em so angenehmes Gefühl, einmal mit etwas großtun zu können.
Sie erwiderte wichtig: „Vater ist doch ein Deutscher, und in Deutschland ist er ein Graf gewesen und hat in einem Schloß gewohnt. Des Morgens ist er ausgeritten, und manchmal ist er auch ausgefahren; dreißig Zimmer waren in feinem Schloß und seidene Sessel und Bilder mit Goldrahmen."
Die Zigeunerin starrte sie erst ein Weilchen an, und dann begann sie zu lachen.
„Du, dein Vater kann aber mordsmäßig schwindeln, noch besser wie ein Zigeuner. Ein Graf kommt nicht so weit herunter, daß er in ’ner Baracke wohnen muß. Grafen sind Leute, mit denen der König redet und sie einlädt."
Angelas Augen blitzten plötzlich ganz drohend.
„Du, Miguela, sage nicht noch einmal, mein Vater schwindelt. Ich habe Vaters Papiere gesehen, und auf allen Papieren sind Stempel. Glaubst du, die Polizei stempelt Papiere mit Lügen? Vater war in Deutschland dasselbe, was hier ein Conde ist. Er hat aber Unglück gehabt und alles verloren, und dann ist er mit dem letzten Geld ins Ausland gegangen und hat weiter Unglück gehabt. Und eine gutbezahlte Stellung hat er nirgends gesunden. Und hier hat er durch einen Zufall meine Mutter kennengelernt, und Mutter war so allein, und er hat ihr gefallen, und Vater hat sie geheiratet. Aber ein Graf ist er, ein richtiger, ein ganz richtiger Graf."
Sie stampfte zur Bekräftigung energisch mit beiden sehr zweifelhaft bekleideten Füßen auf.
Miguela lachte längst nicht mehr. Was ihr anfangs gar zu unwahrscheinlich schien, gewann Wahrheits- umriffe. Schließlich konnte es doch möglich sein, was ihr Angela erzählt hatte.
Sie lenkte darum auch gleich wieder ein, indem fie sagte:
„Sei doch nicht gleich so wild, Angela mia, ich glaube dir ja. Weißt du, so im ersten Augenblick will es einem nicht in den Kopf, daß ein armer Hinkefuß, wie dein Vater, ich habe ihn neulich mit dir gesehen — ein Graf sein soll und du ein Grafenkind." Sie sah sie forschend und nachdenklich an. „Infierno y cielo! (Hölle und Himmel!) Genau betrachtet, hast du eigentlich etwas Vornehmes an dir. Ich glauoe, wenn du elegant angezogen wärst, würde ich mich nicht an dich herantrauen. Mir ist das auch erst heute aufgefallen."
Angela war schon wieder versöhnlich gestimmt. Sie jchüttclte den Kops.
„Acy, elegant angezogen Möchte ich gar nicht sein, aber ein paar hübsche Kleider hätte ich ganz gerne.
Bis jetzt habe ich noch gar nicht daran gedacht." „Wirst auch nicht dazu kommen, welche zu tragen, wenn du dich hier weiter mit mir unterhältst. Los, Angela, du hast noch Blumen, ich noch Tomaten, wollen uns wiederan die Markthalle heranpürschen.
Angela atmete tief auf. Sie hatte völlig vergessen, daß sie noch die Blumen verkaufen wollte, die sie in den Händen trug. Mit hastigen Schritten entfernten sich die beiden in der Richtung der Markthalle, und über den Brückenbogen sauste der Schnellzug Saragossa — Madrid.
Angela blickte sich um. Da fuhren nun Leute mit vollen Börsen in die schöne Welt hinaus. Herrlich stellte sie sich das Reisen vor. Sie aber durfte nur den Zügen nachblicken, und dabei hatte sie dann immer ein so seltsames Gefühl, als müsse sie dem Zuge nachrennen und rufen: „Nimm mich mit! Nimm mich mit!"
12.
Wulf Speeraus Hände wurden immer geschickter. Das Blumenmachen bereitete ihm beinahe Freude. Es kamen fetzt an manchen Tagen mehr als zehn Peseten ein, und er brauchte sich um keine Arbeit weiter zu kümmern. Er konnte zu Hause bleiben und sich manchmal eine Kleinigkeit gönnen, die er sich lange nicht mehr hatte erlauben dürfen. Eine gute Zigarre, eine Schachtel Zigaretten, eine Tasse Kaffee in der Eckbar. Das Leden fing an, etwas erträglicher zu werden. Und das dankte er feinem tapferen Mädelchen.
Die Tür flog etwas energisch auf. Angela ftürmte mit strahlender Miene herein zu ihm.
„Vater, ich habe wieder aües verkauft und bringe die Bestellung für einen großen Lilienstrauß mit. Donna Mercedes aus der Fischhandlung will ihn haben für ihre Santa, ihre Heilige. Sie hat eine große Statue ihrer Namensheiligen, erzählte fie mir." Sie setzte sich an den Tisch zum Vater. „Du hast ja schon das Wasser für den Reis ausgesetzt, und ich brauche es nicht meyr zu tun, da will ich dir rasch noch was Wichtiges mitteilen."
Sie wiederholte überstürzt und erregt den Inhalt des Gespräches, das sie mit der Zigeunerin gehabt.
Ihr Vater horte sehr aufmerksam zu, erklärte: „Die Idee ist nicht übel! Man müßte sich kümmern, so einen Platz zu erwischen, wo man einen Kiosk einrichten konnte. Sage, Angela, du kennst doch alles, was um die Markthalle herum existiert. Frage doch nach, ob da nicht irgendwo eine freie Ecke für uns zu haben ist."
Er sah sich schon als Geschäftsmann, sein Selbstbewußtsein lebte ein ganz klein wenig wieder auf.
Angela nickte: „Nach dem Esten laufe ich gleich los und erkundige mich."^
Sie aßen, wie meistens, Reis, weil er billig und nahrhaft war, und nach dem letzten Bisten machte sich Angela sofort etwas zurecht, und eilte davon.
Der Vater hatte recht, jedermann kannte sie in der Nähe der Markthalle von Sans, dem „Mercado Nueoo". (Fortsetzung folgt.)
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