Ausgabe 
11.7.1933 Erstes Blatt
 
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Roman von Helma von Hettermann.

15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Wieder schwebte ihm die blitzartige Erscheinung der blonden Frau im Nebel vor, das lachende Ge­sicht ihres Gefährten! So heftig setzte Steinherr sich hin, daß das Glas neben ihm leise klirrend umfiel: der junge Mensch mit dem Schnurrbart, der so Höf» lich Frau Jennys Handschuhe und Pelz aufgehoben, der hatte im Flugzeug in ein kleines, schwarz ein­gebundenes Heft geschrieben, ein ähnliches Heft wie das, das Jenny ihm vorhin so hastig entzogen. Fremd hatte sie gegen den Mann getan, mit dem er sie nachts gesehen. Was ging hier vor?

Das Rätsel wurde erst später gelöst, als Magnus Steinherr längst wieder England verlassen.

18. Kapitel.

Drei Wochen Ferien hatte Georg von Vandro erhalten während der Abwesenheit seines Brotgebers, drei Wochen angefüllt bis zum Ucberfließen von unbeschreiblichem Glück.

An einem Julimorgen hatte er mit Wera Wettern vor dem Standesbeamten und dem Pfarrer die Ringe getauscht. Und die strahlende Sommersonne schien beiden ein verheißungsvolles Omen für glück­hafte Zukunft. Zu einer Reife langte es nicht. Vandro hatte alles, was er befaß, für die Einrich­tung des kleinen Heims verausgabt. Aber wo hätten sie es traulicher, schöner haben können als in dem kleinen, weinlaubübersponnenen Häuschen mitten in Waldesruhe und Blumenfülle? Aus allen Ecken und Winkeln duftete cs der jungen Frau entgegen, die, bis zur Wortlosigkeit bewegt, an der Seite ihres Mannes von Zilmer zu Zimmer schritt.

Ganz einfach war alles: Helle, gestrichene Möbel, hübsche, gepolsterte Korbsessel, eine breite, kissen- belegte Bank um den altmodischen Kachelofen, zwei schöne alte Stiche und eine niederdeutsche Land­schaft aus Vandros Junggesellenbesitz, aber so warm und heimelig alles, als streckten sich liebevolle Hände nach dem Mädchen aus, das zum erstenmal seit seiner Kinderzeit eine wahre Heimat gefunden.

Sie lächelte ihren Mann mit strahlenden Augen an.Ach, du Lieber, wie über die Maßen schön ist's hier. Daß ich hier wohnen und walten soll, mit dir es ist fast zuviel Glück", flüsterte sie, Wange an Wange geschmiegt.

Ihr Mann schlang den Arm um sie, preßte die überzarte Gestalt fest an sich.Viel zu armselig und gering für dich, meine Wera, aber mit Liebe ge- schaffc. ' Das hier ist ja alles nur Uebergang; mit Gottes Hilfe hoffe ich dich bald in einem würdigeren

i Rahmen zu sehen." Er wies auf die mit mattgelber Seide überzogene große Hängelampe über dem-

I tisch-Die schöne Lampe hier, die Ampel im Schlaf­zimmer, überhaupt die ganze elektrische Beleuchtung sowie die Telephonanlage find Herrn Steinherrs Geschenk, ebenso das Service auf dem Büfett. Er hätte gar nichts Praktischeres geben können nicht wahr? Das können wir dock famos gebrauchen."

Wera hatte sich sacht von ihres Gatten Arm gelöst und war an den Tisch getreten, auf dessen weißem Damasttuch feine chinesische Teetassen zum Gebrauch einluden.Allerdings", meinte sie, ohne aufzusehen, ein leises Beben in der Stimme,da deine Frau wie eine Bettlerin in dein Haus kommt ..."

Aber Geliebtes", wehrte Vandro bestürzt,wie kannst du nur"

Wenn du wüßtest, wie das quält und schmerzt, mit leeren Händen dastehen zu müssen, wenn das ganze Herz nach Geben drängt, immer nur anzu­nehmen, statt erfreuen zu dürfen. Gibt es noch'ein Geschöpf auf der Welt, das so bettelarm ist?"

Vandro trat hinter sie, deren Schultern in ver­haltenem Weinen zuckten, zwang sie mit sanfter Gewalt herum und hob das tränenüberftrömte Ge­sicht zu sich empor.Weißt du auch, meine Wera, daß jede dieser Tränen eine Kränkung für mich ist? Meinst du, daß ich auch nur für einen einzigen Augenblick deine materielle Lage als etwas mich Be­rührendes empfunden hätte? Spürst du nicht, wie unermeßlich reich du mich machst mit deiner Liebe? Du bist der gebende Teil von uns beiden, nicht ich; mein ganzes Lebensglück ruht in deinen Händen vergiß das nie."

Du großes Herz", die junge Frau lächelte unter Trängen,wie wundervoll verstehst du zu trösten!" Kosend fuhr sie über das blonde Haar des Gatten, das sich an den Schläfen schon zu lichten begann, strich es ihm aus der klugen, edlen Stirn. So klar und tief und blau waren feine gütigen Augen.Nie wieder sollen Klagen dich betrüben; so war es nicht gemeint!"

Ich weiß ja. Liebes." In ernster Innigkeit senkte sich des Mannes Blick in den ihren.Denn von nun an sind wir ja nicht mehr zwei nebeneinanderlebende Menschen, sondern eins, allezeit und untrennbar."

Da strahlte es wieder auf in den famtnen Sternen. Allezeit und untrennbar", wiederholte Wera lang­sam und feierlich. Es war ihr, als gäbe sie sich mit diesem einen Wort dem Geliebten ganz zu eigen.

Aus tiefem Schlummer wachte sie auf, sah ver­ständnislos, noch halb schlafbefangen, umher m der fremden Umgebung. Durch das offene Fenster drang 'ein wahres Vogelkonzert, immer wieder angefeuert und übertönt von schmetterndem Finkenschlag. Der kleine gefiederte Sänger mußte auf dem Sims fitzen. Ganz leise bewegte sich die Mullgardine vor den zu­

gezogenen grünen Vitragen im Winde. Ein zarter Rosenduft schwebte von draußen herein.

Wo war die Kammer, die kahle Wand mit dem abgebröckelten Mörtel, wo der Lärm des Kohlenhofs, dessen Ruß in jede Fuge und Ritze drang? So köstlich still war es. Wera wandte den Kopf, sah den Mann im Bett neben sich fest schlafend. Langsam und regelmäßig hob sich seine Brust. Ein tiefer Friede lag über dem Schlummernden. Mit wachge­wordenem Blick schaute Wera ihn an. Es war also kein Traum wie der traurigsüße von Kindheit und Mutter, den das Tageslicht dann so grausam zerstört, sondern Wirklichkeit, holde, kaum zu fassende Wirk­lichkeit: Sie war Georg von Vandros Weib, war geliebt und geborgen in treuester Hut.

Ganz sacht beugte sie sich vor und legte ihre Lip­pen auf die Hand, die auf der Decke ruhte. Merk­würdig jung, ja, knabenhaft sah Georg aus; all die feinen Linien, die der Lebenskampf in fein Gesicht gezogen, waren gelöscht. Du Lieber, dachte sie, du unbeschreiblich Lieber und Gütiger.

Behutsam erhob sich die junge Frau; es sollte alles fertig sein, wenn er erwachte. Und lächelte träumerisch ihrem Spiegelbild zu: Ich bin Frau

Im Nebenzimmer lugte schon luftig die Sonne herein, tanzte neugierig auf dem Frühstückstisch her­um, den Wera mit zierlicher Sorgfalt deckte. Drei Rosen entnahm sie dem großen Strauß, ehe er in die Mitte kam, und steckte sie an den Brustausschnitt ihres weißen Kleides. Sie wollte festlich aussehen für den Geliebten. Alles war bereit, der Kaffee gemahlen, nur das Wasser im Kessel pflichtvergessen und faul.Willst du wohl kochen, du", schalt sie leise, mit schiefgeneigtem Kopf davorstehend und ange­strengt auf den Deckel guckend, der zu tanzen hatte, wenn das Wasser siedete.So eine Bummelei! Na, endlich!"

Auf der Schwelle erschien Vandro und betrachtete entzückt den hausfraulichen Eifer, mit dem Wera in der kleinen, funkelnden Küche hantierte. Erst als alles fertig, sie die Schürze abgestreift hatte und an den Nagel neben der Tür hängen wollte, gewahrte sie ihn. Das Rot in ihren Wangen flammte auf, da sie ein wenig zögernd auf ihn zukam. Ein scheues Lächeln erblühte auf ihrem Mund, dessen Guten- morgengruß der Mann mit einem langen Kuß er­stickte. Dann nahm er den blonden Kopf zart zwi­schen beide Hände und schaute tief in die dunklen Sonnen, die ihn durch einen leichten Schleier von Befangenheit anstrahlten.

Die Rose an deiner Brust ist schön, die Sonne am Himmel noch schöner doch schöner als beide bist du", sagte er leise.Ich wage noch gar nicht, an mein Glück zu glauben. Als ich vorhin erwachte und das Lager neben mir leer sah, wähnte ich alles

nur geträumt zu haben aber der leckere Kaffee», duft belehrte mich eines Besseren!"

Da schwand die letzte Scheu. Wera lachte hellauf. Poesie ist Bildungshöh', doch Prosa füllt den Ma­gen eh'", dichtete sie heiter.Wie heißt das schöne Wort: Füttere die Bestie gut! Hoffentlich gelingt mir das; meine Kochkenntnisse sind noch nicht ge­rade hervorragend, aber ich werde mir große Mühe geben."

Du kannst alles", behauptete Vandro mit der schönen Sicherheit des Verliebten. Saß dann am blumengeschmückten Frühst ckstisch und bediente ga­lant seine junge Frau, die es ihm erst wehren wollte, dann aber lächelnd gestattete, als sie sah, mit wel­cher Freude er es tat.

Solange unser .Personal' auf Urlaub ist, mußt du schon mit meinen Diensten vorliebnehmen, Wera- lein. Nur keine Angst, die Paschaeigenschaften stellen sich schon ganz von allein ein! Ich kann mir jum Beispiel keinen Schlips richtig binden und bin leider schrecklich unordentlich. Kriegst keinen Mustermann, Frau von Vandro! Und jetzt gelüftet mich nach einer Honigsemmel, von deinen Händen zubereitet."

Gott sei Dank", lachte Wera, ihm ein Brötchen zurechtmachend,da brauche ich mich nicht allzusehr anzustrengen, um eine .Musterfrau' zu werden was übrigens doch danebengelänge! Hier hast du. Lieber Vorsicht, es tropft"

2lber der Tropfen fiel auf ihren eigenen Finger, den Vandro schnell ergriff und an seine Lippen führte. Er lächelte sie an, die ob der unerwarteten kleinen Liebkosung rote Backen bekommen hatte. Diese mädchenhafte Verlegenheit entzückte ihn eben» sosehr, wie sie ihn in tiefster Seele bewegte. So rein war sie--

Sie saßen beide hinter dem Häuschen im Garten, Vandro die Zeitung lesend, Wera mit einer Näherei beschäftigt, als der alte Diener Steinherrs vom Her­renhaus herüberkam, in beiden Händen einen großen Blumenkorb tragend, den er mit tiefer Verbeugung überreichte.

.Mit besten Empfehlungen vom gnädigen Herrn abzugeben; ein Brief liegt dabei", meldete er und wandte sich mit nochmaliger Verbeugung gegen Wera:Gnädige Frau wollen mir gestatten, meinen untertänigsten Glückwunsch zur Vermählung aus­zusprechen."

Sie reichte ihm die Hand.Ich danke Ihnen, Werner, gute Wünsche find immer willkommen", sagte sie freundlich. Und Vandro freute sich des warmen Klanges. Er trat herzu und legte eine Hand auf des Alten Schulter.

Werner und ich find alte Bekannte; er diente hier bei den königlichen Herrschaften, als ich als kleiner Bub mit den Prinzen spielte. Das waren schöne Tage was, Werner?"

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