Ausgabe 
11.3.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 60 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Samstag, tt. März 1935

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.TKyriot: für den übrigen Teil Ernst Dlumschein undsür denAn- zeigenteil i.D.Th.Kümmel sämtlich in Biegen.

Oie Toten warten.

Don Gurt Lohet.

Zu jubeln ziemt nicht: lein Triumph wird sein,

Nur viele Untergänge ohne Würde, ... Erkrankte Welhrn fiebern sich zu Ende 3n dem Getob. Heilig sind nur die Säfte, Noch makelfrei verspritzt ein ganzer Strom.

George:Der Krieg" (1917).

Die Macht, mit der nach anderthalb Jahr­zehnten die Schrecken des Untergangs gespenstisch wiederkehren, erschrecken nur den, der sich über ihre erste Erscheinung im Weltkrieg mit leichten Phrasen hinweglog und mit ihr fertig zu fein glaubte, als ihr Wirken erst begann. Wir leben heute in der Stunde der Wiederkehr. Volks- trauer ward für einen Tag im frühesten Früh­ling angeseht, weil man das Gedächtnis der Toten des ersten Weltkrieges nicht allzu schnell verlöschen lassen wollte. Es war eine begreifliche Sorge, da ein grauenhaft schnelles Vergessen um sich griff, als der letzte Schutz der Schlacht verrollt war. Aber dieses Vergessen war Täuschung. Das vergossene Blut lebt, die Toten leben, sie kehren wieder, viele 3ahre nach dem Ende der Schlachten, die sie Hinnahmen.

Sie kehren wieder, weil der Sinn ihres Ster­bens noch nicht erwirkt ist. Sie stehen bei uns und fordern die Erfüllung ihres Vermächtnisses, weil die Welt noch krank ist und der Weihe Les Blutes noch nicht würdig, das sie im Tode vergossen haben. Auf uns liegt die furchtbare Schuld, datz ihreUntergänge ohne Würde" waren, datz ihrem Sterben das Grauen ver­bunden war das Grauen des Nichts, des Sinn­losen. Mit ihrem Sterben im Wüten der Ma- terialschlocht erwachte in den Lieberlebenden da- 'heim und draußen der Nihilismus, den Friedrich Nietzsche fast ein halbes Jahrhundert früher diesem Europa verkündet hatte, jener Nihilis­mus, der im Untergang erbittert und ohne jede Illusion fragte: Wozu? Und dennoch standhielt ...

Nur wer den nihilistischen Zug in das Bild der deutschen Seele mit hi.iciuzusehen vermag, s'"tzt richtig. Cs gibt keinenTrost", der uns i ber den ungeheuren Zusammenbruch und das fr. chtbare Blutopfer Hinwegtrösten könnte. Es gibt keine Entlastung von der ungeheuren Schuld, die uns in diesen Untergang hineinstohen mutzte. Es gibt auch keineVersöhnung" oderVer­ständigung", keinen ritterlichen Grutz mit jenen Feinden, die uns nach beispiellosem Widerstande niederrangen und dann ehrlos machten. Cs gibt auch keinen Vergleich dieses Ringens und dieses Niederbruches mit früheren Kriegen und Zu­sammenbrüchen. Heute, anderthalb Iahrzehnte nach dem Kriege, wird das den Deutschen mit furchtbarer Wacht eingehämmert. Wir nennen diese Macht die der Wiederkunft-

Wir haben irgendwann neue Werte nötig ... Wit diesem schicksalsvollen Sah beschloh Nietzsche feine Vorrede zu dem Plan seines letzten und gewaltigsten Werkes, desWillens zur Macht", dessen erstes Buch deneuropäischen Nihilis­mus" behandelt. Dieser Satz wurde die Vorrede zu dem gewaltigsten aller Kriege. Seine Er­füllung ist damit gefordert von Millionen Loten. Man hat seitdem manchen unserer entschiedensten Denker und Bekenner seinenNihilismus" vor­geworfen. man betrachtet diejenigen mit tiefem Mitztrauen, die keinen Glauben aufbringen kön­nen an dieses Leben der Bürgerlichkeit, das mühsam nach der Katastrophe des Krieges und des Niederbruches fortgesetzt wird.Wir haben neue Werte nötig!" mahnen diese Ungläubigen, die überall nur Kompromisse sehen mit dem Halben und Kranken, mit dem Sinkenden und Toten. Lind sie lassen dabei dasirgendwann" fort, denn sie sind gewitz, datz die Stunde da ist. zu der wir die neuen Werte brauchen. üni> wenn an den Rändern der dunklen großen Städte, zwischen den Schrebergärten und in den Winkeln der Mauern Mord auf Word geschieht aus einer dunklen Leidenschaft, aus einem Hatz, der sichPolitisch" nennt, so schütteln sie nicht ängst.ich und ratlos den Kopf, noch rümpfen sie mo.a^a) die Nase; sondern sie wissen, datz Blut nach Blut schreit und datz die Toten des Krieges immer wieder andere Tote nach sich ziehen, ehe nicht neue Werte die Deutschen zu einer neuen Ordnung rufen.

Niemals hätte unser Voll in solch eine wahn­witzige Zerrissenheit geraten können, wenn nicht eine furchtbare Schuld auf den Gemütern lastete, wenn nicht ein Ringen um Neues die Seelen auf­wühlte. Eine Zeitschrift der französischen neuen Generation schrieb im vergangenen Dezember. Läuft man nicht Gefahr, in dem wahnwitzigen revolutionären Stolz der Deutschen den Sinn einer Sendung offenbart zu sehen, der Sen­dung eines gesunden, geordneten, kühnen und fruchtbaren Volkes, die im Herzen eines jeden Deutschen schlummert?" Hier tönt aus dem Her­zen des Feindes der Widerhall unseres Schreies nach Neuem, nach Erlösung von allen alten Hebeln. Der Mensch des Westens sieht miß» trauisch und doch mit einer Bewunderung, die an Neid grenzt, auf das Ringen um neue Werte und eine neue Ordnung im Deutschen. Die Wert­worte, die er dabei gebraucht, sind aufschlutz- reich für uns, die wir selber noch nicht wagen, die neuen Werte zu nennen, um die wir kämpfen, bluten, ringen und sterben:gesund, geordnet, kühn und fruchtbar ..Es ist gar nicht zu ver­kennen, datz es die Werte sind, die der ein-

Verheerende Erdbebenkatastrophe in Kalifornien.

Hunderte von Toten und Verletzten. Zahlreiche Erdstöße hintereinander.

Los Angeles, 11. Mär;. (MTB. Funkspruch.) hier hat sich gestern um 5.55 Ahr Pazisikzeit ein chrveres Erdbeben ereignet. Die Erschüt­terungen wiederholten sich. Bis Mitternacht waren mindestens acht schwere Erdbeben in Süd- ftalifornien festzustellen. Da die Verbindungen meist unterbrochen sind, ist die Zahl der Todesfälle und der Umfang des Sachschadens noch unsicher. Man vermutet gegen 5 0 0 Tote und etwa 3000 verletzte. Die Gebäude mit Stahlgerüslen wi­derstanden den Erschütterungen. Gegen 2000 Ma­trosen und Soldaten werden zur Hilfeleistung in die Erdbebenzone gesandt, wo bereits über 500 Aerzte tätig sind.

In Lompton sollen durch das Erdbeben 12 Per- onen ums Leben gekommen sein. Fast jedes Ge- chäftsgebäude ist entweder völlig zerstört oder stark mitgenommen. Drei Personen fanden bei dem Zn- ammenbruch der Polizeislation in Walls den Tod. In Long Beach wurden 14 schwere und minde­stens 110 leichtere Lrdstöhe gezählt. Cong Beach ist offenbar von allen in Mitleidenschaft ge­zogenen Orten am schwersten betroffen worden. Die Zahl der Toten wird heute früh mit etwa 100 angegeben, die der verletzten mit 1000. Die grotzen Gebäude stehen alle noch, find aber meist beschädigt. Der Sachschaden in Long Beach allein wird aus mindestens eine Million Dollar ge­schäht. Meldungen aus anderen betroffenen Orten gehen nur langsam ein, steigern jedoch die verlust- ziffern.

Schreckensmeldungen von der Küste.

Eine drahtlose Meldung, die In San Diego und Long Beach aufgefangen wurde, besagt, datz die ganze Küste in Flammen zu stehen scheine. 62 000 Gebäude sollen in Cong Beach zerstört wor­den sein. Automobile sind in den Strotzen unter dem Schutt vergraben. 3n vielen Dörfern, in der Hauptsache zwischen Cos Angeles und seinen 20 Meilen entfernt liegenden Hafendistrikten sind Feuer ausgebrochen. Die Polizei teilt mit, datz 5 0 0 Tote allein in Cong Beach zu ver­zeichnen sind. Die Polizei hat drahtlos mindestens 1<, Aerzte und Semestern angefordert. 800 Sol­daten sind schleunigst nach den Erdbebendistrikten entsandt worden.

Oie ersten Erdstöße.

Die ersten Erdstöße, die sich in nord-südlicher Richtung bewegten, dauerten mehrere Minuten. Gebäude aller Grotzen gerieten ins Wanken. Materialschäden waren auf den breiten Straften von Los Angeles sofort sichtbar, so daft der Straftenbahnverkehr eingestellt werden muftte. Die Menschen rannten, von pani­schem 6^ reden ergriffen, zu Tausenden auf die Straften. 3n verschiedenen Vierteln der Stadt ginz das Licht aus und die Fensterscheiben zerbrachen. Mehrere Personen wurden unter den Trümmern des eingestürzten alten Handels­kammergebäudes hervorgezogen und ins Kran­kenhaus gebracht. Auch in Hollywood ver­ursachten die Erdstöße Schaden. Hunderte von Filmarbeitem mit ihren Direktoren und den Film­stars liefen aus die Straften, als der Stuck von den Wänden der Filmateliers fterabfiel. Die Rundfunkanlagen haben alle ehemaligen Heeres-

angehörigen zur Teilnahme an Notstandsarbeiten im Srdbebengebiet aufgesordert. Die meisten Verletzungen sind durch ein stürzende Dächer hervorgerufen worden. Zwei Tanks der Union Oil Company sollen in San Pedro in Flammen stehen Don Wilmington aus kann man ein ungeheures Feuer im Geschäfts­viertel von Long Veach erkennen. Ein geringeres wird aus dem Petroleumdistrikt von Long Veach berichtet. Automobllisten, die aus Long Beach in Wilmington eintrafen, berichten, datz sie dort in den Straften hätten Tote liegen sehen. 3n San Pedro soll der Teil der Pados-Verde- Hügel, die bei der Redondo-Küste gelegen sind, zusammengestürzt fein. Eine ungeheure Staub­wolke ist sichtbar. Der deutsche Gelehrte Pro­fessor Einstein hatte gerade das California- 3nftitut verlassen, als der Crdstotz erfolgte. Er und die Studenten sind in Sicherheit.

Das Erdbebengebiei vom Zlugzeug aus gesehen.

Ein Flieger, der das vom Erbeben betroffene Gebiet überflogen hat, berichtet, datz er auf weiten Strecken der Gegend von Los Angeles brennende Ruinen gesehen habe. Der Strand von Long Veach habe von Menschen ge­

wimmelt, die verängstigt hin und her liefen. Autzerdem glaube er Haufen von Leichen wahrgenommen zu haben. Die Benzin-Niederla­gen in Los Angeles, San Pedro, Long Beach und Wilmington ständen in Brand. Die gewalti­gen Mauern der Wasserwerke in Los Angeles seien zusammengestürzt und die Wassermen­gen hätten sich in zahlreiche Häuser ergossen.

Staaishilse

für das Erdbebengebiet.

Präsident Roosevelt hat Matznahmen ange- ordnet, um den in Mitleidenschaft gezogenen Gebie­ten in Kalifornien Staatshilfen angedeihen »u lassen. Die Erdbebenzone umfaßt etwa 6(X) Quadrat­meilen. Sie ist als besonders erdbebengefährdet be­kannt und hatte fast alle 75 Jahre ein großes Beben. Das letzte hatte sich 1857 ereignet. Die USA.flotte, die zum grotzen Teil vor San Pedro lag, fuhr am späten Abend in Richtung Long Beach ab, wo sie heute früh erwartet wird. Dann stehen etwa 25 000 Matrosen zur Hilfeleistung zur Verfügung. Die Frau des ehemaligen Präsidenten Hoover befin­det sich in Los Angeles. Hoover hat bisher vergeb­lich versucht, mit ihr telephonische Verbindung zu erhalten.

Die deutsche Mspolizei bedroht den Wettsrieden.

Frankreich kündigt eine diplomatische Aktion wegen Verletzung des

Versailler Vertrages an.

Paris, 10. März. (WTB.) Hebet die Unter­redung zwischen den englischen und französischen Ministern, wird von havas eine Auslassung ver­öffentlicht, in der es heißt: Ls sei nicht zweifelhaft, datz die Besprechungen sich insbesondere auf die politische Orientierung Deutschlands und seinen zum Ausdruck gebrachten Aufrüslungs- willen bezogen hätten. Das Dekret Görings, durch das in die regulären Polizeioerbände der Stahlhelm und nationalsozialistische Sturmabteilun­gen eingegliedert würden, werde von den offiziellen französischen und englischen Kreisen, die darin eine ausgesprochene Verletzung des Versailler Vertrages erblickten, ungünstig ausgenommen, wahrscheinlich werde eine diplomatische Ak­tion unternommen werden, um diesen Zustand ab­zuändern.

Man ist in Berlin der Auffassung, datz, wenn wirklich eine derartige Aktion erfolgen sollte, d i e Einmischung in rein innerpolitische deutsche Verhältnisse entschiedene Zu­rückweisung finden wird, wenn Frankreich etwa darauf hinaus will, die hilfspolizei, die an­gesichts der politischen Verhältnisse in Deutschland lediglich eine rein polizeitechnische und sicher- heitspolifische Angelegenheit ist, als eine getarnte Armee darzusiellen, so kann man dem nur entgegen halten, datz gerade Frankreich angesichts seines eigenen bis zum letzten ausgebilde­ten Militärsyftems soviel Fachleute haben sollte, die denmilitärischen wert" der Hilfspolizei richtig zu beurteilen in der Cage sind. Ls handelt sich bei dem Personal der Hilfspolizei um b e - helfsmätzig ausgerüstete und nicht ausgebildete Aushilfskräfte, die auch nicht den geringsten militärischen

Lharakter haben, will Frankreich wirklich der Welt erzählen, datz eine mit Pistolen und Gummi­knüppeln ausgerüsteteArmee", die überhaupt keine Armee ist, eine Bedrohung des weltfrle- dens darstellt? Ls scheint vielmehr so, als ob man in Frankreich krampfhaft immer wieder nach neuen vorwanden jucht, um von feinen eigenen Rüstun­gen, deren hohen militärischen wert die Franzosen sonst sehr deutlich zu betonen wissen, abzulenken.

Macdonalds pariser Besuch.

Paris, 10. März. (TU.) lieber die französisch- englische Unterredung, die bis etwa 16 Uhr dauerte, wird folgende amtliche Mitteilung veröffentlicht:

Der britische Ministerpräsident und Sir John Simon haben auf dem Wege nach Genf die Nacht in der englischen Botschaft zu­gebracht. Sie waren fehr glücklich, heule mor­gen die Gelegenheit wahrzunehmen, um ihre Beziehungen zu dem französischen Ministerprä- fidenten D a l a d i e r und Außenminister Paul-Boncour wiederanzuknüpsen, mit denen sie einen Meinungsaustausch über die wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Fragen hatten, die gegenwärtig im Mittelpunkt des Interesses flehen. Die Dringlichkeit des Genfer Problems ist besonders im Hin­blick auf die gegenwärtige europäische Crfje von den Ministern vollauf anerkannt worden. Sie haben sich bereit erklärt, gemeinsam mit Vertretern der anderen Cänder alle Mit­tel zu suchen, um den Weltfrieden zu wahren."

Soweit die amtliche Mitteilung. Man erfährt er­gänzend, daß Daladier nicht nach Genf reisen wird. Die Fünf-Mächte-Konferenz, von der

same Nitzsche mit verzweifelter Stimme hinaus- cßric in seiner Qual der Krankheit und der Hellsichtigkeit eines Kranken. Diese Werte, die er antikisch nannte, und die der Westen heute an uns wie eine neue Offenbarung deutschen Wesens entdeckt, diese Werte sind damit gewitz nicht vollständig genannt. Aber in diesen Werten ist der Widerschein eines Glanzes aufgefangen, der von den Seelen der Kämpfenden ausgeht. Welch eine Wandlung seit der Haftkampagne des Westens im Kriege!

Schon beginnt dem Westen also eine Ahnung in seinen jungen Menschen zu dämmern, daft hier in der aufgewühlten Mitte Europas ein neues Reich anhebt, datz das Erbe des Toten aus dem Nihilismus der Lleberlebenden, die trotz allem standhielten, neue Werte erstehen läßt. Zwölf 3ahre lang rang die erkrankte Welt mit diesen standhaften Nihilisten um dieses Erbe: immer wie­der wurde versucht, feinen Sinn umzufälschen in Zufriedenheit mit dem Bestehenden, das keinen Bestand haben konnte. 3mmer wieder wurden alte, verbrauchte Werte eingeschmuggelt und der innere Kampf, die schwelende Glut der Herzen verleugnet. Bis im vergangenen Sommer die Wirtschaft" am eigenen Leibe spüren muftte, daft die Macht der Toten grbfter ist als die der Le­bendigen.

Zu jubeln ziemt nicht... heute ganz getoift nicht! A ber aus der Trauer kann neue Kraft des Glaubens wachsen, wenn die Trauer gläubig ist... Daft sie es sein kann, haben eben jene be­wiesen, die im Nihilismus ihrer jungen Tage standhielten und sich selber nicht wegwarfen an

eine Halbheit ober eine taube Gegenwart, die ihnen ihren Abfall so lange mit Gold lohnte, bis auch dieses Sold zerfiel. Bewiesen haben sich in dieser Haltung schon die Kämpfer drauften, die das Wozu nicht mehr erblicken konnten und den­noch standhielten. Sic touftten ja, daft es keine Siege" mehr geben konnte, daft erkrankte Wel­ten sich zu Ende fiebern mußten. Aber sie blieben aufrecht und das Fieber erfafttc sie nicht. Sie blieben gesund, ilnb dieseGesundheit" ist es, um die das ganze grauenvolle Ringen geht:Ge- s u n d h e i t in dem höheren Sinne des Seelen- t u m s, das seine Reinheit bewahrte und sich nun im allgemeinen Zerfall durchsetzt. Nur aus dieser Gesundheit der Seele heraus kann der Kämpfende standhalten, nur aus ihr kann er fein Seelentum bewähren, wenn niemand mehr aufter ihm an dessen Sendung glaubt. Diese Gesundheit der Seele bewährt sich erst, wenn einer all feinen Glauben verloren hat, um einen neuen Glauben zu gewinnen. Dieser Gewinn eines neuen Glau­bens, des Glaubens, daft noch Werte möglich sind, mindestens eine Erneuerung der Werte überhaupt, dieser Gewinn ist das Ziel jenesWillens zur Macht", den 3ahrzehnte des Materialismus falsch deuteten. Dieses Ringen um einen neuen Glau­ben, um die Lieberwindung des Nihilismus, war es ja, was die jungen Menschen unbewußt in den furchtbaren Krieg getrieben hatte: es drängte sie nach Durchsetzung und Bewährung einer Inner­lichkeit, die sie im Feuer der Schlachten als in der gröftten Einsamkeit und Verlassenheit prü­fen tonnten. Sie war es, die in ihnen stand- hielt... bis zum Tode...

Aus demgesunden" Seelentum, das das Chaos überstand, aber erblühen alle jene Werte, Die der Westen heute verwundert als unzerstör­bar im Deutschen entdeckt: soldatische Tugenden der Ordnung und Einordnung, Kühnheit, Frucht­barkeit, Gesundheit mit einem Wort, ilnb aus ihr entspringen für uns dazu die Ehrfurcht vor dem Leben, die Liebe zur Heimat, die Kunst als kultischer Deutung der Gottheit, Heimkehr zu den Heiligtümern der Ahnen, die in Wäldern das Geheimnis ihrer Herkunft hüteten. Die Erde der Heimat selber als Heiligtum so wie ihre Sprache: das sind die neuen Lirsprünge einer deutschen Kul­tur. 3n ihr erst wird der Dienst der Toten wie­der eine würdige Heimat finden.

Lim uns sind stündlich die Scharen der Toten und wenn sich zwei unter uns begegnen und spü- ren, daß sie vor der Ewigkeit deutschen Wesens zusammcngehören, so stehen die Toten dabei und raunen ihnen dies zu. Es gibt viel kanonisches Geben und Begegnen in dieser Zeit des An­bruchs: vieles wird einmalig und verbindlich, schafft Form und wird Mitte künftiger Kreise. Was die Romantik träumte und spielte, wird heute Gewiftheit und Leben. All das ist der Toten Vermächtnis ohne die Opfer des großen Krie­ges wäre dieser Anbruch nicht möglich gewesen.

Zu jubeln ziemt nicht das Schwerste steht uns vielleicht noch bevor. Aber selbst wenn diese ganze Zivilisation zum Opfer gebracht werden müßte, so bleiben immer noch die übrig, die standhielten im nihilisti'chrn Trohe der Deutschheit sie retten die Seele, sie können das neue Reich gründen, denn mit ihnen waren die Toten...